Deutschmatura 2020. Ein neuer Blick auf alte Themen

Heute also wieder Deutschmatura. Ganz ok, aber auch nicht spektakulär, würde ich unter normalen Umständen wahrscheinlich befinden. Zur Auswahl standen: Das literarische Thema, in dem ein Prosatext von Robert Walser zu interpretieren war und zum Kulturgut Lesen Stellung genommen werden sollte; ein zweites Themenpaket zum Umgang mit Zeit sowie ein drittes, in dem Auswüchse des Tourismus kritisch zu beäugen waren. Zwei Leserbriefe und je eine Textinterpretation bzw. -analyse sowie beim dritten Thema einen Kommentar und eine Erörterung galt es zu schreiben. Die Textbeilagen waren allesamt in Ordnung: nicht wirklich anspruchsvoll, aber auch nicht zum Genieren. Da hat man schon Schwächeres gesehen.

So richtig interessant werden die Themen der diesjährigen Matura allerdings erst vor dem Hintergrund der aktuellen Coronakrise. Die Matura wurde natürlich lange „vor Corona“ zusammengestellt; jetzt bekommen die Themen und Textbeilagen eine neue Relevanz: Fast nichts mehr ist, wie es war. Was bislang galt, muss neu betrachtet und reflektiert werden. Da liest sich manches anders als noch vor ein paar Monaten. Ich beziehe also Position in meiner ironisch-zynischen Kritikerinnenecke und hantle mich durch. (Den Walser-Text spare ich fürs Erste aus – der verdient eine gesonderte Betrachtung.)

Eine Feier der Kulturtechnik Lesen gleich zu Beginn. Da heißt es: Das Lesen sei von zwei Seiten gefährdet, von neuer Technologie und alter Ignoranz. Interessant. Und weiter: Die Lesekompetenz der Grundschüler sei im Sinken begriffen; es müsste zu den vordringlichsten Aufgaben von Bildungspolitikern zählen, das Lesen zu retten. Sehr interessant. Ob diese Erwartung an die Bildungspolitiker immer noch gilt? Das Lesen retten in Zeiten, in denen uns die neue Technologie als allein glückselig machend angepriesen wird? Klingt nach über zwei Monaten E-Learning, zahllosen Videokonferenzen und unzähligen Videovorführungen fast schon ein bisschen überkommen, oder? Aber egal, die Bildungspolitiker ignorieren die Aufgabe ohnehin seit Jahren, brauchen sie jetzt auch nicht mehr damit anzufangen, sich ums Lesen zu kümmern. Und überhaupt: Das Lesen rette man nicht durch Weltuntergangsgerede, sondern indem man es groß macht. Ach so, ‚tschuldigung, da wollte ich fast schon einstimmen in das Weltuntergangsgerede. Dabei geht Lesen retten ganz anders: So groß nämlich müsse man das Lesen machen, wie man es in China tut, wo gerade eine neue Bücherei gebaut wurde. Die Bilder dieses „spektakulären Palastes der Bücher“ gingen in den sozialen Netzwerken viral, und das „ausgerechnet im hyperschnellen China“.

Zum Unterfangen des Lesenrettens passt der nächste Text fast wie die Faust aufs Auge: „Dieser Text ist Zeitverschwendung“, lautet sein Titel. Die Autorin, Ronja von Rönne, warnt ihre Leser gleich zu Beginn, dass es in ihrer Kolumne um nichts anderes als um die Zeit gehe: Um die zehn Minuten Lebenszeit zum Beispiel, die man sich sparen könne, wenn man den Text nicht liest. Auch interessant vor dem Hintergrund von Corona, finde ich. Angeblich hatten ja viele Menschen so wahnsinnig viel Zeit in den letzten Wochen, dass sie sogar anfingen, ganze Bücher zu lesen. Angeblich gibt es aber auch gar nicht so wenige Menschen, die in den letzten Wochen noch weniger zum Lesen als sonst kamen: zum einen, weil sie ständig vorm Computer saßen (oder sitzen mussten), zum anderen, weil ihnen irgendwie die Muße zum Lesen fehlte. Tja, da müsste man vielleicht noch einmal im hyperschnellen China nachfragen, wie man die Ruhe zum Lesen findet, wenn man dauernd online sein soll und die Welt gerade umgekrempelt wird. Die Chinesen wissen das bestimmt. Gut, man könnte auch den Psychologie-Professor Gerhard Benetka fragen, der in einer weiteren Textbeilage der Geduld das Wort redet. Der Mann ist der Meinung, wir bräuchten Geduld ganz dringend, ja, wir bräuchten sogar alles, was damit zusammenhängt: „Muße, Gelassenheit, Beharrlichkeit, Achtsamkeit, sich Zeit nehmen, um gute Lösungen für komplexe Problem zu finden.“ Hm, ja, da hat er recht. Allerdings – ich weiß nicht, der stellt dann gleich wieder alles in Frage: Den Umfang des ganzen Lernstoffs in der Schule müsste man drastisch reduzieren und sich mit dem Rest intensiv und geduldig beschäftigen. Selbst in der Wissenschaft sieht er einen Mangel an Geduld und hält dagegen: Nur mit Geduld werde man den Menschen gerecht. Na, also wirklich, so viel Zeit haben wir jetzt nicht, das passt echt nicht. Ist wohl doch zielführender, man hält sich an die Chinesen.

