Und noch ein Plädoyer für die Literatur

Eine Schule ohne Shakespeare, Virginia Woolf oder Joachim Ringelnatz (warum nicht?) ist eine ärmere Schule und eine Universität auch. Diese Überzeugung verbindet die Schreiber der folgenden Seiten.

Literatur schafft Abstand von täglichen Sorgen und Zwängen, öffnet das große Reich des Möglichen, erlaubt es, anders darüber nachzudenken, wer wir sind, zu wem wir gehören, wer die Eigenen sind und wer die Fremden. Sie ermöglicht neues Denken, gerade, weil sie keinen Nutzen hat. All diese Argumente wird der Leser in unseren Beiträgen finden; dazu auch Vorschläge, was wir tun könnten, damit Romane, Dramen, Lyrik, Drehbücher oder Comics mit mehr Lust gelehrt und studiert würden.¹

Das Zitat stammt aus dem Vorwort zum Dossier Literaturwissenschaft in schwierigen Zeiten, das kürzlich als elfter Band der Zeitschrift HeLix erschienen ist. Wolfram cover_issue_4299_de_deAichinger (Uni Wien), Christian Grünnagel (Uni Bochum) und Sabine Mandler (Uni Gießen) haben das Dossier herausgegeben; versammelt wurden darin mehrere Beiträge, die im Sommer 2016 bei einer Tagung an der Uni Gießen diskutiert wurden.

Mein eigener Beitrag lautet: Wozu Literatur und warum eigentlich? Schulischer Fremdsprachenunterricht in Zeiten der Kompetenzorientierung am Beispiel der zweiten lebenden Fremdsprache in Österreich. Darin versuche ich (einmal mehr), gegen die Reduktion von (fremd-)sprachlicher Bildung auf kommunikative Kompetenz anzuschreiben. Der „offizielle Zug“ (Lehrplan, Reifeprüfung) scheint mir im Bereich der Fremdsprachen mittlerweile ziemlich abgefahren zu sein. Daran wird sich wohl so schnell nichts mehr ändern, zumindest nicht in eine inhaltlich anspruchsvollere Richtung. Dennoch bin ich aktuell sogar wieder etwas zuversichtlicher als noch vor zwei, drei Jahren. Nicht, dass sich an der Gesamtsituation etwas verbessert hätte, aber im Unterricht selbst ist doch trotz aller kompetenzorientierten Vorgaben immer noch mehr an individueller Gestaltung möglich als damals gedacht.

Umso mehr kommt es darauf an (und jetzt zitiere ich mich selbst), „darauf zu achten, was für eine Haltung angehende Lehrer während ihres Studiums annehmen, mit welcher Haltung sie in die Schule kommen und in weiterer Folge ihre Schüler prägen. Genau aus diesem Grund scheint es mir von immenser Bedeutung zu sein, dass Lehramtsstudierende aller Sprachenfächer – nicht nur Germanistikstudierende! – während ihres Studiums intensiv mit Literatur in Kontakt geraten – und nicht nur in Kontakt. Sie sollten so viel Literaturstudium betreiben, dass sie zu verstehen beginnen, was Literatur kann und weiß. Erst wenn dieser Verstehensprozess wirklich in Gang gekommen ist, sollten sie auf die Schüler losgelassen werden. Denn einmal in Gang gebracht, wird der Prozess nicht mehr umkehrbar sein und mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Herausbildung einer eigenständigen, zumindest ansatzweise kritischen und (selbst-)reflexiven Haltung führen.“

LehrerInnen, die eine mit und an Literatur geschulte Haltung einnehmen, können vielleicht dem vorherrschenden formalistischen und funktionalistischen Bildungsdiskurs ein bisschen besser entgegenwirken. Auch im Fremdsprachenunterricht  kann darauf nicht verzichtet werden. (nemo)

¹ Wolfram Aichinger / Christian Grünnagel: Schwere und leichte Texte – Die Zeitmaschine: ein Nachtrag verstreuter Gedanken, in: HeLix 11 (2018), S. 1-9, hier: S. 1.

 

Gesucht: Das denkende Subjekt

Nachfolgend zwei Zitate der deutschen Bildungsforscherin Ursula Frost (Professorin für allgemeine Pädagogik an der Uni Köln). Das Interview ist heute im „Standard“ erschienen.

