Resonanzachse Schule

Neun Ferienwochen liegen hinter uns. Wochen, in denen man zu sich kommen konnte, in denen man neues ausprobieren, andere Welten kennenlernen, Literatur, Kunst und Kultur genießen konnte, ohne sich sofort überlegen zu müssen, wie man’s vermitteln soll. Wochen, in denen man Muße erleben durfte, in denen man neue Ideen auf sich zukommen und den Geist kreativ herumschweifen lassen konnte. Am Ende dieser langen Ferienzeit stellt sich tatsächlich wieder fast kindliche Freude auf die Schule ein. Man freut sich darauf, die SchülerInnen ebenso wie die KollegInnen wiederzusehen, man strotzt vor neuen Ideen und Vorhaben, selbst das Schulgebäude scheint einen anzulachen. Ja, die Freude auf die Schule – vielleicht ist sie sogar das Wertvollste, das uns die langen Ferien bescheren.

Der richtige Zeitpunkt also, um noch schnell Hartmut Rosas Konzept von Resonanz ein bisschen genauer zu erklären:

Wie bereits erwähnt, untersucht Rosa in seinem Buch unsere Beziehung zur Welt 58626unter dem Vorzeichen von Resonanz. Resonanz ist, so Rosa, ein Beziehungsmodus, in dem sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und transformieren. Das setzt voraus, dass sowohl Subjekt als auch Welt mit je eigener Stimme sprechen, dass also nicht einfach eine Echokammer der eigenen Wertvorstellungen gesucht wird. Vielmehr versteht Rosa Resonanz als eine Form der lebendigen Antwortbeziehung, durch die sich ein Subjekt die Welt anverwandelt und dabei selbst verändert wird.

Den Gegenbegriff zur Resonanz bildet Entfremdung. Entfremdung ist jene „Form der Weltbeziehung, in der Subjekt und Welt einander indifferent oder feindlich (repulsiv) und mithin innerlich unverbunden gegenüberstehen.“ (S. 316)

Unsere gegenwärtige Welt, die sich essentiell auf Ressourcen, Steigerung und Effizienz gründet, verwandelt viele potentiell resonante Beziehungen in stumme. Gleichzeitig ist die Sehnsucht der meisten Menschen nach Resonanz ungebrochen. Allerdings lässt sich diese nicht rein willentlich und schon gar nicht instrumentell herstellen. Die einzige Möglichkeit ist, möglichst stabile Resonanzachsen (Familie, Freundschaft, Arbeit, Natur, Kunst etc.) auszubilden und so dafür zu sorgen, dass Resonanzerfahrungen möglich werden.

Anstatt Resonanzerfahrungen zu ermöglichen, werden also immer mehr Bereiche des Lebens einer Logik von Beschleunigung und Steigerung unterworfen. Resonanzversprechende Erfahrungen hingegen werden in Nischenbereiche des Lebens verdrängt. Die Idee des guten Lebens, wie Rosa sie beschreibt, propagiert  stattdessen eine andere Verteilung. Gutes Leben würde bedeuten, dass wir zu einem besseren Gleichgewicht zwischen notwendiger stummer, technischer Weltbeziehung und möglicher antwortender, resonanter Weltbeziehung finden.

Schule jedenfalls kann so eine stabile Resonanzachse sein. Es liegt an uns allen – Lehrern wie Schülern – Unterricht, Lernen, Schulleben nicht als Form einer stummen Beziehung, sondern als lebendige Antwortbeziehung zu begreifen. Möge es uns trotz aller Widrigkeiten gelingen, eine Haltung zu bewahren oder anzunehmen, die zahlreiche und vielfältige Erfahrungen von Resonanz ermöglicht. Nicht nur zu Schulbeginn.

(nemo)

 

Schuljahr 2017/18: Was bleibt und was mich gefreut hat

Das Schuljahr 2017/18 ist vorbei. Vor uns liegen neun Wochen Ferien. Zeit, um sich zu erholen, um zu urlauben, um zu lesen, um sich weiterzubilden, um nachzudenken, aber auch, um das vergangene Schuljahr nach- und das neue vorzubereiten.

