Marie von Ebner-Eschenbach / Josephine von Knorr. Briefwechsel 1851-1908

Dieser Tage hat mich ein besonderes Paket ereilt: Der in zwei Bänden edierte und in einer gediegenen Ausgabe bei De Gruyter erschienene Briefwechsel zwischen Marie von Ebner-Eschenbach und Josephine von Knorr. Über ein halbes Jahrhundert lang, von 1851 bis 1908, schrieben die beiden Schriftstellerinnen einander rund 800 Briefe, nun wurden diese erstmals veröffentlicht und wissenschaftlich erschlossen. 41htgausngl-_sx353_bo1204203200_

Ulrike Tanzer, Professorin an der Uni Innsbruck, hat das Editionsprojekt geleitet; gemeinsam mit Irene Fußl, Lina Maria Zangerl und Gabriele Radecke hat sie die Korrespondenz in Form einer kritischen und kommentierten Ausgabe herausgegeben. Zwei dicke Bücher mit insgesamt über 1200 Seiten!

Dass ich dieses beeindruckende Werk dieser Tage erhalten habe, hat damit zu tun, dass ich ganz am Rande an dem Projekt beteiligt war: Vor allem Josephine von Knorr, die unbekannte der beiden Schriftstellerinnen, hat in ihre Briefe immer wieder französische Sätze und Wörter einfließen lassen. Diese habe ich transkribiert und übersetzt.

Mitunter war es ein zähes Unterfangen, die handschriftlichen Briefe zu entziffern. Bereits meine im Gesamtkontext minimalen Textmengen ergaben zahlreiche Stunden Arbeit. Betrachtet man nun das fertige Werk, wird erahnbar, wie viele Jahre an Arbeit da drinnen stecken. Mit Hochachtung und Bewunderung denke ich daran, wie Irene Fußl damals noch an der alten Germanistik in Salzburg Brief um Brief transkribiert und kommentiert hat. Alleine der Stellenkommentar ist unglaublich!

Und worüber schreiben nun die beiden Dichterinnen? In erster Linie dokumentiert der Briefwechsel die lange Freundschaft zwischen den beiden Frauen, ihre schriftstellerische Existenz und ihr privates wie gesellschaftliches Umfeld. Es ist viel die Rede von familiären Belangen, von Reisen und Besuchen, von Krankheiten, von Einschränkungen, auch von den Schwierigkeiten als Frau schriftstellerisch tätig zu sein. Besonders das Schicksal Josephine von Knorrs, ihre zunehmende Vereinsamung, ihre immer zahlreicher und belastender werdenden Leiden, ihre berufliche Erfolglosigkeit finde ich sehr berührend, wohl auch, weil ich, aufgrund des größeren Anteils französischer Passagen, mehr mit ihren Briefen zu tun hatte als mit jenen der natürlich viel berühmteren Marie von Ebner-Eschenbach.

Josephine von Knorr verbrachte mehrere Jahre in Paris, und auch in Salzburg hielt sie sich immer wieder einmal auf.  Interessant – und durchaus nachvollziehbar -, was sie über diese beiden Städte schreibt!

Ich kenne nun schon ziemlich die Umgebung Salzburgs, welche mit Recht gerühmt wird. Bey schönem Wetter ist es herrlich hier – mais comme ce qu’il y de plus beau est souvent aussi ce qui est le plus menacé regnet es hier ungemein viel, so daß die schöne Natur viel im Schleyer sich verhüllt. (Brief 220 vom 9. Juni 1861, S. 220)

Daß ich gerne in Paris bin wißt Ihr; ich kann es nur wiederholen, ja ich möchte hier Wurzeln fassen können – es sagt mir mein Leben sehr zu wenn ich es mit dem Druck der Heimat vergleiche athme ich tief auf und wenn Du dich an mein Gedicht: „Dämmerstunde“ erinnerst, so könnte ich hier fast sagen:
„Und erlöst von ihren Qualen
Würde eine Seele sein!“ (Brief 572 vom 3. April 1878, S. 427)

