Vom menschlichen Maß nehmen. Nachdenken über „alternativloses“ Handeln

„Sollte beim Ergreifen von Maßnahmen nicht bedacht werden, dass bei diesem Vorgang Maß genommen wird, nicht Maß geraten?“, fragte sich Andrea Maria Dusl kürzlich in ihrer illustrierten Kolumne zum Thema „Corona-Kurven“.[1]  Maß genommen wurde und wird viel in diesen Zeiten: Man verbietet Menschen, sich zu treffen und sich nahe zu kommen, man hält Schulen, Gasthäuser und Ämter geschlossen, man riegelt Spielplätze ab, man hindert Menschen, an Begräbnissen teilzunehmen, man untersagt Theateraufführungen, Konzerte, Sportveranstaltungen und noch vieles mehr. Die Regierung verbietet uns unser bisheriges Leben und wir haben uns daran zu halten. Vielen, ja, den allermeisten scheint die Notwendigkeit all dieser Maßnahmen einzuleuchten. Sie nehmen die Einschränkungen hin, als wären sie unumgänglich. Alternativlos.

Ich selbst bin seit Wochen fassungslos. Wie kann eine Gesellschaft glauben, dass sie all das, worüber sie sich bisher definiert hat, nicht mehr braucht? Dass sie ihr Miteinander einfach abdrehen oder in einen körperlosen digitalen Raum auslagern kann? Was ist aus uns und unseren kulturellen Errungenschaften geworden?

Es scheint nur mehr ein Ziel zu geben: Hauptsache, die Sterblichkeitsrate sinkt. Der Tod ist zu einer rein statistischen Angelegenheit geworden, es geht nur mehr um Zahlen und Kurven. Die Menschen dahinter verschwinden. Der Zahl der Infizierten und Erkrankten wird jene der verfügbaren Atemgeräte auf den Intensivstationen entgegengehalten. Es wird gerechnet, modelliert und prognostiziert.

Aber ist das wirklich alles, worauf es beim Leben und Sterben von Menschen ankommt?

Der Kampf ums nackte Überleben ist entbrannt. Jenseits davon scheint alles verzichtbar. Grundversorgung und Intensivbetten – mehr brauchen wir offenbar nicht. Und diese fundamentale Reduktion wird dann auch noch mit dem Hinweis auf die Würde des Menschen gerechtfertigt. Als würde sich das Ausmaß an menschlicher Würde einzig und allein daran messen, dass wir im Krankenhaus künstlich beatmet werden können.

Wir alle gehen täglich vielerlei Risiken ein. Wir fahren mit dem Auto oder dem Fahrrad, wir arbeiten, wir gehen außer Haus. Immer öfter sind wir gezwungen, schlechte Luft einzuatmen. Viele Menschen haben Übergewicht, rauchen, essen und trinken ungesunde Sachen, fühlen sich gestresst, betreiben gefährliche Sportarten oder sitzen zu viel. Unser gesamtes Leben ist mit dem Risiko zu sterben behaftet. Jetzt aber zählt nur mehr das Risiko, am Coronavirus zu erkranken.

Jeden Tag sterben Menschen: an Krankheiten, an Unfällen oder schlicht an der unabänderlichen Tatsache, dass unser aller Leben irgendwann zu Ende geht. Bis vor kurzem hatte man darüber diskutiert, ob es nicht würdevoller sein könnte, Menschen am Ende ihres Lebens, anstatt sie intensivmedizinisch am Leben zu halten, in Ruhe sterben zu lassen. Jetzt sind solche Gedanken ungehörig, fast so, als würde man – alleine wenn man darüber nachdenkt, wie man selbst einmal sterben möchte oder was man den eigenen Eltern wünscht, – sich im Dunstkreis des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms bewegen. Getan wird, als ob es plötzlich darum gehen könnte, den Tod als solchen abzuschaffen. Wer dagegen ist, handelt zynisch und unmoralisch.

