„Ich hätte auch Französisch wählen sollen“

Kürzlich bei der Maturafeier einer achten Klasse: Nur eine der MaturantInnen aus dieser Klasse hatte den Französisch-Unterricht besucht, ein paar Latein, der Großteil Spanisch. Die eine Schülerin war rundum zufrieden mit ihrer Sprachenwahl, gleich zwei andere waren rückblickend der Ansicht, dass auch sie Französisch wählen hätten sollen.

Ähnliche Situationen erleben wir Französisch-Lehrerinnen immer wieder: SchülerInnen, die in der sechsten oder siebten Klasse, bei der Matura oder gar erst Jahre danach draufkommen, dass Französisch doch mehr Relevanz hat, als sie gedacht hatten, dass die Noten in Französisch doch nicht schlechter sind als in Spanisch, dass diejenigen, die Französisch gewählt haben, doch sehr zufrieden sind mit dem Zusatzprogramm, das wir ihnen bieten können: Schüleraustausch mit La Rochelle, Paris-Reisen, Sprachassistentin etc.

Nicht, dass ich nun falsch verstanden werde. Ich schätze alle Sprachen und betrachte jede Sprache, die man lernt oder zu der man einen persönlichen Bezug hat, als wirkliche Bereicherung.  Ich habe überhaupt nichts gegen Spanisch und schätze meine Spanisch-Kolleginnen über alle Maßen. Als Romanistin sind mir alle romanischen Sprachen ans Herz gewachsen und zumindest so weit vertraut, dass ich vieles verstehen kann. Ich liebe Spanisch ebenso wie Portugiesisch und fast so wie Italienisch und Französisch. Einzig das Rumänische kenne ich zu wenig, als dass ich etwas darüber sagen könnte.

Schade ist einfach nur, dass sich so viele an unserer Schule für Spanisch und so wenige für Französisch entscheiden. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber auch wieder recht simpel: In der vierten Klasse finden die allermeisten Spanisch einfach viel cooler als Französisch. Latino-Musik, Salsa, Urlaub in Mallorca oder Barcelona erscheint Dreizehnjährigen emotional vielversprechender als verstaubte Chansons, Existentialismus, Rotwein oder gar Käse (um nur ein paar Klischees anzuführen). Als Urlaubsland ist Frankreich in vielen Familien nicht präsent und die Sprache erscheint auf den ersten Blick einfach nur unaussprechlich. Zudem kommt die mir immer recht amerikanisch anmutende Einschätzung, dass Spanisch viel wichtiger sei als Französisch. Wenn ich entgegne, dass gerade in Europa Französisch eine viel wichtigere Rolle spiele als Spanisch, ernte ich meist ungläubige Blicke. Ja, und dass so mancher Elternteil selbst in der Schule einen mitunter doch recht qualvollen Französisch-Unterricht, in dem jeder vergessene Accent gnadenlos geahndet wurde, genossen hat, steigert die Lust auf Französisch natürlich auch nicht.

Erst wenn die SchülerInnen älter werden, relativieren sich so manche Vorurteile. Dann aber ist es für uns zu spät. Die zweite Fremdsprache wählt man in der vierten Klasse, danach ist der Zug abgefahren. Bei den morgen und übermorgen anstehenden Happy Days bietet eine Kollegin „Französisch für Anfänger“ an, ich selbst beschäftige mich gemeinsam mit einer anderen Kollegin wieder mit dem „kleinen Nick“. Beide Kurse stoßen auf reges Interesse bei den UnterstufenschülerInnen. Ob die Kurse dazu beitragen, dass sich in der vierten Klasse, wenn der Klassentenor wieder „Spanisch ist so cool“ lautet, ein paar mehr für Französisch entscheiden, ist trotzdem nicht gesagt. So mancher wird wohl auch weiterhin erst bei der Maturafeier oder danach bedauern, in der Schule nicht doch Französisch gelernt zu haben. (nemo)

Erleben und Erzählen: Bordeaux, einstens

Erzählen und (Er-)Leben stellen, so Jean-Paul Sartre in La nausée (Der Ekel), zwei gegensätzliche Modi dar: Die Dinge ereignen sich in die eine Richtung und wir erzählen sie in die Gegenrichtung. Damit aus dem banalsten Erlebnis ein Abenteuer werde, müsse man es bloß erzählen. Denn solange man sich im Modus des Erlebens befinde, passiere nichts, die Ereignisse fügten sich einfach aneinander. Erst durch das Erzählen werde aus dem Erlebten eine Geschichte mit einem Anfang und einem Ende.