Oder aber man fragt in Ischgl beim Tourismusmanager Aloys nach, der in einer der beiden Textbeilagen zum Thema Tourismus ausführlich zu Wort kommt. Der Mann weiß, dass es ohne Inszenierung auch in den Alpen nicht gehe: „Lassen Sie einen Touristen in die pure Natur raus. Der kommt nach fünf Minuten zurück, weil er damit nichts anfangen kann.“ Selbst die Stille müsse inszeniert werden: „Wenn es zum Beispiel einen Kraftplatz am Berg gibt, dann muss man diesen mit Steinen markieren und der Gast muss sich dann hinsetzen und dann muss ich ihm sagen, was er tun soll.“ Ja, da kann man froh sein, wenn der Gast bald wieder ins schöne Ischgl reisen darf. Auf dass er dann weiß, was er tun soll. Und überhaupt gilt ganz generell: Zum Tourismus, der alljährlich um vier Prozent wächst, gebe es schließlich keine Alternative. Stimmt – steht schließlich in der zweiten Textbeilage zum Tourismus-Themenpaket.

Nach der kritischen Zusammenschau aller „Inputtexte“ darf ich aus heutiger Sicht also festhalten: Wenn es schon mit dem Lesen nichts mehr wird und es mit der Entschleunigung, die manch einer noch im April zu verspüren meinte, bereits wieder vorbei ist: Wenigstens für eine Neuausrichtung des Tourismus besteht Hoffnung. Mindestens noch ein paar Wochen lang.

Nein, jetzt aber ganz im Ernst und ohne Zynismus: Vielleicht steigt ja wirklich die Demut vor der Natur, die der Fotograf Lois Hechenblaikner (der in dem Tourismus-Text auch zu Wort kommt) zusehends verschwinden sieht. Schön wär’s, finde ich. Die Themen und Textbeilagen der diesjährigen Deutschmatura haben jedenfalls „durch Corona“ an Brisanz und Dringlichkeit dazugewonnen – und das ist doch auch schon einmal etwas.

(nemo)

 

 

Sprache ohne Kultur?

Letztes Jahr im Sommer habe ich dazu – eingedenk dessen, was ich kurz davor bei der ersten Matura im neuen Format in den Fremdsprachen miterlebt hatte – ausführliche Überlegungen angestellt. Nun ist der Artikel in den Romanischen Studien erschienen.

Darin betrachte ich die Auswirkungen der Kompetenzorientierung in den Fremdsprachen und stelle die Frage nach der Aufgabe von Fremdsprachen im Kontext einer humanistisch orientierten Allgemeinbildung. Etwas zugespitzt, vielleicht auch ein bisschen polemisch,  postuliere ich, dass eine ausschließliche Ausrichtung am Kompetenzparadigma, wie es gegenwärtig bei der Reifeprüfung in Österreich der Fall ist, bildende Inhalte verflacht oder sogar ausschließt, Sprache entkulturalisiert sowie entpolitisiert.

Wer mag, kann den gesamten Text hier online lesen. Über Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen.

Im Mai findet zu diesem Thema übrigens eine Tagung in Gießen (Deutschland) statt. Unter dem Titel Abschaffung der Literatur? soll eine Positionsbestimmung der Literaturwissenschaft „in schwierigen Zeiten“ versucht werden. Ich bin gespannt, ob dabei neue Erkenntnisse zu Tage treten. (nemo)

 

Das Ende schulischer Bildung. Ein Abgesang auf die Englischmatura

Man wird in diesen Tagen ja gerne gefragt, ob man denn schon in Ferienstimmung sei. Darauf kann ich nur antworten: Schön wär’s! Es wär‘ nämlich tatsächlich schön, wenn man ein Schuljahr ausklingen lassen könnte. Kann man aber nicht. Denn damit es so aussieht, als ob es ausklänge, muss man auf mehreren Klaviaturen gleichzeitig spielen. Gelingt dies, ist man danach erschöpft und glücklich, wenn nicht, ist man bloß erschöpft. Frühzeitige Ferienstimmung kommt dabei jedenfalls nicht auf.

Viel gravierender als dieser Schulschlussalltag erscheint mir jedoch das, was ich dieser Tage bei der mündlichen Reifeprüfung erleben muss(te): Gestern Nachmittag war Englisch dran. Seit diesem Jahr wird ja nicht mehr klassenweise, sondern fachweise geprüft. Eine wahrlich einfühlsame Verordnung, die der Sache einer gymnasialen Reifeprüfung bzw. dessen, was wir bisher darunter verstanden, ungefähr so gerecht wird wie ein Gesetzestext einem Gedicht – dazu aber ein andermal, wenn ich mehr Zeit für solche Überlegungen habe (apropos Ferienstimmung!). Der Bericht darüber, wie die Englischmatura zugerichtet wurde, der jedoch muss gleich sein, so skandalös erscheint mir, wovon ich gestern Zeugin wurde.

