Bausteinmetapher (Fortbildung)

Wieder einmal ein Mikroartikel. Ich mag das Format, weil ich dabei versuchen muss, auch komplexere Inhalte in knappen Worten zu reflektieren.  Sie entstehen bei mir nach Fortbildungsveranstaltungen, zu denen es ohnehin ein Skriptum und/oder eine Mitschrift gibt. Sie dienen meinem eigenen Wissensmanagements und sollen anderen über Inhalt und Qualität von Fortbildungsveranstaltungen berichten.Und ich sollte sie öfter einsetzen 😉1

Diesmal geht es um das Modul C des Kommunikationslehrgangs des PH Salzburg, der schon in mehreren Durchgängen stattgefunden hat. Er besteht insgesamt aus vier (mit Erweiterung sieben) Abschnitten, die verteilt über ein (mit Erweiterung zwei) Schuljahre stattfindet. Auch für dieses  Modul  gibt es eine eindeutige Fortbildungsempfehlung!

Thema Beratung und Aggressionsauflösung [Fortbildung]
Referent: Heinrich Salfenauer
Story

 

  • Beratung und der Umgang mit aggressiven Personensind kein Kernbereich meines Berufs. Ich berate nur manchmal Eltern bezüglich der Schullaufbahn ihrer Kinder, bin aber nicht dafür ausgebildet. Insofern habe ich in diesem Modul eher Potential für meine persönliche Entwicklung erwartet.
  • bausteinmatapherIn einer Einstiegsübung wurden wir mit einem Haufen bunter Holzbausteine konfrontiert, mit deren Hilfe uns die Rolle einer Beraterin oder eines Beraters verdeutlicht werden sollte. Eine Person eines Zweierteams bekam den Auftrag, „einen hohen Turm“ zu bauen. Eine zweite Person hatte die erste dabei (nur) verbal zu unterstützen. Es gab zwei Versuchsanordnungen: einmal sah die Beraterin die Bausteine, in der anderen gab es keinen Blickkontakt. Erstaunlicherweise waren die Ergebnisse des zweiten Experiments nicht schlechter, aber sie waren natürlich die Lösungen der Ratsuchenden und viel, viel weniger von der Beraterin beeinflusst. Dieses Bild sollte uns die folgenden Tage begleiten.
  • Es gibt „gute“Fragen und Heransgehensweisen, um die Ratsuchenden bei der Suche nach  ihrem Turm zu unterstützen: Was ist für dich sinnvoll, damit du anfangen kannst? Liegen alle „Bausteine“ auf dem Tisch? Anweisungen als Fragen formulieren, nicht unterbrechen, laufen lassen, die andere Seite aufwerten („Das ist eine gute Frage“…), Was wäre, wenn dieses Problem weg wäre? Was würde die andere Person dazu sagen? Woran würdest du merken, dass sich deine Situation verändert hat?
  • In einer Gruppenaufgabe haben wir den Ablauf einer Beratung dberatungurchgespielt: Sechs Leute übernahmen Rollenanteile eines(!) Beraters: 1. Problem darstellen. 2. Verstehen=aktives Zuhören. 3. Offenen Fragen stellen („Was geschah bisher?“, „Erzähle genauer…“, „Was hast du übernommen?“) 4. Refraimen (als Behauptung nicht als Frage). 5. Verbalisieren von Gefühlen. 6. ein Mitglied achtete nur auf die nonverbalen Äußerungen.
  • Mit Agressionsauflösung haben wir uns nur am Rande beschäftigt: Sachlich bleiben, ausreden lassen (nicht unterbrechen), Emotionen verringern („Ich-Botschaften“- „Können wir jetzt…?“), eigene Gefühle mitteilen, an Gemeinsamkeiten anknüpfen, Mitschreiben, …
    Erst nach der Aggressionsauflöung kann es zum eigentlichen Gespräch kommen. Manchmal muss man auch einfach abbrechen und einen neuen Termin ausmachen. Auch hier gilt: Unter Zeitdruck geht nix!
Einsicht Folgerung Anschlussfragen
Wenn man als Beraterin zu schnell vorwärts geht, gerät der Ratsuchende in die Rolle des Ausführenden und überlegt keine eigenen Lösungen mehr.

