Lehrerin sein ist wie … das Bestellen eines „Blumenbeets“

Meiner Klasse gewidmet  

Immer wieder einmal drängt sich mir im Zusammenhang mit meinem Tun als Lehrerin die Metapher des Gartenbaus auf: Ich selbst betrachte mich des Öfteren als Gärtnerin, meine SchülerInnen sind die Pflänzchen, die ich hege und umsorge, an deren Wachstum ich mich erfreue. Schulschluss und noch viel mehr die Matura erscheinen mir als Zeit des Erntens und auch als Zeit des „Erntedanks“.

Meine achte Klasse hat diese Metapher – unbewusst bewusst – aufgenommen und weitergesponnen. Im Herbst vergangenen Jahres haben sie sich für das sogenannte Spaßfoto als buntes Obst und Gemüse verkleidet. Ich durfte die Gärtnerin mimen und prüfen, ob sie schon reif seien. Es war ihre Idee. Mir hat sie gefallen.

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Jetzt, zur Zeit des Erntens, bin ich ausgefallen. Aufgrund einer akut notwendig gewordenen Operation konnte ich nicht bei ihrer Maturafeier dabei sein. Ich konnte keine Rede für sie schreiben, schon gar nicht hätte ich sie halten können und noch weniger hätte ich Kraft zum Feiern gehabt. Gemeinsamer „Erntedank“ war nicht.

Trotzdem habe ich so vieles an Ernte erhalten. Das kostbarste Geschenk aus unserem gemeinsamen Garten ist das Album mit den Freewritings, das sie mir zukommen ließen. Darin finden sich neben den Freewritings Fotos, Karten von unseren Theaterbesuchen und Fahrscheine von unseren gemeinsamen Klassenreisen nach Brüssel, Amsterdam, Wien und Linz. Und ganz am Anfang des Albums findet sich ein Gedicht, verfasst von Elena D. Daneben klebt das Foto von unserer ebenso symbolischen wie lustig gemeinten „Reifeprüfung“. (Da das Foto ohnehin im Internet auffindbar ist, habe ich mir erlaubt, es auch in den Blog zu stellen.) Das Gedicht möchte ich zitieren:

Das Blumenbeet

Die Gärtnerin kümmert sich um die Jungpflanzen im Beet:
viele bunte verschiedene Pflanzen,
die sich im Garten verschanzen.
Alles ist dabei, von Avocados bis zu Erbsen
und jedem Einzelnen wächst die Gärtnerin sehr zu Herzen.
Liebevoll pflegt und hegt sie das Beet,
gibt ihnen Wasser, Liebe und schaut, dass die Sonne richtig steht.
Allmählich sprießen die Pflanzen in die Höhe.
Nun ist es Zeit sich zu verabschieden und sich in der Welt zu verteilen.
Wer weiß schon, in welchem Garten die Pflanzen liegenbleiben?
Doch mit Sicherheit kann man eines sagen:
Tief im Herzen werden sie für immer die Gärtnerin tragen.

Kann eine Klassenvorständin schönere Erntegaben zur Matura von ihren SchülerInnen erhalten? Ich fühle mich unendlich beschenkt.

(nemo)

 

 

Schönheit und Schrecken der Schule. Ein ebenso metaphorischer wie ungeschminkter Bericht vom Schwimmen

Hier sitze ich nun an meinem wunderbaren Schreibtisch, den der geliebte Mensch vor ein paar Jahren extra für mich aus edlem Kirschholz gefertigt hat. Über zwei Wochen konnte ich nicht an diesem Tisch Platz nehmen und die Tatsache, dass ich es jetzt erstmals wieder kann, treibt mir fast die Tränen in die Augen.

Was ist passiert? Mitten unter der Matura, quasi auf hoher schulischer See, drohte ich plötzlich unterzugehen. Wenn mein Körper nicht „SOS“ gefunkt beziehungsweise die Notbremse gezogen und mich aus der schulischen See hinauskatapultiert hätte, wäre ich vielleicht, ich weiß es nicht, wirklich „ertrunken“. Zu Pfingsten musste ich operiert werden, seit einer Woche bin ich wieder zu Hause. Nunmehr geht alles ganz langsam. So langsam, wie ich es mir in meinem bisherigen Leben gar nicht für mich hätte vorstellen können. So langsam, wie mein Körper und ich es jetzt halt brauchen.

∗ ∗ ∗

Wie habe ich mich gefreut, Anfang März nach dem plötzlichen Tod des geliebten Menschen, als ich wieder in die Schule gehen konnte. Das Mitgefühl, die freundlichen Blicke, die tröstenden Worte, die Lebendigkeit und die Wärme taten mir so gut. Ich fühlte mich aufgehoben im Kreise meiner KollegInnen und SchülerInnen. Wie eine große Familie erlebte ich die Schulgemeinschaft, jeden Tag erfreute ich mich daran, dass ich Teil dieser Familie sein durfte, dass diese Familie Bestand hatte, dass in der Schule Normalität im besten und schönsten Sinne herrschte. Wir hatten unseren Platz dort, mein Schicksal und ich. Dafür bin ich bis heute und – wenn ich das so sagen darf – werde ich für immer dankbar sein.