Zweifellos ist so eine kritische Edition in erster Linie für die Literaturwissenschaft von Bedeutung. Vor allem die erste Phase des Briefwechsels scheint für die Germanistik interessant zu sein, weil sie die „bislang kaum erforschte Zeit der schriftstellerischen Anfänge Ebner-Eschenbachs“ (S. XII) betrifft. Aber auch durch eine nicht-germanistische Brille betrachtet, gibt dieser Briefwechsel einiges her (zumal in einer so schönen und sorgfältig edierten Ausgabe): Die Korrespondenz zweier gebildeter Frauen über so viele Jahre zu verfolgen, ist nämlich tatsächlich ein spannendes Unterfangen. Gerade die Form der Briefe erlaubt es einem, den Gedanken der Frauen dabei ziemlich nahe zu kommen. Tja, und dass das Französische einen selbstverständlichen Platz in der damaligen Kommunikation zweier österreichischer Schriftstellerinnen einnahm, ist zwar nicht unbedingt wesentlich für die Briefe, aber jedenfalls auch schön – mag diese Einschätzung meinetwegen auch zur Gänze der Perspektive einer mit dem schwindenden Interesse an dieser wunderbaren Sprache geplagten Französischlehrerin geschuldet sein … (nemo)

 

 

 

 

Paris erleben und sich erinnern

Ich war für ein paar Tage in Paris. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue, wie intensiv und dicht diese Stadt ist. Ein paar Stationen mit der Metro und man ist in einer anderen Welt. In Paris kann man sich an einem Tag quer und rund um den Globus treiben lassen und gleichzeitig bleibt man zweifellos immer in Paris.

Ich habe Ausstellungen und Museen besucht, Buchhandlungen abgeklappert, Open-air-Konzerten gelauscht, bin in verschiedenen Parks und bei „Paris Plages“ an der Seine gelegen, habe Freunde getroffen und bin durch die prachtvolle Stadt flaniert. Ein Lebensgefühl, das ich so nur aus Paris kenne. Mairie-de-Paris_aff_PARIS_PLAGES_2015_600px

Was für ein Glück, wenn man wieder einmal ganz nach seinem eigenen Rhythmus leben kann. Es ist schön, mit Schülern in Paris zu sein. Es ist schön, mit Kindern in Paris zu sein. Aber ganz allein in Paris zu sein ist auch schön – und, davon bin ich überzeugt, wichtig für eine Lehrerin, zumal wenn sie Französisch unterrichtet. 😉

In der FNAC habe ich ein paar pädagogische Bücher gekauft, zur Literaturvermittlung im Rahmen des Französischunterrichts, für Anfänger und mäßig Fortgeschrittene. Angesichts der Umstellung des Fremdsprachenunterrichts auf das reine Training der verschiedenen Teilkompetenzen eine eigentlich überflüssige Investition, die sich, und auch davon bin ich überzeugt, trotzdem lohnen wird …

Wie so oft habe ich mir auch diesmal wieder ein Buch von Georges Perec, einem der interessantesten französischen „Gegenwartsautoren“ (Perec ist bereits 1982 gestorben) gekauft: Penser/Classer. In diesem Buch stellt Perec die Frage, was Denken und Ordnen bedeutet:

Was bedeutet der Schrägstrich? Was werde ich da eigentlich gefragt? Ob ich denke, bevor ich ordne? Ob ich ordne, bevor ich denke? Wie ich das ordne, was ich denke? Wie ich denke, wenn ich ordnen will? (…) Es ist so verlockend, die ganze Welt nach einem einzigen Kriterium ordnen zu wollen, als ob ein universelles Gesetz die Gesamtheit aller Phänomene regeln würde: zwei Hemisphären, fünf Kontinente, männlich und weiblich, tierisch und pflanzlich, Einzahl Mehrzahl, rechts links, vier Jahreszeiten, fünf Sinne, sechs Selbstlaute, sieben Tage, zwölf Monate, sechsundzwanzig Buchstaben. Leider funktioniert es nicht, es hat noch nie angefangen zu funktionieren, es wird nie funktionieren. Dennoch wird man noch lange dieses oder jenes Tier kategorisieren, nach der ungeraden Zahl seiner Finger oder den hohlen Hörnern.¹

Ich finde, das könnte auch eine Aussage über die derzeit so intensiv betriebene „Vermessung der Bildung“ und die Ranking-Manie sein. (Dazu in Bälde.)

Ja, und die Dame, bei der ich früher immer wohnte, wenn ich in Paris war, ist gestorben. Sie war im 91. Lebensjahr. Als ich ihr vor ein paar Jahren erzählte, dass ich nunmehr als Lehrerin arbeiten würde, war sie nur mäßig von dieser Neuigkeit begeistert. Sie hatte mich immer für ausreichend begabt und strebsam gehalten, um an der Universität oder in einer anderen Forschungseinrichtung reüssieren zu können. Die Schule erschien ihr als eine Art intellektuelle Stagnation, vielleicht sogar als Rückschritt. Ich solle bedenken, dass auch ein brillanter Kopf mittelmäßig werde, wenn er sich nicht mehr entsprechend fordern würde. Das gab sie mir zum Abschied mit. Ich habe mir damals vorgenommen und will mich weiterhin daran erinnern, eingedenk der Worte der alten Dame, eine wirklich gute Lehrerin zu werden und Schule so zu betreiben, dass sie weder intellektuelle Stagnation noch Rückschritt bedeutet.