Eine Form des Erzählens, die ich in diesem Sommer häufig praktiziere, ist jene des Sich Erinnerns. Mein aktueller Erlebensmodus ist vielfach vom Erinnerungs- bzw. Erzählmodus überlagert, anders gesagt, ich verknüpfe aktuelle Ereignisse praktisch umgehend mit Erinnerungen und mache so daraus (Lebens-)Erzählungen. Wahrscheinlich ist das einfach eine Alterserscheinung oder zumindest ein Beweis dafür, dass man doch schon recht viel erlebt hat. „J’ai plus de souvenirs que si j’avais mille ans“ („Ich habe mehr Erinnerungen, als wär‘ ich tausend Jahre alt“), heißt es in einem Spleen-Gedicht von Baudelaire. (An das Gedicht muss ich denken, aber eigentlich wegen Jorge Semprún, der in einem seiner Erinnerungsbücher das Baudelaire-Gedicht zitiert.)

Ein Beispiel für meine gegenwärtige Erinnerungsproduktion sind die beiden Festspielaufführungen, die ich mir in den letzten Tagen angeschaut habe: Samuel Becketts Endspiel (Fin de partie) und die Mozart-Oper Don Giovanni. Beide Inszenierungen waren ein wahrer Genuss und beide Erlebnisse haben bei mir sofort den Erinnerungsmotor angeworfen.

Fin de partie und Don Giovanni bzw. Dom Juan standen auf dem Programm eines Theaterseminars, das ich vor vielen Jahren (1994-95!) während meines Auslandsstudienjahres an der Université III in Bordeaux besuchte. Charles Mazouer hieß der Professor, bei dem wir, drei Salzburger Erasmus-Studentinnen, ein Jahr lang im Seminar saßen. Unter dem Gesichtspunkt der Herr-Knecht-Thematik (maître et valet) wurden Theaterstücke aus mehreren Jahrhunderten analysiert, darunter eben Dom Juan von Molière und Fin de partie von Samuel Beckett. Daneben gab es auch eine praktische Einführung ins Theaterspielen, sozusagen als Ergänzung zum theoretischen Seminar. Auch da taten wir wacker mit. Gemeinsam mit meiner Freundin blieb ich sogar über das Praktikum hinaus bei der Gruppe. Am Ende des Jahres führten wir ein Stück von Eugène Ionesco (Jeux de massacre) auf, wir zwei germanophones unter lauter Muttersprachlern. 41WSBXSKEPL._SX195_(Und später spielten wir dann auch in Salzburg in der Französisch-Theatergruppe mit.)

Das Erasmus-Auslandsjahr war etwas ganz Besonderes, nicht nur – aber auch! – in sprachlicher Hinsicht. Es öffnete und weitete meinen Horizont auf eine Weise, wie es ein Studium ausschließlich in Österreich nie vermocht hätte. Bordeaux hatte für uns damals durchaus etwas Exotisches, ein Erasmus-Jahr war ein veritables Abenteuer. Heute, in Zeiten von Internet, EU und internationalen Studiengängen erscheint das alles nicht mehr so nachvollziehbar. Aber damals, im Jahr 1994, war Österreich eben noch nicht bei der EU, es gab praktisch noch kein Internet (und ergo auch keine E-Mails), und das Erasmus-Programm war in Österreich gerade mal zwei Jahre alt. Von unseren Vorgängerinnen bekamen wir ein altes Vorlesungsverzeichnis in die Hand gedrückt, mehr Infos über das Studienangebot gab’s nicht. Während der Zeit in Bordeaux schrieben wir zahllose Briefe, erst ab dem Frühjahr (Österreich trat Anfang 1995 der EU bei) trudelten diese verlässlich binnen einer Woche zu Hause ein (und umgekehrt), davor konnte der einfache Postweg schon auch mal zwei Wochen umfassen. Telefon gab’s in meiner WG zwar, man konnte jedoch keine Gespräche ins Ausland tätigen. Um nach Hause zu telefonieren, musste man sich also bei einer Kabine anstellen. Gerade am Abend bildeten sich dort oft lange Schlangen. Und ein Handy hatte überhaupt noch niemand. Ja, wenn man das so zusammenschreibt, kann man es selbst fast nicht mehr glauben. Obwohl es damals natürlich lange nicht so seltsam war, wie es heute erscheint, sondern einfach normal.

Dadurch, dass die Möglichkeiten mit den Daheimgebliebenen zu kommunizieren so eingeschränkt waren, fühlten wir uns in Bordeaux ebenso fern wie frei. Auch das kann man heute kaum mehr nachvollziehen. So ein Studienjahr in Westfrankreich fühlte sich an wie ein Leben fast am anderen Ende der Welt. Sicher, zu Weihnachten fuhren die meisten Erasmus-Studenten nach Hause, danach aber ging es für uns erst so richtig los. Denn im Gegensatz zu vielen Studierenden heute verbrachten wir ja ein ganzes Studienjahr im Ausland. Und ein ganzes Studienjahr ist definitiv mehr als die Summe aus zwei Semestern – sowohl in sprachlicher als auch in sozialer Hinsicht.