Wie neuerdings bei der mündlichen Matura vorgeschrieben, ziehen die SchülerInnen auch in Englisch den Themenbereich ihrer Prüfung. 24 Themenbereiche, die den Lehrern in Englisch – soweit ich informiert bin – zentral vorgegeben werden, stehen zur Auswahl. Sodann erhält der Kandidat seine Frage, bereitet sich 15 Minuten vor und tritt zur Prüfung an. Der Prüfer und der „Interlocutor“ sitzen parat, grüßen freundlich mit „Good morning“ oder wahlweise „Good afternoon“ (das dürfen sie situationselastisch selbst entscheiden) und los geht’s. Fünf Minuten lang müssen die SchülerInnen, ausgehend von einem Bildimpuls (Texte sind in Englisch nicht mehr erlaubt) über Themen wie Fashion, Sports, School oder Communication parlieren. Der Lehrer ist währenddessen zum gänzlichen Stillschweigen verdammt, der Interlocutor darf gegebenenfalls beispielsweise ein „Would you elaborate on topic number two“ einwerfen und muss ansonsten auf einem vorgegebenen Raster die Sprechkompetenz notieren. Wie zwei Kartäuser sitzen die Lehrpersonen da, während die Schüler ein Klischee nach dem anderen zum Besten geben. Sehr viel anderes ermöglichen die Themen in der vorgeschriebenen Machart nämlich nicht. Und sollen sie wohl auch nicht, es geht ja bloß um die Kompetenz des monologischen Sprechens auf Englisch.

Im Anschluss an dieses Testformat ist das dialogische Ausdrucksvermögen unter Beweis zu stellen. Zwei SchülerInnen dürfen sich nun gemeinsam über ein Thema ebensolcher Qualität 10 Minuten lang unterhalten und müssen am Ende in drei Punkten zur Übereinstimmung kommen. Auf diese Weise soll die Sprechkompetenz in angeblich authentischen Gesprächssituationen überprüft werden.

Als Mitglied der Prüfungskommission durfte ich gestern ca. 10 solcher Prüfungen beiwohnen. Farce oder Kabarett ist noch das Netteste, was mir dazu einfällt. Nicht, dass die Schüler schlecht Englisch sprächen – überhaupt nicht. Sie parlieren fast alle leicht und flüssig, worüber auch immer. Aber kann und darf es wirklich sein, dass wir dieses Vermögen als ausreichend und relevant für eine Reifeprüfung am Ende einer achtjährigen gymnasialen Bildung, in der das Fach Englisch als Hauptfach einen zentralen Platz einnimmt, erachten? Mögen internationale Sprachzertifikate nach diesem Muster gestrickt sein – soll deshalb auch die österreichische Matura so aussehen? Ist es mit dem Gedanken von Bildung wirklich so weit gekommen, dass wir die Schüler minutenlang über „nichts“ sprechen lassen? Oder soll das alles mit Bildung eh gar nichts mehr zu tun haben?

Worum aber geht es dann? Um sprechen, ohne etwas zu sagen? Um ausführen ohne Sinn und Verstand? Um performen ohne Inhalt? Ist es das, was wir unter „Reife“ verstehen? Mir ist schon bewusst, dass Englisch nur ein Fach unter mehreren ist. In den anderen Fächern ist es gottlob doch anders. Als sprachaffiner und politischer Mensch aber kann ich nicht umhin, das englische Drama, das ich gestern sehen musste, auch symbolisch zu deuten. Und symbolisch betrachtet ist die Botschaft schlichtweg verheerend: Englisch ist DIE Weltsprache, Sprache der Globalisierung, Sprache der Wirtschaft, Sprache vieler (!) Literaturen, Sprache politischer Verhandlungen, Sprache der internationalen Verständigung. Wir aber vermitteln unseren Schülern bei ihrer Reifeprüfung, dass es einzig darauf ankommt, sprechen zu können, egal was, Hauptsache schwadronieren, auf dass es gut klinge.

„Thank you. This is the end of your final exam.“, dürfen die Englischlehrer abschließend sagen. This is the end of what school is supposed to be, ist man versucht zu antworten. (nemo)

PS: Ich bin keine Anglistin, und ob dieser Satz wirklich ganz korrekt ist, weiß ich nicht – ich will es aber auch nicht überprüfen.

Deutschmatura – Ödnis, die erste

Je länger ich über den Maturaarbeiten sitze, desto stumpfsinniger erscheint mir das alles. Nicht, dass die Arbeiten schlecht wären. Nein, einige sind sogar richtig gut, die meisten ganz passabel und nur wenige lassen zu wünschen übrig. Wobei: Im Grunde lassen eben alle zu wünschen übrig, das ist es ja, was mich zusehends betrübter auf die Prüfungsbögen hinschauen lässt. In Wirklichkeit ist es nämlich ein einziges inhaltsleeres Blabla, was wir da von den MaturantInnen hören wollen. Es geht darum, dass sie ihre Lese-, Argumentations- und Schreibkompetenz unter Beweis stellen, um nichts anderes. Was sie sagen, ist so was von egal! Und zwar bei allen Themen, selbst beim sogenannten literarischen. Dabei sind die Themen nicht einmal schlecht: Die Macht der Kritik, Familie sowie Armut und soziale Gerechtigkeit. Drei an und für sich relevante gesellschaftspolitische Themen. Aber was konkret verlangt wird und wie die KandidatInnen diese Themen angehen müssen, ist ein einziges Elend.

Nehmen wir das Thema Familie. Das haben die meisten meiner SchülerInnen gewählt. Zu verfassen sind hier eine Zusammenfassung und eine Meinungsrede. Jawohl, zum Auftakt gleich eine Zusammenfassung! Zusammengefasst muss ein Artikel aus der Wiener Zeitung mit dem Titel Familie – Mythos und Realität werden. Zweifellos ist es wichtig, dass man Texte zusammenfassen kann. Aber darf das wirklich alles sein, was wir zur Reifeprüfung an einem Gymnasium in der Unterrichts- und Landessprache erwarten können? Wäre das nicht viel eher die Voraussetzung, die Basis, auf der man seine Gedanken zu einem Thema zum Ausdruck bringt?

