„Finden ohne Suchen“. Flanieren in der Bibliothek

Teresa Präauer hat vor einiger Zeit einen schönen Text über den Wert von Freihandbibliotheken geschrieben. Ihr Plädoyer für diese Art von Bibliothek, in der die Bücher präsent sind, herausgenommen, aber auch wieder zurückgestellt werden können, haben wir heute im Wahlpflichtfach Deutsch zum Anlass genommen, um uns in der schuleigenen Bibliothek herumzutreiben. Wir wollten Bücher finden, ohne wirklich danach zu suchen – erst recht nicht mittels einer Suchmaschine. Nach einiger Zeit des „Flanierens in der Bibliothek“ haben wir uns zusammengesetzt und „Blindes Texte-Raten“ gespielt – ungefähr so, wie es Teresa Präauer am Ende ihres Artikels beschreibt: Man liest die erste Seite eines Buches vor und die anderen raten, wer es geschrieben haben könnte. Ist es ein zeitgenössischer oder schon ein älterer Text? Wurde er von einem Mann oder einer Frau verfasst? Handelt es sich um deutschsprachige oder übersetzte Literatur?

Wie immer wurde uns die Zeit zu kurz – auch deshalb allerdings, weil wir uns davor noch den Filmtrailer angeschaut haben, den drei der SchülerInnen im Rahmen ihres Deutschunterrichts zu Juli Zehs Corpus Delicti gedreht hatten. Die anderen KursteilnehmerInnen (und ich) waren von der dramatischen Qualität des Trailers begeistert. Ganz nebenbei und (fast) ohne mein Zutun wurde auf diese Weise zusätzlicher „Stoff“ besprochen. Wir haben über den Inhalt des Romans und über die Autorin geredet, ich habe die Begriffe „Dystopie“ und „engagierte Literatur“ beigesteuert – und die SchülerInnen, die nicht am Filmprojekt beteiligt waren, haben ein Buch kennengelernt, das ein paar vielleicht sogar bis zum nächsten Mal (oder auch später einmal) lesen werden …

(nemo)

Cinéfête 2017

Mit den Französisch-SchülerInnen der 7. und 8. Klassen waren wir heute Vormittag im Kino. Wie jedes Jahr um diese Zeit findet im Salzburger Das Kino gerade die Cinéfête, ein kleines Festival des französischsprachigen Films, statt. Mehrere Filme für verschiedene Altersstufen stehen zur Auswahl, darüber hinaus gibt es im Internet pädagogisches Material zur Vor- und Nachbereitung. Feine Sache!

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Der Film, den wir mit den Fortgeschrittenen heute angeschaut haben, heißt im Original Les Héritiers. Im Programmkino lief er vor ungefähr zwei Jahren unter dem Titel Die Schüler der Madame Anne. Er erzählt von einer Schulklasse aus dem Pariser Vorort Créteil, die angeregt und begleitet von ihrer Geschichtelehrerin Madame Gueguen am Concours national de la Résistance et de la Déportation teilnimmt. „Kinder und Jugendliche im System der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager“ lautet das Jahresthema, mit dem sich die SchülerInnen dabei auseinandersetzen sollen.

Die schwierigen und leistungsmäßig schwachen SchülerInnen unterschiedlichster Herkunft scheint zunächst nichts für die Teilnahme an diesem Wettbewerb zu qualifizieren und auch ihr Interesse an dem Thema ist enden wollend. Nach und nach jedoch finden sie – unterstützt und getragen durch das Vertrauen und den Respekt der Lehrerin – Gefallen an der Auseinandersetzung mit der Geschichte. Sie beschäftigen sich mit den Biographien und Schicksalen der deportierten Kinder und beginnen sich mit den jungen Menschen von damals zu identifizieren.

Als wir vor einigen Wochen in der Klasse darüber abgestimmt hatten, welchen Film wir bei der Cinéfête ansehen würden, war ich froh, dass sich die SchülerInnen für diesen Film entschieden. Gerade im Französischunterricht lechzen wir ja immer nach Inhalten jenseits von Familie, Hobbys, Kleidung und Sport. Dass der Film jedoch so gut sein würde, hatten wir nicht erwartet. Es ist nämlich wirklich erstaunlich, wie es diesem Film gelingt, die Realität der Banlieue-Jugendlichen zu vermitteln und gleichzeitig ihr wachsendes Interesse an der Beschäftigung mit der Geschichte der Konzentrationslager glaubhaft und nachvollziehbar zu inszenieren. Die zunehmende Betroffenheit der Jugendlichen angesichts des Schicksals der deportierten Kinder überträgt sich dabei nach und nach auch auf die ZuseherInnen. Es war heute Vormittag mucksmäuschenstill im vollbesetzten Kinosaal, als der Überlebende Léon Zyguel über das von ihm im KZ Miterlebte sprach.