Was die Sprache betrifft, tat sich der große Sprung erst irgendwann im März. Ab da ging alles spürbar leichter, ab diesem Zeitpunkt fühlte ich mich im Französischen allmählich wie ein Fisch im Wasser. Und was das Soziale betrifft, war’s ebenso. Diejenigen, die schon nach einem Semester wieder abreisten, brauchten sich nach Weihnachten gar nicht mehr richtig anzustrengen. Für sie waren die Wochen bereits gezählt. Für uns allerdings bedeutete die Zeit nach den Weihnachtsferien die härteste im Jahresverlauf. Zu diesem Zeitpunkt hieß es nämlich, sich um ein vollständiges Leben vor Ort zu bemühen. Zu lange erschien die Zeit bis zu den Sommerferien, als dass man weiterhin „Uni-Tourist“ auf Abruf bleiben konnte.

Ein zentraler Integrationsfaktor war für uns zweifellos das Theater. Das gemeinsame Erarbeiten eines Stücks, die ständigen Proben, die viele gemeinsam verbrachte Zeit schweißten uns mit den französischen Studierenden zusammen. Während viele Erasmus-StudentInnen doch recht häufig unter sich blieben, hatten wir viel mehr Anschluss an die dortigen StudentInnen. Daraus entstanden Freundschaften, von denen manche noch lange fortdauerten.

All das (und noch viel mehr) kann so ein Besuch bei den Salzburger Festspielen im Jahr 2016 aufrufen – zumal wenn man mit genau jener Person ins Theater bzw. in die Oper geht, mit der man damals gemeinsam in Bordeaux war. 🙂 „Vieux linge! Toi – je te garde.“ („Altes Linnen! Dich behalt ich.“), sagt Hamm am Ende von Fin de partie. Allein dieser Satz vermag das Bordeaux-Erinnerungsgebäude aufzuschließen. Wenn ich ihn metaphorisch als Erinnerungsfetzen lese, taugt er darüber hinaus als Symbol dafür, dass von einem Auslandsstudienjahr weit mehr bleibt als verwertbare Zeugnisse oder ECTS-Punkte und mein damaliges Lehramtsstudium gerade durch dieses Jahr in Bordeaux die Fixierung auf das Lehramt verlor und einen viel weiteren Horizont annahm – auch wenn das jetzt alles mit Becketts Endspiel wiederum nur sehr indirekt zu tun hat. (nemo)

 

Frankreich, meine Herkunft und ich

Für Colette Gourdault-Montagne (1924-2015)

Es gibt kein Land, das mich so sehr beschäftigt wie Frankreich. Ich will nicht über das aktuelle Geschehen schreiben, ich will über meine so lange und intensive Beziehung zu diesem Land, seiner Sprache und Kultur nachdenken. Gerade habe ich Didier Eribons autobiographische Studie Rückkehr nach Reims gelesen. Die deutsche Ausgabe ist erst kürzlich erschienen, in verschiedenen Zeitungen habe ich Rezensionen dazu gelesen. In meiner Lieblingsbuchhandlung habe ich das Buch zufällig liegen sehen – und gekauft. Und gegenwärtig habe ich glücklicherweise Zeit, solche Bücher zu lesen. 7252

Rückkehr nach Reims (Retour à Reims) ist die Auseinandersetzung des Autors mit seiner Herkunft. Eribon entstammt einer Arbeiterfamilie, ist in einer Sozialwohnung in Reims aufgewachsen. Er hat seine Familie früh verlassen und ist in Paris zum namhaften Biographen, Philosophen und Soziologen geworden. Mit seiner Homosexualität und dem damit einhergehenden Schamgefühl hat sich Eribon immer wieder auseinandergesetzt, mit seiner Herkunft bislang jedoch nie. In seinem (auf Französisch bereits 2009) erschienenen Buch stellt er sich nun selbst die Frage, warum es ihm offenbar schwerer fiel, über die „soziale Scham“ nachzudenken als über die sexuelle, und holt die Beschäftigung mit seiner Herkunft nach.

Wenn man, so wie ich, selbst aus so genannten einfachen Verhältnissen kommt, liest man das Buch zweifellos anders als jemand, der diese soziale Scham nicht kennt. Sicher, viele Einzelheiten verliefen bei mir anders, weniger radikal als bei Eribon, die Grundkonstante, dass man, um die Person zu werden, die man heute ist, sich von seiner Herkunft befreien muss, ist die gleiche.