Na gut, sie haben ja auch noch eine Meinungsrede zum Thema Kinder und Familie – meine Zukunft? zu verfassen. Ich spüre, wie das Thema viele meiner SchülerInnen anspricht, wie sie dazu etwas zu sagen hätten, wie sie „abheben“ könnten – wenn man sie ließe. Aber nein, man hält sie auch hier mit genau vorgegebenen Arbeitsaufträgen auf dem Boden. Man hält sie am Gängelband der Kompetenzorientierung und der Vergleichbarkeit. Denn es geht nicht um ihre Gedanken, es geht nicht um ihre Visionen, es geht schon gar nicht um ihre kritische Reflexion. Es geht schlichtweg darum, dass sie mit 540 bis 660 Wörtern unter Beweis stellen, dass sie den „Inputtext erfasst“, dass sie alle „Arbeitsaufträge erfüllt“, dass sie die „Schreibhandlung(en) im Sinne der Textsorte durchgehend realisiert“ haben. So müssen sie funktionieren, denn so will es das Beurteilungsraster, und so muss ich die Chose bewerten. Viel öder geht nicht.

Nicht, dass wir das alles nicht schon vorher gewusst hätten. Über die Ödnis des vorgefertigten Schreibens habe ich bereits anlässlich der Maturavorbereitungen nachgedacht. Aber wenn es einem dann bei der ach so wichtigen Reifeprüfung auf derart drastische Weise und in 26-facher standardisierter Ausfertigung vor Augen geführt wird und man gleichzeitig 26 mehr oder weniger interessante, jedenfalls aber individuelle Stimmen durchhören kann – so leise allerdings, dass man sie mitunter fast nicht mehr wahrnehmen kann, dann -, ja, dann packt einen irgendwie die Wut! (nemo)

FM4: Was ich noch sagen wollte …

Eine Radiosendung auf FM4 – live aus unserer Schule! So geschehen am Dienstag dieser Woche. Die Sendung „Auf Laut“ wurde in unserem Beisein aus dem „Zentralbuffet“ (was für ein Wort!) des WRGs gesendet. Grund dafür war, dass der Moderator Ali Cem Deniz vor einigen Jahren bei uns maturiert hatte. Eine schöne Geste, finde ich, dass er auf die Idee kam, für die Sendung an seine ehemalige Schule zurückzukehren.

„Was bringt die Zentralmatura?“, lautete die inhaltliche Ausrichtung der Sendung. Eine Maturantin und ein Maturant aus dem WRG und ich als Vertreterin der Lehrerschaft waren auf dem Podium. Im Publikum saßen SchülerInnen von uns – mehr als die Hälfte aus meiner Klasse! 🙂 – Kolleginnen und unser Direktor. Ein bissl aufregend war’s zuerst schon, dann aber ging’s eigentlich ganz gut. Wobei: Viel Zeit bleibt einem nicht zur Verfertigung der Gedanken beim Reden in ein Mikro. Vor allem aber störte (mich) die Musik. Kaum hatte man ein Thema angerissen, wurde schon wieder das nächste Musikstück angekündigt. Und danach gab’s wieder eine neue Frage. Eine richtige Diskussion kann so natürlich nicht zustande kommen. Dafür ist so eine Sendung aber wahrscheinlich einfach auch nicht das richtige Format. Immerhin haben wir – hoffe ich – ein bisschen etwas davon vermitteln können, worum es, Zentralmatura hin, Zentralmatura her, in der Schule eigentlich geht: nämlich um ein gemeinsames Arbeiten und Lernen von SchülerInnen und LehrerInnen.

Ah ja, was ich noch sagen wollte: Insofern wird auch die Zentralmatura funktionieren. Nicht, weil das Modell der Neuen Reifeprüfung so grandios ist, nicht, weil die Aufgabenformate so ausgeklügelt und vergleichbar sind, nicht, weil die BildungsexpertInnen so versiert sind, nein, weil wir LehrerInnen es gemeinsam mit unseren SchülerInnen schaffen werden, die Herausforderungen zu meistern, weil wir uns (bis zur Selbstausbeutung) ins Zeug legen, weil wir LehrerInnen uns selbst von un- und blödsinnigen Vorgaben, Formaten und Inhalten nicht drausbringen lassen und stattdessen im Sinne unserer SchülerInnen handeln und dies weiterhin tun werden. Deshalb wird auch die Neue Reifeprüfung funktionieren. Wollt‘ ich noch gesagt haben. (nemo)

PS: Wer Lust hat, bis nächsten Dienstag kann man die Sendung nachhören. Einfach auf den Link klicken (Auf Laut, 21.4.2015).