Es muss alles „auf dem Tisch“ liegen. Manchmal muss man immer wieder zur Problemdarstellung zurück.

Manches funktioniert von den Abläufen her sehr ähnlich wie eine Mediation. (Ich habe vor zehn Jahren die Ausbildung zur Ausbildung von Peer-MediatorInnen gemacht.)

Fortbildung zur Erweiterung der social skills steht und fällt mit einem sehr  guten Trainer und – fast noch wichtiger – einer engagierten TeilnehmerInnengruppe. Das war hier eindeutig vorhanden. Wir Lernende kennen uns jetzt auch schon ganz gut und arbeiten wirklich hervorragend miteinander.

 Nicht zu schnell vorgehen, Zeit lassen, gründlich nachfragen, die Personen ihre Lösungen selbst finden lassen und ihnen keine eigenen vorgeben. („Ich mach das so“, „Du solltest…“)

Ganz wichtig: Guten Kontakt herstellen! (Rapport)

Ich bin froh, dass Beratung nicht mein „Kerngeschäft“ ist, aber für den Fall der Fälle auf einen „Werkzeugkasten“ zurückgreifen zu können, finde ich schon sehr gut.

 

 

Hilft ein Berater nicht, wenn er keine Lösung hat, sondern „nur“ beim laut Denken hilft?

Habe ich genügend Kapazitäten um auch explizit auf körpersprachliche Signale zu achten?

Inwieweit werde ich die Möglichkeit haben, meine neu erworbenen und wieder erinnerten Tools einzusetzen?

 

 

1) „…dass Mikroartikel vor allem dann ihren besonderen Nutzen entfalten, wenn man sie in die eigene Arbeitsroutine einbaut und folglich nicht nur einen singulären Mikroartikel schreibt, sondern diese Methode regelmäßig praktiziert. Vor allem der Wunsch nach schnellen Erfolgen und Ungeduld können dazu führen, dass man diese Methode zu früh wieder aufgibt.“
(Gabi Reinmann, Martin Eppler: Wissenswege. Methoden für das persönliche Wissensmanagement. Bern 2008, S 96)