  • zur Kompetenzorientierung in den Schulen:

„Die Rede von Kompetenzorientierung ist irreführend. Kein Bildungsmodell hat jemals auf die Ausbildung von Können verzichtet. Man denke nur an früher viel ausgeprägtere Schreib- und Stilübungen, Lese- und Rechenübungen usw. Aber als pädagogische Leitkategorie ist Kompetenz ungeeignet, weil damit ein technologisches Menschenbild verbunden ist, das – unter Umgehung der sachlichen und persönlichen Relationen – Schülerinnen und Schüler in standardisierten Steuerungsverfahren auf je bestimmbare Ergebnisse festlegt. Die Sicherung der Ergebnisse erscheint wichtiger als ihre einsichtige Begründung, und das zeigt, dass hier ein gefährlich verkürztes, inhumanes Modell angesetzt ist. Bildung ist mehr als die Akkumulation von Kompetenzen in beliebiger Montierbarkeit von Einzelteilen. Wir brauchen den Umweg über das denkende Subjekt, das Sachen aneignet und Handeln verantwortet.“

  • zum veränderten Umfeld (beispielsweise durch multikulturelle Klassen), in dem LehrerInnen heute unterrichten:

„Am Gängelband von Kompetenzrastern und gesteuerten Anpassungskontrollen wird es kaum gelingen, diesen Herausforderungen gerecht zu werden. Es dürfte auch nicht wirklich helfen, die standardisierten Verfahren durch multiprofessionelle Sozialtechnologie zu erweitern, die demselben Steuerungsmodell zugehört. Vielmehr käme es hier auf die persönliche Erfahrung und Präsenz von Lehrerinnen und Lehrern an, auf ihre Sensibilität für Menschen und pädagogische Situationen, auf Takt und Fantasie, um einen Rahmen zu schaffen, der sachliche Auseinandersetzung möglich macht. Viele Lehrerinnen und Lehrer bringen diese Voraussetzungen mit, werden aber durch die Überforderungen der Steuerungs- und Kontrollmaschinerie an ihrer fachlichen und pädagogischen Arbeit gehindert.“

(nemo)

 

Warum lernen eben doch mehr ist als Kompetenzen anhäufen

Im Rahmen eines Workshops bei den Tagen der Literaturdidaktik haben wir kürzlich darüber nachgedacht, wie schwierig es eigentlich ist, eine andere Perspektive einzunehmen. Wenn es um interkulturelles Lernen geht, wird dies ja immer gefordert bzw. als zentrale Kompetenz definiert.

Eine Referentin hat uns mit einem Beispiel aus ihrer literaturdidaktischen Forschung konfrontiert, bei dem man sehen konnte, welche Herausforderung im geforderten Perspektivenwechsel eigentlich liegt: Schüler sollten im Englischunterricht eine Rede anlässlich einer Thanksgiving-Feier halten, entweder aus der Perspektive der Nachkommen weißer Siedler oder aus der Perspektive der Native Americans. Die Schüler wurden während des ganzen Unterrichtsprozesses gefilmt. Man konnte also die gehaltenen Reden sehen, aber auch das, was während der Vorbereitung gesprochen wurde.

An dem Beispiel wurde zweierlei deutlich: 1. Es gelang den Schülern in ihrer Rede nur teilweise, eine andere Perspektive einzunehmen. 2. Dennoch gelang ganz schön viel. Als Fazit konnte festgehalten werden: Der geforderte Perspektivenwechsel klappt zwar nicht wirklich, aber wenn man den Perspektivenwechsel als Versuch und das ganze Unternehmen als Experimentierfeld versteht, werden dadurch wichtige Erfahrungen und Erkenntnisse ermöglicht. Allerdings, und das ist der Knackpunkt, zeigen sich die nur während der Vorbereitung der Rede in der Partnerarbeit, in der tatsächlich gehaltenen Rede ist davon kaum mehr etwas auffindbar.

Hm. Jetzt bin ich kein Fan der derzeit herrschenden Empirieversessenheit in den Bildungswissenschaften. Die Tendenz, Unterrichtssituationen als Forschungsfeld immer intensiver zu beackern, löst ein gewisses Unbehagen bei mir aus. Allerdings hat die Unterrichtsbeobachtung tatsächlich etwas zu Tage gefördert, was ansonsten unbemerkt geblieben wäre, nämlich, wieviel Lernen mitunter im Unterricht passiert, ohne dass es am Ergebnis messbar wird. Vielleicht zeige sich an diesem Beispiel ja, dass der Weg wichtiger als das Produkt sei, hat die Referentin abschließend gesagt.