Heute habe ich meinen Schreibtisch zu Hause aufgeräumt. Zahllose Kopien und Zettel wurden entsorgt, Bücher verräumt, Mappen zumindest woanders hingelegt. 😉 Was, habe ich mich gefragt, bleibt eigentlich von einem Schuljahr in materieller Hinsicht? Unbestreitbar ist, dass sämtliche Materialien, selbst die Schulbücher, wahnsinnig schnell veralten. Der beschleunigte Alterungsprozess betrifft dabei weniger das Wissen, das in den Büchern gespeichert ist, als die Gestalt, die materialisierte Form der Bücher. In geradezu wahnwitzigem Tempo werfen die Schulbuchverlage mittlerweile neue Bücher oder aktualisierte Auflagen auf den Markt.

Noch viel drastischer ist die Halbwertszeit natürlich bei Zeitungsartikeln und Kopien. Am Ende eines Schuljahres erscheint kaum etwas davon aufbewahrenswert – und selbst wenn ich etwas aufbewahre, dann finde ich es hernach entweder eh nicht mehr oder vergesse, dass ich es überhaupt jemals hatte. Auf manches stoße ich später mehr oder weniger per Zufall in digitalisierter Form wieder. Vieles aber geht einfach verloren. Wahrscheinlich muss das in Zeiten des Überflusses, des Zuviels, der ständigen Verfügbarkeit so sein, damit man nicht selbst in der Materialflut untergeht. Ein irgendwie seltsamer und allzu flotter Entwertungs- und Verschleuderungsprozess bleibt das Ganze dennoch.

Angesichts der materiellen Ebbe, die bei mir gerade herrscht, will ich mich fragen, was eigentlich in immaterieller Hinsicht von diesem Schuljahr bleibt. Was ist und soll mir in Erinnerung bleiben?

Die Brüssel- und Amsterdam-Reise sowie das gesamte „Europa schreiben“-Projekt waren sicherlich das Highlight. Ich selbst denke heute anders über Europa nach, kenne mich besser aus, bemerke und verstehe vieles, was mir vor Projektbeginn gar nicht aufgefallen wäre. Den SchülerInnen geht es bestimmt ähnlich. Ganz besonders hat mich in diesem Zusammenhang der Präsentationsabend gefreut. Die Schüler haben irgendwann begonnen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, das Projekt wirklich zu ihrem zu machen. Dass dies passieren würde, war zu Beginn des Schuljahres nicht abzusehen und auch nicht unbedingt zu erwarten. Gerade heute habe ich übrigens noch eine schöne Rückmeldung aus Brüssel zu unserer Textesammlung bekommen. Der Verlauf dieses Kulturprojekts hätte echt nicht besser sein können.

Auch einen schönen Verlauf nahm die Literatur- und Leseerziehung in diesem Jahr. Zu Beginn des Jahres habe ich mich noch über die mangelnde Leselust meiner SiebtklässlerInnen beschwert. Am Ende haben wir gemeinsam Adalbert Stifters „Brigitta“ gelesen – und wirklich fast alle haben etwas daran gefunden. Mit den Zweitklässlern habe ich „Herr der Diebe“, „Freak“, „Als mein Vater ein Busch wurde“ und „Maikäfer, flieg!“ gelesen. Bei der gemeinsamen Reflexion wurde jedes Buch zumindest einmal als Favorit genannt. Am allermeisten Zustimmung aber fand „Maikäfer, flieg!“ – und das hat mich wiederum gefreut.

Noch mehr gefreut hat mich etwas, was vielleicht wie eine Kleinigkeit aussieht, mir aber als extrem wertvoll erscheint: SchülerInnen der fünften Klassen, die ich in diesem Jahr nicht mehr, aber in der Unterstufe vier Jahre lang in Deutsch unterrichtet hatte, haben mich angestrahlt und freundlich begrüßt, mich manchmal sogar gefragt, wie’s mir gehe, wenn sie mir zufällig im Schulhaus begegnet sind. Vielleicht erscheint das banal, ist es aber, glaube ich, nicht. Ich deute diese freundlichen Gesten als Ausdruck einer über mehrere Jahre gewachsenen Verbundenheit, einer resonanten Form von Lehrer-Schüler-Beziehung, die über den Unterricht hinausweist und bestehen bleibt, auch wenn ich nicht mehr die Lehrerin dieser jungen Menschen bin. Für mich zählt das zum Schönsten, was einem als LehrerIn passieren kann.

