Rappen im Französisch-Unterricht

Eine wirklich überzeugende Fortbildungsveranstaltung habe ich heute besucht: Mathias Schillmöller von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg hat uns, einer Gruppe von FranzösischlehrerInnen, gezeigt, wie man Rap, Beat und Rhythmus im Französisch-Unterricht einsetzen kann. Seien es französisch klingende Laute, neue Vokabeln, 562337_coverVerbkonjugationen, Phrasen oder kleine Gedichte – alles bleibt besser im Gedächtnis, wenn man es rappt. Ganz abgesehen davon, dass das rhythmische Sprechen Spaß macht und – wenn man es in Gruppen arrangiert – auch echt gut klingt.

Ich bin jedenfalls hochmotiviert und werde gleich morgen ausprobieren, wie ich das heute Gelernte meinen SchülerInnen vermitteln kann. Tchac, ouf, boum-boum, zing …

Außerdem bietet sich diese Form des Umgangs mit Sprache natürlich für den fächerübergreifenden Projektunterricht an: Ich träume bereits von einem künftigen Kulturprojekt, in dem Sprachen-, Musik-, Sport- und BE- bzw. TEC/TEX-LehrerInnen zusammenarbeiten, um zu irgendeinem Thema, das SchülerInnen wie LehrerInnen inspiriert (ganz spontan würden mir da Themen wie Zukunft oder Zusammenleben in den Sinn kommen), eine gemeinsame Performance auf die Beine zu stellen. Un de ces rêves à réaliser …

(nemo)

Die Sache mit den Ethnien. „Kleines Land“ von Gaël Faye

Wer weiß eigentlich, wo Burundi liegt? produkt-13679Ich hätte das zentralafrikanische Land bis vor Kurzem wohl nicht auf Anhieb lokalisieren können. Dieser Tage aber habe ich einen Roman gelesen, der mir das Land nähergebracht hat – seine paradiesischen Seiten, aber auch seine grauenhafte jüngere Geschichte.

Kleines Land heißt das Buch, das in diesem Herbst in deutscher Übersetzung bei Piper erschienen ist. In Frankreich ist Petit pays – so der Originaltitel – 2016 herausgekommen; sein Autor Gaël Faye hat dort sogleich mehrere renommierte Literaturpreise dafür bekommen. Und in der Tat handelt es sich bei dem Buch um einen beeindruckenden Roman:

Es ist die Geschichte des Jungen Gabriel, der als Sohn eines Franzosen und einer Ruanderin in den achtziger und neunziger Jahren in Burundi aufwächst. Man erfährt, wie privilegiert er als Halb-Europäer den Schwarzen gegenüber ist, wie er mit seinen Freunden Mangos klaut, aber auch, wie die Ehe seiner Eltern in die Brüche geht. Viel wird von der Lebensfreude und der Sehnsucht nach den glücklichen Tagen der Kindheit spürbar. Von Anfang an aber schwebt das Unheil über den Menschen in diesem Land. Fassbar wird es an der Familie der Mutter, die bereits vor vielen Jahren aus Ruanda vertrieben wurde und für die Burundi von Anfang an ein Exil und keine Heimat darstellt. Anfang der neunziger Jahre flammt der Konflikt zwischen Hutus und Tutsis wieder auf und gerät diesmal völlig außer Kontrolle. Er reißt sowohl Burundi also auch – und in noch viel größerem Ausmaß – Ruanda mit in den Abgrund. Die Geschichte, die Gaël Faye erzählt, endet in einer einzigen Katastrophe.

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Der Autor lebt heute in Paris und ist ein bekannter Rapper. Ebenso wie seinen Ich-Erzähler Gaby lassen ihn Burundi und Ruanda nicht los, auch wenn es nicht sein eigenes Leben ist, das er in dem Buch erzählt. Aber es ist spürbar, wie wichtig ihm die Geschichte ist. Das Buch überzeugt von Anfang an und lässt einen am Ende tieftraurig zurück. Man fragt sich, ebenso wie der Erzähler, wie es bloß so weit kommen konnte.

Ich zitiere nachfolgend den Prolog und verlinke den ebenso wundervollen Song „Petit Pays“ von Gaël Fayes Album Pili Pili sur un croissant au beurre aus dem Jahr 2013.