Ferialarbeit

Osterferien, wie gut, dass es Osterferien gibt! Die neiderfüllte Nation weiß, dass sich der gemeine Lehrer in Tagen wie diesen an den Gestaden des Roten Meeres oder sonstwo sonnt. Ich jedoch sitze hier im verregneten Salzburg und freue mich darüber, dass ich meine 48 kompetenzorientierten Fragen für die mündliche Reifeprüfung unter Dach und Fach gebracht habe. Neben dem Unterrichten wäre das nämlich kaum zu bewerkstelligen gewesen. Zwar treten nur drei Schülerinnen mündlich in Deutsch an, der so genannte „Themenpool“ aber hat 24 Themenbereiche à 2 Fragen zu umfassen. So sieht es der Gesetzgeber vor. Also habe ich die Osterferien genutzt, um Fragen zu erstellen und geeignete Textbeilagen zu suchen. Kaum Gründonnerstag – und schon bin ich fertig. Siehe da.

Und dabei gehöre ich ja zu der Spezies LehrerInnen, die so etwas nicht einmal ungern macht. Es gefällt mir, den Stoff der letzten Jahre noch einmal gedanklich durchzugehen und mir zu überlegen, was es da sinnvollerweise zu wissen und zu können gilt. Ich arbeite gerne, denke mit Freuden über Literatur und Sprache nach – und finde die meisten Fragen nun eigentlich recht gelungen (3 Beispiele hänge ich unten an). Schade nur, dass kaum eine Frage zum Einsatz kommen wird. Die SchülerInnen ziehen ja nur zwei Themenbereiche, dürfen einen davon auswählen und müssen dann eine einzige Frage beantworten. Heißt, nur drei Fragen werden tatsächlich gebraucht. Dafür ganze 48 zu erstellen erscheint selbst mir ein wenig übertrieben. Aber wie gesagt, ich arbeite eh gern und Ferien hab ich auch und da will ich mich nicht beschweren. Einzig, wenn man mich fragt, wo denn ich in den Osterferien geurlaubt habe, reagiere ich möglicherweise ein wenig verständnislos. (nemo)

Themenbereich 2

Themenbereich 5

Themenbereich 17,2

Die Besonderheiten einer ganz normalen Schulwoche

Freitagabend, Beginn der Osterferien. Uff. Die Anstrengungen der Woche sitzen mir in den Knochen. Was war los in diesen Tagen? Nichts Besonderes, viel Besonderes, je nachdem, wie man’s betrachtet. Unterricht nach Plan, kein Schikurs, kein Stundenentfall, kein anderer schulischer „Event“. (In Zeiten wie diesen schon fast eine Ausnahme.) Die Zweitklässler hatten natürlich viel zu erzählen, die Fünftklässler nett, aber ein bisschen lahm (wie immer), die „Meinigen“ aus der Achten interessiert und wissbegierig. Es ist schön zu beobachten, wie sich die Achtzehnjährigen nunmehr für Literatur und Literaturgeschichte, für Lyrik und Sprache interessieren. Wie sie plötzlich aufmerksam und verständig reflektieren, was noch letztes Jahr viele von ihnen überfordert oder unberührt gelassen hätte. Ach, gäbe es bloß auch bei uns das neunjährige Gymnasium! Und: Ach, wie werd‘ ich sie vermissen, die Meinigen!

Am Dienstag galt es, einen verpflichtenden Workshop in Sachen Schulqualität zu absolvieren: Schöner, interessanter Austausch mit KollegInnen und DirektorInnen aus anderen Schulen. Viele gute Ideen, Themen und Projekte, anregende Diskussionen. Wenn gleichzeitig aber Geld für Werteinheiten, also für Unterricht, gestrichen wird – so wie es uns in diesen Tagen wieder einmal angekündigt wurde – erledigt sich manch qualitätsvolle Idee von selbst. Übrig bleibt ein fahler Geschmack und das Gefühl, dass die Kluft zwischen Sein und Schein, zwischen Wirklichkeit und Anspruch, zwischen schulischer Realität und ministerieller Planung immer größer wird. Alles, was wir tun können, ist, die Realität vor Ort – trotz all der Zumutungen – für uns und unsere SchülerInnen so sinn- und lustvoll zu gestalten, wie es uns (noch) möglich ist. „Von oben“ dabei unterstützt fühlt man sich nicht.

Am Mittwoch und am Donnerstag durfte ich die drei Schülerinnen, die bei mir ihre VWA geschrieben haben, auf ihre bevorstehenden Präsentationen vorbereiten. Gleich nach den Osterferien ist es ja soweit: Im Zwanzig-Minuten-Takt werden sie ihre Arbeiten der Prüfungskommission, bestehend aus Vorsitzendem, Direktor, Klassenvorstand und Betreuer, vorstellen. Zuerst eine sechs- bis siebenminütige Präsentation, anschließend eine ungefähr gleich lange Diskussion. Dies ist integraler Bestandteil der „ersten Säule“ der neuen Matura, also der VWA. Erst im Anschluss daran gibt es eine Note – eine Gesamtnote für die schriftliche Arbeit, für die Präsentation und die Diskussion. Spaß werden die Präsentationstage keiner, trotzdem freue ich mich irgendwie darauf. Als Klassenvorständin bin ich bei allen SchülerInnen aus meiner Klasse anwesend, d.h. am Donnerstag nach den Osterferien von 7.30 Uhr bis 17.50 Uhr. Am Freitag geht’s um 7.30 Uhr weiter. Ich bin gespannt auf die Arbeiten und die Präsentationen meiner SchülerInnen. Nur von einigen kenne ich schon die Arbeit, von den meisten weiß ich bisher nur ungefähr, was sie geschrieben haben. Und bei den dreien, deren Betreuerin ich bin, bin ich natürlich neugierig, wie sie ihre Arbeit, deren Entstehungsprozess ich über ein Jahr lang begleitet habe, nun darstellen werden.

