Unterm Rad

Mit meiner sechsten Klasse lese ich gerade Hermann Hesses „Unterm Rad“. Ich finde die Geschichte nach wie vor gut, die SchülerInnen, scheint mir, quält sie ein bisschen. Sie verstehen viele Wörter und Ausdrücke nicht mehr so recht und irgendwie hat sie Hans Giebenraths Schicksal auch noch nicht so wirklich gepackt. Vielleicht passiert es noch. Ich tue mein Bestes.

Ein bisschen etwas ist immerhin schon passiert. Wir haben neulich die Stelle gemeinsam gelesen und besprochen, in der Hesse mit den Lehrern abrechnet. Im Anschluss daran habe ich die SchülerInnen um ein Freewriting zum Thema Schule damals und Schule heute gebeten.

Hier zunächst die Textstelle aus „Unterm Rad“:

„(…) zwischen Genie und Lehrerzunft ist eben seit alters eine tiefe Kluft befestigt, und was von solchen Leuten sich auf Schulen zeigt, ist den Professoren von vornherein ein Greuel. (…) Ein Schulmeister hat lieber einige Esel als ein Genie in seiner Klasse, und genau betrachtet hat er ja recht, denn seine Aufgabe ist es nicht, extravagante Geister heranzubilden, sondern gute Lateiner, Rechner und Biedermänner. (…) Und so wiederholt sich von Schule zu Schule das Schauspiel des Kampfes zwischen Gesetz und Geist, und immer wieder sehen wir Staat und Schule atemlos bemüht, die alljährlich auftauchenden paar tieferen und wertvolleren Geister an der Wurzel zu knicken. Und immer wieder sind es vor allem die von den Schulmeistern Gehaßten, die Oftbestraften, Entlaufenen, Davongejagten, die nachher den Schatz unseres Volkes bereichern. Manche aber – und wer weiß wie viele? – verzehren sich in stillem Trotz und gehen unter.“¹

Und nun ein paar Auszüge aus den Statements der SchülerInnen. Gott sei Dank erscheint ihnen ihre Situation heute erträglicher und auch das, was wir von ihnen wollen, scheint anzukommen. Für einige, kommt mir vor, könnte es vielleicht sogar ein bisschen weniger kritische Meinungsbildung und Reflexion sein …

„Ich finde, bei uns ist es schon fast umgekehrt. Es geht um die Leistung, denn Respekt haben die meisten vor den Lehrern und wie man sich benimmt, ist eigentlich auch jedem klar. Viele Lehrer wollen, dass man mehr aus sich herauskommt und sich die eigene Meinung sagen traut.“

„Meiner Meinung nach wird heute ziemlich viel von den Schülern erwartet. Jeder Lehrer hält sein eigenes Fach für das wichtigste und keiner denkt so wirklich daran, dass die Schüler noch zehn andere Fächer haben, für die sie lernen müssen.“

„Die Schüler heute sollen mit Verstand lernen und zum Glück wird stures Auswendiglernen nicht mehr gut angesehen.“

„Heute werden Schüler meistens so unterrichtet, dass man alles hinterfragt und sich eigene Gedanken macht.“

„Auch wird heute von Schülern eher verlangt, kritisch zu denken und nicht nur alles dem Lehrer nachzuplappern, ohne darüber nachzudenken.“

„Auch wenn die Lehrer heute lieber kritische junge Menschen unterrichten, werden Schüler doch noch immer nach Regeln erzogen und am Ende versinkt man in der Gesellschaft, welche immer noch versucht, alle Menschen gleich zu steuern. Trotzdem hat sich der Schulalltag und auch die Einstellung der Lehrpersonen verändert und man versucht, den Schülern Selbständigkeit, freie Meinungsäußerung und kritisches Denken zu vermitteln.“

¹ Hermann Hesse: Unterm Rad (1906), Frankfurt/Main, Suhrkamp 1972, S. 90f.