Sprache ohne Kultur?

Letztes Jahr im Sommer habe ich dazu – eingedenk dessen, was ich kurz davor bei der ersten Matura im neuen Format in den Fremdsprachen miterlebt hatte – ausführliche Überlegungen angestellt. Nun ist der Artikel in den Romanischen Studien erschienen.

Darin betrachte ich die Auswirkungen der Kompetenzorientierung in den Fremdsprachen und stelle die Frage nach der Aufgabe von Fremdsprachen im Kontext einer humanistisch orientierten Allgemeinbildung. Etwas zugespitzt, vielleicht auch ein bisschen polemisch,  postuliere ich, dass eine ausschließliche Ausrichtung am Kompetenzparadigma, wie es gegenwärtig bei der Reifeprüfung in Österreich der Fall ist, bildende Inhalte verflacht oder sogar ausschließt, Sprache entkulturalisiert sowie entpolitisiert.

Wer mag, kann den gesamten Text hier online lesen. Über Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen.

Im Mai findet zu diesem Thema übrigens eine Tagung in Gießen (Deutschland) statt. Unter dem Titel Abschaffung der Literatur? soll eine Positionsbestimmung der Literaturwissenschaft „in schwierigen Zeiten“ versucht werden. Ich bin gespannt, ob dabei neue Erkenntnisse zu Tage treten. (nemo)

 

Deutschmatura – Ödnis, die erste

Je länger ich über den Maturaarbeiten sitze, desto stumpfsinniger erscheint mir das alles. Nicht, dass die Arbeiten schlecht wären. Nein, einige sind sogar richtig gut, die meisten ganz passabel und nur wenige lassen zu wünschen übrig. Wobei: Im Grunde lassen eben alle zu wünschen übrig, das ist es ja, was mich zusehends betrübter auf die Prüfungsbögen hinschauen lässt. In Wirklichkeit ist es nämlich ein einziges inhaltsleeres Blabla, was wir da von den MaturantInnen hören wollen. Es geht darum, dass sie ihre Lese-, Argumentations- und Schreibkompetenz unter Beweis stellen, um nichts anderes. Was sie sagen, ist so was von egal! Und zwar bei allen Themen, selbst beim sogenannten literarischen. Dabei sind die Themen nicht einmal schlecht: Die Macht der Kritik, Familie sowie Armut und soziale Gerechtigkeit. Drei an und für sich relevante gesellschaftspolitische Themen. Aber was konkret verlangt wird und wie die KandidatInnen diese Themen angehen müssen, ist ein einziges Elend.

Nehmen wir das Thema Familie. Das haben die meisten meiner SchülerInnen gewählt. Zu verfassen sind hier eine Zusammenfassung und eine Meinungsrede. Jawohl, zum Auftakt gleich eine Zusammenfassung! Zusammengefasst muss ein Artikel aus der Wiener Zeitung mit dem Titel Familie – Mythos und Realität werden. Zweifellos ist es wichtig, dass man Texte zusammenfassen kann. Aber darf das wirklich alles sein, was wir zur Reifeprüfung an einem Gymnasium in der Unterrichts- und Landessprache erwarten können? Wäre das nicht viel eher die Voraussetzung, die Basis, auf der man seine Gedanken zu einem Thema zum Ausdruck bringt?

Na gut, sie haben ja auch noch eine Meinungsrede zum Thema Kinder und Familie – meine Zukunft? zu verfassen. Ich spüre, wie das Thema viele meiner SchülerInnen anspricht, wie sie dazu etwas zu sagen hätten, wie sie „abheben“ könnten – wenn man sie ließe. Aber nein, man hält sie auch hier mit genau vorgegebenen Arbeitsaufträgen auf dem Boden. Man hält sie am Gängelband der Kompetenzorientierung und der Vergleichbarkeit. Denn es geht nicht um ihre Gedanken, es geht nicht um ihre Visionen, es geht schon gar nicht um ihre kritische Reflexion. Es geht schlichtweg darum, dass sie mit 540 bis 660 Wörtern unter Beweis stellen, dass sie den „Inputtext erfasst“, dass sie alle „Arbeitsaufträge erfüllt“, dass sie die „Schreibhandlung(en) im Sinne der Textsorte durchgehend realisiert“ haben. So müssen sie funktionieren, denn so will es das Beurteilungsraster, und so muss ich die Chose bewerten. Viel öder geht nicht.

