Blau: Die Genese eines Kulturprojekts am Puls der Zeit

Viel lese bzw. höre ich dieser Tage über die Farbe Blau: Der deutsche Wissenschaftsautor Kai Kupferschmidt hat kürzlich ein Buch mit dem Titel Blau. Wie die Schönheit in die Welt kommt veröffentlicht. Ich habe im Radio davon erfahren. Auch auf dem Frankoromanistentag, einem Kongress zur französischen Sprach-, Literatur und 31+f6MVoAvL._SX285_BO1,204,203,200_Kulturwissenschaft, der nächstes Jahr in Wien stattfindet, wird die Farbe Blau verhandelt. Dem Programm entnehme ich, dass es dort eine Sektion zur wissenschaftlichen Betrachtung der „starken Farbe Blau“ geben soll. Blau also, wohin das mediale Auge blickt.

Bereits vor ein paar Jahren, als in der Kunsthalle Wien eine Ausstellung mit dem Titel Blue Times lief, musste ich schmunzeln: Hatten wir doch in der Schule schon im Jahr 2012 ein Kulturprojekt zur Farbe Blau durchgeführt – und ordentlich zu kämpfen, um unsere „Klientel“ von der Sinnhaftigkeit eines solchen Projektes zu überzeugen. Ein bisschen Genugtuung verspüre ich schon, wenn ich nun von den aktuellen Auseinandersetzungen im Wissenschafts- und Kunstbereich lese. Da waren wir offenbar ganz schön am Puls der Zeit mit unserem schulischen Kulturprojekt. Unsere SchülerInnen sahen das damals allerdings ein bisschen anders …

Ich erinnere mich daran, wie meine Kollegin und ich – beide hellauf begeistert von der Idee, zur Farbe Blau ein fächerübergreifendes Kulturprojekt anzuzetteln – auf einhellige Ablehnung bei den SchülerInnen stießen: Was bitte soll das sein, ein Projekt zu einer Farbe? Was wir überaus cool, anregend und spannend fanden, fiel bei den SchülerInnen ganz einfach durch. Intensive Überzeugungsarbeit war nötig, fast hätten wir alles hingeschmissen, bevor es uns schließlich gelang, den 16-Jährigen wenigstens die (passive) Bereitschaft, sich auf das Experiment einzulassen, abzutrotzen.

Kern der Auseinandersetzung sollten Gedichte sein, in denen die Farbe Blau ein wichtiges Motiv darstellt. Im Reclam-Verlag gab es das dazupassende Heftchen mit einer Sammlung „blauer Gedichte“. Je ein Gedicht sollten sich die SchülerInnen aussuchen, es in Gruppen bearbeiten und filmisch umsetzen. Im Vorfeld bereiteten wir das kulturelle Feld mit Bildern (Yves Klein), Filmen (Drei Farben: Blau) und Musik (Blues) auf und 31WZTNAgOtL._SX322_BO1,204,203,200_untersuchten die kulturellen Konnotationen dieser Farbe. Anschließend besorgten wir die Reclam-Hefte, organisierten einen Filmworkshop, beantragten das nötige Geld. Wir warfen uns wirklich ins Zeug. Unsere Begeisterung übertrug sich dennoch kaum merklich auf die Schüler. Einzig die in Aussicht gestellte Exkursion nach München (Der Blaue Reiter im Lenbachhaus) sowie eine mehrtägige Kulturreise nach Berlin lockten sie einigermaßen hinter dem Ofen hervor. Aus heutiger Sicht denke ich mir: Wahnsinn, was wir uns damals für dieses Kulturprojekt angetan haben! Als Bezahlung für uns lockte gerade einmal eine halbe Werteinheit pro Lehrkraft. Jede zweite Woche durften wir dafür gegen den jugendlichen Widerstand und die Lethargie der SechstklässlerInnen ankämpfen. Hart verdientes Brot, wahrlich.

Aber ja, unsere Hartnäckigkeit sollte sich noch bezahlt machen: Im Laufe des Jahres fingen die SchülerInnen nach und nach Feuer. Zuerst nur ein paar, schließlich immer mehr. Als ihre experimentellen Kurzfilme unter Dach und Fach waren, waren die meisten von dem Projekt schon recht angetan. Die Exkursion ins Lenbachhaus machten sie dann schon richtiggehend gerne mit und die Reise nach Berlin – auf den Spuren der Farbe Blau in der Stadt, in verschiedenen Museen und in der Street Art – fanden sie schlussendlich ebenso cool wie wir selbst. Bei der „Blauen Nacht“, bei der das Projekt vorgestellt und die Filme und Fotos den Eltern sowie der interessierten Schulöffentlichkeit gezeigt wurden, war durchaus so etwas wie allgemeiner Stolz spürbar.