Aufgrund seiner guten schulischen Leistungen kam Eribon aufs Gymnasium und dort in Kontakt mit den Kindern aus den bürgerlichen Schichten. Er beschreibt, wie ungleich schwieriger es für ihn war, sich jeweils für die „richtige“ Option zu entscheiden und sich aufgrund falscher Bildungsentscheidungen nicht selbst den sozialen Aufstieg zu verwehren. Dazu muss man wissen, dass das Bildungssystem in Frankreich viel weniger offen und durchlässig ist als in Österreich. Teilhabe an sozialer Macht ist dort nur durch elitäre Bildungswege möglich und elitäre Bildungswege sind für jemanden, der keine Ahnung davon hat, schwer zu beschreiten. Als sich Didier Eribon im Gymnasium aufgrund persönlicher Präferenzen für Spanisch statt für Deutsch entschied, wies ihn ein um sein „Fortkommen besorgter Französischlehrer“ darauf hin, dass seine Sprachwahl einen Rückschritt darstelle, da er seine „kostbare Zeit nun mit den schlechtesten Schülern des Gymnasiums vertrödeln würde“. Eribon reflektiert in seinem Buch:

Jedenfalls begriff ich sehr bald, dass ich es denjenigen gleichgetan hatte, die mir in sozialer Hinsicht ähnelten – nicht den Kameraden mit ähnlichen schulischen Leistungen. Man sieht, dass Kinder aus unterprivilegierten Schichten selbst dann stets in Gefahr sind, falsche Entscheidungen zu treffen, wenn sie sehr gute Leistungen bringen, und dass sie deshalb die besten Chancen haben, die elitären Bildungswege, für die man sich nicht nur schulisch, sondern auch sozial qualifizieren muss, zu verfehlen.¹

Ich glaube, dass es in Österreich, zumal nach den Bildungsreformen der 1970er Jahre, für den sozialen Aufstieg weniger bedeutsam war und ist, welchen Bildungsweg man einschlug bzw. einschlägt. Dennoch gab und gibt es natürlich auch hierzulande Entscheidungen zu treffen. Manche davon waren und sind dem sozialen Fortkommen zumindest zuträglicher als andere. Heute erscheint mir die Situation im Übrigen wieder viel selektiver zu sein als damals, als ich zur Schule ging. Vielleicht sitze ich aber auch einer Illusion über die damalige Situation auf, wer weiß.

Ich selbst besuchte die Hauptschule und anschließend eine berufsbildende höhere Schule, die Handelsakademie. Wirklich verwehrt hat mir dieser Bildungsweg den sozialen Aufstieg nicht. So richtig befördert hat er ihn aber natürlich auch nicht. Im Rückblick bin ich froh darüber, dass die Hauptschule, in die ich ging, eine wirklich gute war. (Aber: Wären die Schule und die dort unterrichtenden Lehrer schlechter gewesen, hätte das etwas an „meiner Wahl“ geändert?) Ich hatte das Glück, auf junge, aufgeschlossene Lehrer zu treffen, die um mein Fortkommen tatsächlich besorgt und bemüht waren. Mehr als einmal rieten sie meinen Eltern, mich doch ins Gymnasium zu schicken. Trotzdem passierte das nicht, wohl auch weil ich selbst es nicht wollte. Ich fühlte mich sicher im Dorf und in der Klasse und wollte nicht ganz alleine in die Stadt fahren. Daran kann ich bis heute nicht unbedingt etwas Schlechtes erkennen.

Nach der Hauptschule wäre eine Lehre für mich angedacht gewesen. Niemand von meinen Cousins und Cousinen besuchte damals eine höhere Schule. Für Mädchen wurde selbst der Lehrabschluss nicht unbedingt für nötig erachtet, heiratete man doch mitunter bereits davor. Mein einziger Wunsch war es, weiter zur Schule gehen zu dürfen. Welche Schule das sein würde, war mir egal. Meinen Eltern schien wichtig, dass es eine berufsbildende Schule war, denn nach der Matura auch noch studieren zu „müssen“, das war damals für uns alle schlichtweg unvorstellbar. So kam ich auf die Handelsakademie. Stenographie und Maschinschreiben, Rechnungswesen und BWL, aber immerhin auch Deutsch und Mathematik, Englisch und ein paar andere zumindest in den ersten Jahren noch allgemeinbildende Fächer.

Hinzu kam – ab der zweiten Klasse – Französisch als zweite lebende Fremdsprache. Es gab damals keine Wahl, alle mussten Französisch lernen. Hätte ich die Wahl zwischen Spanisch oder Italienisch und Französisch gehabt, wie hätte ich mich wohl entschieden? Nicht, dass die soziale Verteilung zwischen den Sprachen das Problem gewesen wäre. Diese klare Hierarchie, wie sie Eribon für Frankreich schildert, gab und gibt es hier nicht. Dennoch bin ich froh, damals keine Wahl gehabt zu haben. Nicht, dass ich Italienisch oder Spanisch geringer schätze. Auch das ist nicht das Problem. Aber das Französische hat mir eine Welt eröffnet, eine Welt, die mir, davon bin ich überzeugt, keine andere Sprache in dieser Weise eröffnet hätte. Französisch, die französische Sprache und in weiterer Folge die französische Literatur und Kultur – Frankreich tout court – haben mir Arbeiterkind einen Zugang zu sozialen Schichten ermöglicht, die mir sonst verschlossen geblieben wären. Das wäre bis zu einem gewissen Grad wahrscheinlich auch durch andere Sprachen so gekommen, mit dem Französischen als Bildungssprache par excellence aber scheint mir diese Entwicklung  weniger individuell zufällig als strukturell zwingend gewesen zu sein.

