Sprechen und darüber Nachdenken in der „Neuen Normalität“

Ein paar Artikel, die ich an diesem Wochenende gelesen habe, möchte ich nicht verlieren. Es sind nachdenklich stimmende Beiträge, die sich sprach- und gesellschaftskritisch mit der „Neuen Normalität“ auseinandersetzen.

Zum einen handelt es sich um einen Beitrag des von mir überaus geschätzten Historikers und kritischen Intellektuellen Peter Huemer. Er fragt sich angesichts der Sprachverwendung unseres Innenministers, der „Verdachtsfälle zu isolieren“ und „Glutnester zu lokalisieren“ verspricht, in welche Gesellschaft wir da gerade hineinstolpern. (Leider sind in dem pdf-Dokument die Zeilenränder abgeschnitten – trotzdem denke ich, dass man den Beitrag einigermaßen lesen und verstehen wird können.)

Zum anderen möchte ich einen Beitrag von Regina Polak verlinken. Die Theologin reflektiert das schöne neue Wort „Hochfahren“, das uns derzeit täglich begleitet. Auch mir bereitet dieses Wort Unbehagen. (Auf den Artikel bin ich über das „Einserkastl“ von Hans Rauscher im Standard vom Wochenende gestoßen.)

Und zum dritten will ich auf den Essay der Philosophieprofessorin Anne Siegetsleitner verweisen. Sie macht sich als Philosophin im Ausnahmezustand Gedanken über unsere Gesellschaft und widmet ihren Beitrag dem Gedenken an Hannah Arendt. (Man muss auf der verlinkten Seite hinunterscrollen, bis man zu dem Beitrag gelangt.)

Zur Beruhigung angesichts dessen, was derzeit passiert, taugt keiner der drei Artikel. Kritisches Nachdenken aber befördern sie alle.

(nemo)

Vom menschlichen Maß nehmen. Nachdenken über „alternativloses“ Handeln

„Sollte beim Ergreifen von Maßnahmen nicht bedacht werden, dass bei diesem Vorgang Maß genommen wird, nicht Maß geraten?“, fragte sich Andrea Maria Dusl kürzlich in ihrer illustrierten Kolumne zum Thema „Corona-Kurven“.[1]  Maß genommen wurde und wird viel in diesen Zeiten: Man verbietet Menschen, sich zu treffen und sich nahe zu kommen, man hält Schulen, Gasthäuser und Ämter geschlossen, man riegelt Spielplätze ab, man hindert Menschen, an Begräbnissen teilzunehmen, man untersagt Theateraufführungen, Konzerte, Sportveranstaltungen und noch vieles mehr. Die Regierung verbietet uns unser bisheriges Leben und wir haben uns daran zu halten. Vielen, ja, den allermeisten scheint die Notwendigkeit all dieser Maßnahmen einzuleuchten. Sie nehmen die Einschränkungen hin, als wären sie unumgänglich. Alternativlos.

Ich selbst bin seit Wochen fassungslos. Wie kann eine Gesellschaft glauben, dass sie all das, worüber sie sich bisher definiert hat, nicht mehr braucht? Dass sie ihr Miteinander einfach abdrehen oder in einen körperlosen digitalen Raum auslagern kann? Was ist aus uns und unseren kulturellen Errungenschaften geworden?

Es scheint nur mehr ein Ziel zu geben: Hauptsache, die Sterblichkeitsrate sinkt. Der Tod ist zu einer rein statistischen Angelegenheit geworden, es geht nur mehr um Zahlen und Kurven. Die Menschen dahinter verschwinden. Der Zahl der Infizierten und Erkrankten wird jene der verfügbaren Atemgeräte auf den Intensivstationen entgegengehalten. Es wird gerechnet, modelliert und prognostiziert.

Aber ist das wirklich alles, worauf es beim Leben und Sterben von Menschen ankommt?

Der Kampf ums nackte Überleben ist entbrannt. Jenseits davon scheint alles verzichtbar. Grundversorgung und Intensivbetten – mehr brauchen wir offenbar nicht. Und diese fundamentale Reduktion wird dann auch noch mit dem Hinweis auf die Würde des Menschen gerechtfertigt. Als würde sich das Ausmaß an menschlicher Würde einzig und allein daran messen, dass wir im Krankenhaus künstlich beatmet werden können.

