Danke, Christine Nöstlinger!

Vor einigen Wochen las ich in der Zeitung, Christine Nöstlinger habe aufgehört Kinderbücher zu schreiben. Ihr fehle das Verständnis für die heutige Lebenswelt der Kinder. „Wie soll ich denn wissen, was Kinder bewegt, wenn sie einen halben Tag lang über dem Smartphone sitzen und irgendetwas mit zwei Daumen drauf tun? Außerdem, wenn ich so höre, was heutige Kinder gern lesen, ist das hauptsächlich Fantasy, und die liegt mir so was von fern“, sagte die Autorin in einem Interview.

Eigentlich wollte ich Christine Nöstlinger daraufhin einen Brief schreiben. (Zwei ehemalige Kolleginnen brachten mich auf diese Idee.) Ich wollte ihr versichern, ihre Entscheidung verstehen zu können. Ich wollte ihr aber auch widersprechen und ihr von meinen Erfahrungen in der Schule und zu Hause berichten. Dort wie da habe ich nämlich mit Kindern zu tun, die ihre Bücher nach wie vor sehr gerne lesen – auch wenn, vielleicht aber auch weil ihnen vieles darin fremd geworden ist. 51qWmq54yYL._SL500_AA300_

In der Schule hat Maikäfer, flieg! einen Fixplatz auf unserer Lektüreliste in den zweiten (oder dritten) Klassen. Das Buch handelt vom Ende des Zweiten Weltkrieges und der Ankunft der Russen in Wien. Fast alles in diesem Buch ist den heutigen SchülerInnen fremd, trotzdem lieben sie es. Es ist die wunderbare Freundschaft mit Cohn, dem Koch, es ist das widerborstige Verhalten von Christel, der Protagonistin, es ist die Kombination von traurigen und schönen Momenten, die das Buch so liebenswert machen. Gut ist, dass es seit ein paar Jahren auch eine Verfilmung des Buches gibt. Manches wird dadurch konkreter und besser vorstellbar. Der Ton des Filmes aber ist ein anderer als der des Buches: Das Buch wirkt leichter und nicht so ernst, es ist an vielen Stellen irgendwie näher bei den Kindern als der Film.

Auch wenn manche SchülerInnen am Anfang oft nicht genau wissen, was sie von dem Buch halten sollen, „funktioniert“ es immer noch. Am Ende sind alle froh, dass sie das Buch gelesen haben, und beteuern, nun viel besser zu verstehen, was „Krieg“ bedeutet. Außerdem lädt das Buch zum Schreiben ein. Die beiden letzten Sätze des Buches lauten: „‚Schau dir noch einmal alles gut an!‘ Ich schloss die Augen.“ Was liegt näher, als davon ausgehend einen Schreibauftrag für einen inneren Monolog zu formulieren? Geradezu wundervolle Texte habe ich da schon zu lesen bekommen …

Ebenso wie Maikäfer, flieg! bei den Elf-, Zwölfjährigen immer noch ankommt, 512CIc9U5yLfunktionieren auch die meisten anderen Bücher von Christine Nöstlinger immer noch. Ganz besonders wurden und werden bei mir zu Hause die Geschichten vom Franz und die Geschichten von Mini geliebt. Immer sind es der schnoddrige Ton, die Ehrlichkeit und der Humor, die diese Bücher auszeichnen. Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte „Mini ist die Größte“:

Die Mini (eigentlich heißt das Mädchen ja Hermine Zipfel) leidet darunter, dass sie außer ihrer exorbitanten Körpergröße nichts wirklich Besonderes an sich hat. Sie würde gerne bewundert werden, kann auch vieles, aber eben nichts so gut, dass die anderen davon beeindruckt sind. Als sie der Mutter ihr Leid klagt, lacht diese und sagt: „Du bist halt ein normales Durchschnittskind! Damit wirst du dich abfinden müssen.“ Abfinden aber will sich Mini nicht, stattdessen versucht sie mit besonderen Mathematikkenntnissen zu glänzen. Auch das führt jedoch nicht zum erhofften Erfolg. Doch da eilt ihr das Schicksal zu Hilfe: Unmittelbar vor der Theateraufführung verletzt sich die für die Hauptrolle vorgesehene Freundin und Mini erhält ihre Chance: Sie springt ein und brilliert in der „Hasenrolle“. Endlich wird ihr von allen Seiten Bewunderung zuteil, die ganze Klasse, Mama, Papa, Oma 3287349-01und sogar der Bruder sind stolz auf sie: „Bitte, der Hase war meine Schwester!“, posaunt der Moritz im Turnsaal herum. Und die Mini? Die denkt sich: „Na, jetzt wissen endlich alle, dass ich auch was kann!“ Damit ist sie dann aber auch schon zufrieden – denn: „Einmal ordentlich bewundert worden zu sein, das reichte ihr!“

Solche Geschichten sind schlichtweg großartig, auch für heutige Kinder. Das wollte ich Christine Nöstlinger schreiben.

Dann kam die Meldung von ihrem Tod.

Im Schaufenster der Buchhandlung meines Vertrauens habe ich nun vor ein paar Tagen diese Zusammenstellung gefunden:

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„Danke, Christine Nöstlinger!“ Ja, das wollte ich ihr auch schreiben. (nemo)

 

 

Maikäfer, flieg!

