Die OECD und wir. Wider die totale Ökonomisierung der Bildung

Meine nunmehrige sechste Klasse ist auf stolze 28 Schülerinnen und Schüler angewachsen. Im letzten Jahr hatte ich 26. Bin ich froh, dass ich nun zwei mehr habe! Gerade gestern hat uns die OECD ja wieder einmal ausrichten lassen, dass unsere Klassen eh alle zu klein sind. Außerdem haben wir vernehmen dürfen, dass Lehrer in Österreich allesamt zu viel verdienen. Danke auch dafür! Alleine wär’s uns gar nicht aufgefallen.

Informationen wie diese braucht man zu Schulbeginn ungefähr genauso dringend wie einen Kropf. Aber die OECD scheint ja mittlerweile der Bildungsexperte schlechthin zu sein. Ja, ja, ich weiß schon, mit den zu kleinen Klassen sind in erster Linie die kleinen Volksschulklassen auf dem Land gemeint, und daran, dass Lehrer, die kurz vor der Pensionierung stehen recht gut verdienen ist auch was dran. (Ich gehe einfach einmal davon aus, dass z.B. ich mit meinen knapp über 2000 Euro im Monat nicht gemeint bin.) Trotzdem frage ich mich, warum die „Organisation for Economic Co-operation and Development“, also die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, eigentlich so eine starke Definitions- und Verfügungsgewalt im Bereich Bildung innehat.

Der OECD geht es in erster Linie um den ökonomischen Nutzen von Bildung. Das ist für eine Organisation, die sich um wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung kümmert, nachvollziehbar. Wie allerdings der ökonomische Nutzen von Bildung  in unserer Gesellschaft eine solche Bedeutung erlangen konnte, dass daneben kaum mehr Platz für anderes ist, ist für mich immer noch ebenso erstaunlich wie befremdlich.

Nicht, dass der wirtschaftliche Nutzen von Bildung unerheblich wäre. Ganz und gar nicht. Aber das kann doch nicht das Einzige sein, was relevant ist. Anders gesagt: Den Erfolg von Bildung alleine über Effizienzkriterien in wirtschaftlicher Hinsicht zu definieren, mag für die OECD angehen, für eine Gesellschaft erscheint es mir regelrecht gefährlich. Irgendjemand müsste das meiner Ansicht nach der OECD einmal ausrichten. Wieviel beispielsweise kleine Volksschulen auf dem Land zum Wohlbefinden der Bevölkerung bzw. zur Identifikation mit dem Wohnort beitragen oder wie sehr eine kleinere Klasse im Gymnasium oder in der Neuen Mittelschule zur Zufriedenheit und zu einer guten Beziehung von Schülern und Lehrern beiträgt, lässt sich nämlich weder zahlenmäßig erfassen noch ist das Kriterium der Effizienz in diesen Bereichen überhaupt das maßgebliche. Und da haben wir noch gar nicht von der Dimension von Bildung als Menschwerdung des Menschen gesprochen! Insofern kann es doch eigentlich nicht sein, dass wir ständig versuchen, in puncto Bildung den Vorstellungen der OECD zu folgen. Oder zählt wirklich nur mehr die ökonomische Effizienz?

Indessen versuche ich weiterhin, die 28 bereits ziemlich riesigen Halbwüchsigen in meiner Klasse, die übrigens alle in diesem Schuljahr das gesetzliche Wahlalter erreichen, im Rahmen meiner beschränkten Möglichkeiten als Deutschlehrerin zu halbwegs kritischen und mündigen BürgerInnen zu erziehen. Ein paar der anderen überbezahlten Lehrerinnen und Lehrer, die in meiner Klasse unterrichten, werden hoffentlich in die gleiche Richtung zu wirken versuchen. Bereits das gegenwärtige Bildungssystem in Österreich hilft uns nur sehr bedingt dabei, bürdet uns immer mehr administrative Aufgaben auf und konfrontiert uns zunehmend mit Ideen, die einem humanistischen Bildungsgedanken diametral entgegenstehen (Standardisierung, Kompetenzorientierung & Co). Nur mehr den Empfehlungen der OECD zu folgen aber würde bedeuten, unserer pädagogischen Wirkungsabsicht auch noch den letzten Rest an Machbarkeit auszutreiben. Das mag der OECD egal oder vielleicht sogar recht sein, vielen von uns LehrerInnen ist es das nicht! (nemo)