Abgeschafft werden soll aber nicht nur der Tod. Nein, bereits die Infektion selbst wird im Falle von Corona zum Skandalon. Die Zahlen der weltweit Infizierten werden öffentlich herumgereicht, als handelte es sich dabei um Einträge auf einer globalen Anklagetafel. Man mag an Krebs leiden, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden, doch an Corona zu laborieren, das geht nicht. Jedes Jahr erkranken Menschen schwer an der Grippe, gar nicht so wenige sterben daran, aber nein, an Corona darf nicht erkrankt und schon gar nicht gestorben werden. Deshalb sind alle Maßnahmen gerechtfertigt, deshalb muss das Ansteckungsrisiko nicht nur minimiert, es muss ausgeschlossen werden. Dass das Virus trotzdem nicht zu verharmlosen ist, versteht sich meines Erachtens von selbst.

Die Regierungen fast aller Staaten benehmen sich im Corona-Bekämpfungswettbewerb, als winkte dem Sieger die Übernahme der Weltherrschaft. In den Medien wird betont, was für eine wichtige Rolle der Politik jetzt wieder zukomme. In den letzten Jahren war politisches Handeln ja zunehmend durch marktkonformes Vorgehen ausgeschaltet worden. Der Markt hatte gesprochen und die Regierungen sind gefolgt. Der Spielraum zum Gegensteuern wurde immer kleiner. Jetzt sei plötzlich wieder die Politik am Zug und sage, wo’s langgeht. Aber ist das denn wirklich so? Ist das wirklich souveränes politisches Handeln, was derzeit stattfindet? Mir scheint, es ist vielmehr ein globaler politischer Gleichschritt, der nun vollzogen wird. Fast gar nichts wird in dieser Krise von einer einzelnen Regierung bestimmt. Alle machen dasselbe, und zwar auf der ganzen Welt. China hat die Maßnahmen vorexerziert und die ganze Welt kopiert sie. Wie immer gibt es Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Es sind beinahe überall die gleichen Maßnahmen, die beschlossen werden, mit dem – allerdings nicht unwesentlichen Unterschied –, dass die einen geschickter und die anderen hilfloser agieren. In Europa hat Italien, wohl auch, weil es das erste betroffene Land war, mit der hilflosen Version begonnen. Es waren die Bilder dieses Versagens, die uns alle kontaminiert haben. Bilder gehen nicht mehr weg, Bilder kann man nicht relativieren und auch nicht negieren. Das ist hinlänglich bekannt. Dagegen können wir jetzt nichts mehr machen. Zu hoffen ist nur, dass die Gründe ebenso wie die Hintergründe für das italienische Desaster eines Tages tatsächlich aufgeklärt werden.

Bei uns hat man, das Beispiel Italien vor Augen, in mancher Hinsicht geschickter agiert. Man hat die Menschen davon abgehalten, in die Arztpraxen und Krankenhäuser zu rennen. Stattdessen hat man die Infizierten daheim in häuslicher Quarantäne gehalten. Das hat – im Zusammenspiel mit dem immer noch hervorragenden österreichischen Gesundheitssystem – funktioniert. Auf diese Weise konnten die Ansteckungsraten gering gehalten werden. Aber trotzdem sah sich auch unsere Regierung bemüßigt, das volle Programm des „Shutdowns“ durchzuexerzieren.

Jetzt kommt man aus den Maßnahmen nicht mehr heraus. Jeder Schritt in eine „neue Normalität“ muss genau kontrolliert und mit dem geradezu grotesk anmutenden Zwang sich zu maskieren abgesichert werden. Ob es nicht gereicht hätte, die Menschen mit Symptomen zu isolieren und etwas mehr auf Hygiene sowie Abstand zu achten, wird man wohl kaum mehr herausfinden können. Denn mittlerweile wurde soviel Maß genommen, dass auch der Maßstab für die Pandemie selbst verloren gegangen ist. Jeder an Corona Infizierte, jeder an Corona Erkrankte, jeder an Corona Verstorbene ist nunmehr gleichermaßen ein Skandal wie ein Beweis für die Notwendigkeit der Maßnahmen.

All die anderen Toten nimmt man derweilen getrost in Kauf. Tragisch Verunglückte, an Krankheiten Verstorbene, ob jung, ob alt, sie zählen nicht.

