18 Leseabenteuer in 4 Jahren

Mit den Viertklässlern habe ich darüber nachgedacht, was wir in der Unterstufe eigentlich alles gemeinsam gelesen haben. 18 Titel sind uns eingefallen:

Löcher, Nichts, Der überaus starke Willibald, Berts gesammelte Katastrophen, Emil und die Detektive, Krabat, Simpel, Rennschwein Rudi Rüssel, Herzslam, Odysseus, Herr der Diebe, Maikäfer, flieg!, Lena, Mio, mein Mio, Vorstadtkrokodile, Der Schrei des Löwen, Herr Bello, Malala.

Zu einigen dieser Bücher haben wir intensiver gearbeitet, andere nur gelesen und besprochen, bei einigen haben wir uns im Anschluss an die Lektüre noch den Film angeschaut, ein paar auch in einer dramatisierten Version im Theater gesehen. In Form des von mir immer wieder eingesetzten Freewritings habe ich die Schüler und Schülerinnen nun ein bisschen über ihre Lektüreerfahrungen reflektieren lassen. Welches Buch ist dir am lebhaftesten in Erinnerung geblieben? Welche Bücher hast du gerne gelesen, welche weniger? Was hast du für dich durch die Lektüre gelernt? Was bedeutet Lesen generell für dich?

Nach dem Freewriting sollten die SchülerInnen ihr Heft offen auf dem Platz liegen lassen und in der Klasse herumgehen, die Reflexionen anderer lesen und kurz kommentieren. Herausgekommen ist dabei ein durchaus intensives Nachdenken über den Stellenwert des Lesens, über Lieblingslektüren und über den Sinn von Klassenlektüren. Die Favoriten der meisten SchülerInnen waren Der Schrei des Löwen, Löcher, Krabat und Simpel, einzelnen gefiel Herzslam und Lena am besten. Weniger gut kam bei vielen Mio, mein Mio an. Fast alle konnten der Lektüre insgesamt doch einiges abgewinnen, für einige bleibt Lesen dennoch eine rein schulische Angelegenheit.

Hier wieder ein paar Statements im O-Ton – mit ganz leichten Eingriffen in die Zeichensetzung meinerseits 😉 :

„Ich glaube, dass mich das Buch Der Schrei des Löwen in gewisser Weise verändert hat. Denn durch Yoba und seinen Bruder habe ich die Situation von Flüchtlingen verstanden.“

Krabat hätte ich privat nie gelesen, es hat mir aber doch gefallen.“

„Ich persönlich lese in meiner Freizeit fast nie etwas, deswegen finde ich es schon gut, dass wir über die 4 Jahre in Deutsch immer wieder Bücher gelesen haben.“

„Lesen bedeutet für mich, einen anderen Ort oder eine andere Welt kennenzulernen.“

„Grundsätzlich spielt Lesen eine große und bedeutende Rolle in meinem Leben. Allerdings habe ich nicht die Ausdauer, ein 300 Seiten Buch konsequent zu lesen. Ich bin ein Fan von Comics und Zeitschriften. Ein Grund dafür ist, dass ich die Freiheit, mir selbst ein Bild von einer Geschichte zu machen, nicht mag. Ich will Bilder!“

„Ich habe gelernt, dass man sich erst einmal in ein Buch hineinlesen und versuchen muss sich hineinzuversetzen, bevor man es beurteilt. Dass man nicht gleich nach den ersten Seiten sein Urteil fällt.“

„Ich bin bei allen Büchern in die Geschichte eingetaucht, habe versucht, mich in die Personen hineinzuversetzen, die Realität zu vergessen und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Das ist mir bei dem Buch Simpel gut gelungen, weswegen es mir auch am besten gefallen hat. Man konnte sich irgendwie gut in die Situation hineinversetzen, mit Simpel, der eine anstrengende, aber liebevolle Person ist, und seinem Bruder, der ihn, obwohl es für ihn schwierig ist, nicht in die Anstalt schickt.“

„Am lebhaftesten kann ich mich noch an Löcher erinnern. Ich erinnere mich noch an jede Person und an alle Details.“

„Alles in allem waren die meisten Bücher gut zu lesen, obwohl ich nicht so der Leser bin.“

(nemo)

Fake News oder Der überaus starke Willibald

Der Autor Willi Fährmann hat schon 1983 eine kleine Parabel geschrieben, die sich mit den Themen Demokratie, Diktatur, Solidarität und Machterhalt beschäftigt. Und Fake News – obwohl es diesen Begriff zumindest im deutschsprachigen Raum damals sicher noch nicht gegeben hat. Da Fährmanns ProtagonistInnen aber Mäuse sind, funktioniert die Geschichte heute noch ganz genau so wie damals.