Noch einmal hm bzw. anders gehmt: Was sagt uns das Beispiel eigentlich über die omnipräsente Kompetenzorientierung? Kompetenzen werden immer vom Ende her gedacht. Es wird das Ergebnis gemessen, es wird danach gefragt, was die Schüler können (sollen). Dadurch wird unser ganzes pädagogisches Handeln angeblich viel wirkungsvoller, Unterricht praxisrelevanter und Schüler handlungsfähiger. An dem Beispiel der Thanksgiving-Reden aber wurde sichtbar – um es überspitzt zu formulieren -, was die Schüler nicht können. Und trotzdem haben sie etwas gelernt, sie haben etwas ausprobiert und dabei sogar wichtige Fragen aufgeworfen. Am Ergebnis ihres Tuns aber lässt es sich nicht messen.

Das Beispiel zeigt meines Erachtens, wieviel im Unterricht vonstatten geht und wie wenig davon mit dem Kompetenzbegriff fassbar wird. Genau das ist es, was viele LehrerInnen immer wieder betonen. Die gegenwärtige Pädagogik und Bildungspolitik aber sind versessen darauf zu wissen, was bei all diesen Prozessen herauskommt. Dass Prozesse in jedem Fall viel komplexer und mehr sind als Ergebnisse, dürfte (müsste) zwar einleuchten, wird aber ständig außer Acht gelassen. „Der Weg ist das Ziel“ ist ein vielbemühter Spruch beim Wandern. Der geht mir zwar auch auf die Nerven, denn es geht schon meistens um das Ziel auch irgendwie. In der Schule aber scheint es immer öfter nur mehr um das Ziel zu gehen.

Dazu passt im Übrigen auch das Interview mit Christoph Türcke, das im heutigen Standard erschienen ist. Es geht darin um die Ökonomisierung des Bildungsbetriebs, um neue autoritäre Strukturen und implizit auch um das Menschenbild, das sich hinter all den Effizienzfantasien verbirgt. Auf die Frage „Sie stoßen sich auch am ‚Kompetenzwahn‘ der Bildungspolitik. Warum?“ antwortet Türcke:

Weil ein behavioristisch verkürzter Kompetenzbegriff um sich greift. Gegen Kompetenz, also sachkundig für etwas zuständig sein, kann ja niemand etwas haben. Aber wenn ganz eng gefasste, isolierte Verhaltensweisen Kompetenzen sein sollen (…), dann werden eigentlich Maschinenvorstellungen umgesetzt. Wirklich genau umschreibbare Kompetenzen haben nur Maschinen – in Gestalt ihrer Prorgramme. Maschinen sind, solange sie funktionieren, reine Könner. Sie haben Kompetenz pur, es ist aber nichts dahinter.

(nemo)

Bücher als Zumutung

Dienstagmorgen, 8 Uhr, zweiter Tag des neuen Schuljahres. Die erste Deutschstunde in meiner Klasse steht an. Womit soll ich beginnen? Was könnte den SiebtklässlerInnen Freude machen? Wie mache ich Ihnen zu Beginn des Schuljahres wieder ein bisschen Lust auf Deutsch? Mit einem Buch natürlich. Was sonst?

Also schnappe ich mir den Klassensatz von Bernhard Schlinks Der Vorleser und mache mich auf den Weg in den dritten Stock. Zugegeben, gleich zu Beginn ein Klassiker, Goethe, Schiller oder Lessing in Form eines abgegriffenen Reclam-Heftes, würde möglicherweise ein bisschen abrupt anmuten. Nein, es soll schon etwas Gefälliges sein, Gegenwartsliteratur, ein Bestseller mit mitreißendem Inhalt, verpackt in ein gar nicht so unansehnliches Diogenes-Taschenbuch.

Im Gang des dritten Stockes begegne ich einer meiner Schülerinnen und bitte sie, mir ein paar Bücher abzunehmen, bevor der Stapel kippt. Hilfsbereit und freundlich eilt sie herbei – angesichts der Bücher aber fällt ihr alles hinunter: „Nicht im Ernst. Ein Buch. Und das in der ersten Schulwoche!“

Wie viele der anderen ebenso unwillig reagiert haben, weiß ich nicht, die Schülerin war vor mir im Klassenraum. Als ich eintrat, hatten sie sich weitgehend gefasst. Natürlich müssen Sechzehn- oder Siebzehnjährige angesichts von schulischer Lektüre nicht in Begeisterungsstürme ausbrechen. Das blanke Entsetzen aber beim Anblick eines Buches gibt mir schon zu denken.