Eine ähnliche Resonanz habe ich bei den Französisch-Schülerinnen gespürt, die in diesem Jahr ihre Schullaufbahn abgeschlossen haben. Eine Schülerin ist nach der Matura extra noch einmal in die Schule gekommen, um mir ein selbst gebasteltes Fotoalbum zu überreichen. Sie hat sich für den Unterricht bedankt und sich von mir verabschiedet. Großartiger geht eigentlich nicht, finde ich.

In diesem Sinne: Schöne Ferien allen, denen das Glück beschieden ist, Ferien zu haben!

(nemo)

 

Schulische Lebenselixiere

Gleich an zwei Abenden durfte ich in dieser Woche schulische Lebenselixiere zu mir nehmen. Mitunter braucht man solche, gerade gegen Ende eines fordernden Schuljahres. Nicht die Noten, nicht die Orientierung an Kompetenzen, nicht die standardisierten Prüfungsformate und auch nicht Kriterien wie Qualität, Optimierung, Professionalisierung, Output oder sonst ein Begriff aus der „schönen neuen Schulwelt“ standen an diesen zwei Abenden im Mittelpunkt, sondern die gemeinsame Sache, die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern, der anstrengende, aber spannende Weg miteinander.

dialogAm Dienstag war ich zur Maturafeier einer Klasse eingeladen, in der ich eigentlich gar nicht unterrichtet hatte. Zumindest nicht in der achten Klasse. Aber es war die erste Klasse, die ich vor sieben Jahren als Unterrichtspraktikantin am WRG in Deutsch bekam. Daraus begründete sich für mich eine Art besondere Beziehung. Im letzten Jahr durfte ich einen Teil der SchülerInnnen dann außerdem noch in Französisch unterrichten. Und auch dadurch – nicht zuletzt durch die gemeinsame Reise nach La Rochelle – hat sich die Art von besonderer Beziehung noch einmal bestätigt (auch wenn wir im letzten Jahr, als sie in der siebten Klasse waren, durchaus auch ein paar Konflikte auszutragen hatten). Insgeheim hatte ich ein bisschen darauf gehofft, dass mich die Klasse zu ihrer Maturafeier einladen würde; als die Einladung tatsächlich erfolgte, habe ich mich voll gefreut.

Das Schönste an der Maturafeier war das, was ich dort beobachten konnte: MaturantInnen mit ihren Eltern und LehrerInnen, die den Erfolg der Matura, aber mehr noch die in acht gemeinsam verbrachten Jahren entstandene Beziehung zelebrierten. Eine Klassenvorständin, die in ihrer Rede jedem einzelnen Schüler, jeder einzelnen Schülerin sagte, was sie an ihm oder ihr schätzt und mag, so ehrlich und authentisch, dass alle im Raum berührt waren. SchülerInnen, die sich bei den Lehrern „das Du-Wort abholen kamen“, die eine Lehrerin zum Abschied drücken wollten, einfach „weil Sie, äh Du, so ein netter Mensch bist“, Eltern, die sich bei KollegInnen für das außerordentliche Engagement bedankten und sich mir gegenüber an Besonderheiten des Fachunterrichts „damals in der zweiten Klasse“ erinnerten, SchülerInnen und LehrerInnen, die bis spät in die Nacht gemeinsam feierten, lachten und scherzten. Ich durfte den Schlusspunkt einer schulischen Laufbahn miterleben, der so nur möglich war, weil dahinter (bzw. zeitlich davor) mehrere Jahre standen, in denen das Menschliche die oberste Stelle einnahm. Diese MaturantInnen haben zahlreiche standardisierte oder auch individuell zusammengestellte Prüfungen abgelegt, sie weisen nunmehr vielfältige Kompetenzen auf, sie verfügen über Wissen und Können, weil sich all dies und noch viel mehr in den meisten Fällen am Ende eben doch einstellt – wenn das Bestreben ihrer Lehrer in erster Linie auf Bildung, auf die Entwicklung, Forderung und Förderung der jungen Menschen ausgerichtet ist. (Ob sich allerdings umgekehrt Bildung auch einstellen würde, wenn das Bestreben der Lehrer einzig auf Kompetenzerwerb und Standards ausgerichtet ist, erscheint mir viel fraglicher zu sein.)