Wir alle gehen täglich vielerlei Risiken ein. Wir fahren mit dem Auto oder dem Fahrrad, wir arbeiten, wir gehen außer Haus. Immer öfter sind wir gezwungen, schlechte Luft einzuatmen. Viele Menschen haben Übergewicht, rauchen, essen und trinken ungesunde Sachen, fühlen sich gestresst, betreiben gefährliche Sportarten oder sitzen zu viel. Unser gesamtes Leben ist mit dem Risiko zu sterben behaftet. Jetzt aber zählt nur mehr das Risiko, am Coronavirus zu erkranken.

Jeden Tag sterben Menschen: an Krankheiten, an Unfällen oder schlicht an der unabänderlichen Tatsache, dass unser aller Leben irgendwann zu Ende geht. Bis vor kurzem hatte man darüber diskutiert, ob es nicht würdevoller sein könnte, Menschen am Ende ihres Lebens, anstatt sie intensivmedizinisch am Leben zu halten, in Ruhe sterben zu lassen. Jetzt sind solche Gedanken ungehörig, fast so, als würde man – alleine wenn man darüber nachdenkt, wie man selbst einmal sterben möchte oder was man den eigenen Eltern wünscht, – sich im Dunstkreis des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms bewegen. Getan wird, als ob es plötzlich darum gehen könnte, den Tod als solchen abzuschaffen. Wer dagegen ist, handelt zynisch und unmoralisch.

Abgeschafft werden soll aber nicht nur der Tod. Nein, bereits die Infektion selbst wird im Falle von Corona zum Skandalon. Die Zahlen der weltweit Infizierten werden öffentlich herumgereicht, als handelte es sich dabei um Einträge auf einer globalen Anklagetafel. Man mag an Krebs leiden, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden, doch an Corona zu laborieren, das geht nicht. Jedes Jahr erkranken Menschen schwer an der Grippe, gar nicht so wenige sterben daran, aber nein, an Corona darf nicht erkrankt und schon gar nicht gestorben werden. Deshalb sind alle Maßnahmen gerechtfertigt, deshalb muss das Ansteckungsrisiko nicht nur minimiert, es muss ausgeschlossen werden. Dass das Virus trotzdem nicht zu verharmlosen ist, versteht sich meines Erachtens von selbst.

Die Regierungen fast aller Staaten benehmen sich im Corona-Bekämpfungswettbewerb, als winkte dem Sieger die Übernahme der Weltherrschaft. In den Medien wird betont, was für eine wichtige Rolle der Politik jetzt wieder zukomme. In den letzten Jahren war politisches Handeln ja zunehmend durch marktkonformes Vorgehen ausgeschaltet worden. Der Markt hatte gesprochen und die Regierungen sind gefolgt. Der Spielraum zum Gegensteuern wurde immer kleiner. Jetzt sei plötzlich wieder die Politik am Zug und sage, wo’s langgeht. Aber ist das denn wirklich so? Ist das wirklich souveränes politisches Handeln, was derzeit stattfindet? Mir scheint, es ist vielmehr ein globaler politischer Gleichschritt, der nun vollzogen wird. Fast gar nichts wird in dieser Krise von einer einzelnen Regierung bestimmt. Alle machen dasselbe, und zwar auf der ganzen Welt. China hat die Maßnahmen vorexerziert und die ganze Welt kopiert sie. Wie immer gibt es Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Es sind beinahe überall die gleichen Maßnahmen, die beschlossen werden, mit dem – allerdings nicht unwesentlichen Unterschied –, dass die einen geschickter und die anderen hilfloser agieren. In Europa hat Italien, wohl auch, weil es das erste betroffene Land war, mit der hilflosen Version begonnen. Es waren die Bilder dieses Versagens, die uns alle kontaminiert haben. Bilder gehen nicht mehr weg, Bilder kann man nicht relativieren und auch nicht negieren. Das ist hinlänglich bekannt. Dagegen können wir jetzt nichts mehr machen. Zu hoffen ist nur, dass die Gründe ebenso wie die Hintergründe für das italienische Desaster eines Tages tatsächlich aufgeklärt werden.

Bei uns hat man, das Beispiel Italien vor Augen, in mancher Hinsicht geschickter agiert. Man hat die Menschen davon abgehalten, in die Arztpraxen und Krankenhäuser zu rennen. Stattdessen hat man die Infizierten daheim in häuslicher Quarantäne gehalten. Das hat – im Zusammenspiel mit dem immer noch hervorragenden österreichischen Gesundheitssystem – funktioniert. Auf diese Weise konnten die Ansteckungsraten gering gehalten werden. Aber trotzdem sah sich auch unsere Regierung bemüßigt, das volle Programm des „Shutdowns“ durchzuexerzieren.