Nun ist es nicht so, dass meine Klasse grundsätzlich widerwillig wäre oder die bisherigen Lektüren verweigert hätte. Nein, eigentlich konnte ich den meisten doch immer etwas von der Schönheit, Sinnhaftigkeit, Bedeutsamkeit und Relevanz der bisher gelesenen Bücher und ihrer Inhalte vermitteln. Und so wird es hoffentlich auch diesmal sein. Wenn wir in ein paar Wochen über den Vorleser reflektieren werden, wird das Urteil nicht vernichtend ausfallen. Das spüre ich. Möglicherweise wird sogar die ob eines Buches in der ersten Schulwoche geradezu fassungslose Schülerin etwas darin finden, das ihr gefällt und/oder das sie zum Nachdenken bringt.

Was allerdings schon auffällt, ist, dass die Haltung Büchern gegenüber immer problematischer wird: „Ok, im Deutschunterricht gehört’s halt irgendwie dazu, manches ist dann eh ganz interessant, aber eigentlich, wenn wir ehrlich sind, ist Literatur überflüssig und eine Zumutung.“ Die SchülerInnen würden es vielleicht nicht so formulieren, aber diese Einstellung greift um sich. Und wir reden hier nicht von der Berufsschule, sondern von der Oberstufe einer allgemeinbildenden höheren Schule.

Die Gründe für diese Entwicklung sind sicherlich vielfältig: Smartphone und Internet gehören zweifellos dazu. Wischen, Bilder und Videos betrachten, Chatten und das Lesen von Kürzestnachrichten ist bequemer und zumindest auf den ersten Blick fesselnder. Die allgemeine gesellschaftliche Tendenz, Bildung einzig im Hinblick auf den wirtschaftlichen Erfolg zu funktionalisieren, kommt hinzu. Wozu bitte soll Literatur gut sein? Geld kann man genauso gut verdienen, wenn man nichts gelesen hat. Und die uns als alleinselig machend verkaufte Kompetenzorientierung in den Lehrplänen trägt das ihre dazu bei. Selbst wenn uns noch so viele Bildungsexperten ständig das Gegenteil einzureden versuchen, die Verschiebung von verbindlichen Inhalten einerseits und mitunter verwertungsfreier Literaturbetrachtung andererseits hin zu Kompetenzen, die ihrerseits anhand von mehr oder weniger beliebigen Inhalten ausgebildet werden können, entzieht der Literatur zunehmend den Raum und auch den Nährboden.

„Aber ihr dürft doch eh weiterhin Literatur unterrichten.“ „Auch bei der Zentralmatura gibt es ein Thema, in dem ein literarischer Text vorkommt.“ „Der Unterricht darf und soll doch ohnehin viel mehr umfassen, als das, was bei der Matura abgetestet wird.“ Mit solchen und ähnlichen Argumenten wird man gerne bedacht, wenn man Kritik an den kompetenzorientierten Lehrplänen und ihren Messinstrumenten äußert. Ja, eh, stimmt natürlich alles. Aber dass im Zuge der jüngeren Bildungsreformen Haltungen verändert, Wichtigkeiten verschoben und gesellschaftliche Diskurse, in deren Zentrum Funktionalisierung steht, angefeuert wurden, lässt sich auch nicht leugnen. Die Auswirkungen von all dem kann man in der Schule täglich beobachten. Das aber will man nicht hören. Denn die Beobachtungen von LehrerInnen sind bloß empirisch nicht belegbare Behauptungen. Studien würden da ja zu ganz anderen Ergebnissen kommen …

Nur gut, dass einem Konrad Paul Liessmann wieder einmal aus der Seele schreibt. „Belesenheit ist eine Provokation“, lautet der Titel des Essays, der im heutigen Standard nachzulesen ist. Es handelt sich dabei um einen Vorabdruck aus seinem demnächst erscheinenden Buch Bildung als Provokation, auf das ich mich jetzt schon freue. Da heißt es:

Die Provokation literarischer Bildung besteht nicht zuletzt in der persönlichkeitsverändernden Kraft der Literatur, die unmerklich vonstattengeht, keinen Zielvorstellungen folgt, nicht operationalisierbar und deshalb auch nicht kontrollierbar und prüfbar ist. Dass es eine Form der Bildung gibt, die sich dem Zugriff der qualitätssichernden Behörden entzieht, weil sie sich aus einer informellen Beziehung zwischen Schüler und Lehrer entspinnen mag, kratzt an all jenen Quantifizierungs- und Messbarkeitschimären, ohne die die gegenwärtige Bildungsforschung ebenso wenig auszukommen glaubt wie die Bildungsorganisation.

Literatur aber hat eine Gestalt. Sie erscheint in der Form des Buches, Lesen als avancierte kulturelle Praxis ist ohne das Buch nicht denkbar. Die aktuell forciert betriebene Digitalisierung von Schulen und Universitäten, die sich alles Heil von Geräten und nicht von Ideen erwartet, verhindert in großem Maßstab die Entwicklung jedes Interesses für die Literatur. (…) Das Interesse für Literatur wird geweckt, wenn man im richtigen Moment das richtige Buch in die Hand gedrückt bekommt und sich dadurch die Chance eröffnet, zu einem Leser zu werden.