Man lässt die Hinterbliebenen allein. Ihre Trauerfeiern werden zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden können. Als ob das eine Option wäre, wenn man einen geliebten Menschen verliert!

Man lässt die Alten und Kranken allein. Man lässt die Familien, Frauen und Kinder allein. Man nimmt die Arbeitslosen, die Verzweifelten, die Verarmten in Kauf. Koste es, was es wolle.

Man entmündigt eine Gesellschaft, man beschneidet Freiheiten, man riskiert die Demokratie. Man kümmert sich um die Grundversorgung der einen und lässt andere in Flüchtlingslagern oder auf dem Meer abkratzen, mittlerweile sogar, ohne überhaupt davon Notiz zu nehmen.

Wir dachten einmal, Teil einer zivilisierten Welt zu sein. Jetzt betrachten wir uns selbst und unsere Nächsten als potentielle Gefährder, begegnen einander, als wären Menschen nichts anderes als Virenschleudern.

Unserer Menschlichkeit dürfen wir uns indes virtuell versichern. In der digitalen Welt dürfen wir gemeinsam lachen und scherzen, musizieren und tanzen, arbeiten und lernen und können all den kulturellen Ritualen beiwohnen, die uns einmal als soziale Lebewesen aus Fleisch und Blut ausgemacht und miteinander verbunden haben. Zumindest die IT-Branche soll – ganz real allerdings – einen Grund zum Jubeln haben.

Vom menschlichen Maß wurde fast alles genommen, die Maßnahmen bleiben weiterhin aufrecht. Alternativlos aber waren sie nie.

„,Alternativlos’ ist ein anderer Begriff für ‚Keine Widerrede!’ und damit ein absolut undemokratisches Konzept. Es gibt immer eine Alternative“, so die deutsche Autorin und Verfassungsrichterin Juli Zeh.[2] Zeh hat bereits vor gut zehn Jahren einen in der Zukunft angesiedelten Roman über eine Art Gesundheitsdiktatur geschrieben.[3] Man sollte ihn wieder einmal lesen.

(nemo)

[1] Andrea Maria Dusl: „Die illustrierte Kolumne“, in: Salzburger Nachrichten, 18.4.2020

[2] Juli Zeh: „Es gibt immer eine Alternative“, in: Süddeutsche Zeitung, 4./5. April 2020

[3] Juli Zeh: Corpus Delicti, Schöffling & Co 2009

„Finden ohne Suchen“. Flanieren in der Bibliothek

Teresa Präauer hat vor einiger Zeit einen schönen Text über den Wert von Freihandbibliotheken geschrieben. Ihr Plädoyer für diese Art von Bibliothek, in der die Bücher präsent sind, herausgenommen, aber auch wieder zurückgestellt werden können, haben wir heute im Wahlpflichtfach Deutsch zum Anlass genommen, um uns in der schuleigenen Bibliothek herumzutreiben. Wir wollten Bücher finden, ohne wirklich danach zu suchen – erst recht nicht mittels einer Suchmaschine. Nach einiger Zeit des „Flanierens in der Bibliothek“ haben wir uns zusammengesetzt und „Blindes Texte-Raten“ gespielt – ungefähr so, wie es Teresa Präauer am Ende ihres Artikels beschreibt: Man liest die erste Seite eines Buches vor und die anderen raten, wer es geschrieben haben könnte. Ist es ein zeitgenössischer oder schon ein älterer Text? Wurde er von einem Mann oder einer Frau verfasst? Handelt es sich um deutschsprachige oder übersetzte Literatur?