Im vollen Ausmaß wurde ihnen das, was ihnen mit diesem Kulturprojekt geboten worden war, allerdings erst nach Projektende bewusst. Mit dem Abstand von mehreren Jahren fanden sie das Projekt so richtig toll. Beim ersten Maturatreffen schwelgte man in Erinnerungen an die megacoolen Tage in Berlin und fand, dass wir da in der Sechsten eigentlich voll das innovative, hippe Kulturprojekt durchgezogen hätten. Als Highlight des Abends wurden die experimentellen Kurzfilme von damals gezeigt – und wir bekamen sozusagen unseren späten Lohn.

(nemo)

 

Gedichte als Manifestation von Sinn, Freiheit und Mut

Muss Kunst immer einen Sinn haben?, wurde neulich in einer Radiosendung gefragt. Auf diese Frage ließe sich antworten: Kunst muss nicht nur einen Sinn haben, Kunst hat einen Sinn. Immer und per se. Weil Kunst ohne Sinn nicht existieren würde. Weil Sinn dem Kunstwerk inhärent ist.

Es ist wie mit der Kommunikation: Man kann nicht nicht kommunizieren. Ebensowenig kann man Kunst ohne Sinn schaffen. Freilich kann der Sinn eines Kunstwerks auch darin bestehen, Unsinn zu erzeugen. Die Dadaisten wollten das mit ihrer Kunst: Nonsens zu erzeugen war der Sinn ihrer Kunstproduktion. Unsinn ist aber eben nicht Abwesenheit von Sinn.

Selbstverständlich aber kann Kunst zwecklos sein. Ja, der Sinn eines Kunstwerks misst  sich sogar am Zwecklosen. Kein Zweck, sondern das bloße Sein ist der Sinn von Kunst. Somit haftet der Sinn dem Kunstwerk im Moment seiner Realisierung unwiderruflich an. Kunst entsteht in der Hingabe an das schöpferische Tun, im Stoppen von Zeit und Zweck. Auf diese Weise entsteht Sinn, der für den Kunstproduzenten und in weiterer Folge auch für den Rezipienten als Freiheit erfahrbar wird.

Wie sich dieser Prozess in der Dichtung darstellt, darüber spricht Hilde Domin in ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die den schönen Titel Das Gedicht als Augenblick von Freiheit tragen:

Dichtung und Liebe haben nicht nur die Besonderheit ihrer Zeit außer der Zeit gemeinsam: beide sind zweckfrei. Dienen keinem „Um zu“, sondern sind um ihrer selbst willen da, wie alles, worauf es in Wahrheit ankommt. Schreiben – und demnach auch Lesen – setzt dies Innehalten voraus, das Sich-Befreien vom ‚Funktionieren‘. Nur im Innehalten, nur wenn die programmierte und programmierende Zeit stillsteht, kann der Mensch zu sich selber kommen, zu jenem Augenblick der Selbstbegegnung, der im Gedicht auf ihn wartet. (S. 49f.)

Bereits in einem früheren Text mit dem Titel Warum einer tut, was er tut benennt sie den Versuch, mit Sprache die Wirklichkeit zu verändern, als Movens ihres Schreibens und zeichnet nach, wie sich die schöpferische Beschäftigung mit der Sprache als Akt der Befreiung darstellt. In den Vorlesungen heißt es hierzu:

Dichtung entsteht zwar unter Notwendigkeit. Aber dennoch in Freiheit. Sie ist geradezu eine Manifestation von Freiheit. Das heißt, sie kommt nicht von außen, sondern aus dem Menschen selbst: aus seiner Phoenixnatur, seinem Wiederauferstehungsvermögen, seiner allerinnersten Kraft. (S. 37)

In dieser allerinnersten Kraft liege das Wahrhaftige der eigenen Stimme. Hilde Domin bezeichnet das Schreiben (und, da sich Dichtung mit jedem Leser/jeder Leserin erneuert, auch das Lesen) als ein „Training in Wahrhaftigkeit“. Um seine Erfahrung aber überhaupt formulieren zu können, brauche der Schreibende Mut. Dieser Mut ist ein dreifacher:

der Mut zum Sagen, der der Mut ist, er selbst zu sein, der Mut zur eigenen Identität. Der Mut zum Benennen, der der Mut ist, die Erfahrung wahrhaftig zu benennen, ihr Zeuge zu sein. (…) Der dritte Mut ist der, an die Anrufbarkeit der andern zu glauben. Denn wenn er auch nicht ‚für andere‘ im strikten Sinne schreibt, überhaupt nicht ‚um zu‘, so müßte er doch verstummen, wäre nicht in ihm der Glaube an den Menschen, ohne den kein Wort geschrieben werden könnte. Noch im negativsten Gedicht ist dieser Glaube, daß das Wort ein Du erreicht. Dichtung setzt die Kommunikation voraus, die sie stiftet. (S. 52)