Lange hatte ich das Gefühl, in Frankreich gebe es gar keine gesellschaftliche Schicht mehr wie jene, der ich entstamme. Erst durch Bücher von Annie Ernaux und Danièle Sallenave habe ich die ganz „einfachen“ Menschen in Frankreich kennengelernt. Frankreich war und ist für mich das Andere. Dort bin ich selbstverständlicher Teil einer (gewissen) Bildungsschicht. Dass ich studiert habe, ist dort normal, man kennt mich ja nicht anders. In Frankreich habe ich erfahren, wie wichtig Bildung ist und wie selbstverständlich damit historisch-literarisch-kulturelle Bildung gemeint ist. In Frankreich habe ich aber auch erfahren, wie hierarchisch und auf Exklusion bedacht die französische Gesellschaft funktioniert. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit als universelle Idee – im realen Leben aber wird die Idee dann doch, und zwar sehr deutlich, nach Klassen geordnet. Diese Diskrepanz zwischen Realität und Idee ist sicherlich bedauernswert, gleichzeitig aber wird die Idee dadurch nicht obsolet.

Es gibt vieles, was man am realen Frankreich kritisieren kann oder könnte, genauso wie man Probleme und Schwächen der österreichischen oder anderer Gesellschaften benennen bzw. nationale Gesellschaften vielleicht sogar überhaupt in Frage stellen könnte. Für mich ist Frankreich aber viel mehr als ein Land oder eine Gesellschaft. Letztlich ist es zuallererst eine Idee. Frankreich ist mein Sehnsuchts- und Erinnerungsort, ein Teil des Anderen, das mich erst zu der Person werden ließ, die ich heute bin. (nemo)

¹ Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, aus dem Französischen von Tobias Haberkorn, Berlin, Suhrkamp 2016, S. 17of.

 

 

 

 

Eine Schulwoche der besonderen Art

Und schon wieder ein Monat her, unsere Reise nach La Rochelle. Auf der Rückfahrt haben wir, wie ich schon erwähnte, die „Schulwoche der besonderen Art“ Revue passieren lassen. Aus den Rückmeldungen der SchülerInnen habe ich nun einen kleinen Reisebericht gebastelt:

Unsere Reise begann um 3 Uhr 20 in der Früh am Salzburger Hauptbahnhof. Die 16-stündige Zugfahrt mit einem Aufenthalt in Paris war erstaunlich lustig. Schon allein wegen der Zugfahrt würde ich die Reise jederzeit wieder antreten. Wir hatten so viel Spaß!

Ich war echt aufgeregt und auch etwas besorgt, dass ich meine Austauschpartnerin vielleicht nicht mögen würde. Aber nach dieser Woche kann ich sagen, dass wir sogar Freundinnen geworden sind.

Am Anfang war ich mir ziemlich unsicher, was die Verständigung betraf, doch ich habe bald bemerkt, dass das überhaupt kein Problem war.

Sie haben im Haus die Schuhe angelassen, das war ziemlich ungewohnt. Mir ist auch aufgefallen, dass in Frankreich viel mehr Menschen rauchen. In meiner Familie haben zum Beispiel ausnahmslos alle geraucht. Naja, außer der Hund.

Ich weiß nicht, ob es die Kochkünste meiner Gastmutter waren oder generell das Essen, aber alles, was ich dort gegessen habe, war extrem gut.

Was noch ganz anders war als bei uns, war das Schulsystem. Alles ist viel strenger. Es wird genau kontrolliert, wer in die Schule rein- und rausgeht und im Unterricht redet kein einziger Schüler. Ich bin froh, dass wir ein anderes System haben.

Das Highlight der Woche war der Tagesausflug auf die Île d’Aix, gemeinsam mit den Franzosen. Es war richtig schön dort und ich hatte sogar beim Sandburgenwettbewerb Spaß.

Was ich auch schön fand: Obwohl wir von den Lehrern die Erlaubnis bekommen hatten zu tun, was wir wollten, machten wir alle gemeinsam eine Radtour um die kleine Insel.

Die Insel ist wirklich einer der schönsten Orte, die ich je gesehen habe.