Bei Fake News handelt es sich um – man kann es nicht anders nennen – Lügen, die durch mediale Verbreitung, oft professionell aufgemacht, für wahr gehalten werden können, wenn sich niemand die Mühe macht, sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Gerade heute gibt es dazu auch einen Artikel im Standard.
Im Fall des „überaus starken Willibalds“ funktioniert das so:

„Denkt  euch nur“, sagte er [der Mäusehugo] und riss die Augen weit auf, „eine große, getigerte Katz soll um das Haus herumschleichen.“ (S 15)

Dazu kommt noch eine alte Story über einen eventuell vor Jahren einmal gefressenen Mäuseopa und die Demokratie, in der die Gruppe bisher gelebt hat, wird aus der Furcht vor der „Katz“, die bisher niemand gesehen hat und auch nicht sehen wird, abgeschafft, ein Sündenbock (die Lillimaus) und ein Diktator werden gefunden.

„Wir brauchen kein langes Gerede“, sagte der schlaue Mäusejosef. „Wenn einer ganz allein zu bestimmen hat, dann geht alles schneller. Ruck, zuck.“
Die dicke Hermannmaus rief: „Wir brauchen keine Wahl. Wir brauchen keinen Präsidenten. Was wir in diesem Haus brauchen, ist ein Mäuseboss. Punktum.“ (S 19)

Und schon wird der Präsident abgesetzt (obwohl er bis 99 und damit immer alle Mäuse zählen kann) und der überaus starke Willibald

reckte sich hoch und rief mit feierlichem Ton: „In gefährlichen Zeiten braucht ein Rudel einen richtigen Boss. Ich werde euer Boss sein. Punktum. Ich, der überaus starke Willibald. So wahr ich einen kräftigen, langen Mäuseschwanz mein eigen nennen kann.“ (S 20)

Die Handlung nimmt ihren Lauf, die Mäuse werden durch unnötige Aufgaben „beschäftigt“ und Willibald und seine Gefolgsleute zementieren ihre Macht ein. Die übrigen Mäuse, die zuvor ein sehr glückliches Leben hatten, müssen jede Nacht Erbsen ausstreuen und morgens wieder einsammeln, Türme aus Bausteinen bauen, sie werden in verschiedene Räume aufgeteilt (die, die angepasster sind, wohnen näher an der Speisekammer) und bespitzelt.
Diese Geschichte geht gut aus, denn die Mäuse wehren sich dann irgendwann einmal doch und Willibald büßt ein Stück seines Schwanzes ein, der ja seine besondere Qualifikation ausgedrückt hat.

Mit dieser Lektüre kann man auch in einer ersten Klasse viele demokratiepolitisch wichtige Themen besprechen. Meiner heurigen Ersten hat sie ganz gut gefallen, die Buben haben ihr die Durchschittsnote 1-2, die Mädchen eher 2- gegeben.

Zum Abschluss noch meine persönliche Lieblingsstelle, sie stammt noch aus der Zeit der Demokratie:

16195144_10212176849804661_7528684405473440915_nDas größte Vergnügen für die Mäuse war eine Weltreise rund um den Globus. Dieses ziemlich große Modell der Erdkugel stand mitten in der Bibliothek. Seine Achse wurde von einem kunstvoll geschnitzten hölzernen Gestell gehalten. Wenn eine Maus von dem Holzständer auf den Globus kletterte, dann begann der sich selbst zu drehen. Die Maus musste laufen, wenn sie nicht von dem Erdball herunterrutschen wollte. Der Globus drehte sich schneller und schneller. Die Maus aber lief und lief und kam doch nicht vorwärts. Mit flinken Beinen tippelte sie über China und Japan hinweg und überquerte den riesigen Stillen Ozean in weniger als drei Sekunden. Amerika glitt unter ihr dahin und der Atlantische Ozean, schließlich Portugal, Spanien, das Mittelmeer, Italien und Griechenland. Die Türkei und ein Zipfel von Russland wurden berührt und dann ging es wieder von vorn los: China, Japan, der riesige Stille Ozean… (S 8-9)

(Der überaus starke Willibald schafft es übrigens zweiunddreißigmal, die Erde zu umrunden.)

Willi Fährmann: Der überaus starke Willibald.
19. Aufl., Würzburg 2006 (es gibt sicher schon mehr 😉 )

Nachtrag:
Ich hab bei BR 24 ein sehr brauchbares Video zum Erkennen von Fake News gefunden:

(juhudo)