Frankreich, meine Herkunft und ich

Für Colette Gourdault-Montagne (1924-2015)

Es gibt kein Land, das mich so sehr beschäftigt wie Frankreich. Ich will nicht über das aktuelle Geschehen schreiben, ich will über meine so lange und intensive Beziehung zu diesem Land, seiner Sprache und Kultur nachdenken. Gerade habe ich Didier Eribons autobiographische Studie Rückkehr nach Reims gelesen. Die deutsche Ausgabe ist erst kürzlich erschienen, in verschiedenen Zeitungen habe ich Rezensionen dazu gelesen. In meiner Lieblingsbuchhandlung habe ich das Buch zufällig liegen sehen – und gekauft. Und gegenwärtig habe ich glücklicherweise Zeit, solche Bücher zu lesen. 7252

Rückkehr nach Reims (Retour à Reims) ist die Auseinandersetzung des Autors mit seiner Herkunft. Eribon entstammt einer Arbeiterfamilie, ist in einer Sozialwohnung in Reims aufgewachsen. Er hat seine Familie früh verlassen und ist in Paris zum namhaften Biographen, Philosophen und Soziologen geworden. Mit seiner Homosexualität und dem damit einhergehenden Schamgefühl hat sich Eribon immer wieder auseinandergesetzt, mit seiner Herkunft bislang jedoch nie. In seinem (auf Französisch bereits 2009) erschienenen Buch stellt er sich nun selbst die Frage, warum es ihm offenbar schwerer fiel, über die „soziale Scham“ nachzudenken als über die sexuelle, und holt die Beschäftigung mit seiner Herkunft nach.

Wenn man, so wie ich, selbst aus so genannten einfachen Verhältnissen kommt, liest man das Buch zweifellos anders als jemand, der diese soziale Scham nicht kennt. Sicher, viele Einzelheiten verliefen bei mir anders, weniger radikal als bei Eribon, die Grundkonstante, dass man, um die Person zu werden, die man heute ist, sich von seiner Herkunft befreien muss, ist die gleiche.

Aufgrund seiner guten schulischen Leistungen kam Eribon aufs Gymnasium und dort in Kontakt mit den Kindern aus den bürgerlichen Schichten. Er beschreibt, wie ungleich schwieriger es für ihn war, sich jeweils für die „richtige“ Option zu entscheiden und sich aufgrund falscher Bildungsentscheidungen nicht selbst den sozialen Aufstieg zu verwehren. Dazu muss man wissen, dass das Bildungssystem in Frankreich viel weniger offen und durchlässig ist als in Österreich. Teilhabe an sozialer Macht ist dort nur durch elitäre Bildungswege möglich und elitäre Bildungswege sind für jemanden, der keine Ahnung davon hat, schwer zu beschreiten. Als sich Didier Eribon im Gymnasium aufgrund persönlicher Präferenzen für Spanisch statt für Deutsch entschied, wies ihn ein um sein „Fortkommen besorgter Französischlehrer“ darauf hin, dass seine Sprachwahl einen Rückschritt darstelle, da er seine „kostbare Zeit nun mit den schlechtesten Schülern des Gymnasiums vertrödeln würde“. Eribon reflektiert in seinem Buch:

Jedenfalls begriff ich sehr bald, dass ich es denjenigen gleichgetan hatte, die mir in sozialer Hinsicht ähnelten – nicht den Kameraden mit ähnlichen schulischen Leistungen. Man sieht, dass Kinder aus unterprivilegierten Schichten selbst dann stets in Gefahr sind, falsche Entscheidungen zu treffen, wenn sie sehr gute Leistungen bringen, und dass sie deshalb die besten Chancen haben, die elitären Bildungswege, für die man sich nicht nur schulisch, sondern auch sozial qualifizieren muss, zu verfehlen.¹

Ich glaube, dass es in Österreich, zumal nach den Bildungsreformen der 1970er Jahre, für den sozialen Aufstieg weniger bedeutsam war und ist, welchen Bildungsweg man einschlug bzw. einschlägt. Dennoch gab und gibt es natürlich auch hierzulande Entscheidungen zu treffen. Manche davon waren und sind dem sozialen Fortkommen zumindest zuträglicher als andere. Heute erscheint mir die Situation im Übrigen wieder viel selektiver zu sein als damals, als ich zur Schule ging. Vielleicht sitze ich aber auch einer Illusion über die damalige Situation auf, wer weiß.