Jetzt kommt man aus den Maßnahmen nicht mehr heraus. Jeder Schritt in eine „neue Normalität“ muss genau kontrolliert und mit dem geradezu grotesk anmutenden Zwang sich zu maskieren abgesichert werden. Ob es nicht gereicht hätte, die Menschen mit Symptomen zu isolieren und etwas mehr auf Hygiene sowie Abstand zu achten, wird man wohl kaum mehr herausfinden können. Denn mittlerweile wurde soviel Maß genommen, dass auch der Maßstab für die Pandemie selbst verloren gegangen ist. Jeder an Corona Infizierte, jeder an Corona Erkrankte, jeder an Corona Verstorbene ist nunmehr gleichermaßen ein Skandal wie ein Beweis für die Notwendigkeit der Maßnahmen.

All die anderen Toten nimmt man derweilen getrost in Kauf. Tragisch Verunglückte, an Krankheiten Verstorbene, ob jung, ob alt, sie zählen nicht.

Man lässt die Hinterbliebenen allein. Ihre Trauerfeiern werden zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden können. Als ob das eine Option wäre, wenn man einen geliebten Menschen verliert!

Man lässt die Alten und Kranken allein. Man lässt die Familien, Frauen und Kinder allein. Man nimmt die Arbeitslosen, die Verzweifelten, die Verarmten in Kauf. Koste es, was es wolle.

Man entmündigt eine Gesellschaft, man beschneidet Freiheiten, man riskiert die Demokratie. Man kümmert sich um die Grundversorgung der einen und lässt andere in Flüchtlingslagern oder auf dem Meer abkratzen, mittlerweile sogar, ohne überhaupt davon Notiz zu nehmen.

Wir dachten einmal, Teil einer zivilisierten Welt zu sein. Jetzt betrachten wir uns selbst und unsere Nächsten als potentielle Gefährder, begegnen einander, als wären Menschen nichts anderes als Virenschleudern.

Unserer Menschlichkeit dürfen wir uns indes virtuell versichern. In der digitalen Welt dürfen wir gemeinsam lachen und scherzen, musizieren und tanzen, arbeiten und lernen und können all den kulturellen Ritualen beiwohnen, die uns einmal als soziale Lebewesen aus Fleisch und Blut ausgemacht und miteinander verbunden haben. Zumindest die IT-Branche soll – ganz real allerdings – einen Grund zum Jubeln haben.

Vom menschlichen Maß wurde fast alles genommen, die Maßnahmen bleiben weiterhin aufrecht. Alternativlos aber waren sie nie.

„,Alternativlos’ ist ein anderer Begriff für ‚Keine Widerrede!’ und damit ein absolut undemokratisches Konzept. Es gibt immer eine Alternative“, so die deutsche Autorin und Verfassungsrichterin Juli Zeh.[2] Zeh hat bereits vor gut zehn Jahren einen in der Zukunft angesiedelten Roman über eine Art Gesundheitsdiktatur geschrieben.[3] Man sollte ihn wieder einmal lesen.

(nemo)

[1] Andrea Maria Dusl: „Die illustrierte Kolumne“, in: Salzburger Nachrichten, 18.4.2020

[2] Juli Zeh: „Es gibt immer eine Alternative“, in: Süddeutsche Zeitung, 4./5. April 2020

[3] Juli Zeh: Corpus Delicti, Schöffling & Co 2009

Warum wir in der Schule nicht genug über öffentliche Sachen sprechen

„In Schulen sollten wir mehr über öffentliche Sachen sprechen. Im Schulwesen gibt es eine sehr akademische Bildung, ohne große Reflexionen über die Gesellschaft.“ Das antwortete der britische Politologe Colin Crouch auf die Frage, ob wir in der Schule mehr Ökonomie bräuchten. Um die Komplexität unserer Welt und somit auch der Wirtschaft zu verstehen, bedürfe es nämlich, so der Politologe, nicht mehr Ökonomen als vielmehr ExpertInnen, die aus unterschiedlichen Disziplinen kommend über unsere Gesellschaft reflektieren.