Daran kann sich eine Deutschlehrerin aufrichten – selbst in Zeiten, in denen SchülerInnen beim Anblick eines Buches das Gesicht herunterfällt.

(nemo)

 

„Und mehr bedarfs nicht – Über Kunst in bewegten Zeiten“

Hier ein Ausschnitt aus Konrad Paul Liessmanns heute Vormittag gehaltener Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, in der er einen Vers („und mehr bedarfs nicht“) aus Friedrich Hölderlins Ode An die Parzen als Leitmotiv einsetzt und in der er u. a. den Zusammenhang von Kunst und Bildung erläutert. Am Ende dieses Auszugs habe ich eine Passage hervorgehoben. An dieser Stelle spricht mir Liessmann aus der Seele.

Mit Fug und Recht könnte man sich auch einmal die Frage stellen: Wieviel Bildung braucht die Kunst, wieviel Kunst braucht die Bildung? Das gelungene Werk, auch in seiner Einfachheit raffiniert und anspielungsreich, immer auf Vergangenes zurück und auf Zukünftiges vorausweisend, stellt hohe Ansprüche. Hören, Lesen, Sehen sind in diesem Zusammenhang nicht nur rezeptive, sondern produktive Tätigkeiten, das Verstehen und der Genuss steigern sich mit Kenntnissen, Einsichten und Erfahrungen. Ästhetische Bildung als Modell für die Freiheit und Autonomie des Menschen kann sich nur in Auseinandersetzung mit der Kunst entfalten, ästhetische Urteilskraft, die Fähigkeit, das Gelungene vom Misslungenen zu unterscheiden, die Schulung einer kritischen Haltung können sich nur in Konfrontation mit den Werken der Tradition und der Gegenwart entwickeln. Ja, Kunst braucht Bildung in einem fundamentalen Sinn, sie braucht vielfältige Kenntnisse, braucht historisches, religiöses, philosophisches und literarisches Wissen, braucht Erfahrungen. Welche Schule, welcher Bildungsplan will solches heute noch bieten?
Aber wieviel Kunst braucht die Bildung? Genügt es nicht, dass junge Menschen jene Kompetenzen erwerben, die sie fit für die Arbeitswelt der Zukunft machen? Und hat sich die Beschäftigung mit Kunst nicht auch dieser Maxime zu beugen. Sollte es sich herausstellen, dass das Hören von Mozartopern das innovative Denken befördert und bei der Gründung von Start-ups Vorteile verschafft, nun, dann wird man das tun; sonst eben nicht. Wer so denkt, denkt falsch. Bildung ohne ästhetische Erziehung ist keine Bildung. Denn die Kunst, und nur sie, kann – wenn auch im Imaginären – zeigen, was es heißt, mit den Widersprüchen und Abgründen des Menschen in einer menschlichen Weise umzugehen. Kunst gehört, neben der Wissenschaft, zumindest für Friedrich Schiller zu den „edelsten Werkzeugen“ des Menschen, die es ihm erlauben, sich im „Reiche der vollkommensten Freiheit“ zu bewegen. Bildung als Menschwerdung des Menschen kann sich deshalb nur an und mit diesen beiden großen Errungenschaften entfalten.
Das Reich der Freiheit, auch und gerade der ästhetischen Freiheit, ist aber nicht ohne Fallstricke. Freiheit heißt auch, sich aus dem Bann des Kollektivs und des kollektiven Denkens zu lösen und zu einer wirklichen Individualität zu gelangen. Hier liegt ein irritierendes Problem, vor das uns die Kunst stellt. Kunst ist mit unseren, im Bildungswesen aus guten Gründen geforderten Gleichheits- und Gerechtigkeitsvorstellungen nicht vereinbar. Kunst ist letztlich eine Sache des Einzelnen. Und dies nicht im Sinne eines falschen Elitenbewusstseins, auch nicht im Sinne eines überzogenen Geniekults, sondern im Sinne einer existentiellen Erfahrungsmöglichkeit. Für diese kann in einem Schulsystem wohl der Boden bereitet, sie kann aber weder verordnet, noch verlangt, noch als Kompetenz definiert, geprüft und zertifiziert werden. Es kann auch niemand dazu gezwungen werden.