Wie immer wurde uns die Zeit zu kurz – auch deshalb allerdings, weil wir uns davor noch den Filmtrailer angeschaut haben, den drei der SchülerInnen im Rahmen ihres Deutschunterrichts zu Juli Zehs Corpus Delicti gedreht hatten. Die anderen KursteilnehmerInnen (und ich) waren von der dramatischen Qualität des Trailers begeistert. Ganz nebenbei und (fast) ohne mein Zutun wurde auf diese Weise zusätzlicher „Stoff“ besprochen. Wir haben über den Inhalt des Romans und über die Autorin geredet, ich habe die Begriffe „Dystopie“ und „engagierte Literatur“ beigesteuert – und die SchülerInnen, die nicht am Filmprojekt beteiligt waren, haben ein Buch kennengelernt, das ein paar vielleicht sogar bis zum nächsten Mal (oder auch später einmal) lesen werden …

(nemo)

Kulturtechnik Schreiben

Was nicht alles zu kurz kommt in der Schule! Wir bräuchten mehr Zeit für dies und noch viel mehr für das. Ständig erreichen uns neue Forderungen, welche Kompetenzen unsere Schüler auch noch erwerben sollten. Andauernd wird festgestellt, was sie zu schlecht können, was sie besser können müssten, woran es in der Schule mangelt und wo diese gleich ganz versagt. Ziemlich weit oben auf der „Bestenliste der schulischen Versäumnisse“ liegt der Dauerbrenner Lesen & Schreiben, quasi ein Klassiker der „Mangelkompetenzen“.

Übers Lesen habe ich in letzter Zeit öfter nachgedacht, heute soll wieder einmal aufs Schreiben draufgeschaut werden. Woran liegt es, dass Schreiben zu einer schier unüberwindlichen Hürde geworden ist?

In einer Folge von Biene Maja – ich weiß nicht mehr genau in welcher – stöhnt der faule Willi: „Ach, immer dieses Fliegen. Ich hab’s nie richtig gelernt.“ Wie so vieles, was Willi sagt, klingt das lustig. Eine Biene, die nicht richtig fliegen kann! Nun hinkt der Vergleich zwischen der den Bienen angeborenen Fähigkeit zu fliegen und der den Menschen eben nicht angeborenen Fähigkeit zu schreiben natürlich gewaltig – dennoch: Schreiben ist eine elementare Kulturtechnik, die alphabetisierte Menschen normalerweise so erlernen können, dass sie ihnen leicht von der Hand geht. Wenn man sieht, wie viele alte Menschen flüssig und selbstverständlich korrekt schreiben, obwohl sie keine höhere Schule besucht haben, und wie viele Kinder und Jugendliche selbst im Gymnasium Schreiben mühsam finden und Schwierigkeiten haben, es korrekt auszuführen, fragt man sich allerdings, was da in den letzten Jahren passiert ist.

Für mich liegt auf der Hand, dass die zunehmende Digitalisierung unseres Alltags die Hauptschuld an dieser Entwicklung trägt. Wenn schon kleine Kinder häufiger tippen als schreiben, bleibt die Geläufigkeit auf der Strecke. Jede handschriftliche Notiz, die über ein paar Wörter hinausgeht, wird dann zur Qual. Von der fehlenden Übung des korrekten Schreibens ganz zu schweigen. Ja, aber auf Computer, Tablet oder Smartphone schreibe man ja auch, wird von sich fortschrittlich wähnender Seite dagegengehalten. Und überhaupt würden Kinder heute sogar mehr als früher schreiben, schließlich kommunizieren sie vorwiegend schriftlich über Whatsapp & Co.

Aus meiner Sicht werden da mindestens zwei Dinge durcheinandergebracht. Schreiben lernt man, indem man einen Stift in die Hand nimmt und schreibt. Unterschiedliche und feine Handbewegungen, Rhythmus und Gefühl spielen dabei eine wichtige Rolle. Tippen ist eine ganz andere, was Bewegung, Rhythmus und Gefühl anbelangt, vergleichsweise grobmotorische Tätigkeit, die erst dann zum Einsatz kommen sollte, wenn die Handschrift wirklich ausgeprägt ist. Und auch danach muss immer wieder mit der Hand geschrieben werden, weil man nur durch häufiges und längeres Schreiben Leichtigkeit und Sicherheit bei diesem Tun entwickelt. Auch die zahlreichen Fehler in der Rechtschreibung, die Schüler heute machen, haben nämlich viel mit mangelnder Übung zu tun. Wörter und Sätze immer wieder korrekt, rhythmisch und lesbar schreiben würde in vielen Fällen zum Erfolg führen – so wirklich cool und fortschrittlich kommt eine solche Forderung aber natürlich nicht daher.