Damit die Wirklichkeit „benennbar und gestaltbar“ wird, ist es unabdingbar, dass die Sprache, ja, dass jedes Wort stimmt. Nur dann können Gedichte ihre Kraft entfalten:

Jede kleinste Verschiebung zwischen dem Wort und der mit dem Wort gemeinten Wirklichkeit zerstört Orientierung und macht Wahrhaftigkeit von vornherein unmöglich. Niemand aber ist eine feinere Waage für die Worte als der Lyriker. Deshalb erfüllt das Gedicht, das Sprache erneuert und lebendig hält, eine Funktion für alle, denn es hilft die Wirklichkeit, die sich unablässig entziehende, benennbar und gestaltbar zu machen.

Mir kommt das alles, obgleich es keinesfalls neu ist, gerade wieder ungemein aktuell vor. Gedichte erscheinen wie ein Gegenmittel zu all dem Floskelhaften und dem sprachlichen Müll, der uns andauernd umgibt – sei es in der Werbung, in den Warteschleifen diverser „Hotlines“, in den (sozialen) Medien oder in der Politik …

PS: Auch im letzten brennstoff, der von Heini Staudinger herausgegebenen Zeitschrift des GEA-Verlags, wurde Hilde Domin zitiert. Ist mir schon öfter aufgefallen, dass ich selbst ein bisschen wie diese Waldviertler ticke. 🙂

(nemo)

 

 

 

 

 

Zwei Tage Linz

Eigentlich wollte ich mit mit meinen Achtklässlern auf die Alm. Am Beginn des neuen und für die SchülerInnen letzten Schuljahres hoch hinaus und gestärkt wieder zurück – das war die Idee. Dann aber wurde die Wettervorhersage für die vergangenen zwei Tage zu schlecht. Im Eilverfahren habe ich am Freitag versucht, ein Alternativprogramm für Linz zu erstellen – wissend, dass die Dinge in der IMG_2658oberösterreichischen Landeshauptstadt oft leichter gehen als anderswo. Und tatsächlich, Linz hat uns auch diesmal nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil: Nach ein paar Stunden Internet- und Telefonarbeit war alles reserviert. Zugfahrt, Jugendherberge, Theater- und Ausstellungsbesuch. Ich war selbst beeindruckt, zumal sich die Kosten für die SchülerInnen auf nicht einmal 60 Euro pro Person belaufen sollten.

Highlight am gestrigen Tag war die Improtheatervorstellung im Theater Phönix. Die SchauspielerInnen reagierten auf Zuruf, vor uns entstanden die lustigsten und skurrilsten Szenen, es wurde gesungen und gespielt auf Teufel komm raus. Wirklich ein gelungener Abend. Highlight am heutigen Tag war der Besuch des IMG_2669„Höhenrausches“. Verschiedene Kunstinstallationen zum Thema „Das andere Ufer“ und ein Rundgang über den Dächern von Linz. Auf diese Weise wird den Schülern die Begegnung mit moderner Kunst wirklich schmackhaft gemacht. Meine Klasse war davon (fast) so begeistert wie ich.

Ach ja, alle 26 SchülerInnen waren in Linz dabei, alle waren zufrieden. Eine echte Freude, wie’s läuft, wenn man nach mittlerweile über drei Jahren und etlichen gemeinsamen Reisen schon so richtig zusammengespielt ist. Klassenvorstandsglück halt! 🙂

(nemo)

Gegen die Verdummung. Literatur als Seelenfutter

In seiner Rede zur Literatur hat der Schriftsteller Franzobel kürzlich viel Schönes und Wahres über die Literatur und ihre Notwendigkeit gesagt. Hier ein paar Zitate:

Es wird immer eine Sehnsucht nach Geschichten geben, nach Versuchen, das Leben zu bewältigen, zu bereichern und den Tod zu begreifen. Literatur speichert Erfahrungen und Empfindungen schneller als die Gene. Sie darf Dinge anders sehen, aussprechen, neu bewerten, Utopien entwerfen, unvernünftig und verrückt sein. Sie darf Dinge zurechtrücken, was gerade ziemlich notwendig zu sein scheint, denn die Welt ist ein übel riechender Schweinetrog geworden, an dem sich ein paar wirkliche dicke Säue laben, die Anlass zur Vermutung geben, der bekannte, oft zitierte Ausspruch der Ingeborg Bachmann sollte eigentlich lauten: In Wahrheit ist der Mensch die Zumutung.