Der Film basiert auf einer wahren Geschichte und stellt eine Lehrerin in den Mittelpunkt, der es unter wahrlich schwierigen Umständen gelingt, bei ihren Schülern etwas zu bewirken. Diese Frau, ihr Agieren und ihre Haltung, kann man sich zum Vorbild nehmen. Die DVD des Films sollten wir uns für die Schulbibliothek besorgen. (nemo)

Bitte alle mitspielen. Aber wenigstens mit Gebiss!

Ich habe kürzlich den Film Toni Erdmann gesehen. Er hat mich nachhaltig beeindruckt. Was für ein großartiger und vielschichtiger Film! Ein Vater mit falschen Zähnen und Perücke, der sich als Toni Erdmann ausgibt und sich so, mal den Coach, mal den Botschafter mimend, in das Leben seiner Tochter hineinreklamiert. Es ist geradezu grandios, zu welch skurrilen Begegnungen und Situationen es dabei kommt. Was für ein Typ!

Aber mindestens ebenso verrückt und leider gar nicht komisch erscheint das Leben, das die Tochter führt. Ines heißt sie und ist als Unternehmensberaterin aktuell in Bukarest tätig, gedanklich aber bereits auf dem Sprung nach Schanghai, Singapur oder wohin auch immer. „Wo du überall rumkommst“, stellt am Ende des Films ein Nachbar bewundernd fest. Ja, wo die überall rumkommt und vor allem, was die dort macht!

„Unternehmensberatung“ ist nichts anderes als der euphemistische Begriff dafür, dass Ines Conradi lokale Unternehmen fit für die Übernahme durch internationale Investoren macht. Das bedeutet, dass sie ihren Kunden dazu rät, verschiedene Bereiche „outzusourcen“, was konkret wiederum nichts anderes heißt, als dass sie den Investoren gute Gründe für Entlassungen zur Hand gibt. Das ist ihr Auftrag und den führt sie aus, quasi ohne mit der Wimper zu zucken. Die Realität im Land, das Leben der Menschen spielt dabei überhaupt keine Rolle, ja, die Businnesfrau kommt nicht einmal in Kontakt damit. Sie lebt und arbeitet in einem von Internationalität geprägten abgehobenen Mikrokosmos, der an den Alltag der Menschen in Rumänien kaum bis gar nicht anstreift. Shopping, Essen, Ausgehen, Sex – alles findet innerhalb dieses Mikrokosmos statt. Auch wenn Ines „ins Land“ muss, etwa um eine Außenstelle aufzusuchen, bleibt sie im wörtlichen wie im übertragenen Sinn vom Leben der Menschen unberührt: Wie selbstverständlich wird sie von einem Chauffeur dorthin gebracht, die Fahrt wird entweder zum Arbeiten oder zum Schlafen genutzt. Vor Ort steigt sie aus, setzt sich den obligatorischen Schutzhelm auf, stakst ein bisschen herum, lässt sich die Situation von einem Mittelsmann erklären und braust wieder ab. Was mit den Arbeitern geschieht, nimmt sie nicht einmal richtig wahr, geschweige denn, dass sie sich für die individuellen Schicksale interessieren würde. Was zählt, ist nur die eigene Performance.

So ungefähr gestaltet sich das Leben von Ines Conradi, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als der Vater stören kommt. Aber auch dann wird nicht alles ganz anders, ihr Alltag wird nur ein bisschen skurriler und dadurch in seiner ganzen Absurdität fassbarer. Durch die Präsenz und das Treiben ihres Vaters alias Toni Erdmann wird bloß deutlicher, was hier eigentlich insgesamt gespielt wird. Der Vater steckt sich das falsche Gebiss in den Mund und spielt Toni Erdmann, die Tochter zwängt sich ins Business-Outfit und „spielt“ die Unternehmensberaterin. Nichts anderes als ein großes Spiel ist es nämlich, das da gegeben wird. Auch die Hauptakteure, wie Ines eine ist, würden das wohl nicht in Abrede stellen. Selbst dass man theoretisch auch ein ganz anderes Spiel spielen könnte, ist diesen Playern bewusst, nur steht halt nun mal dieses auf dem Programm – und immerhin kann man dabei gutes Geld machen, und in der Welt rumkommen tut man auch. Ob das Spiel zynisch ist? Man stellt sich diese Frage nicht. Und spielte man das Spiel nicht selbst, täte es jemand anderer und überhaupt kann sich ohnehin niemand aus der Verantwortung stehlen, zumindest mittelbar ist doch jeder Nutznießer des Systems.