FerienFortBildung II

– denn FerienFortbildungsLust mag ich dann doch nicht schreiben (nicht einmal um „des Reimes willen“), obwohl es zutrifft. Nachdem ich letzte Woche so gemeckert habe, kann ich diesmal geradezu davon schwärmen, wie toll Fortbildungsveranstaltungen sein können. Es handelt sich um den ersten Block des Lehrgangs Kommunikation des PH Salzburg, der sich in insgesamt vier Modulen bis Juli 2016 ersteckt. Der Lehrgang hat schon einige Male stattgefunden und diesmal habe ich endlich Zeit und Gelegenheit daran teilzunehmen. Ich werde mich wieder an einem Mikroartikel versuchen, obwohl der dem Umfang und der Komplexität der Inhalte wahrscheinlich nicht ganz gerecht werden. Aber ich hatte ohnehin keine Zeit zum laufenden Mitschreiben, da ich dauernd in irgendein Geschehen eingebunden war. Es sind als Lernprodukte einen ganze Reihe von Flipcharts und Plakaten entstanden, über die ich noch einmal nachdenken werde.  Also doch FerienFortbildungsLust.
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Thema Sprechen – Zuhören – Informieren (Block A des PH-Lehrgangs Kommunikation) [Fortbildung]
Referent: Hannes Horngacher
Story
  • Zu Beginn konnten wir 14 TeilnehmerInnen uns auf lustige uns abwechslungsreiche Art bekannt machen, indem wir einige Vorstellungsspiele ausprobierten („in welcher Himmelsrichtung habt ihr eueren Urlaub verbracht?“) und immer wieder neu zusammengemischt wurden.Am Ende des ersten Tags gab es nur eine Teilnehmerin, mit der ich noch nicht gesprochen hatte, nach drei Tagen hatten wir uns alle ganz gut kennengelernt. Da wir viel zusammen arbeiteten und voneinander lernten (und das auch noch einige Male tun werden), war es sehr sinnvoll, dafür ein bisschen zeit zu investieren.
  • Am ersten Tag ging es in gut durchdachter Anwechslung mit theoretischen und praktischen Inputs weiter. Der sehr erfahrene und inspirierende Seminarleiter Hannes Horngacher legte großen Wert darauf, uns klarzumachen, wie unser Gehirn arbeitet und wie die neuesten neurobiologischen Erkenntnisse das JOHARI-Fenster und das schon altbekannte Kommunikationsmodell Schulz von Thuns ergänzen und sich mit ihnen in Übereinstimmung bringen lassen.
  • Ein paar Erkenntnisse:
    – In der Kommunikation ist Verständnis die Ausnahme, Missverständnisse sind die Regel.
    – Selbstreflektionskompetenz ist die wichtigste Kompetenz für Lehrer- und LernerInnen.
    – In Beziehung investieren zahlt sich in jeder Situation aus, z.B. mit Smalltalk. Im Gehirn werden dadurch Areale aktiviert, die dann auch mehr Inhalte zulassen.
    – Die Wahrscheinlichkeit, das zwei Menschen gleich denken ist aufgrund der unterschiedlichen Hirnstruktur unmöglich.
    – Das Gehirn baut sich jede Woche im Prozentbereich um.
    – Wir können Einfluss darauf nehmen, wie sich unser Gehirn entwickelt, welche Neuronenverbindungen zu „Autobahnen“ ausgebaut werden und welche nicht.1
    – „Wir sind, was wir erinnern.“ (Eric Kandel)
    – Lernen funktioniert viel besser, wenn wir unser Dopamin aktivieren.
  • Außerdem wurde ich zum zweiten Mal in meinem Leben mit einer Videoanalyse  einer kurzen Rede konfrontiert. Das lzte Mal fand das vor etwa 25 Jahren statt. Das, was damals eher negativ gesehen wurde, nämlich dass ich gerne auch mit den Händen spreche, wird jetzt sehr positiv gesehen. Und die dialektale Färbung mancher meiner KollegInnen ist auch kein Problem mehr. Ich neige immer noch dazu, sehr schnell zu sprechen.
  • Das Wort „Kompetenz“ ist nach diesen Tagen nicht mehr so negativ belegt, wie vorher, ich konnte es schon nicht mehr hören.
  • Wirklich wertschätzendes Feedback ausschließlich als Ich-Botschaft geben ist gar nicht so leicht!
  • Wir haben uns auch Transfers in unseren Arbeitsalltag überlegt. Da ist es toll, dass wir sehr schnell zu einem Team geworden sind, das unkompliziert zusammenarbeiten kann. Wir konnten viele Erfahrungen miteinander teilen. Und es war spannend und völlig unkompliziert mit allen zu lernen, egal on NMS, Volksschule, BHS od AHS.
  • Unser Seminarleiter hat uns einige äußerst lehrreiche, kurzweilige und spannende Fortbildungstage ermöglicht. Eine Veranstaltung mit ihm kann ich uneingeschränkt weiterempfehlen.
Einsicht Folgerung Anschlussfragen
Mein Gehirn mag neuen Input. Und wenn er nicht neu ist, muss es doch immer wieder daran erinnert werden, was es an Theorien, Methoden und Anwendungsmöglichkeiten schon einmal (oder öfter) gehört hat.

Außerdem passiert es mir gelegentlich immer noch, dass ich zu schnell spreche.  😉

Lebenslanges Lernen kann kein bloßes Schlagwort sein, die Neuroplastizität des Gehirns macht es möglich und nötig, weiterzulernen, auch wenn man schon etwas älter ist.

Schlechte Fortbildungen dürfen mich nicht entmutigen, es gibt immer wieder auch sehr gute!

Wie kann ich die neu erworbenen/wieder erinnerten Kenntnisse in meinem Unterricht umsetzen? Was lässt unser System zu, worauf lassen sich die Kinder ein?

Was an weiterführender Literatur ist noch  interessant?