Literatur ist Kampf – gegen die Verdummung, Herzlosigkeit, Ignoranz, Lustfeindlichkeit, Engstirnigkeit, aber ebenso gegen die Verknechtung durch die Absolutheits- und Wahrheitsalleinbeansprucher.

Die größte, ständig lauernde Gefahr für jede homogene Gesellschaft besteht darin, dass sie plötzlich durch religiöse, ethnische, rassische oder andere, vielleicht sogar triviale, lächerliche Grenzen (zum Beispiel Kopftücher, lange Nasen oder eine Vorliebe für Burritos) zerteilt wird und Demagogen (politische Führer, welche unter Anführungszeichen gehören) die einzelnen Gruppen aufeinanderhetzen. Der Balkankrieg, Ruanda, die Ukraine, Syrien. Wir dachten, so etwas gäbe es nicht mehr. Weit gefehlt. Im Grunde wird die ganze homogene Menschheit so zerteilt. Und wenn es jemand schafft, uns zu zeigen, dass wir Mitteleuropäer derselben Spezies angehören wie die Chinesen, Senegalesen, Burmesen, Peruaner, Hawaiianer, Kenianer, Jemeniten oder wer auch immer, diese Menschen dieselben Empfindungen, Sorgen, Wünsche haben wie wir, dann die Literatur. Darum hat sie auch die Pflicht, sich einzumischen, anzuschreiben gegen Kleingeister und Nationalisten, Europazertrümmerer, Weltzerstörer.

(nemo)

 

Schulische Lebenselixiere

Gleich an zwei Abenden durfte ich in dieser Woche schulische Lebenselixiere zu mir nehmen. Mitunter braucht man solche, gerade gegen Ende eines fordernden Schuljahres. Nicht die Noten, nicht die Orientierung an Kompetenzen, nicht die standardisierten Prüfungsformate und auch nicht Kriterien wie Qualität, Optimierung, Professionalisierung, Output oder sonst ein Begriff aus der „schönen neuen Schulwelt“ standen an diesen zwei Abenden im Mittelpunkt, sondern die gemeinsame Sache, die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern, der anstrengende, aber spannende Weg miteinander.

dialogAm Dienstag war ich zur Maturafeier einer Klasse eingeladen, in der ich eigentlich gar nicht unterrichtet hatte. Zumindest nicht in der achten Klasse. Aber es war die erste Klasse, die ich vor sieben Jahren als Unterrichtspraktikantin am WRG in Deutsch bekam. Daraus begründete sich für mich eine Art besondere Beziehung. Im letzten Jahr durfte ich einen Teil der SchülerInnnen dann außerdem noch in Französisch unterrichten. Und auch dadurch – nicht zuletzt durch die gemeinsame Reise nach La Rochelle – hat sich die Art von besonderer Beziehung noch einmal bestätigt (auch wenn wir im letzten Jahr, als sie in der siebten Klasse waren, durchaus auch ein paar Konflikte auszutragen hatten). Insgeheim hatte ich ein bisschen darauf gehofft, dass mich die Klasse zu ihrer Maturafeier einladen würde; als die Einladung tatsächlich erfolgte, habe ich mich voll gefreut.