Für mich war die Landschaft im Marais Poitevin am coolsten. Manchmal hatte man ein richtiges ‚Dschungelfeeling‘, weil alles so grün und verwachsen war. Am Anfang gab es Startschwierigkeiten beim Rudern, aber irgendwann hatten wir den Dreh raus und fuhren nicht mehr alle drei Meter gegen die Bäume und ins Dickicht.

Ich hab richtig viel gelernt und meine Französischkenntnisse verbessert. C’était magnifique.

Die Reise war wirklich super. Ich finde, dass es so am sinnvollsten ist, eine Sprache zu lernen, und ich würde es sofort noch einmal machen.

Für mich war es eine tolle Erfahrung und ein echt cooles Abenteuer. Ich hoffe, dass ich irgendwann wieder nach La Rochelle komme und den Kontakt zu meiner Austauschpartnerin nicht verliere.

Nachdem ich die vielen Rückmeldungen, denen die Zitate entstammen, gelesen hatte, habe ich den SchülerInnen gleich im Zug einen Brief als Antwort geschrieben. Wer will, kann diesen Brief hier nachlesen: Auf der Fahrt

Und noch eine Rückmeldung, über die ich mich ganz besonders gefreut habe, möchte ich anfügen. Sie lautete: „Vielen Dank für die Zeit und die Energie, die Sie in die Organisation dieser phänomenalen Reise investiert haben.“ 🙂

(nemo)

La Rochelle, la belle: Schüleraustausch Teil 2

Ja, wir haben’s geschafft. Was niemand für möglich hielt, hat stattgefunden: Auf die Minute pünktlich sind wir am Montagabend (25. April) in La Rochelle angekommen. Losgefahren mitten in der Nacht (Treffpunkt 3.15 Uhr!), Schienenersatzverkehr bis Freilassing, heftiger Schneefall in Oberbayern, Umleitung über Holzkirchen, keine fünf Minuten zum Umsteigen in München – und trotzdem saßen wir irgendwann im TGV und brausten mit 320 km/h nach Paris. Danach konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen. Ein paar ordentliche Hürden zum Aufwärmen und der Rest kommt dir vor wie ein Klacks. 😉

Was soll ich sagen? Unsere Woche in La Rochelle war einfach wunderbar. Herzliche Gastfamilien und liebe „correspondants“, perfekt organisiertes und vielfältiges Programm (Merci, Sven!), 13 super Schülerinnen und 1 ebensolcher Schüler, wunderschöne Ausflüge – und das alles fast durchgehend bei Sonnenschein. Besser geht echt nicht, finde ich. DSC03923

Wie viel Schüler bei so einem Schüleraustausch lernen, ist unglaublich, in sprachlicher, kultureller, landeskundlicher, sozialer und persönlicher Hinsicht. Das Miterleben des Alltags in den französischen Familien, Essgewohnheiten, Rituale, kulinarische Besonderheiten, die Unterschiede im Schulsystem und im Unterricht, das Leben gleichaltriger Französinnen und Franzosen, die Stadt La Rochelle mit ihrer reichen Geschichte, das Meer, die Inseln, das Hinterland mit dem idyllischen Marais Poitevin. Und das alles eingebettet in die französische Sprache. Es war so schön mitzuerleben, wie die SchülerInnen mit jedem Tag in dieser Woche im wahrsten Sinne des Wortes reicher geworden sind. Eine Erfahrung, die kaum wertvoller sein könnte.

Auf der Rückfahrt habe ich die SchülerInnen gebeten, die Woche kurz Revue passieren zu lassen. Dafür habe ich ihnen extra schöne à la française linierte Feuilles doubles ausgeteilt. Gestern habe ich die Bögen unserem Direktor zu lesen gegeben. Sobald ich sie wieder habe, werde ich ein paar Zitate daraus in den Blog stellen. Nur schon soviel vorab: Die Rückmeldungen bekommen einen Ehrenplatz in meinem Schatzkästchen schöner Schulerinnerungen …

Ja, und wir Lehrerinnen? Auch wir haben eine wundervolle Woche verbracht. Zu wissen, dass die SchülerInnen gut in den Familien untergebracht sind, löste allabendlich ein wohliges Gefühl aus, das es erst ermöglichte, das ebenso perfekt organisierte und tolle „Programme des profs“ (Merci, Sven!) in vollen Zügen zu genießen. Jazzkonzert, Kino oder Theater am Abend – und am Morgen darauf wieder mit dem Fahrrad am Meer entlang zur Schule. Französischlehrerinnenherz, was begehrst du mehr? (nemo)

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PS: Auf der Schulhomepage des WRG gibt’s auch noch ein paar Fotos .

 

La Rochelle – wir kommen … vielleicht!