Heute wurde in den Salzburger Nachrichten über unseren Blog berichtet. Ja, über diesen hier! Die Journalistin Michaela Hessenberger stellte unter dem Titel Lehrerinnen schreiben Klartext unser Forum vor. Ausführlich, wohlwollend, verständig. Am meisten freut uns der Untertitel: „Zwei Salzburger Lehrerinnen zeigen in ihrem Blog, dass die Schule Zeit und Liebe in Anspruch nimmt.“ Ja, exakt, das ist es, Zeit und Liebe. Wie schön, wenn man verstanden wird! Und dann gab’s auch gleich noch ein Dossier über die Zentralmatura, in dem auch wir vom WRG zur Sprache kommen: Ich würde in meinem Unterricht darauf achten, „den Schülern genug Raum zu verschaffen, um sich mit Literatur und eigenem Denken auseinanderzusetzen“. Und ich würde „Lernen als starke Beziehungsarbeit, nicht als Modell der reinen Überprüfbarkeit“ verstehen, steht da. Wow. Genauso wollte ich verstanden werden.

Richtig euphorisch mochte man werden an diesem Samstagvormittag. Das Interview mit der Bildungsministerium im Ö1-Mittagsjournal holte einen dann aber eh wieder auf den Boden der Realität zurück…

In drei Tagen findet sie also statt, die Deutschmatura, und dann wird’s bestimmt wieder viel dazu zu sagen geben. Deshalb will ich heute einmal über etwas ganz anderes schreiben. Über das Buch Maikäfer, flieg! von Christine Nöstlinger nämlich. Ich habe es kürzlich mit den ZweitklässlerInnen (6. Schulstufe) gelesen und einmal mehr hat es mich – und auch die Kinder – begeistert. Mit welch lakonischer Sprache Christine Nöstlinger vom Kriegsende in Wien schreibt, wie sie stereotype Bilder und Klischees aufbricht, wie humorvoll sie die Erlebnisse der achtjährigen Christel betrachtet, das ist ein wahrer Lesegenuss. Gleichzeitig beschönigt sie nichts. Da ist die Rede von der Hannitante, die drei Häuser weiter wohnt und die der Krieg und die Bomben verrückt gemacht haben. Da begegnet die Großmutter, die zu Beginn als wütende, zornige und mutige Frau beschrieben wird, dem Mädchen wenige Wochen später, nach den Bombenangriffen, als kleine, zittrige und jämmerliche Alte. Und da wird die Freundschaft mit dem Russen Cohn erzählt. Während die Nachbarin fast irr aus Angst vor den Russen wird, erlebt Christel eine Freundschaft mit dem russischen Soldaten, der als Koch eingesetzt wird und den die anderen als den hässlichsten, stinkendsten und verrücktesten Menschen, der ihnen je begegnet ist, beschreiben:

Ich liebte den Koch, weil er kein Krieg war. Nichts an ihm war Krieg, gar nichts. Er war ein Soldat und hatte kein Gewehr und keine Pistole. Er hatte eine Uniform, aber die war ein Lumpensammlergewand. Er war Russe und konnte Deutsch reden. Er war ein Feind und hatte eine sanfte, tiefe Schlafliedstimme. Er war ein Sieger und bekam Tritte, dass er quer durch die Lusthausküche flog. Er hieß Cohn. Er kam aus Leningrad. Dort war er ein Schneider. Cohn hat mir viel erzählt. Und am Ende hat er immer gesagt: „Macht nix, macht nix, Frau!“

Christel verbringt die letzten Kriegstage und die erste Zeit danach gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Schwester sowie einer anderen Familie in einer Villa in Neuwaldegg. Ihr eigenes Zuhause in Hernals wurde zerbombt und da kam das Angebot der Frau von Braun, auf ihre Villa aufzupassen, weil sie selbst nach Tirol floh, gerade recht. In dieser noblen Wohngegend erlebt Christel den Mai 1945, die Ankunft der Russen, die Lebensmittelknappheit, aber auch beinahe idyllische Tage im parkartigen Garten des Hauses. Am Ende müssen Christel und ihre Familie die Villa wieder verlassen und ziehen zurück in die Stadt: „Meine Mutter saß neben der dicken Frau auf dem Kutschbock. ‚Na‘, rief sie, ‚los geht’s! Schau dir noch einmal alles gut an!‘ Ich schloss die Augen.“

Dieses offene Ende haben wir zum Anlass genommen, um eine Fortsetzung zu schreiben. Eine kleine Auswahl besonders gelungener Texte möchte ich hier anhängen. Nicht allen SchülerInnen war es möglich, sich in die Lebensumstände zu Kriegsende ganz hineinzufühlen. Aber sie haben sich von dem Roman berühren lassen, haben sich für die Ereignisse und Erlebnisse interessiert und sie haben sich auf – wie ich finde – beeindruckende Weise bemüht, den Ton und die Stimmung des Textes zu treffen. Beispielsweise …

… Elena H.: Ich schloss die Augen. Ich wollte mir nicht mehr alles anschauen. Ich wusste, wie es hier aussah. Oft genug bin ich im Garten herumgelaufen, war oft genug im Haus auf Entdeckungstour gegangen. Ich kannte die Villa und den Garten in- und auswendig. Weiterlesen