Ich weiß wirklich nicht, wie die Geschichte angefangen hat.
Dabei hat Papa uns das mal im Pick-up erklärt.
„In Burundi es es wie in Ruanda, versteht ihr? Da leben drei verschiedene Gruppen, Ethnien heißt das. Hutu gibt es am meisten, die sind klein und haben eine dicke Nase.“
„Wie Donatien“, habe ich ihn gefragt.
„Nein, der ist Zairer, das ist was anderes. Wie unser Koch Prothé zum Beispiel. Dann gibt es noch Pygmäen, die Twa. Aber das sind so wenige, dass wir sie vernachlässigen können, sagen wir mal, die zählen nicht. Und dann gibt es die Tutsi, wie eure Mama. Die sind viel weniger als die Hutu, groß und dünn und mit schmaler Nase, und man weiß nie, was sie denken. Du zum Beispiel“, hat er gesagt und dabei mit dem Finger auf mich gezeigt, „du bist ein typischer Tutsi, Gabriel, bei dir weiß man auch nie, was dir durch den Kopf geht.“
Da hab ich dann auch nicht mehr gewusst, was ich denke. Und was sollte man auch von dem Ganzen halten? Also habe ich Papa gefragt:
„Kommt der Krieg zwischen Tutsi und Hutu daher, dass sie in verschiedenen Gegenden wohnen?“
„Nein, sie leben ja im selben Land.“
„Dann sprechen sie nicht dieselbe Sprache?“
„Doch, sie sprechen dieselbe Sprache.“
„Vielleicht haben sie nicht denselben Gott?“
„Doch, sie haben denselben Gott.“
„Aber … warum machen sie dann Krieg?“
„Weil sie nicht die gleiche Nase haben.“
Damit war die Diskussion beendet. Trotzdem komisch. Papa hat das, glaub ich, nie richtig verstanden. Jedenfalls hab ich ab da immer drauf geachtet, wie groß die Leute sind und was für eine Nase sie haben. Wenn ich mit meiner kleinen Schwester Ana in der Stadt einkaufen war zum Beispiel, haben wir immer geraten, wer Hutu ist und wer Tutsi, und ständig miteinander getuschelt:
„Der mit der weißen Hose ist bestimmt ein Hutu, weil er so klein ist und eine dicke Nase hat.“
„Ja, und der mit dem Hut, der ist so riesig groß und dünn und hat eine ganz schmale Nase, das ist ein Tutsi.“
„Der dort in dem gestreiften Hemd ist auch ein Hutu.“
„Quatsch, schau doch hin, der ist groß und dürr.“
„Ja, aber er hat eine dicke Nase!“
Da sind uns Zweifel gekommen an der Sache mit den Ethnien. Papa wollte sowieso nicht, dass wir darüber reden. Kinder sollen sich nicht in die Politik einmischen, fand er. Aber wir konnten gar nicht anders. Die merkwürdige Atmosphäre wurde von Tag zu Tag schlimmer. Auch in der Schule ist es bald losgegangen mit diesem Du-bist-doch-Hutu-du-bist-doch-Tutsi-Ärger. Sogar bei einer Vorführung von Cyrano de Bergerac hat einer krakeelt: „Das ist doch ein Tutsi – mit der Nase!“ Etwas lag in der Luft. Und das konnte man riechen, egal, mit welcher Nase.

Gaël Faye: Kleines Land, aus dem Französischen von Brigitte Große und Andrea Alvermann, München: Piper 2017

(nemo)

So long, Leonard

Ich war so dreizehn oder vierzehn, als es neben dem Buchklub der Jugend, der für den Kauf von vier Jugendbüchern pro Jahr sorgte, und dem Filmklub der Schule, der uns im Lauf der Zeit mit Citizen Cane, Professione Reporter, Der Mann, den sie Pferd nannten, Z oder Der Schüler Gerber bekannt machte,  auch ein Schallplattenpendant zum Buchklub gab, von dem ich nicht mehr weiß, wie er genannt wurde. Schallplattenklub? Hm. Ziel aller drei Initiativen war es jedenfalls, uns mit einem Grundstock guter Bücher, Filme oder eben Musik zu versorgen.

Jedenfalls gab es ein Heftchen, das der damit betraute Lehrer während einer Unterrichtsstunde in der Klasse auflegte und mich nach meinen Wünschen fragte – und ich nicht die geringste Ahnung hatte, was ich auswählen sollte und ziemlich unter Zeitdruck stand. Klassisches wollte ich nicht und so fragte ich ihn, was er mir empfehlen würde und er schlug mir die Songs of Leonard Cohen und Live in Central Park von Simon and Garfunkel vor. Meine ersten beiden Langspielplatten! Wie gut die Tipps waren, sollte ich bald herausfinden. Die Stereoanlage in der Familie besaß mein Bruder, der bisher damit den Familiensound bestimmt hatte, daher musste ich mich mit ihm ins Einvernehmen setzen oder meine LPs dann spielen, wenn er nicht da war. Jedenfalls hab ich sie beide immer wieder angehört (auch weil es drei Monate bis zur nächsten gedauert hat 😉 ).

LPs haben zwei Seiten, die jeweils so 18 Minuten Musik auf einer Seite haben, man kann also auch nicht weg, man muss ja öfter umdrehen oder neu beginnen, so habe ich meine beiden Platten stundenlang auf- und abgehört und vor allem Leonard Cohen hat eine Saite in mir zum Klingen gebracht, die eigentlich überhaupt nicht zu meinem Wesen gehört – die Melancholische. Mein Musikgeschmack wurde sicher durch diese Tracks geprägt und seitdem kann es mir in Popsongs gar nicht traurig genug zugehen. Und zu Cohen bin ich immer wieder zurückgekehrt, in den letzten Jahren mit Dear Heather, Old Ideas (Going Home), Popular Problems  und so vor vier Wochen You Want It Darker. Ich hab mich gefreut, dass er noch viel geschrieben und gesungen hat und fast jedesmal bin ich in mein Cohen-Verhalten, die Songs immer und immer wieder anzuhören, zurückgefallen.

Danke für die lebenslange Begleitung, danke für die vielen Stunden, die mich Melancholie gelehrt haben, danke für Lieder, mit denen ich so richtig traurig sein konnte und in denen ich mich immer noch verlieren kann. Jetzt gerade ist es Dance Me to The End of Love. Schön, dass die Songs bleiben, schade, dass es keine neuen mehr geben kann. Danke Leonard und so long.
(juhudo)

Side A

  1. Suzanne“ – 3:48
  2. „Master Song“ – 5:55
  3. „Winter Lady“ – 2:15
  4. „The Stranger Song“ – 5:00
  5. „Sisters of Mercy“ – 3:32
Side B
  1. So Long, Marianne“ – 5:38
  2. „Hey, That’s No Way to Say Goodbye“ – 2:55
  3. „Stories of the Street“ – 4:35
  4. „Teachers“ – 3:01
  5. One of Us Cannot Be Wrong“ – 4:23