Resonanzachse Schule

Neun Ferienwochen liegen hinter uns. Wochen, in denen man zu sich kommen konnte, in denen man neues ausprobieren, andere Welten kennenlernen, Literatur, Kunst und Kultur genießen konnte, ohne sich sofort überlegen zu müssen, wie man’s vermitteln soll. Wochen, in denen man Muße erleben durfte, in denen man neue Ideen auf sich zukommen und den Geist kreativ herumschweifen lassen konnte. Am Ende dieser langen Ferienzeit stellt sich tatsächlich wieder fast kindliche Freude auf die Schule ein. Man freut sich darauf, die SchülerInnen ebenso wie die KollegInnen wiederzusehen, man strotzt vor neuen Ideen und Vorhaben, selbst das Schulgebäude scheint einen anzulachen. Ja, die Freude auf die Schule – vielleicht ist sie sogar das Wertvollste, das uns die langen Ferien bescheren.

Der richtige Zeitpunkt also, um noch schnell Hartmut Rosas Konzept von Resonanz ein bisschen genauer zu erklären:

Wie bereits erwähnt, untersucht Rosa in seinem Buch unsere Beziehung zur Welt 58626unter dem Vorzeichen von Resonanz. Resonanz ist, so Rosa, ein Beziehungsmodus, in dem sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und transformieren. Das setzt voraus, dass sowohl Subjekt als auch Welt mit je eigener Stimme sprechen, dass also nicht einfach eine Echokammer der eigenen Wertvorstellungen gesucht wird. Vielmehr versteht Rosa Resonanz als eine Form der lebendigen Antwortbeziehung, durch die sich ein Subjekt die Welt anverwandelt und dabei selbst verändert wird.

Den Gegenbegriff zur Resonanz bildet Entfremdung. Entfremdung ist jene „Form der Weltbeziehung, in der Subjekt und Welt einander indifferent oder feindlich (repulsiv) und mithin innerlich unverbunden gegenüberstehen.“ (S. 316)

Unsere gegenwärtige Welt, die sich essentiell auf Ressourcen, Steigerung und Effizienz gründet, verwandelt viele potentiell resonante Beziehungen in stumme. Gleichzeitig ist die Sehnsucht der meisten Menschen nach Resonanz ungebrochen. Allerdings lässt sich diese nicht rein willentlich und schon gar nicht instrumentell herstellen. Die einzige Möglichkeit ist, möglichst stabile Resonanzachsen (Familie, Freundschaft, Arbeit, Natur, Kunst etc.) auszubilden und so dafür zu sorgen, dass Resonanzerfahrungen möglich werden.

Anstatt Resonanzerfahrungen zu ermöglichen, werden also immer mehr Bereiche des Lebens einer Logik von Beschleunigung und Steigerung unterworfen. Resonanzversprechende Erfahrungen hingegen werden in Nischenbereiche des Lebens verdrängt. Die Idee des guten Lebens, wie Rosa sie beschreibt, propagiert  stattdessen eine andere Verteilung. Gutes Leben würde bedeuten, dass wir zu einem besseren Gleichgewicht zwischen notwendiger stummer, technischer Weltbeziehung und möglicher antwortender, resonanter Weltbeziehung finden.

Schule jedenfalls kann so eine stabile Resonanzachse sein. Es liegt an uns allen – Lehrern wie Schülern – Unterricht, Lernen, Schulleben nicht als Form einer stummen Beziehung, sondern als lebendige Antwortbeziehung zu begreifen. Möge es uns trotz aller Widrigkeiten gelingen, eine Haltung zu bewahren oder anzunehmen, die zahlreiche und vielfältige Erfahrungen von Resonanz ermöglicht. Nicht nur zu Schulbeginn.

(nemo)

 

Angst, Verlogenheit, Niedertracht – und Hoffnung

Dank Philipp Bloms ebenso schöner wie gescheiter und wirklich nachdenklich stimmender Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele weiß ich so früh wie überhaupt noch nie, womit ich den Unterricht im Herbst beginnen werde. Die Textsorte Rede wollte ich mit den Achtklässlern ohnehin gleich zu Beginn wiederholen. 🙂

Nachdenklich gemacht hat mich am vergangenen Wochenende aber auch ein Kommentar im Standard: „Niedertracht als Nationalkostüm“ betitelte Petra Stuiber ihre Analyse der derzeitigen Politik in Österreich.

Bei den gegenwärtig stattfindenden Salzburger Hochschulwochen schließlich geht es in diesem Jahr ebenfalls um das Thema Angst. Die Vorträge beleuchten dieses so dominante Gefühl von ganz verschiedenen Seiten.