Zu der Vermischung von Tippen und Schreiben kommt aber noch etwas: Die angeblich schriftliche Kommunikation, die per Smartphone ausgeübt wird, besteht vielfach nämlich nur aus Textbausteinen, Bildern und Fotos und hat nicht nur nichts mit Schreiben, sondern auch mit Schriftlichkeit wenig zu tun. Im Ausnahmefall entsteht in der Whatsapp-Kommunikation ein kurzer Text, in den meisten Fällen sind es, wenn überhaupt, bloß unzusammenhängende Wörter oder Halbsätze.

Die so genannte „schriftliche“ Kommunikation, die von Kindern und Jugendlichen heute betrieben wird, führt insofern eher vom Schreiben weg, als dass sie ein wirkliches Schreiben bedeuten würde. Dass die neue Form des Schreibens etwas anderes ist, spiegelt sich übrigens auch in der Sprache der Kinder wider: Anstatt jemandem zu schreiben, schreiben sie „mit jemandem“: So wie man mit jemandem spricht, chattet oder zockt, schreibt man also neuerdings mit jemandem. Das andere Schreiben aber hat man – ebenso wie Willi das Fliegen – nie richtig gelernt. Vielleicht sollte man es ja in der Schule mehr üben. Allerdings, bei all dem, was wir auch noch tun müssen, bleibt dafür wirklich keine Zeit. Und ziemlich retro ist es obendrein, wo fürderhin doch schon im Kindergarten digitale Grundkompetenzen vermittelt werden sollen! (nemo)

PS: Um einen ganz anderen Aspekt von Schreiben, nämlich um den Zusammenhang von Schreiben, Peinlichkeit und Öffentlichkeit dreht sich ein interessanter Artikel von Juli Zeh, den ich neulich gelesen habe. Ich verlinke den Artikel hier: Privatsphäre und Literatur: Ich bin, was ich verberge

PS2: Ein in diesem Zusammenhang relevanter Buchtitel ist mir dieser Tage noch untergekommen: Maria-Anna Schulze Brüning / Stephan Clauss: Wer nicht schreibt, bleibt dumm. Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen (Piper). Ich glaub, da muss ich mal reinschauen …

 

Anders als geplant

R.A.K. In Juli Zehs Roman Corpus Delicti steht diese Abkürzung für „Recht auf Krankheit“. In der Gesellschaft, die in diesem Roman entworfen wird, gibt es keine Krankheiten mehr, die Menschen sind soweit optimiert und kontrolliert, dass es zu keinen Erkrankungen mehr kommt. Dafür, könnte man sagen, ist das ganze System – METHODE genannt – krank. Einzig die Mitglieder der R.A.K. wollen sich nicht unterordnen und kämpfen für die Freiheit, krank sein zu dürfen.

Im „ÖkoStandard“ habe ich heute einen Artikel über unmenschliche Arbeitsbedingungen für Näherinnen in Nicaragua gelesen. Damit wir in Europa und Nordamerika T-Shirts um fünf Euro kaufen können, rackern sich Frauen wie Erica Martinez Reyes zehn Stunden pro Tag, sechs Tage in der Woche weit weg von ihrem Heimatdorf ab, für knapp 150 Euro Monatslohn. Krank zu sein bedeutet für die Arbeiterin einen Einkommensverlust, trotzdem lächelt sie glücklich, wenn sie krank ist. Es bedeutet für sie nämlich auch zu Hause zu sein und ihren siebenjährigen Sohn zu sehen, der normalerweise bei der Großmutter aufwächst.