1 Ganz motiviert hab ich mir gleich noch die Lektüre besorgt, die Hannes Horngacher uns besonders empfohlen hat:
Gerhard Roth und Nicole Strüber: Wie das Gehirn die Seele macht. Stuttgart, 2014

„Die Narzissmus-Falle“. Kommunikation in Zeiten der Digitalisierung

Kürzlich fand die 64. Internationale Pädagogische Werktagung Salzburg statt. Eine renommierte und traditionsreiche pädagogische Fachtagung, organisiert vom Katholischen Bildungswerk in Kooperation mit der Caritas Österreich und der Universität Salzburg. Das Thema dieses Jahr lautete Einander anerkennen.

Ich war (leider) nur bei einem Vortrag, der mich insbesondere auch im Zusammenhang mit dem Betreiben des Blogs interessierte: Bernhard Pörksen, ein Medienwissenschaftler aus Tübingen, referierte zum Thema „Die Narzissmusfalle. Selbstpräsentation, Anerkennungssuche und Reputationsrisiken im digitalen Zeitalter“. In dem Vortrag ging es quasi um das Zerrbild von Anerkennung, nämlich um die übersteigerte Suche nach Anerkennung und deren mögliche Konsequenzen in und durch digitale Medien.

Pörksen machte drei Dilemmata aus, die sich im Umgang mit digitalen Medien ergeben: das Narzissmus-Dilemma, das Kontroll-Dilemma, das Reputations-Dilemma. Einige „Kernideen“ dieser Dilemmata will ich hier wiedergeben:

1. Wir leben in einer Kultur der Selbstanpreisung, die Gesellschaft fordert permanentes Selbstlob. „Ich sende, also bin ich.“ Auf diese Weise werden Superstars und Bluffer produziert, die jedoch beim kleinsten Regelverstoß vorgeführt werden.

2. Kommunikation unter digitalen Bedingungen löst sich von den Kontexten der Produktion, was zu gravierenden Missverständnissen führen kann. Der Weg, den digitale Botschaften gehen, kann vom Sender nicht kontrolliert werden, mitunter erzeugt ein Kontrollversuch sogar einen noch fataleren Kontrollverlust.

3. Wir schaffen im Netz ein „Anarchiv“ unseres eigenen Lebens, digitale Schrumpfbiographien, die aus digitalen Informationsfetzen, die ad infinitum im Netz kreisen, bestehen.

Pörksen wies darauf hin, dass mediale Kommunikation immer schon Überraschungen hervorbrachte, in Zeiten digitaler Kommunikation klaffe jedoch die Sender- und Empfängerseite extrem auseinander. „Mobile-Mitmach-Medien“ würden eine radikale Ausweitung der Anerkennungs- und Abwertungszone produzieren. Die Erkenntnis aus den unlösbaren Problemen, die durch digitale Kommunikation entstehen, und deren Konsequenz beschrieb Pörksen folgendermaßen: 1. Unsere Reputation ist permanent gefährdet. 2. Wir müssen bei unserem Tun das mögliche Riesenpublikum immer mitdenken. 3. Wir können zumindest hoffen, dass sich zunehmend eine Art journalistisches Bewusstsein, also die Orientierung am Kriterium der Relevanz,  entwickelt.

Interessante Gedanken, nicht grundsätzlich neu, aber schön auf den Punkt gebracht und in ihren Konsequenzen zu Ende gedacht. Allein die Tatsache, dass Pörksen die Probleme rund um die digitale Kommunikation als Dilemmata beschrieb und dadurch klar machte, dass diesen Problemen nicht zu entkommen ist, erscheint mir wichtig.

Wenn ich nun die Erkenntnisse aus dem Vortrag mit unserem Blog, mit meiner persönlichen Lust am Bloggen, zusammendenke, was ergibt sich daraus? Natürlich verfolge ich, verfolgen wir eine Art journalistisches Bewusstsein im Rahmen unseres Nachdenkens über Schule und Bildung. Auch denken wir das mögliche Riesenpublikum irgendwie mit, wenn wir posten. Schließlich haben wir sogar schon einmal tatsächlich erlebt, was ein digitaler Schneeballeffekt ist. Und ja, unsere Reputation, an der wir mit diesem Blog natürlich auch arbeiten, ist dadurch gleichzeitig  permanent gefährdet. Auch unsere Nachrichten lösen sich aus den Entstehungskontexten, nicht alles, was in der unmittelbaren Betroffenheit passend scheint, muss dies auch nach Monaten noch sein.