Das Schönste an der Maturafeier war das, was ich dort beobachten konnte: MaturantInnen mit ihren Eltern und LehrerInnen, die den Erfolg der Matura, aber mehr noch die in acht gemeinsam verbrachten Jahren entstandene Beziehung zelebrierten. Eine Klassenvorständin, die in ihrer Rede jedem einzelnen Schüler, jeder einzelnen Schülerin sagte, was sie an ihm oder ihr schätzt und mag, so ehrlich und authentisch, dass alle im Raum berührt waren. SchülerInnen, die sich bei den Lehrern „das Du-Wort abholen kamen“, die eine Lehrerin zum Abschied drücken wollten, einfach „weil Sie, äh Du, so ein netter Mensch bist“, Eltern, die sich bei KollegInnen für das außerordentliche Engagement bedankten und sich mir gegenüber an Besonderheiten des Fachunterrichts „damals in der zweiten Klasse“ erinnerten, SchülerInnen und LehrerInnen, die bis spät in die Nacht gemeinsam feierten, lachten und scherzten. Ich durfte den Schlusspunkt einer schulischen Laufbahn miterleben, der so nur möglich war, weil dahinter (bzw. zeitlich davor) mehrere Jahre standen, in denen das Menschliche die oberste Stelle einnahm. Diese MaturantInnen haben zahlreiche standardisierte oder auch individuell zusammengestellte Prüfungen abgelegt, sie weisen nunmehr vielfältige Kompetenzen auf, sie verfügen über Wissen und Können, weil sich all dies und noch viel mehr in den meisten Fällen am Ende eben doch einstellt – wenn das Bestreben ihrer Lehrer in erster Linie auf Bildung, auf die Entwicklung, Forderung und Förderung der jungen Menschen ausgerichtet ist. (Ob sich allerdings umgekehrt Bildung auch einstellen würde, wenn das Bestreben der Lehrer einzig auf Kompetenzerwerb und Standards ausgerichtet ist, erscheint mir viel fraglicher zu sein.)

Etwas ganz anderes und doch irgendwie Ähnliches stand am Mittwochabend auf PlakatWIenerWelten2dem Programm. Meine sechste Klasse lud zur Präsentation ihres diesjährigen Kulturprojektes. Sie hatten verschiedene Orte in Wien fotografisch in Szene gesetzt, nun wurden ausgewählte Arbeiten in der Galerie Fotohof ausgestellt. Aufgrund der Kooperation mit dieser Institution und der Gastfreundschaft von Hermann Seidl – die SchülerInnen hatten bei ihm den vorbereitenden Fotoworkshop absolviert – hatten sie die einzigartige Gelegenheit, eigene künstlerische Arbeiten in einer richtigen Galerie auszustellen. Am Mittwochabend fand also gewissermaßen die Vernissage statt – und was es für eine Vernissage wurde!

Eltern, Großeltern, Freunde und LehrerkollegInnen fanden sich ein, um die Fotografien zu betrachten. Zu sehen bekamen sie echt Großartiges. Wir wussten bereits in Wien, dass die SchülerInnen interessante und ungewöhnliche Fotos gemacht hatten. In der nunmehrigen thematischen Zusammenstellung und mit künstlerischer Unterstützung des BE-Lehrers aber entstanden Fotocollagen, die uns alle vom Hocker rissen.

Die SchülerInnen meiner Klasse sind zum Großteil introvertiert, im Unterricht wirken sie manchmal ein bisschen teilnahmslos und lahm. Nicht nur ich hatte mich in diesem Jahr immer wieder mehr oder weniger vergeblich bemüht, sie für Inhalte zu interessieren oder ihren kritischen Geist zu wecken. Gerade in letzter Zeit waren zudem einige Konflikte zu lösen und Probleme zu besprechen. Und, ja, das Engagement für den Präsentationsabend schien mir noch letzte Woche auch nicht wirklich überwältigend. Umso mehr erstaunte und erfreute mich das, was wir am Mittwochabend zu sehen bekamen. Künstlerische Werke der Extraklasse und fröhliche junge Menschen, die – auf ihre Art – stolz auf die Ergebnisse waren. Eltern, die ebenso beeindruckt waren wie wir LehrerInnen. Und endlich konnte ich die SchülerInnen an diesem Abend wieder einmal richtig loben und mich bei ihnen für ihre Arbeit bedanken!

Wo meine Klasse in zwei Jahren stehen wird, wie sich ihre eigene Maturafeier gestalten wird, weiß ich nicht. Hoffentlich werden einige der pädagogischen Versuche und Maßnahmen gelingen, die wir den SchülerInnen angedeihen lassen und auch zumuten müssen. Dass solche gemeinsamen Erlebnisse wie jenes am Mittwochabend das sind, worauf es ankommt und was Schule im Kern ausmacht, davon bin ich überzeugt.

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PS: Die Fotocollage ganz oben trägt übrigens den Titel „Dialoge“.