Neben diesen Besonderheiten noch ein paar andere: Fachkonferenz aller DeutschlehrerInnen unserer Schule am Mittwochabend (wie schön, in einem solchen Team arbeiten zu können!): Auswahl der Schulbücher fürs nächste Jahr, Anschaffung von Klassenlektüren, Koordination der Prüfungsfragen für die mündliche Matura. Dazu  Elterngespräche, per Telefon, Mail und persönlich, Informationsaustausch und -weitergabe unter KollegInnen, Planungen und Absprachen für künftige Projekte. Alles irgendwie auch Routine, genauso wie das Korrigieren, Vorbereiten, Unterrichten, Erziehen, Besprechen, Rückmelden, Problemlösen und all das andere. Eine ganz normale Schulwoche, nichts Besonderes, viel Besonderes, je nachdem, wie man’s betrachtet. (nemo)

Kompetenz Kreuzerl Machen

Wir kreuzen an: Unsere SchülerInnen die Multiple-Choice-Antworten bei den Schularbeiten und Kompetenz-Tests und wir auf den Bewertungsbögen des Bifie und denen des BMBF. Wir haken ab, ob die uns Anvertrauten Kompetenzen nicht erfüllt, im Wesentlichen zur Gänze oder nur überwiegend erfüllt, über das Wesentliche hinausgehend oder weit hinausgehend erfüllt haben. Diese Beschreibungen stammen aus der Leistungsbeurteilungsverordnung:

§ 14. (1) Für die Beurteilung der Leistungen der Schüler bestehen folgende Beurteilungsstufen (Noten):

(2) Mit „Sehr gut“ sind Leistungen zu beurteilen, mit denen der Schüler die nach Maßgabe des Lehrplanes gestellten Anforderungen in der Erfassung und in der Anwendung des Lehrstoffes sowie in der Durchführung der Aufgaben in weit über das Wesentliche hinausgehendem Ausmaß erfüllt und, wo dies möglich ist, deutliche Eigenständigkeit beziehungsweise die Fähigkeit zur selbständigen Anwendung seines Wissens und Könnens auf für ihn neuartige Aufgaben zeigt.

(3) Mit „Gut“ sind Leistungen zu beurteilen, mit denen der Schüler die nach Maßgabe des Lehrplanes gestellten Anforderungen in der Erfassung und in der Anwendung des Lehrstoffes sowie in der Durchführung der Aufgaben in über das Wesentliche hinausgehendem Ausmaß erfüllt und, wo dies möglich ist, merkliche Ansätze zur Eigenständigkeit beziehungsweise bei entsprechender Anleitung die Fähigkeit zur Anwendung seines Wissens und Könnens auf für ihn neuartige Aufgaben zeigt.

(4) Mit „Befriedigend“ sind Leistungen zu beurteilen, mit denen der Schüler die nach Maßgabe des Lehrplanes gestellten Anforderungen in der Erfassung und in der Anwendung des Lehrstoffes sowie in der Durchführung der Aufgaben in den wesentlichen Bereichen zur Gänze erfüllt; dabei werden Mängel in der Durchführung durch merkliche Ansätze zur Eigenständigkeit ausgeglichen.

(5) Mit „Genügend“ sind Leistungen zu beurteilen, mit denen der Schüler die nach Maßgabe des Lehrplanes gestellten Anforderungen in der Erfassung und in der Anwendung des Lehrstoffes sowie in der Durchführung der Aufgaben in den wesentlichen Bereichen überwiegend erfüllt.

(6) Mit „Nicht genügend“ sind Leistungen zu beurteilen, mit denen der Schüler nicht einmal alle Erfordernisse für die Beurteilung mit „Genügend“ (Abs. 5) erfüllt. 1

Das ist altbekannt und wir benoten Schularbeiten, Mitarbeit und Maturaarbeiten damit. Zwischendurch muss ich mir auch immer wieder einmal die o.a. Definitionen anschauen und mein inneres System justieren.

Bei der zuletzt gerade angestandenen Bewertung der VWAs funktioniert das ganz schlecht. Wie kann ich denn im Bereich Selbstkompetenz ankreuzen, dass meine Schülerin oder mein Schüler „angebotene Hilfestellungen und Korrekturvorschläge des Betreuers/der Betreuerin“ „weit über das geforderte Maß hinaus“ in Anspruch genommen hat? Dann wären sie doch pausenlos an meinem Rockzipfel gehängt.

Oder wie soll ich die inhaltlichen Kompetenzen einordnen? Eigentlich dürfte ich immer nur die mittlere Spalte verwenden, denn wie kann jemand Ergebnisse „weit über das geforderte Maß hinaus“ objektiv darstellen oder wie können Fragestellungen oder Tiefgang so bewertet werden. „Zur Gänze“ passt da viel besser und aus sehr guten, ambitionierten Arbeiten würden ganz schnell nur mehr befriedigende werden.