Ich selbst besuchte die Hauptschule und anschließend eine berufsbildende höhere Schule, die Handelsakademie. Wirklich verwehrt hat mir dieser Bildungsweg den sozialen Aufstieg nicht. So richtig befördert hat er ihn aber natürlich auch nicht. Im Rückblick bin ich froh darüber, dass die Hauptschule, in die ich ging, eine wirklich gute war. (Aber: Wären die Schule und die dort unterrichtenden Lehrer schlechter gewesen, hätte das etwas an „meiner Wahl“ geändert?) Ich hatte das Glück, auf junge, aufgeschlossene Lehrer zu treffen, die um mein Fortkommen tatsächlich besorgt und bemüht waren. Mehr als einmal rieten sie meinen Eltern, mich doch ins Gymnasium zu schicken. Trotzdem passierte das nicht, wohl auch weil ich selbst es nicht wollte. Ich fühlte mich sicher im Dorf und in der Klasse und wollte nicht ganz alleine in die Stadt fahren. Daran kann ich bis heute nicht unbedingt etwas Schlechtes erkennen.

Nach der Hauptschule wäre eine Lehre für mich angedacht gewesen. Niemand von meinen Cousins und Cousinen besuchte damals eine höhere Schule. Für Mädchen wurde selbst der Lehrabschluss nicht unbedingt für nötig erachtet, heiratete man doch mitunter bereits davor. Mein einziger Wunsch war es, weiter zur Schule gehen zu dürfen. Welche Schule das sein würde, war mir egal. Meinen Eltern schien wichtig, dass es eine berufsbildende Schule war, denn nach der Matura auch noch studieren zu „müssen“, das war damals für uns alle schlichtweg unvorstellbar. So kam ich auf die Handelsakademie. Stenographie und Maschinschreiben, Rechnungswesen und BWL, aber immerhin auch Deutsch und Mathematik, Englisch und ein paar andere zumindest in den ersten Jahren noch allgemeinbildende Fächer.

Hinzu kam – ab der zweiten Klasse – Französisch als zweite lebende Fremdsprache. Es gab damals keine Wahl, alle mussten Französisch lernen. Hätte ich die Wahl zwischen Spanisch oder Italienisch und Französisch gehabt, wie hätte ich mich wohl entschieden? Nicht, dass die soziale Verteilung zwischen den Sprachen das Problem gewesen wäre. Diese klare Hierarchie, wie sie Eribon für Frankreich schildert, gab und gibt es hier nicht. Dennoch bin ich froh, damals keine Wahl gehabt zu haben. Nicht, dass ich Italienisch oder Spanisch geringer schätze. Auch das ist nicht das Problem. Aber das Französische hat mir eine Welt eröffnet, eine Welt, die mir, davon bin ich überzeugt, keine andere Sprache in dieser Weise eröffnet hätte. Französisch, die französische Sprache und in weiterer Folge die französische Literatur und Kultur – Frankreich tout court – haben mir Arbeiterkind einen Zugang zu sozialen Schichten ermöglicht, die mir sonst verschlossen geblieben wären. Das wäre bis zu einem gewissen Grad wahrscheinlich auch durch andere Sprachen so gekommen, mit dem Französischen als Bildungssprache par excellence aber scheint mir diese Entwicklung  weniger individuell zufällig als strukturell zwingend gewesen zu sein.

Lange hatte ich das Gefühl, in Frankreich gebe es gar keine gesellschaftliche Schicht mehr wie jene, der ich entstamme. Erst durch Bücher von Annie Ernaux und Danièle Sallenave habe ich die ganz „einfachen“ Menschen in Frankreich kennengelernt. Frankreich war und ist für mich das Andere. Dort bin ich selbstverständlicher Teil einer (gewissen) Bildungsschicht. Dass ich studiert habe, ist dort normal, man kennt mich ja nicht anders. In Frankreich habe ich erfahren, wie wichtig Bildung ist und wie selbstverständlich damit historisch-literarisch-kulturelle Bildung gemeint ist. In Frankreich habe ich aber auch erfahren, wie hierarchisch und auf Exklusion bedacht die französische Gesellschaft funktioniert. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit als universelle Idee – im realen Leben aber wird die Idee dann doch, und zwar sehr deutlich, nach Klassen geordnet. Diese Diskrepanz zwischen Realität und Idee ist sicherlich bedauernswert, gleichzeitig aber wird die Idee dadurch nicht obsolet.

Es gibt vieles, was man am realen Frankreich kritisieren kann oder könnte, genauso wie man Probleme und Schwächen der österreichischen oder anderer Gesellschaften benennen bzw. nationale Gesellschaften vielleicht sogar überhaupt in Frage stellen könnte. Für mich ist Frankreich aber viel mehr als ein Land oder eine Gesellschaft. Letztlich ist es zuallererst eine Idee. Frankreich ist mein Sehnsuchts- und Erinnerungsort, ein Teil des Anderen, das mich erst zu der Person werden ließ, die ich heute bin. (nemo)

¹ Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, aus dem Französischen von Tobias Haberkorn, Berlin, Suhrkamp 2016, S. 17of.