(nemo)

W wie Wind und Wetter im wunderbaren Wien

SAM_0165Blöd, wenn die Klassenreise nach Wien gerade während eines massiven Kälteeinbruchs im April stattfindet. Mein Gott, wie schön hätte es sein können, bei frühlingshaften Temperaturen durch die Stadt zu flanieren, unter blühenden Bäumen zu verweilen und sich die eine oder andere Melange im Freien einzuverleiben. Aber nein, Schnee, Regen, Wind und eine Eiseskälte scheuchten uns durch die Straßen. Und das, wo die SchülerInnen fotografisch auf Exkursion gehen, öffentliche Räume ins Bild nehmen, sich selbst und andere vor Ort inszenieren sollten. „Wiener Welten“ haben wir unser diesjähriges Kulturprojekt betitelt, die Feldarbeit dafür hatten wir uns alle ein bisschen leichter vorgestellt. Aber heutzutage kann man sich einfach auf gar nichts mehr verlassen, nicht einmal in Wien macht der Herrgott – Schas hin oder her – dauerhaft a schön’s Wetter. 😉

Was soll’s, toll war’s trotzdem. Sehr toll sogar. Wien ist einfach eine Pracht und das dortige Kulturleben jedes Mal wieder ein Genuss. Außerdem waren die Schüler wirklich tapfer, haben wacker fotografiert und ja, in künstlerischer Hinsicht können Orte wie der Prater oder die Wiener Parks vom schlechten Wetter auch gewinnen. Hatte ja nie jemand behauptet, dass es leicht und bequem sein müsste, Kunst zu produzieren. Und zwischen den Projektarbeitsphasen hatten wir eh Indoor-Programm. Die eigene künstlerische Betätigung der SchülerInnen wurde durch mehrere Ausstellungsbesuche ergänzt. Und was das betrifft, kann man in Wien einfach aus dem Vollen schöpfen.

Angefangen haben wir am Dienstagnachmittag mit einem Besuch des Dialogs im Dunkeln. Dabei begibt man sich, geführt von einem blinden Menschen, auf einen Rundgang in völliger Dunkelheit, bei dem sowohl der Gehör- und der Geruch- als auch der Tast- und Geschmacksinn geschärft werden. Eine beeindruckende und spannende Erfahrung und für uns gerade auch im Rahmen dieser speziellen Wientage ein gelungener Kontrast zu der darauffolgenden mehrtägigen visuellen Auseinandersetzung mit Farbe und Licht.

Als äußerst gelungen empfanden wir alle, SchülerInnen wie LehrerInnen, den Besuch der Albertina am Mittwoch. Wir hatten eine Führung durch die Egon Schiele-Ausstellung gebucht und gleich zwei hervorragende KunstvermittlerInnen bekommen. Kombiniert mit den beeindruckenden Schiele-Zeichnungen ein wirklicher Glücksfall, der sich so weder bei der tags darauf besuchten Carl Spitzweg/Erwin Wurm-Ausstellung im Leopold Museum noch bei der Daniel Richter-Ausstellung im 21er Haus wiederholte. Zwar sind auch diese beiden Ausstellungen ebenso wie die Museen mit ihren Sammlungen insgesamt grandios, die Kunstvermittlung aber konnte nicht im selben Ausmaß IMG_4725überzeugen. Zumindest bei der Daniel Richter-Ausstellung waren allerdings die Bilder für die Jugendlichen trotzdem mitreißend. Der ironische Grundton und die feine spitze Klinge der Carl Spitzweg-Bilder oder auch der Erwin Wurm-Skulpturen fand hingegen bei den Schülern etwas weniger Anklang. Was es, unabhängig vom persönlichen Gefallen, generell für ein Glück und Privileg ist, solche Museen besuchen zu können, solche Meisterwerke zu Gesicht zu bekommen, ist vielen SchülerInnen einfach noch nicht bewusst. Dafür ist auch ihr Hunger auf Kunst (noch?) zu wenig ausgeprägt. Wie wertvoll und wichtig Unternehmungen und Begegnungen dieser Art trotzdem sind, wissen wir LehrerInnen – und zwar einfach aufgrund unseres pädagogischen Gespürs, ganz ohne dass es uns eine Studie, Zahlen oder gar ein Bildungsexperte bestätigen müssten.

Dasselbe gilt im Übrigen für den Bereich des Theaters: Am Donnerstagnachmittag hatten wir eine interessante Führung im Burgtheater, am Abend sahen wir uns dort Molières eingebildeten Kranken an. Die schrille Inszenierung von Herbert Fritsch kann man, man muss sie nicht mögen. Mir selbst gefiel vor allem der Teil nach der Pause ausgezeichnet. Unabhängig davon aber war es ein Genuss, diese schauspielerischen Leistungen geboten zu bekommen. Auch vom Theaterbesuch war natürlich nicht die ganze Klasse im selben Ausmaß begeistert. Vielleicht müsste man auch schon mehr gesehen haben, theatermäßig versierter sein als es die meisten 16-Jährigen sein können, um eine solche Inszenierung entsprechend schätzen zu können. Trotzdem gilt auch hier: Wenn es gelingt, auch nur ein paar nachhaltig vom Wert des Theaters zu überzeugen, erscheint mir unsere Mission geglückt. IMG_4734

