Die Woche vor den Ferien

Und wieder ist der Schulschluss da. In den nächsten Wochen werden wir uns erholen, den Sommer genießen, abschalten und anschließend wieder Neues aufnehmen, Ideen entwickeln, manches vorbereiten, insgesamt aber Zeit für anderes als Schule haben. Das ist gut so. Und, davon bin ich überzeugt, wichtig, um mit Elan, Engagement und Freude den Lehrberuf ausüben zu können. Der Neid der WutbürgerInnen – der um diese Jahreszeit auftritt wie das Amen im Gebet – wird hoffentlich unbemerkt an uns abprallen.

Wie schön, aber eben auch anstrengend die Woche vor Schulschluss ist, will sicherlich kein Wutbürger wissen. Auch andere Leute meinen oft, da würde überhaupt nichts mehr getan. Weit gefehlt, kann ich nur sagen: In dieser Woche findet unglaublich viel gemeinsames Leben, Soziales, Emotionales, Zwischenmenschliches statt. Schule ist viel mehr als Unterricht und stures Lernen und nicht wenig von dem, was Schule eben auch ist, findet in der letzten Schulwoche geballt statt. Im Prinzip ist diese Woche  gleichzeitig Ernte, Pflege und Aufbereitung des sozialen Nährbodens. Ein solcher Nährboden ist meines Erachtens unerlässlich, damit das Unterfangen Schule überhaupt gelingen kann. Wie gut also, dass es diese Woche gibt! Und, um in meiner allzeit beliebten Gartenbaumetaphorik zu bleiben: Wie wichtig, dass der Nährboden jetzt ein bisschen Ruhe bekommt!

Ein Beispiel für das, was in der letzten Schulwoche stattfindet, sind die Happy Days, die bei uns am Montag und Dienstag auf dem Plan stehen. Schüler können sich ihre Kurse selbst wählen und sich per Internet dafür anmelden. Im Angebot gab’s auch diesmal wieder alles, was das Herz begehrt (und was wir LehrerInnen so können): Sportliches, Musisches, Soziales, Gesellschaftliches, Kulturelles, Aufregendes, Entspannendes, Lustiges, Ernstes, Spielerisches, Praktisches, Geistiges, Kulinarisches, Kreatives. Einfach ein Potpourri an allem Möglichen, was im Unterricht während des Jahres oft zu kurz kommt und trotzdem spannend, interessant und/oder lehrreich ist.

Eine Kollegin und ich wollten in diesem Jahr den UnterstufenschülerInnen ein bisschen Lust auf Französisch machen. Am Montag haben wir deshalb den kleinen Nick (Le petit Nicolas) in den Mittelpunkt des Vormittags gestellt. Wir haben den Erst- und ZweitklässlerInnen, die diesen Kurs gebucht hatten, den kleinen Nick und die anderen Figuren vorgestellt, wir haben ihnen Geschichten vorgelesen, Bilder zum Ausmalen gegeben, ein paar französische Wörter gelernt, Croissants gegessen und uns den Film „Der kleine Nick macht Ferien“ angesehen. Ein ruhiger, entspannter und lustiger Vormittag. Nichts Sensationelles, aber doch ein gelungener Kurs, der den TeilnehmerInnen und uns gut gefallen hat.

Für mich besonders schön ist, dass man bei den Happy Days endlich einmal genug Zeit für eine Sache hat und nicht nach 50 Minuten wieder aufhören, die Klasse, die Schulstufe und das Fach wechseln muss. Wir haben uns am Montag volle vier Stunden lang mit dem kleinen Nick beschäftigt, dazwischen gegessen und getrunken, ein bisschen geplaudert und dann wieder weitergemacht. Kein Schüler verlangte nach einer Pause und wir dachten irgendwie auch nicht daran. IMG_5540.JPG

Ebenso erfolgreich war der Dienstag: Wir haben ein Klassenzimmer in eine französische Crêperie verwandelt, anschließend Crêpes gebacken und ausführlich getestet. Der ganze Vormittag war eine schöne, runde und sehr befriedigende Sache, die allen Beteiligten Freude bereitete und die Kreativität und praktische Kompetenz der Schülerinnen förderte. Er bot ihnen und uns ein sowohl haptisches (es wurde gezeichnet, geschrieben, gebastelt, foliert, ausgeschnitten, geschmückt) als auch optisches (der Raum sah am Ende einfach wunderschön aus) sowie geschmackliches (die „Probecrêpes“ waren geradezu köstlich) Gesamterlebnis. IMG_5542

Und durch den Kurs am Vormittag konnten wir am Nachmittag beim Schulfest eine französische Crêperie betreiben, die ihrem Namen alle Ehre machte und weit mehr war als nur eine Essstation. Ein paar Erstklässlerinnen liefen zur Höchstform auf und „schupften“ den ganzen Betrieb. Bereits um 20.30 Uhr war weit und breit kein Teig mehr in Sicht, sämtliche Nougatcremes, Marmeladen und andere süße Füllungen verschmiert (und wir gierig allein nach dem Geruch von Pikantem). 🙂IMG_5537.JPG

Das Schulfest war natürlich ein Highlight und so schön, dass manch einer nicht und nicht nach Hause gehen wollte. Allein, dass so viele Ex-SchülerInnen kamen und mit uns feiern wollten, zeigt den positiven Stellenwert, den Schule für viele im Leben hat.

Am Tag danach, also gestern, gab’s dann den KV-Tag: Ein Tag, an dem man im Klassenverbund noch einmal einen Ausflug, eine Wanderung oder Ähnliches unternimmt. Ich bin mit meiner Klasse und der Partnerklasse auf einen großen Spielplatz gewandert, dort haben wir Tischtennis, Volleyball und Fußball gespielt, wir haben gepicknickt und gequatscht.