Nicht, dass wir das alles nicht schon vorher gewusst hätten. Über die Ödnis des vorgefertigten Schreibens habe ich bereits anlässlich der Maturavorbereitungen nachgedacht. Aber wenn es einem dann bei der ach so wichtigen Reifeprüfung auf derart drastische Weise und in 26-facher standardisierter Ausfertigung vor Augen geführt wird und man gleichzeitig 26 mehr oder weniger interessante, jedenfalls aber individuelle Stimmen durchhören kann – so leise allerdings, dass man sie mitunter fast nicht mehr wahrnehmen kann, dann -, ja, dann packt einen irgendwie die Wut! (nemo)

FM4: Was ich noch sagen wollte …

Eine Radiosendung auf FM4 – live aus unserer Schule! So geschehen am Dienstag dieser Woche. Die Sendung „Auf Laut“ wurde in unserem Beisein aus dem „Zentralbuffet“ (was für ein Wort!) des WRGs gesendet. Grund dafür war, dass der Moderator Ali Cem Deniz vor einigen Jahren bei uns maturiert hatte. Eine schöne Geste, finde ich, dass er auf die Idee kam, für die Sendung an seine ehemalige Schule zurückzukehren.

„Was bringt die Zentralmatura?“, lautete die inhaltliche Ausrichtung der Sendung. Eine Maturantin und ein Maturant aus dem WRG und ich als Vertreterin der Lehrerschaft waren auf dem Podium. Im Publikum saßen SchülerInnen von uns – mehr als die Hälfte aus meiner Klasse! 🙂 – Kolleginnen und unser Direktor. Ein bissl aufregend war’s zuerst schon, dann aber ging’s eigentlich ganz gut. Wobei: Viel Zeit bleibt einem nicht zur Verfertigung der Gedanken beim Reden in ein Mikro. Vor allem aber störte (mich) die Musik. Kaum hatte man ein Thema angerissen, wurde schon wieder das nächste Musikstück angekündigt. Und danach gab’s wieder eine neue Frage. Eine richtige Diskussion kann so natürlich nicht zustande kommen. Dafür ist so eine Sendung aber wahrscheinlich einfach auch nicht das richtige Format. Immerhin haben wir – hoffe ich – ein bisschen etwas davon vermitteln können, worum es, Zentralmatura hin, Zentralmatura her, in der Schule eigentlich geht: nämlich um ein gemeinsames Arbeiten und Lernen von SchülerInnen und LehrerInnen.

Ah ja, was ich noch sagen wollte: Insofern wird auch die Zentralmatura funktionieren. Nicht, weil das Modell der Neuen Reifeprüfung so grandios ist, nicht, weil die Aufgabenformate so ausgeklügelt und vergleichbar sind, nicht, weil die BildungsexpertInnen so versiert sind, nein, weil wir LehrerInnen es gemeinsam mit unseren SchülerInnen schaffen werden, die Herausforderungen zu meistern, weil wir uns (bis zur Selbstausbeutung) ins Zeug legen, weil wir LehrerInnen uns selbst von un- und blödsinnigen Vorgaben, Formaten und Inhalten nicht drausbringen lassen und stattdessen im Sinne unserer SchülerInnen handeln und dies weiterhin tun werden. Deshalb wird auch die Neue Reifeprüfung funktionieren. Wollt‘ ich noch gesagt haben. (nemo)

PS: Wer Lust hat, bis nächsten Dienstag kann man die Sendung nachhören. Einfach auf den Link klicken (Auf Laut, 21.4.2015).