Natürlich fragt man sich selbst immer wieder, wieviel die Jugendlichen von solchen Kulturtagen mitnehmen und wie vieles an ihnen abprallt oder unbemerkt vorbeirauscht. Vielfach können wir nur darauf vertrauen, dass sich früher oder später bei den meisten etwas tut, dass all diese Erfahrungen sie prägen und reicher machen. Zwei starke Indizien dafür, dass dem so ist, haben wir noch in Wien bzw. auf der Heimreise erhalten: Erstens haben die SchülerInnen Fotos gemacht, wie wir sie ihnen kaum zugetraut hätten. Motive, die sie in den Ausstellungen gesehen hatten, Einstellungen, die sie im vorbereitenden Fotografie-Workshop kennengelernt hatten, Sujets, denen sie in Wien in anderen Zusammenhängen begegnet waren, fanden sich in vielen ihrer Arbeiten wieder. Jetzt müssen die Fotos noch ausgewählt, nachbearbeitet und aufbereitet werden, aber auf die Ausstellung freue ich mich schon jetzt!

Und zweitens hatten wir im Zug nach Salzburg noch eine andere schöne Begegnung: Zufällig befand sich eine ehemalige Schülerin aus unserer Schule im gleichIMG_4731en Waggon. Mit welcher Freude die sich zu uns setzte, wie klug sie über ihre Schulzeit reflektiert, wie gern sie an die Zeit bei uns im WRG zurückdenkt und wie differenziert sie schon heute über Bildung, Kunst und Theater nachdenkt, hat uns ebenso beeindruckt wie gefreut. Ein wirklich schönes Erlebnis für uns, wenn man sich be- und angereichert mit so vielen Eindrücken und glücklich darüber, dass alles geklappt hat und niemandem etwas passiert ist, auf der Heimfahrt befindet. Müde, unglaublich müde ist man nach so einer Reise, müde und gleichzeitig dankbar für die wunderbaren Tage in Wien, Wind und Wetter zum Trotz. – Außerdem: Am letzten Tag schien eh die Sonne. 🙂 (nemo)

PS: Und wie immer habe ich die SchülerInnen gleich im Zug ein bisschen über die Wien-Tage reflektieren lassen. Hier ein paar Statements:

Unsere Unterkunft hat mich ein wenig an ein Gefängnis erinnert, als wir sie zum ersten Mal sahen, aber sie war eigentlich voll okay.

I love all the art and history of artists in Wien, and it was really great to be able to be on tours.

Hin und wieder war es ein bisschen anstrengend, den Fotoapparat überall hinzuschleppen.

Am besten hat mir an der Wienwoche gefallen, dass wir eigenständig sein und uns frei bewegen durften.

Am Anfang war ich etwas skeptisch, ob mir die Ausstellungen gefallen würden, aber ich bin positiv überrascht. Ich habe die Ausstellungen sehr interessant gefunden und mir haben sogar ein paar Bilder gefallen.

Was mir nicht gefallen hat, war das Wetter, aber das kann man ja nicht bestimmen.

Das Fotoprojekt war mal einfach, mal schwierig. Am schwersten war die Porträtfotografie, weil man doch den Mut aufbringen muss, die Personen erst einmal zu fragen.

Am Mittwoch haben wir gefroren wie noch nie und sind waschelnass geworden. Am Donnerstag ist es schon besser gewesen und am letzten Tag haben wir wohl doppelt so viele Fotos wie in den beiden vorigen Tagen gemeinsam geschossen. Auf der Donauinsel herrschte traumhaftes Wetter und wir hatten eine Wahnsinnskulisse.

Das Programm war cool. Besonders haben mir die Ausstellungen von Egon Schiele und Daniel Richter gefallen.

Mir persönlich hat die Führung in der Albertina am besten gefallen. Wir hatten dort eine sehr gute Führerin, die alles sehr interessant berichtet hat.

Das Theater war sehr ausgefallen und ich war begeistert von den Schauspielern.

Mir hat die Reise gut gefallen. Vor allem, dass wir Wien großteils allein erforschen und erkunden durften.

Mir hat das Fotoprojekt sehr „getaugt“. Es fühlte sich gar nicht wie Arbeit an.

Ich freue mich SEHR auf die Ausstellung und auch auf weitere Schulausflüge mit dieser coolen Klasse.