Nach und nach veränderten sich die Dinge, zuerst unmerklich und dann immer merklicher. Als ich es so richtig gemerkt habe, da war es jedoch schon zu spät für mich. Da war ich sozusagen schon zu weit vom Ufer entfernt. Die vierstündige Schularbeit der achten Klasse, so etwas wie eine Probematura, war der erste Stein auf dem Weg ins Wasser gewesen. Die Arbeit war anstrengend, die Arbeit war fordernd, aber ich war froh und stolz, dass ich die Arbeit bewältigen konnte. Gleich anschließend ging es Schlag auf Schlag. Nicht nur die großen Steine wurden spitzer, auch die vielen kleinen. Aber ich schaffte den Weg. Auf einmal war ich im Wasser und konnte losschwimmen. Womit ich jedoch nicht gerechnet hatte – wohl wissend, dass es immer so gewesen war, jedes Jahr aufs Neue -, das war die Sogwirkung des Schulwassers. Ja, mit einem Mal, noch bevor ich wieder umdrehen und meine Schwimmübungen beenden konnte, riss es mich mit. Eben noch vorsichtig mich über die Steine hinwegtastend, prüfend, ob ich den steinigen Zugang und das doch noch recht kühle Wasser überhaupt schon aushalten würde, kam die Schule als riesige Welle daher und nahm mich mit. Ich hatte keine Möglichkeit mehr, „Stopp“ zu rufen, ich konnte nur mehr mitschwimmen. Aber siehe da, es klappte. Es fühlte sich nicht einmal schlecht an, das Gewässer war mir vertraut – und ja, schwimmen kann ich. Das habe ich gründlich gelernt und schon des Öfteren bis zur Erschöpfung praktiziert.

Matura mit meiner Klasse, VWA-Präsentationen, Korrektur der schriftlichen Deutsch-Matura, Vorbereitung der mündlichen Deutsch-Matura, Verantwortungsgefühl für 26 MaturantInnen, Abschluss mit und Abschiednehmen von meiner achten Klasse, Empathie und Verpflichtung auch den vielen anderen SchülerInnen gegenüber. Nicht weniger als der ganzen Schule fühlte ich mich moralisch verpflichtet. So wie früher halt. Besprechungen und Vorbereitungen fürs Schuljahresende, Planungen bereits für das nächste Schuljahr, Mitleiden mit den enttäuschten MaturantInnen, Mitfreuen mit den erfolgreichen und darüber hinaus noch Mitleben mit jenen SchülerInnen, die sich beispielsweise auf eine Klassenreise freuten. Letzte Schularbeiten, Notengebung, Abschluss und Präsentation der Jahresprojekte als Dreingabe. So viele Ideen, so viele Termine, so viele Kleinigkeiten, um die ich mich – wie immer – kümmerte. Und daneben noch der Versuch, Mama und Papa gleichzeitig für das eigene Kind zu sein. Denn wenn die Schule auch noch so anstrengend ist, ich noch so erschöpft bin, das eigene Kind darf nicht darunter leiden!

So schwamm und schwamm ich, immer verzweifelter, und merkte anfangs kaum, dann aber immer deutlicher, wie es mich nach unten zog, wie ich mich nur mehr mit größter Kraftanstrengung an der Oberfläche halten konnte. Wo war der Platz für meine Trauer? Wo war der Raum für meine Schwäche? Wo war die Zeit für Regeneration? Ja, wo war eigentlich ich?

Dass mich mein eigener Körper nun sozusagen vor dem Ertrinken gerettet hat, ist ein Glück, das ich vielleicht gar nicht verdient habe. Aber wer weiß denn schon, ob man sein Glück verdient hat oder nicht? Es ist ganz einfach ein Geschenk, eines der schönsten und größten, die ich jemals bekommen habe. Ein Geschenk, das ich gerne annehme, das ich ganz fest bei mir halten werde, das so kostbar wie mein Leben ist. Das Geschenk beinhaltet eine Chance – und diese Chance werde ich versuchen wahrzunehmen.

Schwimmen ist derzeit nicht. Aber im kühlen Schatten liegt es sich geradezu paradiesisch. Im Moment brauche ich nicht einmal den Blick aufs Wasser. Noch dazu, wo täglich Kolleginnen vorbeikommen, mir ein bisschen frische Luft zufächeln und mich mit kräftigenden „Cocktails“ versorgen. Obwohl ich auf unbestimmte Zeit nicht mitschwimmen kann, lassen sie mich nicht einfach links liegen, sondern umsorgen mich und passen darauf auf, dass ich nicht zu schnell wieder Gefahr laufe, von der riesigen Schulwelle mitgerissen zu werden. Denn auch wenn jetzt die Sommerferien vor der Tür stehen und die schulische See mehrere Wochen lang zur Ruhe kommen wird, ist die grundsätzliche Gefahr des erneuten Mitgerissenwerdens natürlich noch lange nicht gebannt. Ja, meine Kolleginnen, die schauen auf mich.

Schule ist wunderschön, Schule kann aber auch schrecklich sein. Meistens ist sie beides irgendwie gleichzeitig, und die Herausforderung besteht vielleicht darin, das schrecklich Schöne aushalten zu können, ohne sich selbst dabei zu verlieren.

So, und jetzt lege ich mich wieder hin! 🙂

(nemo)