Etwas ganz anderes und doch irgendwie Ähnliches stand am Mittwochabend auf PlakatWIenerWelten2dem Programm. Meine sechste Klasse lud zur Präsentation ihres diesjährigen Kulturprojektes. Sie hatten verschiedene Orte in Wien fotografisch in Szene gesetzt, nun wurden ausgewählte Arbeiten in der Galerie Fotohof ausgestellt. Aufgrund der Kooperation mit dieser Institution und der Gastfreundschaft von Hermann Seidl – die SchülerInnen hatten bei ihm den vorbereitenden Fotoworkshop absolviert – hatten sie die einzigartige Gelegenheit, eigene künstlerische Arbeiten in einer richtigen Galerie auszustellen. Am Mittwochabend fand also gewissermaßen die Vernissage statt – und was es für eine Vernissage wurde!

Eltern, Großeltern, Freunde und LehrerkollegInnen fanden sich ein, um die Fotografien zu betrachten. Zu sehen bekamen sie echt Großartiges. Wir wussten bereits in Wien, dass die SchülerInnen interessante und ungewöhnliche Fotos gemacht hatten. In der nunmehrigen thematischen Zusammenstellung und mit künstlerischer Unterstützung des BE-Lehrers aber entstanden Fotocollagen, die uns alle vom Hocker rissen.

Die SchülerInnen meiner Klasse sind zum Großteil introvertiert, im Unterricht wirken sie manchmal ein bisschen teilnahmslos und lahm. Nicht nur ich hatte mich in diesem Jahr immer wieder mehr oder weniger vergeblich bemüht, sie für Inhalte zu interessieren oder ihren kritischen Geist zu wecken. Gerade in letzter Zeit waren zudem einige Konflikte zu lösen und Probleme zu besprechen. Und, ja, das Engagement für den Präsentationsabend schien mir noch letzte Woche auch nicht wirklich überwältigend. Umso mehr erstaunte und erfreute mich das, was wir am Mittwochabend zu sehen bekamen. Künstlerische Werke der Extraklasse und fröhliche junge Menschen, die – auf ihre Art – stolz auf die Ergebnisse waren. Eltern, die ebenso beeindruckt waren wie wir LehrerInnen. Und endlich konnte ich die SchülerInnen an diesem Abend wieder einmal richtig loben und mich bei ihnen für ihre Arbeit bedanken!

Wo meine Klasse in zwei Jahren stehen wird, wie sich ihre eigene Maturafeier gestalten wird, weiß ich nicht. Hoffentlich werden einige der pädagogischen Versuche und Maßnahmen gelingen, die wir den SchülerInnen angedeihen lassen und auch zumuten müssen. Dass solche gemeinsamen Erlebnisse wie jenes am Mittwochabend das sind, worauf es ankommt und was Schule im Kern ausmacht, davon bin ich überzeugt.

img_9542.jpg

PS: Die Fotocollage ganz oben trägt übrigens den Titel „Dialoge“.

(nemo)

Selbstkritik

Heute ist mir etwas passiert, auf das ich ganz und gar nicht stolz sein kann: Vor der ganzen Klasse habe ich einen Schüler bloßgestellt. Ob er, der noch dazu die Klasse wiederhole, immer noch nicht wisse, wie die beiden Literaturbücher funktionieren, habe ich ihn gefragt. Ebenso genervt wie spöttisch. Hm. Wahrlich kein Ruhmesblatt.