An dieser Stelle wird aber auch deutlich, dass die vermeintlichen Player eigentlich bloße Mitspieler und als solche veritable Gefangene des Systems sind. Der pensionierte Musiklehrer Winfried Conradi ist hingegen bloß ein ganz kleines Rädchen im Spiel des Kapitalismus und darüber hinaus von anderen, zwischenmenschlichen Beweggründen angetrieben und so kann er als Toni Erdmann quasi den Narren geben kann. Eine wirkliche Alternative hat auch er nicht zu bieten. Ein bisschen stören und die Absurdität des Ganzen bewusst machen, mehr ist nicht drin. Ihm geht es aber ohnehin nur um seine Tochter und im Zusammenspiel mit dieser kommt es zu einigen berührenden Situationen, in denen erahnbar wird, wieviel Liebe diese Vater-Tochter-Beziehung zusammenhält und auch, worauf es im Leben eigentlich wirklich ankommt.

Ines aber ist als mittelgroßes Rädchen bereits aktive Mitspielerin im System und als solche zwar persönlich austauschbar, in ihrer Funktion jedoch notwendiger Teil des Ganzen. Dass sie sich am Ende des Films das Gebiss des Vaters versuchshalber selbst in den Mund steckt, mag ein kleiner Hoffnungsschimmer für sie persönlich sein, für das große Ganze ist diese Entwicklung aber natürlich vollkommen irrelevant. Obwohl – vielleicht sollten wir uns alle so ein Gebiss zulegen und öfter mal ein bisschen Zähne zeigen. Und sei es nur, um zu schauen, was passiert. Zum Beispiel die Schüler bei einer Schularbeit mit einem nicht- kompetenzorientierten Problemaufsatz alten Stils (und ohne Wortanzahl) überraschen: „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“, würde sich als Thema anbieten. Als Minirädchen sollte man seine Spieloptionen zumindest nicht ganz ungenutzt lassen. (nemo)

 

 

 

Multimediale Inszenierungen. Ein Kulturprojekt

Morgen Abend ist es soweit: Unser diesjähriges Kulturprojekt wird präsentiert. Drei Kurzfilme, ein Hörspiel, ein kleines Theaterstück. Alles von den Schülern selbst ausgedacht und umgesetzt. Eine richtig große Sache. plakat%204%20%2c%20bearbeitet

Angefangen hatte es damit, dass wir uns mit dem Begriff „Inszenierung“ auseinandersetzten. Wir überlegten, was alles inszeniert wird und  wie die verschiedenen Dinge im Alltag und in der Kunst inszeniert werden. Wir gingen in die Oper, wir gingen ins Theater, wir gingen zur Performance von Jaromir Konecny. In weiterer Folge wollten wir selbst tätig werden.

Durch die Kooperation mit dem Literaturhaus Salzburg wurde vieles möglich, was den Rahmen eines normalen Kulturprojekts an unserer Schule gesprengt hätte: Künstler wie Christoph Wortberg oder Christian Sattlecker unterstützten die SchülerInnen beim Drehbuchschreiben, Filmprofis vom Studio West halfen ihnen beim Drehen und Schneiden. Peter Fuschelberger, der Leiter des Jungen Literaturhauses weiß, was es für Kulturprojekte dieser Größenordnung und Qualität braucht und hat sich auch selbst voll ins Zeug gelegt. Und auch wir Lehrerinnen waren nicht untätig.

Das Geld für unser Unterfangen kam übrigens vom Land Salzburg, von KulturKontakt Austria, vom Elternverein unserer Schule und – der größte Brocken – vom Literaturhaus. Und morgen dann also die große Präsentation. Wir sind gespannt!