Ein Bildungssystem, das die Chancen von Kunst ernst nähme, eine Bildungsministerin, der es darum ginge, jungen Menschen die Welt der Kunst zu erschließen, setzte deshalb weniger auf Kompetenzorientierung oder Output-Optimierung, sondern schlicht auf Lehrer, die für die Kunst, für die Literatur, für die Musik begeistern können, und die wissen und wissen dürfen: wenn sie damit auch nur eine einzige jugendliche Seele erreichen und enthusiasmieren – dann haben sie das ihrige getan. 

Und mehr bedarfs nicht.

Die gesamte Rede findet sich auf der Homepage der Salzburger Festspiele.

(nemo)

Output statt Input: Die Welt von heute

Nicht daß unsere österreichischen Schulen an sich schlecht gewesen wären. Im Gegenteil, der sogenannte „Lehrplan“ war nach hundertjähriger Erfahrung sorgsam ausgearbeitet und hätte, wenn anregend übermittelt, eine fruchtbare und ziemlich universale Bildung fundieren können. Aber eben durch die akkurate Planhaftigkeit und ihre trockene Schematisierung wurden unsere Schulstunden grauenhaft dürr und unlebendig, ein kalter Lernapparat, der sich nie an dem Individuum regulierte und nur wie ein Automat mit Ziffern „gut, genügend, ungenügend“ aufzeigte, wie weit man den „Anforderungen“ des Lehrplans entsprochen hatte. Gerade aber diese menschliche Lieblosigkeit, diese nüchterne Unpersönlichkeit und das Kasernenhafte des Umgangs war es, was uns unbewußt erbitterte. Wir hatten unser Pensum zu lernen und wurden geprüft, was wir gelernt hatten; kein Lehrer fragte ein einziges Mal in acht Jahren, was wir persönlich zu lernen begehrten, und just jener fördernde Aufschwung, nach dem jeder junge Mensch sich doch heimlich sehnt, blieb vollkommen aus.¹

Dieses ernüchternde Bild von Schule zeichnet Stefan Zweig in der Welt von gestern, wenn er über „Die Schule im vorigen Jahrhundert“ reflektiert. Zweifellos kein Ort, an dem man gerne gewesen sein möchte. Aber eh alles lange her – oder? Das Erschreckende an diesen Zeilen ist für mich dieser Anflug  von Heutigem, der beim Wiederlesen des Textes nach vielen Jahren plötzlich vorbeiweht. Nicht, dass ich der Ansicht wäre, die heutige Schule sei mit dem vergleichbar, was Zweig schildert. Aber …

Die aktuelle Kompetenzorientierung und die damit einhergehende Standardisierung scheinen mir – quasi vom anderen Ende her –  neuerdings wieder eine Annäherung an die von Zweig geschilderten Zustände zu betreiben: Zwar orientiert man sich jetzt am „Output“, nicht mehr am „Input“ – die bloße Verschiebung der Begriffe scheint aber weder unangenehm aufzufallen noch zu stören, vielmehr scheint man sogar recht stolz darauf zu sein. Denn man achte ja jetzt viel mehr auf die Lernprozesse, wisse viel genauer, wie sich Lernen abspiele, erstelle unendlich intelligentere Aufgaben und mache Schule auf diese Weise endlich effizient und qualitätsvoll.

Aber ist dem wirklich so? Ich frage mich: Wo bleibt in diesem Konzept eigentlich das Kind, der Jugendliche, der junge  Mensch?  Zu Stefan Zweigs Schulzeiten fragte, so Zweig, kein einziger Lehrer, was „wir persönlich zu lernen begehrten“. Heute wird zwar von höchster Stelle aus mittels massiver Rhetorik und ständig wiederholter Schlagworte („Individualisierung“, „Inklusion“, „neue Lernkultur“) so getan, als ob man sich dafür interessieren würde – in Wirklichkeit aber wird bloß von Vornherein festgeschrieben, welche Kompetenzen der junge Mensch wann und wie erwerben soll. Und am Ende wird geprüft (bzw. gemessen), ob er diesem vorformulierten Programm entspricht – weitgehend, zur Gänze oder gar über das Erwartbare hinaus. Ein offener, tatsächlich am jungen Menschen orientierter Lernprozess müsste, glaube ich, anders aussehen.

Kürzlich war ich übrigens auf einer interessanten Tagung zum Thema Literaturwissenschaft: Welche Kompetenzen vermittelt die Disziplin? Eine Positionsbestimmung in schwierigen Zeiten lautete der Titel der Tagung, die von 19. bis 20. Mai an der Uni Gießen stattfand. Für mich, die ich für die Tagungsteilnahme extra Sonderurlaub von der Schule bekam, war es zunächst einmal eine große Freude, mitten im Schuljahr wegfahren und dort im universitären Kreis mitdiskutieren und vortragen zu dürfen. Eine intellektuelle Herausforderung, die mir ziemlich gut tat.