Wie es dazu kam, kann ich erklären: Es war die fünfte Stunde und ich schon ziemlich k.o. Lust- und teilnahmslos blätterte der Schüler auf der Suche nach der richtigen Seite im (falschen) Buch. Das Interesse an Literaturgeschichte ist in der ganzen Klasse und so auch bei diesem Schüler ziemlich enden wollend. Ich bin davon überzeugt, dass vieles von dem, was wir ihnen da zu vermitteln versuchen, wirklich interessant ist und die Reflexion über sich selbst und die Welt anregen könnte. Viele in der Klasse wollen sich aber einfach nicht darauf einlassen. Sie sitzen ihre Zeit ab, erledigen mehr oder weniger „brav“ ihre Aufgaben und wollen ansonsten nicht weiter gestört werden. Diese teilnahmslose Haltung regt mich auf. Ich spüre es immer wieder, wie es in mir grummelt. Kritik, Unverständnis, in Frage stellen – alles wäre mir lieber als dieses zur Schau gestellte Desinteresse.

Soweit die Erklärung. Eine Rechtfertigung für mein abwertendes Verhalten ist es nicht. Zwar habe ich mich am Ende der Stunde bei dem Schüler entschuldigt und ihm gesagt, dass ich ihn nicht persönlich kränken wollte, trotzdem, ein Unbehagen bleibt. Das Unbehagen – und nur deshalb erzähle ich diese Geschichte – richtet sich gegen meinen immer stärker werdenden „LehrerInnen-Habitus“. Vor sechs, sieben Jahren, als ich neu in der Schule war, wäre mir so ein Lapsus nämlich noch nicht passiert. Es wäre mir, glaube ich, nicht in den Sinn gekommen, einen Schüler vor der ganzen Klasse bloßzustellen. Mit den Jahren in der Schule aber schleicht sich etwas ein, was mir selbst überhaupt nicht recht ist und was ich eigentlich ziemlich unsympathisch finde. Nicht, dass ich behaupten möchte, es würde allen LehrerInnen passieren. Sicher gibt es welche (einige? viele?), die gegen solche Verhaltensmuster gefeit sind. Ich bin es offenbar nicht.

Womit aber hat dieser unangenehme „LehrerInnen-Habitus“, von dem ich spreche, zu tun? Abgesehen vom persönlichen Anteil glaube ich, dass es mehrere strukturelle Gegebenheiten sind, die diesen Habitus erzeugen: die Hierarchie zwischen Lehrern und Schülern, die vielen Klassen, die man täglich unterrichtet, der Druck, im „Stoff“ weiterzukommen. Aber natürlich auch die eingefahrenen Verhaltensweisen auf beiden Seiten, die Routine – ebenfalls auf beiden Seiten -, mit der der Schulalltag heruntergespult wird, die „Rolle“, die jede/r von uns wie automatisch übernimmt, sobald er/sie das Schulgebäude betritt. Was dagegen hilft? Ich weiß es nicht und habe im Moment auch nicht genug Zeit, darüber nachzudenken. Schön ist die Entwicklung jedenfalls nicht. Ich werde dagegen ankämpfen. (nemo)

Die professionalisierte Schule

Vieles läuft im Bildungsbereich derzeit in die falsche Richtung. Immer lauter geben Zahlen den Ton an, immer häufiger geht es um Daten als um Menschen. Nur ein Beispiel dafür sind die jährlichen Ergebnisse der Zentralmatura. Diese werden zahlen- und datenbasiert in Grafiken aufbereitet, damit auf einen Blick sichtbar wird, wo die jeweilige Schule steht, im Vergleich mit anderen Schultypen, im Vergleich mit anderen Schulen im Bundesland, im Vergleich mit anderen Schulen in Österreich. Die fast kindliche Freude am Vergleichen wäre grundsätzlich noch kein Problem – problematisch wird das Ganze erst, wenn die Vergleiche das Einzige sind, was von einem Maturajahrgang übrig bleibt. Welche Klassen, welche Gruppendynamiken, welche Schülerbiographien hinter den Zahlen stehen, scheint nämlich irrelevant zu sein. Relevant sind allein die Zahlen, wichtig ist das vergleichbare Ergebnis.