In den letzten beiden Deutschstunden habe ich die SchülerInnen noch einmal darüber reflektieren lassen, was es heißt, so ein Kulturprojekt durchzuführen. Hier ein paar Statements:

Was es heißt, (sich) zu inszenieren …

Wir alle kennen es: Eines Morgens wacht man auf und will nicht in die Schule gehen. Die Lösung: Man inszeniert Kopfschmerzen. Dieses Thema haben wir zu unserem diesjährigen Kulturprojekt gemacht. Nein, wir haben nicht das ganze Jahr Kopfschmerzen gehabt und sind zu Hause gesessen. Wir haben uns in Szene gesetzt!

Was es heißt, an einem Kulturprojekt zu arbeiten …

Um ehrlich zu sein dachte ich mir zu Beginn des Schuljahres nicht, dass wir so viel Zeit in dieses Projekt investieren würden. Letztendlich aber waren die vielen Stunden Arbeit es auf jeden Fall wert.

Auch wenn es nicht leicht war, lernten wir auch, dass nicht alles gleich von Anfang an wie am Schnürchen laufen muss. Selbst wenn die Ideen noch so gut sind, manchmal können sie mit den vorhandenen Möglichkeiten einfach nicht umgesetzt werden.

Was es heißt, ein Plakat zu gestalten …

Acht Schulstunden. Das sind insgesamt 400 Minuten, die wir damit verbracht haben, plakat1Plakate für das heurige Kulturprojekt zu gestalten. Am Anfang haben wir alle unterschätzt, wie aufwendig es ist, ein Plakat zu entwerfen.

 Was es heißt, ein Theaterstück zu schreiben …

Allein schon eine gute Handlung zu erfinden war schwer, da wir immer wieder neue und bessere Ideen hatten, die wir auch in dem Stück haben wollten. So haben wir immer wieder von ganz vorne angefangen.

Jeder will etwas anderes, jeder hat andere Vorstellungen und Ideen. Wenn dann das Thema klar ist, wird es auch nicht leichter. Wie fängt man an? Wie lautet der erste Satz?

Was es heißt, einen Film zu drehen …

Arg, was da alles zu organisieren ist: vom Drehbuch über die Statisten bis hin zum Drehort.

Wir haben ziemlich lange am Drehbuch geschrieben, und als wir damit fertig waren, haben uns die Profis gesagt, dass es viel zu lang sei und es gar nicht möglich wäre, das alles an einem Tag zu drehen. Also wurde das Drehbuch gekürzt.

Man muss Geduld haben und manchmal kann es auch nervig sein, eine Szene gefühlte hundertmal zu drehen. Aber schlussendlich hat man dann doch ein gutes Gefühl und ist sogar stolz darauf.

Alles in allem war es lustig, einen Film zu drehen. Es gab natürlich auch anstrengende Aspekte, aber man kann von einem schulischen Projekt ja nicht erwarten, dass es nur lustig ist. plakat2

Bei der letzten Szene musste ich mit einem Bobby Car einen kleinen Hügel hinunterfahren. Ich habe mir oft das Lachen verkneifen müssen, da auch immer wieder Fußgänger vorbeispazierten und mich anstarrten. Vor allem bin ich gefühlte zwanzigmal den Hügel hinabgerollt.

Einen Film zu drehen ist ziemlich anstrengend, aber es macht auch viel Spaß. Es war vor allem unangenehm, dort zu drehen, wo viele Passanten vorbeigingen, da diese dann stehen blieben und zuschauten. Doch irgendwie fühlte man sich auch wie ein Filmstar.

Was es heißt, Filmstar zu sein …

Ich stand eineinhalb Stunden auf High Heels, die schlussendlich im Film gar nicht zu sehen sind.

Für meine zukünftige Karriere sehe ich mich schon in Hollywood, wie ich zusammen mit Dylan O’Brian eine Serie oder einen Film drehe.

Auch Statist zu sein ist schwerer als man denkt. Man muss aufpassen, was man im Hintergrund macht, um nicht mit komischen Gesten die ganze Szene zu verhauen.