Die drei Quellen haben mich zu folgender Reflexion inspiriert:

Die Angst vor der Zukunft treibt die Menschen um. Wir spüren, dass unsere Lebensweise nicht mehr lange vereinbar ist mit unserem Planeten, weder in ökologischer noch in ökonomischer Hinsicht. Viele haben Angst, selbst zu den Verlierern zu zählen, wenn die verfügbaren Dinge nicht mehr für alle reichen. Das Gefühl, dass in unserer Welt etwas massiv nicht stimmt, trügt die Menschen nicht. Von der Politik aber kommt allzu oft eine verlogene Antwort, eine Antwort, die die Menschen zwar hören, die sie aber nicht glauben können. Und sie haben recht, wenn sie den einfachen Antworten, den Verheißungen auf Wohlstand für alle, auf stetes Wirtschaftswachstum und umfassende Sicherheit nicht glauben. Hinter den Antworten steckt tatsächlich häufig nichts anderes als der Versuch, sich selbst zu profilieren, und damit das Bemühen um die Karriere, den eigenen Wohlstand und die eigene Zukunft.

Politiker, die außer hohlen Phrasen, Gelaber und Gefasel wenig hervorbringen, sind ärgerlich. Aber es gibt Schlimmeres: Schlimmer nämlich sind jene, die nicht nur labern und faseln, sondern darüber hinaus die Ängste der Menschen ganz bewusst schüren und die Ausbildung niederer Instinkte bedienen. Menschen, die Angst haben und diese Angst durch Neid, Missgunst und Niedertracht zu kompensieren versuchen, vergiften im wahrsten Sinne des Wortes unser aller Zusammenleben. Frei nach dem Motto: Wenn ich selbst Angst habe und spüre, dass ich betrogen werde, sollen es diejenigen, die noch schlechter dran sind als ich, ausbaden. Dadurch verbessert sich zwar meine eigene Lage nicht, aber ich habe ein Ventil gefunden, durch das ich Dampf ablassen und mich so zumindest vorübergehend besser fühlen kann. Solange es anderen noch schlechter geht als mir, kann ich auf jemanden hinabblicken und mich dadurch selbst erhöhen. Derweilen lachen sich die Brandstifter ins Fäustchen und streifen ihre Gagen ein.

Dieser Mechanismus bedroht unser aller Leben. Er vergiftet das gesellschaftliche Klima, in dem wir leben, und untergräbt die Grundfesten der Demokratie. Die Brandstifter und ihre willfährigen Gehilfen gerieren sich als „lupenreine Demokraten“, faseln von Freiheit, den Werten der westlichen Welt und von Menschenwürde und schüren gleichzeitig Angst sowie Neid, Missgunst und Niedertracht. Sie schaffen sich damit die Voraussetzungen, um Gesetze zu verschärfen, Gelder zu kürzen und Menschen gegeneinander auszuspielen, bauen den Staat um und sichern sich ihre Pfründe. Man gebe den Menschen die Lizenz zur Niedertracht und erhalte im Gegenzug einen Freibrief zur Umgestaltung der Gesellschaft gemäß den eigenen Vorstellungen – und für den eigenen Vorteil.

Was tun angesichts dieser Entwicklungen? Die Missstände benennen, aufzeigen, immer wieder. Widerstand leisten, handeln, sich engagieren. Und die Hoffnung nicht aufgeben. Die Hoffnung auf ein anständigeres Leben, auf eine gerechtere Zukunft, auf bessere Menschen. Auf Menschen, die sich durch das Schicksal anderer, aber auch durch Kunst und Kultur berühren lassen, auf Menschen, die sich ihrer eigenen Menschlichkeit besinnen.

Der Glaube sei ein Programm zur Verschönerung der Welt, hat gestern ein Theologe in seinem Vortrag gesagt. Auch wenn für einen selbst der Glaube an Gott kein taugliches Mittel darstellt – der Arbeit an der Verschönerung der Welt bedarf es jedenfalls. (nemo)

 

 

 

 

Vom zivilisatorischen Niveau

Ganz was anderes heute: Im Morgengrauen habe ich in der Zeitung ein Gespräch mit einem Theaterregisseur gelesen, das mich einigermaßen beunruhigt hat. Es geht darin um die gesellschaftlichen Zustände in einem Land, zu dem ich keine besondere Verbindung habe. Das Land spielt, wiewohl es sich in Europa befindet, wenig Rolle in meinem Leben. Die geschilderten gesellschaftlichen und politischen Zustände aber sind erschreckend. Irgendwie packte mich heute in der Früh das Grauen.