Heute war Aufräumen und Tische putzen angesagt, danach fand die Schlusskonferenz statt und anschließend haben wir LehrerInnen das Schuljahr im Kollegenkreis ausklingen lassen.

Morgen gibt’s dann die Zeugnisse. Vielen meiner SchülerInnen werde ich zum guten, manchen sogar zum ausgezeichneten Erfolg gratulieren, einige ermutigen, die Ferien nicht nur, aber auch zum Nachlernen zu nutzen, von ein paar aus unserer Klasse müssen wir uns verabschieden (zum Beispiel von der amerikanischen Gastschülerin, die dieses Jahr bei uns war). Wie jedes Jahr werde ich versuchen, allen ein paar Worte mitzugeben. Manchmal neige ich in solchen Situationen ein bisschen zum Pathos. Das müssen sie über sich ergehen lassen. Ich brauch‘ das – und sie kennen mich eh. (nemo)

 

 

Lob der Vielfalt. Und des Bemühens

Ausflüge, Besichtigungen, Wanderungen. Sportliche Aktivitäten (von Fischen bis Squash), kreative und strategische Spiele, Flamenco und Zumba. Yoga und Meditation, Begegnung mit Flüchtlingen sowie ein Fahrrad-Reparatur-Workshop. Foto-Safari, Schatzsuche, Filmclubs und Theaterpicknick. Molekulare Küche, biologische Experimente, Typveränderung durch Schminke und Kleidung und noch vieles mehr. Aus insgesamt 83 Kursen können unsere SchülerInnen auswählen, was sie in der letzten Schulwoche bei den sogenannten „Happy Days“ machen wollen. Man würde sich am liebsten vierteilen und selbst Schülerin sein, so attraktiv erscheint das Angebot. Jeder Lehrer, jede Lehrerin bietet an, was er oder sie gut kann, was ihm oder ihr Spaß macht – und die Schüler lieben es.

Keep Calm #6Darüber hinaus gilt es in diesen Tagen und Wochen, das Schulfest vorzubereiten, denn bald ist es wieder so weit: Unter dem Motto „It’s Showtime“ wird am Dienstag der letzten Schulwoche ein Fest auf die Beine gestellt, das sich sehen lassen kann. Auch hier gilt: Jeder bringt sich ein, jeder macht das, was er oder sie gerne macht, gut kann oder einfach nur das, was gebraucht wird. Und dann wird gemeinsam gefeiert: mit großer Bühne und Art Café, mit Disco und Chillout-Lounge, mit Crêperie und Tapas Bar, mit einer riesigen Tombola und mit der an unserer Schule ganz wichtigen LehrerInnen-Einlage …

Was in den letzten Schultagen besonders augenfällig wird, ist eigentlich auch während des Schuljahrs nicht viel anders (nur halt ein bisschen weniger spektakulär und lustig). Jede und jeder unterrichtet die Fächer, die sie oder er studiert hat und ergo gut kann, und jeder und jede macht darüber hinaus, was ihm oder ihr sonst noch liegt. Was da an einer Schule an unterschiedlichen Kompetenzen zusammenkommt, ist schon beeindruckend. Im Prinzip agieren wir als vielschichtiges System, das fast alles selbst erstellt und leistet: vom Programmieren verschiedener EDV-Tools über die Gestaltung des Schulhauses bis zur PR-Arbeit – ganz abgesehen von unserer nicht-fachlichen Hauptarbeit, nämlich der Erziehung, Begleitung, Beratung und Betreuung der Kinder und Jugendlichen durch den Tag, die Woche, das Jahr und den Großteil ihrer Schullaufbahn.

Damit das alles funktionieren kann (und es funktioniert trotz eklatanten Geldmangels und immer neuer zusätzlicher Vorschriften und Aufgaben gar nicht schlecht), bedarf es aber nicht nur unterschiedlicher Kompetenzen. Wir haben es an unserer Schule mit über 800 Kindern und Jugendlichen zu tun. Diese benötigen weder ferngesteuerte Marionetten noch emotionslose Roboter. Selbst gut ausgebildete einheitlich geformte Pädagogen sind für sie zu wenig. Die über 800 Individuen brauchen individuelle Lehrerinnen und Lehrer, Typen aller Art. Sie brauchen authentische Menschen mit Stärken und Schwächen, Vorbilder, Modelle. Lehrer, die sie nachahmen, aber auch Lehrer, an denen sie sich reiben können; Lehrer, die sie nett, aber auch solche, die sie streng finden; Lehrer, die ihnen cool, aber auch welche, die ihnen schrullig vorkommen. Kumpel-, Eltern-, Künstler-, Professoren-, Erzieher- und Großeltern-Typen, distanziertere und herzlichere, jüngere und ältere, lustigere und ernstere, lautere und leisere.

Es soll hier nicht der völligen Beliebigkeit des Lehrers das Wort geredet werden, der Individualität hingegen schon. Denn Schule sollte Vielfalt und Buntheit bedeuten, Schule sollte ein Ort sein, an dem unterschiedlichste Menschen zusammenkommen, alles Menschen freilich, denen es zuallererst um die Kinder geht.

Am Ende eines Schuljahres, wenn wir alle schon ziemlich k.o. sind und uns trotzdem aufschwingen, zu den Happy Days und zum Schulfest, wird es noch einmal so richtig sichtbar, was Schule ausmacht: ein bunter Haufen engagierter Menschen, die sich bemühen, im Sinne der Kinder zu handeln – jeder auf seine Art und jeder so gut er kann. (nemo)