Diese Entwicklung ist in der Schule derzeit auf allen Ebenen bemerkbar. Immer klarer zeichnet sich dahinter das Gesamtbild einer neuen Form von Schule ab: Der PädagogInnenbildung NEU folgt das NEUE LehrerInnen-Dienstrecht, auf die NEUE Form des kompetenzorientierten Unterrichtens folgt in der NEUEN Oberstufe die NEUE Form des Prüfens mit der NEUEN Reifeprüfung als Schlusspunkt. Bei so viel Neuem drängt sich der Verdacht auf, dass die ebenfalls dräuende neue Schulverwaltung nur deshalb unter dem Begriff „Autonomiepaket“ firmiert, weil man endlich einen NEUEN Namen brauchte …

Welche Absichten hinter diesen Neuerungen stehen, die dem medial beschworenen „Stillstand in der Bildung“ wahrlich hohnsprechen, sei dahingestellt. Zu vermuten ist, dass der Bildungsbereich ebenso wie alle anderen Bereiche der öffentlichen Hand einfach einen umfassenden Ökonomisierungsschub mitmachen muss. Mir fällt aber auch auf, dass im Zusammenhang mit den Bildungsreformen immer wieder der Begriff der „Professionalisierung“ fällt. Der wiederum steht im direkten Konnex mit der Verwissenschaftlichung des pädagogischen Bereichs, die in den letzten Jahren massiv betrieben wurde. Nicht wenige dieser allesamt „evidenzbasierten“ Studien propagieren, fordern und befördern eine Professionaliserung in der Schule und speziell im Lehrerberuf. Was aber soll das eigentlich heißen?

„Professionalisierung“ klingt ja zunächst einmal harmlos und positiv. Wir alle werden professioneller, was kann daran falsch sein? Problematisch und irgendwie suspekt wird der Begriff allerdings, wenn man ihn auf menschliche Beziehungen überträgt. Professionelle Beziehung zum eigenen Kind? Professionelle Mutter, professioneller Vater? Aber auch: professionelle Partnerschaft? Professionelle Ehepartner? Hier wird schnell klar: Das ist nicht das, was man sich wünscht. Die Frage ist nun, ob wir in der Schule immer mehr Professionalisierung brauchen. Schließlich ist Schule ja etwas anderes als Familie. Es geht dabei aber auch nicht um die fachliche Qualifikation der LehrerInnen – von der ist überhaupt nicht mehr die Rede -, sondern eben um Professionalität im Bereich der schulischen Erziehung, im Bereich der Pädagogik. Um Lehrer und Lehrerinnen also, die professionell vermitteln, professionell testen und beurteilen und generell professionell handeln.

Jetzt wäre immer noch nichts gegen ein solcherart professionalisiertes Lehrerbild einzuwenden, wenn es denn im Bereich der Bildungsforschung verbleiben würde. Aus diesem – trotz aller Empirie – theoretischen Blickwinkel mag Professionalisierung tatsächlich einen Fortschritt darstellen. In der täglichen Schulrealität aber geht es in erster Linie um Beziehung. Fast alles, was sich in der Schule abspielt, basiert auf den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern. Und Beziehungen lassen sich eben nicht folgenlos professionalisieren.

Beziehung muss leben, Beziehung braucht Intuition, Emotion, Vertrauen und Kontinuität. Beziehungen sind störanfällig, ineffizient, weder ein Nullsummenspiel noch eine Win-Win-Situation. Beziehungen können schwierig und neurotisch sein, ja, Beziehungen können manchmal auch Schaden anrichten. Beziehungen basieren auf einer offenen, interessierten, unsystematischen und nicht generalisierbaren Haltung. Ein professioneller Zugang stört die Beziehungsebene, birgt das Potential, Beziehungen zu zerstören oder gar nicht entstehen zu lassen.