Statist zu sein ist schon etwas Feines. Nur wird oft unterschätzt, wie schwer es tatsächlich ist. Ihr wundert euch jetzt wahrscheinlich, was so schwer daran ist, einfach nichts vor laufender Kamera zu machen? Nun, das Schwere daran ist, den eigentlichen Schauspielern nicht die Show zu stehlen. 😉

Was es heißt, einen Film zu schneiden …

Wir waren von 11 bis 18 Uhr im Filmstudio. Die sieben Stunden sind extrem schnell vergangen, insbesondere weil es so lustig war. Aber es ist schon erstaunlich, wie zeitaufwendig so kleine Werbespots sind. plakat3

Wir hätten, glaube ich, nie im Leben gedacht, dass es so anstrengend sein kann, einen Fünf-Minuten-Film zu schneiden. Trotzdem fanden wir es sehr lustig.

Interessant war, dass ich meinen eigenen Film sogar schneiden durfte. Und ich muss zugeben, dass es mich sehr fasziniert hat, mich selber eine Rolle spielen zu sehen.

Und alles in allem …

Meiner Meinung nach ist es eine gute Erfahrung gewesen, auch wenn es teilweise anstrengend und auch sehr aufwendig war.

Ein großes Dankeschön an alle, die uns unterstützt und uns geholfen haben.

Ich glaube, jede Gruppe hatte die einen oder anderen Schwierigkeiten. Aber jetzt steht am Ende ein Ergebnis, mit dem jeder zufrieden ist.

Durch unser Kulturprojekt haben wir viel darüber erfahren, wie so ein Film überhaupt zustande kommt und wie viel Arbeit und Zeit man allein in so einen Kurzfilm hineinstecken muss.

(nemo)

 

 

 

3 Jahre, 3 Bücher und 4 Filme

bilden einen Teil der Geschichte einer Klasse ab, die mich vor drei Jahren überzeugt hat, dass es wirklich, wirklich wichtig wäre, als Klassenlektüre „Die Tribute von Panem“ zu lesen. Die Kinder waren damals erst in der zweiten Klasse und ich selbst wäre nicht auf die Idee gekommen, dieses Buch vorzuschlagen, vor allem, weil sie mir noch ein bisschen jung dafür vorgekommen sind. Aber aus gedrucktem Text holt sich ja jede/r das heraus, was er oder sie gerade braucht und wir haben es gelesen. (Ich schon ein, zwei Jahre zuvor und es hatte mir ganz gut gefallen.) Die dystopische Geschichte von Katniss und Peeta hat voll eingeschlagen, bei den SchülerInnen wegen der Liebesgeschichte und des Überlebenskampfes und bei mir wegen der darin enthaltenen Medien- und Vermarktungskritik. Und natürlich, weil es spannend und anschaulich geschrieben ist – schon ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen will. Obwohl sich die Vorlieben der Mädchen und Burschen meist sehr unterschieden haben, waren sie sich bei diesem Buch einig – es war toll!

Die weiteren Bände haben viele wohl selbst gelesen, während des Deutschunterrichts wollte ich dafür keine Zeit mehr aufwenden, aber wir haben uns die ersten beiden Verfilmungen immer so am frühen Nachmittag, gleich nach dem Unterricht, angesehen. Und letztes Jahr in der 4. Klasse im Kino Mockingjay 1 – auf Englisch! Ich war wirklich begeistert davon, dass sich die Kinder das gewünscht haben, und hatte ein bisschen Bedenken, ob sie dann auch wirklich etwas von dem Film haben würden. Doch sie kamen völlig zufrieden aus der Vorstellung heraus.

Heuer – ich unterrichte nur mehr ein paar von ihnen im Fach Informatik – meinten einige: „Frau Professor“ (das schaut geschrieben, aber komisch aus, wenn ich das jetzt so sehe ;-)), „können wir uns nicht auch noch den letzten Teil ansehen? Das hat doch schon Tradition!“ Und so waren wir gestern Abend wieder im Kino, 18 Jugendliche, drei davon mittlerweile aus anderen Schulen, die schnell noch gewhatsappt haben, ob sie nicht auch mitgehen könnten, und ich, wieder auf Englisch, war ja keine Frage.