Kurz bevor wir unsere Expedition an den Atlantik starten, muss ich noch ein bisschen darüber bloggen. Man hat ja sonst nichts zu tun.

Morgen in aller Herrgottsfrüh geht’s los. Bis gestern dachten wir, unsere Abfahrtszeit wäre 4 Uhr, seit gestern wissen wir: Der Zug fährt schon um 3:38 Uhr los. Wie schön! Dafür braucht er eine halbe Stunde länger,  wodurch sich unsere Umstiegszeit in München auf flotte 5 Minuten reduziert. Sage noch einer, Reisen mit der Bahn sei nicht aufregend.

Schade nur, dass nach all den widersprüchlichen Informationen im Internet und mehreren ebensolchen Telefonaten mit der Zugauskunft und der Firma „Meridian“, die ja die Zugstrecke Salzburg – München betreibt, ein erneuter Gang zum Schalter der Deutschen Bahn am Salzburger Hauptbahnhof doch noch Klarheit brachte: Wir dürfen offenbar doch nicht mit dem nächtlichen Schienenersatzverkehr nach Freilassing und von dort mit Umstieg in Rosenheim nach München reisen – nein, es soll tatsächlich einen durchgehenden Zug geben. Die Dame an der 24-Stunden-Hotline des Meridian wusste das halt noch nicht.

Ja, es ist schon eine feine Sache, die einem geboten wird, wenn man sich mit dem Zug nach Westfrankreich aufmachen will. Vielleicht hätte mir doch die erstaunte Reaktion des ÖBB-Schalterbeamten damals vor ein paar Monaten, als ich mich nach einer Reiseverbindung erkundigen wollte, eine Warnung sein sollen: „Was? Und da wollen’s mit’m Zug hinfoahren?? Wia hoaßt die Stadt?“

ÖBB, dachte ich mir damals und wandte mich erhobenen Hauptes an die Deutsche Bahn. Dort tat man wenigstens so, als sei es immer noch möglich, mit dem Zug nach Frankreich zu reisen. Die Beamten (ich sage nur: Herr Moser) waren unglaublich hilfsbereit und darum bemüht, ein attraktives Angebot zusammenzustellen: Mit dem Regionalzug nach München, von dort mit dem TGV nach Paris, Bahnhofswechsel in Paris und weiter mit dem TGV nach La Rochelle. Alles innerhalb eines Tages und für die Schüler um wohlfeile 200 Euro. Na also, geht doch!

Gegen die zunehmende Provinzialisierung des Bahnknotenpunktes Salzburg und die Folgen von Einsparung und Privatisierung ist allerdings auch ein Herr Moser machtlos. Früher, ja, früher fuhren von Salzburg aus Direktzüge bis nach Athen, Bukarest – oder Paris (sogar zweimal täglich!). Heute, in Zeiten, in denen auf der supermodernen elektronischen Anschlagstafel fast nur mehr so illustre Orte wie Golling, Lamprechtshausen, Straßwalchen oder Schwarzach/St.Veit aufscheinen, musst du froh sein, wenn du in zwei Stunden und ohne umsteigen zu müssen nach München kommst. Fortschritt, glaube ich, war der Name für diese Entwicklung.

„Aber bitte, warum fliegt’s ihr nicht?“, wurde ich in den letzten Wochen des Öfteren gefragt. Ehrlich gesagt, schön langsam frage ich mich das auch. (Muss mir nur noch meinen ökologisch-pädagogischen Furor einrexen lassen.) Von der Schwierigkeit nach München zu gelangen, würde die Option des Fliegens allerdings auch nicht befreien. Und direkt nach La Rochelle würde uns ein Flieger erst recht nicht bringen. Vielleicht sollte man es in Zeiten wie diesen einfach unterlassen, von einer europäischen Provinzstadt in eine gut 1500 km entfernte andere europäische Provinzstadt zu reisen? Das war vielleicht etwas für die unerschrockenen Gemüter der vergangenen Jahrhunderte. Heutzutage scheint ein solches Unterfangen zunehmend jenseitig zu sein. Au revoir et à bientôt! (nemo)

 

Schüleraustausch: Bienvenue à Salzbourg

Am Mittwoch ist es soweit: Die Gastschüler aus La Rochelle kommen zu uns nach Salzburg. Endlich hat es wieder geklappt mit der Organisation des Schüleraustausches. Nun brauchen wir nur noch darauf zu hoffen, dass die Anreise gut klappt, dass alle mit ihrem „Tandem“ zufrieden sind, dass sich das Salzburger Wetter nicht allzu garstig benimmt (derzeit zwar kein Schnee, dafür prächtiges Herbstwetter – das wär‘ schon ok) und die Tage für alle Beteiligten zu einer bereichernden und schönen Erfahrung werden. Croisons les doigts!