VWA-Präsentationen oder Sternstunden eines KVs

Und da sind sie auch schon wieder vorbei, die VWA-Präsentationstage an unserer Schule. Als KV war ich bei allen Schülerinnen und Schülern meiner Klasse Teil der Prüfungskommission. Sieben Minuten Vortrag, sieben bis acht Minuten Diskussion. Danach eine kurze Beratung der Kommission, Mitteilung der Note an den Kandidaten – und weiter zur nächsten Präsentation. Natürlich habe ich mich darauf gefreut. Ich bin zu neugierig (sowohl auf die verschiedenen Arten der (Selbst-)Präsentation als auch auf die Arbeiten und deren Inhalte) und fühle mich meiner Klasse zu verbunden, als dass mich das alles kalt ließe. Ein wenig aber hatte ich schon auch die Befürchtung, dass die Präsentationen mühsam und – in Summe gesehen – ein bisschen langweilig werden würden.

Und dann das: 27 Präsentationen, von denen mich nicht eine – und schon gar nicht die Summe – langweilte. Ganz im Gegenteil. Ich war so stolz auf meine SchülerInnen und mit jeder Präsentation wurden die Freude und der Stolz größer. Jede und jeder Einzelne hat es geschafft, ihre bzw. seine VWA interessant vorzustellen und auf den Punkt zu bringen. Nicht eine Präsentation, wo man sich nicht ausgekannt hätte! Nicht ein Schüler, der die sieben Minuten nur mit heißer Luft gefüllt hätte, nicht eine Schülerin, die sich in den Details verzettelt hätte! Stattdessen Präsentationen, die so manchem Studenten zur Ehre gereicht hätten. Und nicht nur den Anfängern.

Das Allerschönste an den Präsentationen waren übrigens die Diskussionen. Nach den eigentlichen Präsentationen, bei denen die eine oder andere Stimme noch ein wenig zittrig war und sich ein paar der vorbereiteten Sätze doch als zu kompliziert für die aufregende Situation erwiesen, habe ich 27 junge Erwachsene erlebt, die über ihre Arbeit und über das von ihnen behandelte Thema diskutieren, die auf Fragen fachkundig Auskunft geben, ja, die einen kritischen Diskurs über ein Thema führen konnten. Das hatte nicht mehr viel mit einer üblichen Schulsituation zu tun, das war ein Initiationsritus für die Universität, da hatte der strapazierte Begriff „Reifeprüfung“ plötzlich einen wirklichen Inhalt.

Sicher, man könnte schon auch grundsätzlich Kritisches zur VWA an sich anmerken. Außerdem soll man bekanntlich den Tag nicht vor dem Abend loben. Wir werden erst sehen, wie es nun mit der schriftlichen Matura weitergehen wird. Möglicherweise wird einigen die Übungs- und Lernzeit fehlen, die sie für die VWA und deren Präsentation aufgewendet haben. Dass es jedenfalls für viele eine wirkliche nervliche Zusatzbelastung war, steht außer Frage. Dennoch: Hier und heute will ich mich mit meinen SchülerInnen freuen dürfen und ihre beeindruckenden Leistungen erst einmal für sich stehen lassen.

Heute Vormittag im Unterricht musste ich das Ganze mit meiner Klasse natürlich schon noch ein wenig nachbesprechen. Und wie immer, wenn ich die Sichtweise und die Gedanken aller einholen will, habe ich sie um ein Freewriting gebeten. Zumindest ein paar dieser Gedanken möchte ich hier wiedergeben:

„Ich war so froh und erleichtert, die erste Hürde auf dem Weg zur Matura überwunden zu haben. Noch mehr habe ich mich allerdings gefreut, als ich gehört habe, wie gut die überdramatisierte VWA-Geschichte für alle anderen ausgegangen ist.“