„Und mehr bedarfs nicht – Über Kunst in bewegten Zeiten“

Hier ein Ausschnitt aus Konrad Paul Liessmanns heute Vormittag gehaltener Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, in der er einen Vers („und mehr bedarfs nicht“) aus Friedrich Hölderlins Ode An die Parzen als Leitmotiv einsetzt und in der er u. a. den Zusammenhang von Kunst und Bildung erläutert. Am Ende dieses Auszugs habe ich eine Passage hervorgehoben. An dieser Stelle spricht mir Liessmann aus der Seele.

Mit Fug und Recht könnte man sich auch einmal die Frage stellen: Wieviel Bildung braucht die Kunst, wieviel Kunst braucht die Bildung? Das gelungene Werk, auch in seiner Einfachheit raffiniert und anspielungsreich, immer auf Vergangenes zurück und auf Zukünftiges vorausweisend, stellt hohe Ansprüche. Hören, Lesen, Sehen sind in diesem Zusammenhang nicht nur rezeptive, sondern produktive Tätigkeiten, das Verstehen und der Genuss steigern sich mit Kenntnissen, Einsichten und Erfahrungen. Ästhetische Bildung als Modell für die Freiheit und Autonomie des Menschen kann sich nur in Auseinandersetzung mit der Kunst entfalten, ästhetische Urteilskraft, die Fähigkeit, das Gelungene vom Misslungenen zu unterscheiden, die Schulung einer kritischen Haltung können sich nur in Konfrontation mit den Werken der Tradition und der Gegenwart entwickeln. Ja, Kunst braucht Bildung in einem fundamentalen Sinn, sie braucht vielfältige Kenntnisse, braucht historisches, religiöses, philosophisches und literarisches Wissen, braucht Erfahrungen. Welche Schule, welcher Bildungsplan will solches heute noch bieten?
Aber wieviel Kunst braucht die Bildung? Genügt es nicht, dass junge Menschen jene Kompetenzen erwerben, die sie fit für die Arbeitswelt der Zukunft machen? Und hat sich die Beschäftigung mit Kunst nicht auch dieser Maxime zu beugen. Sollte es sich herausstellen, dass das Hören von Mozartopern das innovative Denken befördert und bei der Gründung von Start-ups Vorteile verschafft, nun, dann wird man das tun; sonst eben nicht. Wer so denkt, denkt falsch. Bildung ohne ästhetische Erziehung ist keine Bildung. Denn die Kunst, und nur sie, kann – wenn auch im Imaginären – zeigen, was es heißt, mit den Widersprüchen und Abgründen des Menschen in einer menschlichen Weise umzugehen. Kunst gehört, neben der Wissenschaft, zumindest für Friedrich Schiller zu den „edelsten Werkzeugen“ des Menschen, die es ihm erlauben, sich im „Reiche der vollkommensten Freiheit“ zu bewegen. Bildung als Menschwerdung des Menschen kann sich deshalb nur an und mit diesen beiden großen Errungenschaften entfalten.
Das Reich der Freiheit, auch und gerade der ästhetischen Freiheit, ist aber nicht ohne Fallstricke. Freiheit heißt auch, sich aus dem Bann des Kollektivs und des kollektiven Denkens zu lösen und zu einer wirklichen Individualität zu gelangen. Hier liegt ein irritierendes Problem, vor das uns die Kunst stellt. Kunst ist mit unseren, im Bildungswesen aus guten Gründen geforderten Gleichheits- und Gerechtigkeitsvorstellungen nicht vereinbar. Kunst ist letztlich eine Sache des Einzelnen. Und dies nicht im Sinne eines falschen Elitenbewusstseins, auch nicht im Sinne eines überzogenen Geniekults, sondern im Sinne einer existentiellen Erfahrungsmöglichkeit. Für diese kann in einem Schulsystem wohl der Boden bereitet, sie kann aber weder verordnet, noch verlangt, noch als Kompetenz definiert, geprüft und zertifiziert werden. Es kann auch niemand dazu gezwungen werden.

Ein Bildungssystem, das die Chancen von Kunst ernst nähme, eine Bildungsministerin, der es darum ginge, jungen Menschen die Welt der Kunst zu erschließen, setzte deshalb weniger auf Kompetenzorientierung oder Output-Optimierung, sondern schlicht auf Lehrer, die für die Kunst, für die Literatur, für die Musik begeistern können, und die wissen und wissen dürfen: wenn sie damit auch nur eine einzige jugendliche Seele erreichen und enthusiasmieren – dann haben sie das ihrige getan. 

Und mehr bedarfs nicht.

Die gesamte Rede findet sich auf der Homepage der Salzburger Festspiele.

(nemo)