Ein selbst organisierter Schüleraustausch mit gegenseitiger Unterbringung in den Familien ist eine feine Sache, sowohl menschlich als auch kulturell – und darüber hinaus auch finanziell. Wenn ich mir ansehe, was mancherorts für Sprachreisen zu berappen ist, ist unser Austausch dagegen fast geschenkt. Allerdings – umsonst gibt’s die Sache nicht. Der zeitliche Aufwand, die Planungen und die Organisationsleistung, die hinter so einem Projekt stehen, sind gewaltig, die Widrigkeiten vielfältiger als man meinen möchte. Ein bisschen davon will ich erzählen …

Zuallererst braucht man jemanden an der Partnerschule, der voll mitzieht. Ohne engagiertes Gegenüber an der anderen Schule tut sich nämlich gar nichts. Und da fangen die Schwierigkeiten schon an – denn ebenso wie hierzulande der Französischunterricht hat in Frankreich der Deutschunterricht mit kräftigem spanischem Gegenwind zu kämpfen. Dazu kommt, dass es für französische Schulen oft etabliertere und offiziellere Formen von Zusammenarbeit mit deutschen Schulen gibt und ein Sprachaufenthalt in Österreich aus französischer Sicht wohl auch nicht immer ganz der Vorstellung von sprachlicher pureté entspricht. 😉

Jedenfalls: Ein Kollege oder eine Kollegin, die mitzieht, ist Voraussetzung, damit überhaupt etwas in die Gänge kommt. Sodann aber beginnen die Widrigkeiten: Bereits die Terminfindung für die beiden Austauschwochen ist eine erste satte Herausforderung. Danach müssen die teilnehmenden Schüler und Schülerinnen aus den verschiedenen Klassen ermittelt werden. Auch das keine ganz leichte Übung, bis man die definitiven Anmeldungen mit Unterschrift der Eltern hat. Blöd nur, wenn die Anzahl der Anmeldungen nicht übereinstimmt, von Alter, Geschlecht und anderweitig eventuell Relevantem ganz zu schweigen. Hat man die Tandems zusammengestoppelt und es irgendwie doch geschafft (espérons!), die Wünsche und Vorlieben (eh nur die wirklich wichtigen!) aller zu berücksichtigen, muss man dafür sorgen, dass ein erster Kontakt per Mail hergestellt wird. Grundsätzlich eine sinnvolle sprachliche Übung für die Schüler, wieder aber ein viel gröberes Unterfangen als man sich das theoretisch so vorstellt. „Mein correspondant antwortet nicht!“, „Die Mail-Adresse gibt es nicht!“ etc. etc.

Mittlerweile, so hoffe ich, sind alle Kontakte hergestellt, sämtliche Eltern sehen der Verschickung ihrer Kinder beruhigt entgegen und die Schüler haben ihre schulischen und privaten Verpflichtungen soweit geklärt, dass einer erfolgreichen Abfahrt bzw. Ankunft nichts mehr im Wege steht. Immerhin dürfen die Franzosen überhaupt fahren – denn auch das war ja zwischenzeitlich ungewiss. Und dass ein paar Lehrerkollegen bei der Verschiebung ihrer Tests herumzicken und sich an unserer Schule diese Woche auch noch ein Masernfall als kleine Extraaufgabe dazugesellt haben, macht das Kraut auch nicht mehr entscheidend fetter als es ohnehin schon ist. Bekanntlich lassen sich Probleme lösen, darum kümmern muss sich halt jemand, in diesem Fall ich.

Wäre noch die Kleinigkeit der Programmerstellung, die natürlich auch ein bisschen Zeit und Mühe beanspruchte – zumal es galt, mit einem Minibudget ein solches auf die Beine zu stellen. Nunmehr ist alles unter Dach und Fach. Der eine oder andere Museumsbesuch wird mit Audioguides anstatt mit einer richtigen Führung absolviert werden und von den Theaterplätzen wird man trotzdem was sehen, auch wenn sie ganz hinten sind. (Wer Lust hat zu schauen, was wir vorhaben, klicke hier: Programm Schüleraustausch.)

Nach wochenlangen Vorbereitungen und Planungen, nach gut 50 hin- und hergeschickten Mails mit dem Kollegen in Frankreich und diversen Kultureinrichtungen in Salzburg, nach mehreren Elternbriefen und zig Gesprächen mit SchülerInnen, KollegInnen und dem Direktor geh ich jetzt einfach einmal davon aus, dass wir es mit lauter halbwegs flexiblen jungen Menschen mit halbwegs realistischen Ansprüchen und Vorstellungen auf beiden Seiten zu tun haben, ansonsten alles gut laufen wird und sich daneben vieles ergeben wird, was man eh nicht planen oder vorhersehen kann. Ich freu mich derweilen auf Mittwoch. Spannend wird’s auf jeden Fall. (nemo)