Jetzt ist es zwar wahrlich nicht so, dass es im Schulwesen eine sehr akademische Bildung geben würde (ich fürchte, der geschätzte Colin Crouch hat da ein paar Jahrzehnte Entwicklung im Schulwesen verpasst), dass wir in den Schulen aber mehr über öffentliche Sachen sprechen sollten, finde ich auch. Der Grund dafür, warum wir es nicht ausreichend tun, liegt jedoch ganz woanders, als es der Politologe vermutet. Er liegt in der von Bildungsstandards, Kennzahlen und Kompetenzen geradezu beseelten Bildungspolitik, die seit einigen Jahren die Richtung vorgibt. Ja, es ist diese Idee einer Bildung, die sich vom Ende her denkt, die von Anfang an festlegt und vorschreibt, was am Ende alle können müssen, und die den Zuwachs an Kompetenzen akribisch und laufend misst und überprüft, die uns daran hindert, in der Schule ausreichend über die Gesellschaft zu reflektieren.

Mittlerweile wurden die gesamten Bildungsinhalte, von der Grundschule bis zur Reifeprüfung hinauf, in Kompetenzbeschreibungen und -raster übergeführt. Ständig gilt es heute ein Auge auf den „Output“ zu haben und zu beurteilen, ob eine Kompetenz überwiegend, zur Gänze, über das Wesentliche hinaus oder gar weit darüber hinaus erfüllt wurde. Wie sich dagegen der Lernprozess darstellt, welche Schwierigkeiten, Diskussionen, Abschweifungen oder Umwege dabei auftreten, spielt keine Rolle. Weder die besondere Situation einer Lerngruppe oder Klasse noch deren spezifische Interessen und schon gar nicht die aktuellen Bedürfnisse gilt es zu berücksichtigen. Nein, im Grunde geht es nur um die im Vorhinein festgelegten und messbaren Kompetenzen und den daran anschließenden Vergleich zwischen Klassen, Schulen, Bundesländern oder Nationen. Alles andere hat kein Gewicht.

Ich weiß schon, in der täglichen Praxis wird nichts so heiß gegessen wie gekocht. Es gibt immer noch genügend LehrerInnen, die sich der reinen Lehre des messbaren Könnens widersetzen und sehr wohl mit ihren Schülern viel über öffentliche Sachen reflektieren. Außerdem ist es ja natürlich auch im kompetenzorientierten Unterricht nicht verboten, über öffentliche Sachen zu sprechen. Trotzdem: In den letzten Jahren hat ein gewaltiger Umbruch in den Schulen stattgefunden, und diese Gewichtsverschiebung hat nicht dazu geführt, dass wir heute insgesamt mehr über die Gesellschaft reflektieren würden als davor. Oft fehlt nämlich heute, angesichts all der Kompetenzen, die aufgebaut und ständig überprüft werden müssen, ganz einfach die Zeit dafür.

Hinzu kommt, dass in den grundsätzlich „gesellschafts- und kulturlastigen“ Fächern, die ich unterrichte – Deutsch und Französisch – mit der Kompetenzorientierung auch eine inhaltliche Neuausrichtung stattgefunden hat. Nehmen wir das Beispiel des Deutschunterrichts: Noch vor wenigen Jahren galt Deutsch als Inbegriff eines gesellschaftlich orientierten Schulfachs, in dem viel Literatur (aber auch Zeitung) gelesen und davon ausgehend gesellschaftspolitisch relevante Fragen je nach Interessenslage der Klasse und des Lehrers oder der Lehrerin diskutiert wurden. Im Zuge der Kompetenzorientierung wurde der Fokus viel stärker auf die objektiv überprüfbare Schreib- und Lesefähigkeit gelenkt. Plötzlich war es wichtiger, Texten gezielt Informationen zu entnehmen, textsortenspezifisch zu schreiben, „Inputtexte“ einfließen zu lassen oder Sachtexte zusammenzufassen und zu analysieren. Worum es in den Texten (sowohl in den „Input“- wie auch in den „Outputtexten“) thematisch geht, welche gesellschaftspolitischen Fragen aufgeworfen, diskutiert und vertieft werden, ist weit weniger wichtig. Auch die Beschäftigung mit Literatur folgt der Logik des Kompetenzenerwerbs: Literaturgeschichtlicher Überblick mittels Textausschnitten im Schnelldurchlauf und Textanalyse – das war’s. Hauptsache, eine riesige Anzahl von Kompetenzen kann abgehakt werden, alles schnell, effizient und immer mit dem Fokus auf den Output. Gerade in der Oberstufe bleibt da kaum mehr Zeit, ein Thema wirklich zu vertiefen oder gar sich experimentell-kreativ damit auseinanderzusetzen. Am Ende müssen die Textsorten trainiert und der Themenpool für die Matura gefüllt sein. Ob im Unterricht „Ganztexte“ gelesen wurden, ob die darin aufgeworfenen Fragen eingehend diskutiert wurden, ob über verschiedene Perspektiven und Ansichten mündlich oder schriftlich nachgedacht wurde, ob der Zusammenhang zu anderen Fächern und deren Fragen hergestellt wurde, ob etwas ausprobiert oder gewagt wurde, ob individuelle Interessen der SchülerInnen (oder auch besondere Kenntnisse der LehrerInnen) zur Sprache kamen, ob vielleicht auch manches nicht funktioniert hat und das Scheitern eines Vorhabens reflektiert wurde – who cares? Hauptsache, die Leistungen der eigenen Klasse oder Schule werfen möglichst lange Balken im dazugehörigen Diagramm, mit dem die Ergebnisse von der Schulaufsicht verglichen und evaluiert werden.