Genau das ist es aber, was gegenwärtig droht und in der Schule der Zukunft, an der derzeit so intensiv gebastelt wird, vielleicht die Normalität darstellen wird: Professionelle LehrerInnen, die Beziehungsarbeit einzig als Teil ihrer Professionalisierung begreifen. Da ist es dann vielleicht wirklich egal, welche Klasse die vor sich haben oder ob und wie lange sie ihre SchülerInnen kennen. Hauptsache, die Materialien sind gut und die Arbeitsaufträge individuell formuliert, Hauptsache, die zu erwerbenden Kompetenzen werden definiert, Hauptsache, die erreichten Kompetenzen werden mit einheitlichen und transparenten Kriterien gemessen und der gesamte Prozess anschließend evaluiert.

Gegenwärtig wird den Schulen der Boden, auf dem etwas wachsen und gedeihen kann, entzogen, dafür werden die Anbau- und Erntemethoden rationalisiert und automatisiert. Höchst professionell! (nemo)

KW 2. Chronik des ganz normalen Schulwahnsinns

Mit besten Vorsätzen bin ich in die Woche gestartet. Schließlich hatte erst kürzlich ein neues Jahr begonnen.

Beim Betreten der Schule umgibt mich der feste Wille, diesmal nicht bereits nach wenigen Minuten wieder in den „Schulstressmodus“ zu verfallen. Gelassenheit, Abstand, Ruhe. Weniger ist mehr lautet mein neues Motto.

Wie schwierig es ist, in der Schule Distanz zu wahren, wird einem schon vor Unterrichtsbeginn vor Augen geführt. Es wuselt vor lauter Kindern. Viele treten in Interaktion, sie grüßen, sie lachen einen an, sie wollen etwas wissen, sie brauchen etwas. So vieles spielt sich bereits am Gang ab, lange bevor man einen Klassenraum betritt. Ich bin froh und dankbar, dass das bei uns so ist und uns die SchülerInnen wahrnehmen (ebenso wie wir sie auch). Gleichzeitig stellen all diese kleinen Interaktionen zwischenmenschliche Begegnungen dar, die sich summieren und bereits nach wenigen Stunden dazu beitragen, dass man wieder ganz schön k.o. ist.

Auch im Konferenzzimmer wuselt es. Wir sind gut hundert Lehrpersonen an der Schule, wenn nur die Hälfte davon in der Pause zugegen ist, geht es ordentlich zu. Während man mit einer Kollegin spricht, sieht man aus dem Augenwinkel eine andere, mit der man auch dringend etwas besprechen muss, bevor man bemerkt, dass sich von der anderen Seite bereits jemand anpirscht, der wohl etwas von einem braucht. Was wir innerhalb von ein paar Minuten alles austauschen, besprechen, klären und uns gegenseitig mitteilen, ist manchmal der helle Wahnsinn. Aber gleich beginnt ja schon wieder der Unterricht und ob man den Kollegen, dem man unbedingt noch eine Information über den einen Schüler zukommen lassen muss, später noch trifft, ist ungewiss. Auch mit der anderen Kollegin muss man unbedingt heute noch einen Termin vereinbaren, denn sonst geht sich das mit dem Projekt nicht mehr aus. Und beim Direktor ist die Erlaubnis einzuholen, um mit der anderen Klasse ins Kino/auf Wandertag/ins Theater gehen zu können. Ah ja, reservieren sollte man, hoffentlich klappt es überhaupt noch, und die betroffenen LehrerInnen, denen wegen der Aktivität eine Stunde entfällt, müssen rechtzeitig informiert werden. Wo ich allerdings die Mappe mit den Entschuldigungsformularen meiner Klasse hingelegt habe, weiß ich jetzt auch nicht. Wahrscheinlich ist sie in dem Bücher- und Heftestapel verschwunden, der sich schon wieder auf meinem 50 x 30 cm-Arbeitsplatz türmt.