Ich bin auch gerade krank – und kann es kaum fassen. Zu Schulbeginn, jetzt, wo es so viel zu besprechen, zu organisieren und zu planen gibt, wo ich das Gefühl habe, unbedingt in die Schule zu müssen, erfasst mich eine Stirnhöhlenentzündung und zwingt mich ins Bett. Zwar darf ich krank sein, niemand macht mir meine Krankheit zum Vorwurf. Auch auf meinen Gehaltszettel werden sich die Krankheitstage nicht auswirken. Dennoch habe ich das Gefühl, dass es nicht sein dürfte, frage mich, wie es passieren konnte, dass ich einfach krank werde. Denn ich selbst kann offenbar überhaupt nicht damit umgehen, dass ich nicht perfekt funktioniere, schon gar nicht jetzt, wo ich doch gerade Ferien hatte und viren- und bakterienresistent sein müsste.

Meine Hybris zu glauben, ich dürfte nicht krank werden, schon gar nicht zu Schulbeginn, ist im Grunde lächerlich. Wie oft schon habe ich zu anderen Menschen gesagt, man solle froh sein, wenn man gesund ist, darauf einbilden aber brauche man sich nichts. Und gleichzeitig war ich insgeheim davon ausgegangen, dass das für mich selbst eh keine Relevanz haben würde. Denn ich würde ja nicht krank werden. Schon gar nicht zu Schulbeginn.

Wenigstens kann ich, wenn ich schon nicht unterrichten, planen, organisieren und besprechen kann, Radio hören und – in kleinen Dosen – lesen. So habe ich heute den beeindruckenden Roman Der Schrei des Löwen von Ortwin Ramadan zu Ende gelesen. Erzählt wird in diesem Buch die Geschichte des 16-jährigen Nigerianers Yoba, der sich mit seinem zwölfjährigen Bruder Chioke auf den Weg durch die Sahara und über das Mittelmeer macht. Meines Erachtens eignet sich das Buch hervorragend, um über das Thema Flüchtlinge zu reden. Es schafft Empathie und stellt auf eindringliche Weise dar, zu welchen Tragödien es auf den Fluchtwegen kommt. Gleichzeitig ist es spannend geschrieben und hält gerade für jugendliche LeserInnen vielfache Identifiktionsangebote parat. – Eigentlich wollte ich das Buch ja gleich mit meiner neuen fünften Klasse lesen. Das verzögert sich jetzt leider ein bisschen. (nemo)

Themenpool revisited: Warum, nicht wozu!

Die von mir sehr geschätzte Autorin Juli Zeh hielt in einer 2009 verfassten Rede anlässlich einer Literaturpreisverleihung ein Plädoyer für das Warum. Da heißt es:

Die Kinderfrage des 21. Jahrhunderts lautet nicht mehr „Warum?“ – sie lautet: „Wozu?“ Warum und Wozu sind Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die „Warum“-Frage forscht in die Vergangenheit. Sie erkundigt sich nach Ursachen, nach Hinter- und Beweggründen, möchte Zusammenhänge erwägen. Sie ist nachdenklich, vielleicht ein wenig introvertiert; sie appelliert an das Gedächtnis, interessiert sich für Motive, vielleicht sogar für eine moralische Gestimmtheit. Ihre Schwester „Wozu“ ist frecher. Schneller. Fordernder. Irgendwie zeitgemäßer. Ihr Blick richtet sich in die Zukunft. Wozu gehen wir arbeiten, treffen Freunde, lesen Bücher, treiben Sport? Mit welchem Nutzen? Was ist der Zweck? Gibt es Maßstäbe, die zu erfüllen, Prognosen, die zu verifizieren, Effizienzkalkulationen, die zu berücksichtigen wären? „Warum“ ist kontemplativer, „Wozu“ im weitesten Sinne ökonomischer Natur. (…)

Wahrer Individualismus und richtig verstandene Freiheit bestehen darin, sich seine persönliche Zeit anzueignen oder zurückzuerobern: Zeit zum Nachdenken, Lesen, Reden, sich Verständigen. Nur daraus resultiert Selbst-Bewusstsein im wahrsten Sinne des schönen Wortes (…). Wenn Sie das nächste Mal jemand fragt, wozu Sie etwas machen, fragen Sie erst einmal zurück, warum er das wissen will. Vor allem, wenn dieser Jemand – Sie selbst sind.¹

Ausgehend von diesen Überlegungen habe ich meine 48 Fragen für die mündliche Matura, die ich in diesen Tagen formatiert, durchgeschaut und überprüft habe, in den Blick genommen.