Ich mache ein Experiment und gebe Teile des Artikels wieder – ohne jedoch das Land zu nennen, von dem die Rede ist. Ich kennzeichne die Veränderungen durch Auslassungszeichen:

Seine Landsleute hätten (…) nie gelernt, mit demokratischem Rüstzeug umzugehen. „Man hat uns gesagt, ihr könnt alle vier Jahre wählen gehen, den Rest erledigen wir.“ Eine Krankenpflegerin habe sich unlängst, so erzählt Schilling, an die Öffentlichkeit gewagt, um die schlechten Arbeitsbedingungen in (…) Spitälern anzuprangern, und kein einziger Kollege sei ihr beigestanden, obwohl jeder wisse, wie miserabel die Situation sei. Oder: Ein Universitätslehrer habe bei einer Demonstration die Verschlechterung im Bildungswesen beklagt und sei zwei Tage später von seinem Vorgesetzten ermahnt worden, es kein zweites Mal mehr zu tun. „Alle kuschen. Der existenzielle und psychische Druck ist enorm. Die Regierung hat das perfekt in der Hand.“ Es sprudelt aus Schilling heraus. Dabei geht es dem vielfach ausgezeichneten Regisseur und Gründer des heute nur noch als Produktionsplattform geführten (…)-Theaters nicht um seine Person oder die ihn betreffende Ächtung, sondern um den schlechten Befund von Mündigkeit und des Miteinanders, von dem verstärkt die Rede ist, seit sich weite Teile der europäischen Gesellschaften bedroht fühlen. „Die Menschen verhalten sich (…) mittlerweile wie im Mittelalter!“, sagt er.

Die rechtsnationale (…)-Partei betreibe auf allen Ebenen Angstpropaganda: Angst vor Brüssel, (…) Angst vor Migranten usw. „Und dann tritt (Name des Ministerpräsidenten) heraus und sagt, ich beschütze euch. Das ist die Geste des Königs!“ Und weiter: „Die Menschen fürchten sich mehr vor Migranten als vor dem Niedergang der Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen! Das ist doch gegen jeden Wert, das ist Antikultur. Das beunruhigt mich sehr. Was passiert hier mit unserem zivilisatorischen Niveau!?“

Das ganze Interview gibt’s hier.

(nemo)

 

„Zwei Stunden mehr“…

sind wieder einmal ein Thema. Und dieses Mal regt es mich gar nicht mehr sooo auf, wie im Februar 2009, als ich mein ganz persönliches Wissensmanagementblog mit dem Beitrag Lehrerin sein … startete. Damals war ich wirklich gekränkt, wie menschenverachtend mit uns umgegangen wurde. „Arbeitet halt ein paar Stunden mehr, bei eurer vielen Freizeit kann es ja wohl nicht DARAUF ankommen“ war die Botschaft, die bei mir angekommen ist.

Damals hatte ich eine volle Lehrverpflichtung, zwei schulpflichtige Kinder und das Masterstudium eEducation, das berufsbegleitend (zum großen Teil als Online-Veranstaltung) über Lehren mit digitalen Medien stattfand. Da war schon die eine oder andere Woche mit mehr als 80 Arbeitsstunden dabei. Und ich war ja nicht alleine! Allein in meiner Gruppe fanden es 25 weitere KollegInnen ebenfalls nötig, sich in diese Richtung fortzubilden und viel Zeit und Leidenschaft zu investieren.

Dieses Mal läuft wieder einmal alles über die Medien ab, aber die PolitikerInnen machen es „gescheiter“. „Reden kann man über alles“, meint unsere Unterrichtsministerin und nimmt Luft aus der Diskussion, die sicher nicht beendet ist. Aber wir sollen erst einmal ruhig sein und die teilzentrale Matura hinter uns bringen, die für uns durchaus Ablenkungspotential hat. Unsere SchülerInnen können ja nichts dafür. Der Staat muss sparen und wir LehrerInnen sind viele. 340 Millionen Euro fehlen. Perfekt geht sich das aus, wenn jede/r von uns zwei Stunden mehr unterrichtet. Wie praktisch! Meistens bedeutet das eine Klasse mehr, manchmal zwei, durchschnittlich 25 Kinder und Jugendliche mehr, die gut betreut werden sollen.

Und wieder einmal ist meine Zeit nichts wert, die Recherchen, die Vorbereitung, die Beratungen, die vielen Gespräche mit SchülerInnen und Eltern, die Besprechungen untereinander, wenn wir überlegen, wie wir was am besten machen, die Konferenzen, die Fortbildungen an unterrichtsfreien Nachmittagen und Samstagen, die Korrekturen von Hausübungen, Schularbeiten und Tests, die Vorbereitung und Abhaltung unserer VWA-Workshops, die Konferenzen, die Wandertage, die Sprach-, Sport- und Kreativwochen, der Jahresbericht, …

Messen lässt sich das freilich nicht. Messen lässt sich die Unterrichtszeit in den Klassen. Aber das ist halt nur ein Teil meiner Arbeit. Der, der weniger Zeit in Anspruch nimmt. (juhudo)

Weitere Meinungen zu diesem Thema (wird bei Fund fortgesetzt):
David Schwarzbauer: Warum ich nicht zwei Stunden länger in der Klasse stehen will