Wir werden nächste Woche noch ein bisschen darüber sprechen müssen. Es haben sich mir viele Assoziationen zur gegenwärtigen Flüchtlingssituation und zu den terroristischen Akten der letzten Tage aufgedrängt. Der Film wirkt gerade fast zu aktuell. Was er zeigt ist, wie Menschen von Ideologien vereinnahmt werden und was Krieg und totalitäre Systeme mit ihnen machen. Katniss und Peeta kommen nur schwer gezeichnet davon – da es sich aber um Bücher und Verfilmungen für Jugendliche handelt, muss es doch sowas wir ein Happy End geben. Ähnlich wie bei Harry Potter wirkt es etwas sehr bemüht und passt nicht recht. Auch zwischendurch ist die eine oder andere Ungereimtheit zu bemerken. Aber insgesamt lässt sich schon einiges damit anfangen, auch für den Unterricht.  Jedenfalls werde ich „Die Tribute von Panem“ wohl immer mit dieser Klasse in Verbindung bringen.
(juhudo)

 

Yoba, Malala, Bilal. Aktuelle Bücher und Filme im Unterricht

Wie thematisiert man in der Schule, dass derzeit zehntausende Menschen auf der Flucht sind? Wie schafft man bei Kindern und Jugendlichen, die selbst in Sicherheit und Wohlstand aufwachsen, Bewusstsein dafür, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen, weil dort Krieg herrscht oder weil sie die Perspektivenlosigkeit nicht mehr aushalten? Dass sich Menschen aufmachen, um woanders – bei uns – ein besseres Leben zu suchen?

Es erscheint ebenso natürlich wie naheliegend und ist wohl ein Gebot der Stunde, über die Flüchtlingsthematik im Unterricht sprechen zu wollen. Aber wie packt man’s am besten an? Diskutieren? Zeitung lesen? Einfach darüber sprechen?

Ich habe es mit Hilfe von Literatur versucht: Mit der fünften Klasse (9. Schulstufe) lese ich Der Schrei des Löwen von Ortwin Ramadan. Die Geschichte des 16-jährigen nigerianischen Jungen Yoba hat die SchülerInnen sofort gepackt. Sein Schicksal interessiert sie, sie können sich einfühlen, sie leben mit. An der Stelle, als sich Yoba mit seinem jüngeren Bruder aufmacht, Richtung Norden, durch die Wüste bis an die libysche Küste, um von dort nach Europa zu gelangen, haben wir die Lektüre unterbrochen. Die Schüler sollten einen Dialog zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten über das, was die beiden Jungen erwarten wird, schreiben. Ich war beeindruckt, welche Dialoge sie mir heute vorgelesen haben.

Mit der dritten Klasse (7. Schulstufe) lese ich Malala, die autobiographische Geschichte der letztjährigen Friedensnobelpreisträgerin. Einen solchen Erfolg wie mit diesem Buch hatte ich in der Klasse überhaupt noch nie. Es war mucksmäuschenstill, während ich vorlas. Nach der Stunde wollten sich ein paar der Mädchen unbedingt das Buch besorgen. Sie würden es nächste Woche auf die Landschulwoche mitnehmen und sich gegenseitig daraus vorlesen. In zwei Wochen schauen wir uns eine dramatisierte Version der Geschichte in den Kammerspielen des Landestheaters an. Wir freuen uns alle darauf.

Und mit einer meiner beiden Französischklassen erlaube ich mir den Luxus, jetzt, zu Schulbeginn, einen Film anzuschauen: Welcome von Philippe Lioret. In dem Film versucht ein junger Kurde von Calais aus über den Ärmelkanal nach England zu gelangen. Zu Beginn sieht man, was sich im Inneren der Lastwagen abspielt, mit denen die Flüchtlinge illegal die Grenze überqueren. Die Schüler waren schockiert von der Brutalität, die sie zu sehen bekamen. Aber sie möchten den Film weiterschauen, sie wollen wissen, wie es Bilal ergeht.

Ohne Zweifel könnte und müsste man viel mehr tun. Die Begegnung mit Flüchtlingen bei uns suchen, helfen, sich engagieren. Das schaffe ich derzeit zusätzlich zur Schule aber nicht. Aktuelle und für die jeweilige Altersstufe ebenso relevante wie ansprechende Lektüre auszuwählen ist keine besondere Leistung, wiewohl mitunter nicht ganz leicht und auch ein bisschen vom Glück abhängig. Denn nicht jede Klasse spricht auf jedes Buch an. Wenn es aber gelingt, das richtige Buch (oder den richtigen Film) zu erwischen, können Geschichten den Schülern einen Zugang zur Thematik verschaffen, zum Einzelschicksal, an dem das Große und Ganze sichtbar, erfahrbar und erfühlbar wird. Das ist vielleicht nicht viel. Aber es ist auch nicht nichts. (nemo)