„Das aufmunternde Lächeln der Prüfenden hilft einem die ganze Sache irgendwie durchzustehen.“

„Auch die Diskussion hat mir im Vorhinein zu viele Sorgen bereitet. Ich bin ungerne in einer unvorbereiteten Situation. Aber ehrlich gesagt, so unvorbereitet war ich gar nicht. Jeder, der seine VWA selbst verfasst hat, ist für die Diskussion vorbereitet.“

„In der Diskussion wurden durchwegs ernsthafte, auch herausfordernde Fragen gestellt, sodass einem das Gefühl gegeben wurde, eine ernstzunehmende Arbeit geschrieben zu haben.“

„Immer wieder habe ich meine Klassenvorständin angesehen, meinen ‚Fels in der Brandung‘ :), bis mir aufgefallen ist: ‚Hoppla, ich muss ja die anderen auch noch ansehen.'“

„Es war wirklich so, dass ich unbedingt alles erzählen wollte, was ich geschrieben habe, und auch bei der Diskussion hätte ich noch ewig weiterreden können. Ich habe mich so gefreut über die Fragen.“

„Besonders gefallen hat mir, dass ich während der Präsentation gemerkt habe, dass das Interesse auch auf die Kommission übergesprungen ist. (…) Als ich dann gemerkt habe, dass es bei den Fragen gar nicht um richtig oder falsch ging, schmolz das Eis und ich konnte voll in meinem Enthusiasmus aufblühen, über mein Thema zu reflektieren, neue Ansätze und Perspektiven zu betrachten und sich auf einer Ebene mit der Kommission zu unterhalten, die ich mir nie erträumen lassen hätte können.“

„Schade ist, dass manche Schüler mehr Unterstützung durch ihre Betreuungslehrer bekamen als andere. Aber ich bin froh und zufrieden damit, wie meine Präsentation geendet hat.“

„Ich bin stolz, dass ich das Ganze so gut gemeistert habe und mein Fleiß und Ehrgeiz haben sich voll und ganz ausgezahlt.“

„Die Präsentation, aber vor allem die Diskussion haben mich selbst noch einmal über mein Thema reflektieren lassen und auch andere Gesichtspunkte des Themas für mich sichtbar gemacht.“

„Während der Präsentation gefiel mir, dass von der Kommission positive Blicke kamen, was leicht auflockerte und sicherer machte. (…) Alles zusammen war es eine sehr interessante Erfahrung, welche aber auch mit viel Arbeit verbunden ist.“

„Ich empfand die Stimmung im Raum als sehr positiv, vor allem, weil mir die Anwesenden nett zugelächelt haben.“

„Mittwochabend – schnell noch die Präsentation vorbereiten. (…) Um ehrlich zu sein, muss ich zugeben, dass ich doch sechs Stunden an der Präsentation arbeitete.“

„Und das ist auch wichtig für die künftigen Maturanten. Die sollten wissen, dass sie das können.“

Ja, auch so kann Schule sein. (nemo)

Ferialarbeit

Osterferien, wie gut, dass es Osterferien gibt! Die neiderfüllte Nation weiß, dass sich der gemeine Lehrer in Tagen wie diesen an den Gestaden des Roten Meeres oder sonstwo sonnt. Ich jedoch sitze hier im verregneten Salzburg und freue mich darüber, dass ich meine 48 kompetenzorientierten Fragen für die mündliche Reifeprüfung unter Dach und Fach gebracht habe. Neben dem Unterrichten wäre das nämlich kaum zu bewerkstelligen gewesen. Zwar treten nur drei Schülerinnen mündlich in Deutsch an, der so genannte „Themenpool“ aber hat 24 Themenbereiche à 2 Fragen zu umfassen. So sieht es der Gesetzgeber vor. Also habe ich die Osterferien genutzt, um Fragen zu erstellen und geeignete Textbeilagen zu suchen. Kaum Gründonnerstag – und schon bin ich fertig. Siehe da.