VWA Inhalt

So sieht es auch in den anderen Teilbereichen auf, aber machen Sie sich selbst ein Bild:VWA Information

VWA Gestaltung Die Arbeiten unserer SchülerInnen bewerten gehört zu unserem Job, nicht immer geliebt, aber eben ein Teil der Arbeit. Die LBVO gibt den gesetzlichen Rahmen vor, innerhalb dessen das, was wir tun, legal ist. Die Notendefinitionen haben vielleicht in eine Zeit gepasst, in der Frontalunterricht die Norm war und die Mitarbeit der SchülerInnen  erst gefördert werden musste. (Das SchUG stammt aus 70-igern des vorigen Jahrhunderts, die Noten gibt es viel länger, aber leider konnte ich das jetzt nicht herausfinden.)

Ziel der teilzentralen Matura ist es, die Leistungen der SchülerInnen Österreichs vergleichbar zu machen. Mit unpassenden Definitionen gelingt das ganz sicher nicht (ganz abgesehen davon, dass die unterrichtenden LehrerInnen auch die PrüferInnen sind!)

Die Bewertungsraster so erstellen, dass wir auch etwas damit anfangen können, ist Teil der Arbeit der Verantwortlichen des Ministeriums. Sonst sollen sie es lieber gleich sein lassen! (juhudo)

1. https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10009375

Probematura Deutsch

Am Mittwoch war es auch im Fach Deutsch so weit: Für unsere vierstündige und zugleich letzte Schularbeit konnten/sollten/durften wir die zentral zur Verfügung gestellte Probeklausur verwenden. Diese Tatsache war am Mittwochabend sogar der ZIB 2 einen Beitrag wert. Schon erstaunlich, wie sich die mediale Öffentlichkeit plötzlich für die Schule interessiert. Man kann sich dabei allerdings nur schlecht des Eindrucks erwehren, die Medien lechzten geradezu nach der nächsten ausschlachtbaren Panne. Zentralmatura als Spektakel in unserer Eventkultur. Wenn schon aktuell kein richtiges Problem, dann wenigstens ein kleiner Skandal beim BIFIE oder im Ministerium. Bitte!

Jedenfalls sitze ich jetzt da mit meinen 27 vierstündigen Klausuren und muss diese bis nächsten Mittwoch korrigiert haben. Täglich vier Stück, dann geht es sich aus. Das heißt insgesamt, rund 25 – 30 Stunden Korrekturarbeit in dieser Woche – und ich bin nicht langsam! Heute habe ich mein Pensum schon erledigt, deshalb erlaube ich mir, was ich gerade tue, nämlich ein bissl darüber schreiben. Erzählen kann man diesen Schulkram ja auch niemandem (außer – Gott sei Dank! – den KollegInnen), da kommt so ein Blog gerade recht. Immerhin muss das ja niemand lesen, der nicht will.

Worum ging es nun inhaltlich bei dieser Probeklausur? Na, wer will’s wissen? Also: Die SchülerInnen hatten zwei Themen zur Wahl: 1. Die Frage nach dem richtigen Leben und 2. Rauchen. Quasi Oberschicht- und Unterschichtthema. Nein, ich bitte um Entschuldigung, das war jetzt nicht nett. Ab jetzt wieder ernst:

Beim ersten Themenkomplex mussten eine Interpretation des wunderbaren Gedichts Reklame von Ingeborg Bachmann verfasst und ein Kommentar zum Thema Glück und Glücksvorstellungen, basierend auf einem Ausschnitt aus Die Tretmühlen des Glücks von Mathias Binswanger, geschrieben werden. Eigentlich gar nicht so schlecht. Das Problem dabei ist halt, dass man, um das Gedicht ordentlich analysieren und interpretieren zu können, viel mehr Zeit bräuchte, als einem zur Verfügung steht, wenn man zugleich noch einen vernünftigen Kommentar zu dem inhaltlich auch nicht ganz leichten Text von Binswanger schreiben muss.

Da gab es das zweite Thema schon viel billiger: Eine Empfehlung an die Betriebsleitung einer großen Firma zur Regelung der Rauchpausen sowie eine Zusammenfassung einer Internetseite zum Thema „Frauen rauchen anders“. Beide Textbeilagen waren extrem einfach (und qualitativ erschreckend dürftig), das Thema selbst abgedroschen wie ein Feld im November. Da gab es nicht viel nachzudenken, da konnte die Lese- und Schreibkompetenz fast unbehelligt von Inhalten durchexerziert werden. Schon irgendwie erstaunlich, dass beide Themenpakete in Österreich offenbar als ausreichend erachtet werden, um die allgemeine Hochschulreife in der Muttersprache unter Beweis zu stellen. Das zeigt doch, wie sehr Deutsch mittlerweile als reines Sprachfach betrachtet wird, so als ob es wirklich nur mehr um oberflächliche Kommunikation und nicht zumindest auch um inhaltliches Denken ginge, wenn man sich der Sprache bedient. Und es zeigt auch, mit welchem Unverständnis man selbst bei der Deutsch-Matura literarischen Texten begegnet.

Dass ein Thema wie das erste, insbesondere ein komplexes Gedicht, nämlich wirkliches Denken (und eine halbwegs profunde Analyse) erfordern würde, um angemessen darauf reagieren zu können, scheint den Aufgabenstellern bzw. den Erfindern des derzeitigen Maturakonzepts nicht wirklich bewusst zu sein. Wie könnte es sonst sein, dass man von den SchülerInnen erwartet, binnen drei (bzw. vier) Stunden eine Interpretation (zu einem ihnen unbekannten Gedicht!) und einen Kommentar quasi runterzuschreiben.