Schule ist super anstrengend, und da haben wir noch gar nicht vom Unterrichten gesprochen. Mitunter erscheinen mir die Schulstunden sogar weniger fordernd als all die Begegnungen, Besprechungen und Vereinbarungen zwischen Tür und Angel, die unseren Arbeitsalltag prägen. Na ja, manchmal zumindest. Denn die ErstklässlerInnen sind an diesem Montag in der fünften Stunde schon ziemlich zappelig und benötigen höchste Präsenz. Dass die SechstklässlerInnen im Gegenzug in der ersten Stunde noch verschlafen und lethargisch waren, diente auch nicht unbedingt der Erholung. Nur gut, dass dazwischen die pubertierenden ViertklässlerInnen zu beaufsichtigen waren. Sie interessieren sich derzeit nämlich deutlich mehr für ihre MitschülerInnen des jeweils anderen Geschlechts als für meinen Unterricht. Aus ihrer Sicht müssten wir sie echt nicht dauernd stören kommen, nahende Schularbeit oder Semesterabschluss hin oder her. (nemo)

Unterwegs mit Groß und Klein. Ein Wandertag der extrafeinen Sorte

Mit 29 coolen 16-Jährigen und 24 lieben 10-Jährigen begaben wir uns heute Vormittag auf die große Wiese nach Hellbrunn. Der Grund für unseren Ausflug war, dass sich meine sechste Klasse eine erste Klasse als Patenklasse gewünscht hatte. Und die Erstklässlerinnen (in diesem Fall ist es eine reine Mädchenklasse) wollten ein paar der ganz großen SchülerInnen kennenlernen, auf dass sie neben uns LehrerInnen noch jemanden an der Schule haben, dem sie Löcher in den Bauch fragen können.img_1832

Wir machten uns also auf den Weg und erlebten einen dieser Tage, an denen ich felsenfest davon überzeugt bin, dass es auf der ganzen Welt keinen schöneren Beruf geben kann als den meinigen. Nicht, dass unser Ausflugsziel so spektakulär gewesen wäre. Auch nicht, dass unser Ausflugsprogramm so einzigartig gewesen wäre. Aber die Freude, die gute Laune, der Spaß, das Zwischenmenschliche, die gelungenen Kontaktaufnahmen, das gemeinsame Spielen und das alles bei prächtigem Herbstwetter in einer wunderbaren Umgebung – LehrerInnenherz, was willst du mehr?

Mit zwei einander unbekannten Klassen zogen wir los, mit einer gemeinsamen Gruppe kehrten wir zurück. Dazwischen ereignete sich folgendes: 1. Wir jausneten zusammen. 2. Wir erkundeten den Spielplatz. 3. Wir ließen die SchülerInnen zwei Kreise bilden, die Kleinen innen, die Großen außen. Dann sollten sie sich ihrem Gegenüber vorstellen und sich z.B. über ihr Lieblingsessen, ihr Lieblingskinderbuch oder das Coolste am WRG austauschen. Immer wenn wir klatschten, rückten die Großen um einen Schritt nach rechts und das Austauschen begann von neuem. 4. Wir bildeten gemischte 4er- bzw. 5er-Teams und ließen sie in der Natur verschiedene Dinge suchen: Etwas, das weich ist; etwas, das ein Geräusch macht; etwas, das ganz gerade ist; etwas, das gut riecht. Etcetera. 10 Dinge sollte jede Gruppe finden und danach aus diesen Dingen ein Bild legen. 5. Wir machten einen „Ausstellungsrundgang“ und schauten uns die Bilder an. Jede Gruppe erklärte kurz ihr Bild und alle erhielten für ihr Bemühen und ihre Kreativität Applaus. img_1821

Dann war der Vormittag auch schon wieder fast vorbei und wir wanderten zurück. Was ich da auf dem Heimweg in der Hellbrunner Allee mitansehen durfte, ließ mein Lehrerinnenherz gleich mehrmals hüpfen: Große und Kleine einträchtig nebeneinander, sie schwatzten und lachten, sie fragten sich aus und erzählten, über den Größenunterschied von bis zu zwei Köpfen hinweg, dass es eine wahre Freude war.

Welche Argumente auch immer für eine gemeinsame Schule der 6-bis 14-Jährigen existieren mögen, ich bin und bleibe ein Fan der Langform des Gymnasiums, bei der 10- bis 18-Jährige gemeinsam unterrichtet werden! (nemo)

img_1834