Inhaltlich war für mich beeindruckend, wie eigentlich alle Vortragenden eine Art Plädoyer für die Literatur und die Literaturwissenschaft hielten. Jeder und jede hatte seine oder ihre gut begründeten und überzeugenden Argumente, wie und warum das Studium der Literatur sinnvoll, bereichernd und von großem Nutzen sei. Es war schön, das, wovon auch ich überzeugt bin, so differenziert und fundiert aus so vielen berufenen Mündern zu hören. Ja, und by the way: Zahlreiche und vielfältige Kompetenzen würde die Literaturwissenschaft durch ihre Auseinandersetzung mit Sprache, mit dem literarischen Text, den Studierenden eröffnen.

Neben der Positionierung von Literatur und Literaturwissenschaft zeichnete sich für mich während der Tagung aber vor allem auch der dahinterstehende Auftrag, die Haltung, ja die Mission des einzelnen (Hochschul-)lehrers ab. Nicht zufällig war immer wieder von „Todsünden“, von „Tugenden“, von „Predigten“ und „Rechten“ die Rede – durchaus auch mit (selbst-)ironischem Unterton. Dennoch: Hinter ernsthaftem und ernstgemeintem pädagogischen Wirken steht ein Engagement des Lehrers – für die zu lehrende Sache und für die Lernenden. Ohne diese pädagogische Wirkungsabsicht geraten Unterricht oder Hochschullehre zu einer öden, langweiligen und für die SchülerInnen oder Studierenden weitgehend sinnlosen, abstrakten Pflichtübung.

Auch deutlich wurde für mich: Es gibt sicher nicht die eine zielführende Methode, wie ein Professor oder eine Professorin „sein oder ihr Ding“, d. h. die Sache (= das Fach), für das er oder sie steht, an die Studenten bringt – auch wenn irgendwie jeder immer von der eigenen Methode am überzeugtesten ist. Die Art und Weise der Vermittlung muss irgendwie zu ihm oder ihr passen, damit er oder sie und in weiterer Folge der Gegenstand überzeugen kann. Aber damit überhaupt etwas passieren kann, bedarf es dieses Engagements auf Senderseite: Ein Engagement für die Sache, das speziell auf den jeweiligen Empfänger hin ausgerichtet ist. Eigentlich wie im altbekannten Kommunikationsmodell, habe ich mir gedacht: ein Dreieck von Sender, Empfänger und Inhalt.

Ein echter Kommunikationsprozess braucht aber jedenfalls einen offenen Ausgang.  Was vom Intendierten wirklich auf Empfängerseite ankommt, kann nicht von Vornherein festgeschrieben werden. Wenn jedoch – wie beim kompetenzorientierten Zugang – auf der Empfängerseite schon vorab, noch dazu losgelöst vom konkreten Empfänger,  feststeht, was ankommen soll, und auf der Inhaltsseite zudem eher Beliebigkeit herrscht, dann wird das gesamte Dreieck aus der Balance gebracht. Der Sender verliert den unmittelbaren Bezug zur Botschaft, die Botschaft selbst wird austauschbar, langweilig oder uninteressant. Und der Empfänger hat zurecht das Gefühl, dass es gar nicht um ihn selbst geht, sondern um irgendetwas, das neben oder über ihm steht, eine Art Aktion, die er automatengleich ausführen soll.

Ob damit im Bildungswesen etwas gewonnen ist?  Just „jener fördernde Aufschwung, nach dem jeder junge Mensch sich doch heimlich sehnt“, von dem Stefan Zweig spricht, scheint mir durch die Kompetenzorientierung wieder vermehrt auszubleiben. Beruhigend nur, dass es an den Universitäten auch ProfessorInnen und DozentInnen gibt, die für ihre Sache „brennen“ und weit mehr pädagogisches Engagement mitbringen, als für die bloße Ausbildung von Kompetenzen  vonnöten wäre. Und durchaus auch ein Glück, dass es an den Schulen immer noch LehrerInnen gibt, die ein inhaltliches Anliegen, eine mit Inhalten gefüllte Botschaft haben und sich trotzdem oder gerade deshalb mehr für ihre SchülerInnen und deren möglichen „Aufschwung“ als bloß für deren Kompetenzen interessieren. Leichter aber wird es in Zeiten wie diesen nicht, für das eigene pädagogische Anliegen einzustehen. (nemo)

¹ Stefan Zweig: Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers (1944), S. Fischer Sonderausgabe, S. 46.