Da stellt sich einmal mehr die Frage: Hat eigentlich irgendjemand von den Verantwortlichen die Aufgabenstellung selbst ausprobiert, und zwar die ganze?

So, jetzt aber Schluss, schließlich muss ich morgen wieder fit fürs Korrigieren sein. Und weil’s so schön ist, tippe ich noch das Bachmann-Gedicht ab. Vielleicht will es ja jemand mal schnell interpretieren… (nemo)

Ingeborg Bachmann: Reklame (1956)

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille

eintritt

aus: Ingeborg Bachmann: Werke, Band 1: Gedichte, Hörspiele, Libretti, Übersetzungen. München: Piper 1993, S. 114.

Die Ödnis des vorgefertigten Schreibens

Hat eigentlich irgend jemand die Aufgabenformate der neuen Deutsch-Matura selbst ausprobiert? Man würde meinen, das sei selbstverständlich, aber …: Nachdem ich mich am Wochenende hingesetzt habe und für meine SchülerInnen als kleines Service zur Vorbereitung auf die große Prüfung eine Musterlösung verfassen wollte, zweifle ich daran. Hat wirklich einmal jemand von den Verantwortlichen für die neue Reifeprüfung versucht, so eine Maturaaufgabe selbst zu lösen – und zwar eine ganze?

Nicht, dass die Aufgaben schwer oder gar unlösbar wären. Als halbwegs versierte Schreiberin kann man solche Texte sogar recht schnell herunterschreiben. Wirklich viel zu überlegen gibt es ja nicht, sind doch die Themen allgemeiner Mainstream. „Neue Medien“ lautet beispielsweise die thematische Klammer des Themenpakets, das ich mir ausgesucht habe. Zu diesem Thema müssen zwei in etwa gleich lange Texte (je 405-495 Wörter) verfasst werden, eine Empfehlung zu „Twitter-Unterricht“ und ein Kommentar zur Frage „Verlust der Sprachkompetenz durch Handy und Co.?“. Dazu gibt es insgesamt drei Inputtexte, die in die Argumentation mit einbezogen werden müssen, und jeweils drei abzuhandelnde Arbeitsaufträge. So weit, so gut. Wie gesagt, ich schreibe gern, ich schreibe leicht, ich schreibe, wenn’s sein muss, auch über Themen, die mir nicht unter den Nägeln brennen. Ich halte mich also an die durch die Arbeitsaufträge genau vorgegebene Struktur, ich bastle meinen Text auf die vorgegebene Wortanzahl hin, einzig bei der Meinung, die ich vertrete, bin ich renitent und argumentiere beharrlich gegen die allein durch die Auswahl der Inputtexte und auch durch die Arbeitsaufträge ziemlich vorgelenkte Auffassung.

Das böse Erwachen kommt, nachdem ich meine Empfehlung ordnungsgemäß abgearbeitet habe (und dafür mit allem drum und dran doch gut eineinhalb Stunden gebraucht habe): Was, jetzt soll ich zu demselben Thema noch einen Kommentar verfassen? Wie öd ist das denn? Wieder dieselbe Prozedur: Inputtexte lesen, relevante Stellen markieren, zentrale Aussagen wiedergeben, diese in meinen Erfahrungshorizont einordnen, Stellung nehmen. Aber ich habe doch schon eine „begründete Empfehlung“ zu diesem Thema abgegeben!? Nein, das reicht nicht. Jetzt muss noch ein Kommentar für eine „anspruchsvolle Maturazeitung“ geschrieben werden.

Man traut den österreichischen MaturantInnen offenbar nicht (mehr) zu, dass sie zu einem Thema wirklich etwas zu sagen haben und argumentativ in die Tiefe gehen können. Stattdessen zwingt man sie, schön an der Oberfläche zu bleiben und das Wenige, das sie in dem engen vorgegebenen Rahmen überhaupt sagen können, zweimal zu schreiben. Na, da kommt Freude auf. Man muss m. E. geradezu textsortengläubig sein, wenn man meint, durch diese Beschäftigung mit zwei (angeblich) unterschiedlichen Textsorten würde irgendeine besondere Kompetenz, die diese Ödnis rechtfertigen würde, unter Beweis gestellt.

Als ich weiland maturiert habe, durfte man schreiben, was man zu einem Thema zu sagen hatte. Das war lustvoll, man fühlte sich ernst genommen, man konnte stolz auf den Tiefgang dessen sein, was man über mehrere Stunden vor Ort produzierte. Nicht, dass dabei lauter hoch qualitative Texte herausgekommen wären. Aber man räumte uns zumindest die Möglichkeit ein, etwas Substantielles hervorzubringen. Jetzt geben wir den MaturantInnen genau vor, was, wie und wieviel sie zu schreiben haben. Nicht, dass dabei lauter schlechte Texte herauskommen werden. Öde Texte werden halt herauskommen, grässlich öde, gleichförmige Texte, egal, ob sie uns als Empfehlung, Kommentar, offener Brief, Meinungsrede oder sonst etwas entgegenkommen werden. Und das wird nicht die Schuld der SchülerInnen sein. Meine beispielsweise interessieren sich gerade intensiv für Kafkas Verwandlung. Ich will mir gar nicht ausmalen, was das für schöne, überraschende (ja, wohl auch ein paar schwache, substanzlose) Maturaarbeiten ergeben könnte. Wenn man die jungen Menschen doch nur schreiben ließe! (nemo)