Und dabei gehöre ich ja zu der Spezies LehrerInnen, die so etwas nicht einmal ungern macht. Es gefällt mir, den Stoff der letzten Jahre noch einmal gedanklich durchzugehen und mir zu überlegen, was es da sinnvollerweise zu wissen und zu können gilt. Ich arbeite gerne, denke mit Freuden über Literatur und Sprache nach – und finde die meisten Fragen nun eigentlich recht gelungen (3 Beispiele hänge ich unten an). Schade nur, dass kaum eine Frage zum Einsatz kommen wird. Die SchülerInnen ziehen ja nur zwei Themenbereiche, dürfen einen davon auswählen und müssen dann eine einzige Frage beantworten. Heißt, nur drei Fragen werden tatsächlich gebraucht. Dafür ganze 48 zu erstellen erscheint selbst mir ein wenig übertrieben. Aber wie gesagt, ich arbeite eh gern und Ferien hab ich auch und da will ich mich nicht beschweren. Einzig, wenn man mich fragt, wo denn ich in den Osterferien geurlaubt habe, reagiere ich möglicherweise ein wenig verständnislos. (nemo)

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Themenbereich 17,2

Die Besonderheiten einer ganz normalen Schulwoche

Freitagabend, Beginn der Osterferien. Uff. Die Anstrengungen der Woche sitzen mir in den Knochen. Was war los in diesen Tagen? Nichts Besonderes, viel Besonderes, je nachdem, wie man’s betrachtet. Unterricht nach Plan, kein Schikurs, kein Stundenentfall, kein anderer schulischer „Event“. (In Zeiten wie diesen schon fast eine Ausnahme.) Die Zweitklässler hatten natürlich viel zu erzählen, die Fünftklässler nett, aber ein bisschen lahm (wie immer), die „Meinigen“ aus der Achten interessiert und wissbegierig. Es ist schön zu beobachten, wie sich die Achtzehnjährigen nunmehr für Literatur und Literaturgeschichte, für Lyrik und Sprache interessieren. Wie sie plötzlich aufmerksam und verständig reflektieren, was noch letztes Jahr viele von ihnen überfordert oder unberührt gelassen hätte. Ach, gäbe es bloß auch bei uns das neunjährige Gymnasium! Und: Ach, wie werd‘ ich sie vermissen, die Meinigen!

Am Dienstag galt es, einen verpflichtenden Workshop in Sachen Schulqualität zu absolvieren: Schöner, interessanter Austausch mit KollegInnen und DirektorInnen aus anderen Schulen. Viele gute Ideen, Themen und Projekte, anregende Diskussionen. Wenn gleichzeitig aber Geld für Werteinheiten, also für Unterricht, gestrichen wird – so wie es uns in diesen Tagen wieder einmal angekündigt wurde – erledigt sich manch qualitätsvolle Idee von selbst. Übrig bleibt ein fahler Geschmack und das Gefühl, dass die Kluft zwischen Sein und Schein, zwischen Wirklichkeit und Anspruch, zwischen schulischer Realität und ministerieller Planung immer größer wird. Alles, was wir tun können, ist, die Realität vor Ort – trotz all der Zumutungen – für uns und unsere SchülerInnen so sinn- und lustvoll zu gestalten, wie es uns (noch) möglich ist. „Von oben“ dabei unterstützt fühlt man sich nicht.