Fragen zur Deutschmatura 2016

Zwar bin ich in diesem Jahr kaum involviert, da ich selbst keine Maturaklasse unterrichte. Ein paar Fragen habe ich trotzdem:

Warum ist eigentlich in Mathematik möglich, was in Deutsch so kategorisch abgelehnt wird, nämlich unterschiedliche Aufgabenstellungen für AHS und BHS? Eine Mathematik-Kollegin sagte mir heute, der Mathematikunterricht in den beiden Schultypen unterscheide sich so gravierend, dass an eine gemeinsame Matura nicht zu denken sei. Aber gilt das denn nicht auch für Deutsch? Auch im Fach Deutsch unterscheidet sich der Unterricht im Gymnasium von jenem an HTLs, HAKs oder HBLAs. Oder besser gesagt: Der Unterricht würde sich unterscheiden, wenn wir eine andere Matura hätten, sprich: Wenn wir, so wie früher, unseren Fokus in der Oberstufe auf die Literatur und die Literaturgeschichte legen könnten und dies bei der Matura auch abbilden dürften. Aber nein, es sei ja so ein Fortschritt, dass wir alle, AHS und BHS, die gleiche Matura in Deutsch haben. Immer wieder habe ich das so gehört. Ehrlich gesagt, ich sehe den Fortschritt nicht so wirklich.

90 % der SchülerInnen haben das dritte Thema, Bewusst leben, bei der diesjährigen Deutschmatura gewählt. Dafür waren eine Meinungsrede und ein Leserbrief zu schreiben. Die literarische Aufgabenstellung zum Thema Stadtleben haben also auch an den Gymnasien nur ganz wenige gewählt. (Bei uns am WRG waren es ganze  5.) Da kämpfen wir dafür, dass die Literatur wenigstens in einem der drei Aufgabenpakete vorkommt, und dann wählt das eh keiner. Aber ist das denn wirklich so verwunderlich? Wer von den Deutschlehrern hätte sich wohl über die Interpretation zweier eher weniger bekannter expressionistischer Gedichte drübergetraut? Zumal in den fünf Stunden neben der Interpretation ja auch noch eine Zusammenfassung eines Interviews über „Urban Gardening in Wien“ zu schreiben war und wo doch das „Wald-und-Wiesen-Thema“ genauso zur Verfügung stand. Wer wählt da freiwillig die doch ziemlich anspruchsvolle und gewagte Sache? Ein paar Ambitionierte. Mehr ist nicht zu erwarten.

Zeigt sich am Beispiel der literarischen Aufgabenstellung nicht einmal mehr die Beschränktheit der umfassenden Kompetenzorientierung, die unsere neue Matura so massiv prägt? Wer von den Schülern kann denn wirklich seine im Deutschunterricht erworbenen „Analysekompetenzen“ so zielsicher und gewandt ein- und umsetzen, dass er sich an ihm unbekannte Gedichte macht und diese mir nix, dir nix mal schnell durchanalysiert und -interpretiert? Wäre dafür nicht mindestens ein Germanistikstudium vonnöten, wenn man die Aufgabe der Interpretation ernst nimmt? Und wenn man sie nicht ernst nimmt und es eh nur darum geht, oberflächlich dahinzuschwadronieren und in erster Linie die Schreibaufträge abzuarbeiten: Kann man dann den Gedichten auch nur annähernd gerecht werden? Lassen sich diese denn ohne literaturgeschichtlichen Hintergrund, ohne Kontextwissen einfach so interpretieren? Bräuchte es dafür nicht konkrete Vorbereitung, nicht nur in technisch-formaler Hinsicht, sondern auch in inhaltlicher?

Viele Fragen, keine Antworten. Anscheinend wird im Hintergrund an der Weiterentwicklung der Deutschmatura gearbeitet. Fürs Erste werden wir mit der gegenwärtigen Form leben müssen. Wobei, das möchte ich auch noch betonen, die aktuelle Version, sowohl was die Themen als auch was die Gedichte und die anderen Texte betrifft, schon in Ordnung ist. Wenn man die Matura, so wie sie derzeit ist, halt grundsätzlich in Ordnung findet. (nemo)

PS: Wer noch Lust auf mehr Kompetenzkritik hat: Gestern ist im Online-Standard mein Kommentar „Die Reife in Zeiten der Kompetenzorientierung“ erschienen. Und zur Situation in Mathematik findet sich dort ebenfalls ein meines Erachtens sehr interessanter Userkommentar: „Zentralmatura: Wider die Mathematik als Kunst des Kostümierens„.