Die Frage Wozu? zeitigt hierbei ein wahrlich niederschmetterndes Ergebnis: 3 Fragen werde ich für meine 3 Kandidatinnen brauchen, die restlichen 45 habe ich mehr oder weniger zur Zierde erstellt. Denn wie viele davon – ob solche Fragen überhaupt! – ich für meine nächsten MaturantInnen in voraussichtlich vier Jahren verwenden werde können, sei dahingestellt. Die Effizienzbilanz eines solchen Tuns muss unter dem Gesichtspunkt des Wozu als geradezu katastrophal anmuten.

Ganz anders hingegen, wenn ich meinen Themenpool und die darin herumschwimmenden Fragen mit dem Warum? konfrontiere: Plötzlich erscheint mein Tun sinnhaft. Ich habe mit diesen Fragen meinen Unterricht der letzten vier Jahre reflektiert und zusammengefasst. Ich habe mir überlegt, was meine SchülerInnen davon wissen und können sollten. Was könnte sie interessieren, worüber sollten sie sich meines Erachtens Gedanken machen?

Wenn ich selbst so draufschaue, fällt mir übrigens auf, dass Juli Zeh ein wirklich großer Fisch in meinem Pool ist: Wir haben im Unterricht den Roman Corpus delicti gelesen, einen Text, in dem es um einen totalitären Überwachungsstaat und um die Frage nach der Menschlichkeit geht. Wir haben das Theaterstück Yellow Line angeschaut. Es setzt sich mit Themen wie Konformismus, Individualität, Freiheit und Widerstand auseinander. Ich habe meinen Schülern den offenen Brief Juli Zehs an die deutsche Bundeskanzlerin zur Frage nach dem politischen Umgang mit den Herausforderungen des digitalen Zeitalters unterbreitet. Und ich habe ihnen die Rede an die Abiturienten, die Juli Zeh 2010 gehalten hat, zu Gemüte geführt.²

Mit all diesen Texten und Themen haben wir uns beschäftigt und mir scheint, dass sie meinem Themenpool gut anstehen. Ebenso wie Grillparzers Medea, Kafkas Verwandlung und Hermann Hesses Unterm Rad. Oder die Gedichte, von Walther von der Vogelweide über Andreas Gryphius und Joseph von Eichendorff bis hin zu Ernst Jandl und Ingeborg Bachmann. Goethes Faust selbstredend, aber auch Crazy von Benjamin Lebert, Der Vorleser von Bernhard Schlink, Silentium! von Wolf Haas und noch einiges mehr.

Natürlich lässt sich auch unter dem Aspekt des Warum keine restlos befriedigende Antwort auf tatsächlich alle 24 Bereiche bzw. 48 Fragen finden, aber auf die allermeisten schon. Es ist die schiere Anzahl, mit der ich immer noch ein wenig hadere, aber die Inhalte gefallen mir. Und mir gefällt der Überblick über die vier Unterrichtsjahre, das Draufschauen und Nachdenken. Danke, Juli Zeh! Der Perspektivenwechsel tut gut (auch wenn es darob nun bereits morgen geworden ist) … (nemo)

¹ Juli Zeh: „Plädoyer für das Warum. Rede anlässlich der Verleihung des Carl-Amery-Literaturpreises (2009)“, in: dies.: Nachts sind das Tiere, Frankfurt am Main: Schöffling & Co 2014, S. 104-111.

² In dieser Rede mit dem Titel Das Mögliche und die Möglichkeiten setzt sich die Schriftstellerin mit der grassierenden Angst vor der Zukunft auseinander und setzt diesem diffusen Gefühl die Konzentration auf eigene Erinnerungen und Neugier, also auf persönliche Identität entgegen. Die daraus resultierende Selbsteinschätzung reduziere und konkretisiere das „Möglichkeitenmonster“ (das Zeh als Ursache für die Angst vor der Zukunft identifiziert) zu einem individuell Möglichen, das sich als verbindendes Element zwischen Zukunft und Mensch erweise. (in: ebda, S. 140-160)