Noch drastischer stellt sich die Situation in den Fremdsprachen dar. Der Erwerb einer fremden Sprache konnte einmal als ein sich öffnendes Tor in eine neue Welt, in eine andere Kultur begriffen werden. Da gab es etwas Fremdes zu entdecken, da konnte man über Unterschiede zur eigenen Kultur und Sprache nachdenken und anderes erfahren, als man es bislang gewohnt war. Damit das möglich war, musste man Vokabeln und Phrasen, Zeiten und Präpositionen lernen, keine Frage. Trotzdem konnte man auch bereits auf niedrigem sprachlichen Niveau über gesellschaftliche und kulturelle Besonderheiten erfahren und nachdenken. Heute werden hauptsächlich Fertigkeiten trainiert: Hören, Lesen, Sprechen und Schreiben. Die Themen, mit denen die Schüler konfrontiert werden, aber bewegen sich in der eigenen Lebenswelt, bleiben auf das beschränkt, was man bereits kennt: Hobbys, Sport, Kleidung, Essen, Schule, Internet, Beruf. Nur ja nichts Unbekanntes, bloß keine thematische Verstörung. Stattdessen hinlänglich Bekanntes, aber das dafür nur ja nicht zu knapp und so, dass man am Ende möglichst eloquent darüber palavern kann. Natürlich, ein bisschen Lokalkolorit, ein paar landeskundliche Informationen dürfen schon sein, ankommen aber tut es schlussendlich einzig und allein auf die kommunikative Kompetenz. Die Fremdsprachen wurden aus ihrer gesellschaftspolitischen Verankerung geradezu herausgerissen, indem man sie von jeglichem inhaltlichen Ballast bereinigt hat. Geschichtliche, literarische, philosophische, kulturelle Fragestellungen, die auch nur ein bisschen Wissen voraussetzen würden, kommen bei der Matura nicht vor. Hauptsache, die Kompetenzen können einzeln ge- und vermessen werden.

Sämtliche Fächer wurden an das Gängelband der Kompetenzorientierung genommen. Indem im Vorhinein genau festgelegt wurde, was am Ende des Lernprozesses herauskommen soll und was alle können müssen, wurden Diskussionen, Phasen des Suchens und Ausprobierens sowie Möglichkeiten der individuellen Vertiefung stark eingeschränkt. Die Fremdsprachenfächer wurden in ihrer gesellschaftspolitischen Relevanz derartig beschnitten, dass jenseits der Vermittlung von Sprachkompetenz nichts mehr übrig bleibt. Und selbst ein Fach wie Deutsch, früher ein Brennpunkt für Diskussionen aller Art, wird heute kaum mehr als gesellschaftspolitisch relevanter Unterrichtsgegenstand jenseits von Textkompetenz begriffen.

Ja, wir sollten in der Schule wieder mehr über die Gesellschaft reflektieren, das findet nicht nur Colin Crouch, das spüren viele. Vielleicht wird auch deshalb die Einführung des Schulfachs Ethik derzeit so vehement gefordert. (Manchmal kommt es mir fast wie eine Art Heilserwartung vor, die sich mit diesem Fach verknüpft.) Aber, so viel traue ich mir zu prognostizieren: Ethik alleine wird’s nicht richten, was in den anderen Fächern verbockt wurde.

(nemo)