Anlässlich ihres Todes habe ich versucht, ein persönliches Porträt über sie zu schreiben. Ich mache es hier zugänglich und würde mich freuen, wenn es ein paar Leser fände: Maga. Portrait d’une femme bourgeoise (nemo)

¹ Georges Perec: Penser/Classer, Paris: Seuil 2003. Die Übersetzung stammt von mir.

Sonnenfinsternis

Da meine zweite Klasse gerade auf Schikurs ist, hatte ich heute das Vergnügen, in einer mir bisher unbekannten Klasse eine Stunde zu halten. ErstklässlerInnen, 10- bzw. 11-jährige Kinder, die bis vor Kurzem noch in die Volksschule gingen und nun seit Herbst bei uns in der Schule sind. „Sie kommt“, schallt es mir entgegen, als ich mich dem Klassenzimmer nähere. 23 Augenpaare richten sich auf mich, freundliche, aufgeweckte Kinder, ein paar von ihnen schon größer, die meisten aber noch ziemlich klein. Wer sind die? Was beschäftigt sie? Wie geht es diesen jungen Menschen in unserer doch recht großen Schule?

Zuerst unterhalte ich mich ein wenig mit ihnen. Frage sie, welche LehrerInnen sie haben, was sie in den verschiedenen Fächern gerade lernen, was sie beschäftigt. Fast alle wollen mir etwas erzählen. So viele Kinder, die aufzeigen, die mir etwas sagen möchten. Aber sie hören mir auch zu. Ganz besonders aufmerksam, sobald ich etwas von meiner eigenen Tochter erzähle. Dann zeigen sie mir, was sie im Fach Textiles Werken fabriziert haben: schicke Federpenale, elegante Handytaschen, lustige Bekleidung für irgendwelche mir unbekannten Plüschfiguren. Diejenigen, die das Fach Technisches Werken besuchen, erzählen mir, dass sie in diesem Schuljahr bereits ein Vogelhäuschen gebastelt haben und woran sie aktuell gerade werken (ich hab’s leider wieder vergessen).

Immer wieder lässt sich beobachten, wie begeistert die allermeisten Kinder von manueller Arbeit sind, wie gerne sie herzeigen, was sie selbst gemacht haben. In unserer Schule, einem wirtschaftskundlichen Realgymnasium, spielt Werken in der Unterstufe eine recht große Rolle. Man merkt, dass das den Kindern gut tut. Und wir haben richtig gute WerklehrerInnen, Profis, die ihr Fach studiert haben und es mit künstlerischem Anspruch vermitteln.

Anschließend habe ich mit der Klasse „Bruder Jakob“ auf Französisch gesungen. „Frère Jacques“ also. Ich habe ihnen erzählt, dass ich an der Schule neben Deutsch auch Französisch unterrichte. Sie haben mir umgehend mitgeteilt, welche französischen Wörter sie bereits kennen. Und wir haben gesungen, im Kanon, alle gemeinsam. Dafür, dass ich keine Musiklehrerin bin, wir das Lied nicht geübt haben und einfach so drauflos gesungen haben, hat es gar nicht mal so schlecht geklungen.

Dann aber mussten wir unbedingt in den Schulhof, um die Sonnenfinsternis zu sehen. Zwei Kollegen, Physiklehrer, haben Fernrohre so her- und eingerichtet, dass man die ziemlich verdeckte Sonne gut betrachten konnte. Natürlich waren wir im Schulhof nicht die Einzigen. Die halbe Schule war draußen, Große und Kleine bunt durcheinander gemischt. Es gab so ein Gewurl, dass ich die mir anvertrauten Kinder gleich nicht mehr erkannt habe. Welche waren denn nun meine? Wo ist die Klasse, mit der ich da bin? Suchend blicke ich mich um. Da bemerke ich mehrere auf mich gerichtete Augenpaare. Kinder, die mich erwartungsvoll anblicken, mir zeigen wollen, welche Fotos sie gemacht haben. Und da erkenne ich sie wieder, die Klasse, die ich bisher noch gar nie unterrichtet hatte und mit denen mich seit heute plötzlich etwas verbindet. – So schön und unaufregend kann Schule auch sein. (nemo)