Nicht, dass ich mir deshalb ernsthaft Sorgen machen würde. Es erscheint mir, sagen wir, höchst unwahrscheinlich, dass sich aus meinen Blog-Einträgen unter den gegebenen Bedingungen ein massives und/oder folgenreiches Abwertungsproblem ergeben könnte. Dennoch: Unvorstellbar ist es nicht, schließlich können sich auch gesellschaftliche Bedingungen ändern. Dass etwas unwahrscheinlich ist, ändert außerdem nichts an der grundsätzlichen Tatsache des Dilemmatischen.

Viel wahrscheinlicher erscheint mir allerdings der „normale“ Weg der meisten Nachrichten, Botschaften, Neuigkeiten, Erkenntnisse oder Mitteilungen: jener über die Irrelevanz hinein ins Vergessen. Da, wie es immer heißt, das Netz jedoch nichts vergisst, bleibt die Frage: Was passiert mit all dem Informations- und Datenmüll, der im Netz herumschwirrt. Nichts? Absturz und Reset? Oder doch die dystopische Vorstellung einer Supermacht, die sich aus den digitalen Schrumpfbiographien die Wirklichkeit eines Menschen zusammenbastelt, der dann realiter noch so heftig widersprechen kann, aber nicht mehr gehört und verstanden wird?

Ansätze in diese Richtung gibt es ja bereits. Und auch Pörksen skizzierte in seinem Vortrag ein paar haarsträubende und tragische Beispielfälle für die Verselbständigung und Uneinholbarkeit digitaler Informationen, die veritable „Shitstorms“ nach sich zogen. Mir kommt vor, dass diesbezüglich eigentlich ein viertes Dilemma ausgemacht werden könnte, das mit dem doppelten Phänomen der Globalisierung zu tun hat. Warum doppelt? Jede Nachricht im Netz ist global verfügbar. Daraus ergibt sich ein Relevanz- Dilemma, und zwar sowohl auf der Produktions- als auch auf der Rezeptionsseite der Nachricht. Nicht alles (möglicherweise auch: nichts von dem), was ich poste, ist für Menschen auf der anderen Seite der Erde relevant. Nicht alles (möglicherweise auch: nichts von dem), was ich über ein mediales Einzelschicksal in Korea lese, ist für mich relevant. Oder eben doch.

Früher konnte man gewiss sein, dass einen das sprichwörtlich in China umfallende Fahrrad nicht zu interessieren braucht. Unter digitalen Bedingungen könnte es sein, dass es sehr wohl etwas mit einem selbst zu tun hat, da es unter digitalen Bedingungen grundsätzlich gleich wichtig sein kann, ob das Fahrrad in China umfällt oder mir auf den Fuß. Das heißt, einerseits kann das Schicksal einer Koreanerin, deren Foto über ihr politisch inkorrektes Verhalten im Netz zu einer Art Menschenhatz führt, als symptomatisch und deshalb relevant für die Gefahren digitaler Kommunikation gelten, andererseits kann man in den Weiten des global agierenden Internets natürlich Beispiele und Beweise für alles finden. Weshalb mir das Einzelschicksal, und sei es noch so tragisch, dann schon auch wieder einigermaßen irrelevant erscheint.

Viel relevanter als der irgendwo ausgebrochene Shitstorm erscheint mir die Gefahr der systematischen digitalen Zuschreibung, das, was ich oben als dystopische Vorstellung bezeichnet habe: wenn sämtliche Spuren (bzw. die, die von Machthabern als relevant erachtet werden), die man im Netz hinterlässt, zusammengefügt und verwendet würden, um einem Menschen seinen Identitätsnachweis zu verpassen, und sämtliche Handlungsmöglichkeiten und -spielräume dieses Menschen sodann auf diese Identität reduziert würden. Das ergibt eine wahrlich beunruhigende Vorstellung. (nemo)