Am Mittwoch und am Donnerstag durfte ich die drei Schülerinnen, die bei mir ihre VWA geschrieben haben, auf ihre bevorstehenden Präsentationen vorbereiten. Gleich nach den Osterferien ist es ja soweit: Im Zwanzig-Minuten-Takt werden sie ihre Arbeiten der Prüfungskommission, bestehend aus Vorsitzendem, Direktor, Klassenvorstand und Betreuer, vorstellen. Zuerst eine sechs- bis siebenminütige Präsentation, anschließend eine ungefähr gleich lange Diskussion. Dies ist integraler Bestandteil der „ersten Säule“ der neuen Matura, also der VWA. Erst im Anschluss daran gibt es eine Note – eine Gesamtnote für die schriftliche Arbeit, für die Präsentation und die Diskussion. Spaß werden die Präsentationstage keiner, trotzdem freue ich mich irgendwie darauf. Als Klassenvorständin bin ich bei allen SchülerInnen aus meiner Klasse anwesend, d.h. am Donnerstag nach den Osterferien von 7.30 Uhr bis 17.50 Uhr. Am Freitag geht’s um 7.30 Uhr weiter. Ich bin gespannt auf die Arbeiten und die Präsentationen meiner SchülerInnen. Nur von einigen kenne ich schon die Arbeit, von den meisten weiß ich bisher nur ungefähr, was sie geschrieben haben. Und bei den dreien, deren Betreuerin ich bin, bin ich natürlich neugierig, wie sie ihre Arbeit, deren Entstehungsprozess ich über ein Jahr lang begleitet habe, nun darstellen werden.

Neben diesen Besonderheiten noch ein paar andere: Fachkonferenz aller DeutschlehrerInnen unserer Schule am Mittwochabend (wie schön, in einem solchen Team arbeiten zu können!): Auswahl der Schulbücher fürs nächste Jahr, Anschaffung von Klassenlektüren, Koordination der Prüfungsfragen für die mündliche Matura. Dazu  Elterngespräche, per Telefon, Mail und persönlich, Informationsaustausch und -weitergabe unter KollegInnen, Planungen und Absprachen für künftige Projekte. Alles irgendwie auch Routine, genauso wie das Korrigieren, Vorbereiten, Unterrichten, Erziehen, Besprechen, Rückmelden, Problemlösen und all das andere. Eine ganz normale Schulwoche, nichts Besonderes, viel Besonderes, je nachdem, wie man’s betrachtet. (nemo)

Probematura Deutsch

Am Mittwoch war es auch im Fach Deutsch so weit: Für unsere vierstündige und zugleich letzte Schularbeit konnten/sollten/durften wir die zentral zur Verfügung gestellte Probeklausur verwenden. Diese Tatsache war am Mittwochabend sogar der ZIB 2 einen Beitrag wert. Schon erstaunlich, wie sich die mediale Öffentlichkeit plötzlich für die Schule interessiert. Man kann sich dabei allerdings nur schlecht des Eindrucks erwehren, die Medien lechzten geradezu nach der nächsten ausschlachtbaren Panne. Zentralmatura als Spektakel in unserer Eventkultur. Wenn schon aktuell kein richtiges Problem, dann wenigstens ein kleiner Skandal beim BIFIE oder im Ministerium. Bitte!

Jedenfalls sitze ich jetzt da mit meinen 27 vierstündigen Klausuren und muss diese bis nächsten Mittwoch korrigiert haben. Täglich vier Stück, dann geht es sich aus. Das heißt insgesamt, rund 25 – 30 Stunden Korrekturarbeit in dieser Woche – und ich bin nicht langsam! Heute habe ich mein Pensum schon erledigt, deshalb erlaube ich mir, was ich gerade tue, nämlich ein bissl darüber schreiben. Erzählen kann man diesen Schulkram ja auch niemandem (außer – Gott sei Dank! – den KollegInnen), da kommt so ein Blog gerade recht. Immerhin muss das ja niemand lesen, der nicht will.

Worum ging es nun inhaltlich bei dieser Probeklausur? Na, wer will’s wissen? Also: Die SchülerInnen hatten zwei Themen zur Wahl: 1. Die Frage nach dem richtigen Leben und 2. Rauchen. Quasi Oberschicht- und Unterschichtthema. Nein, ich bitte um Entschuldigung, das war jetzt nicht nett. Ab jetzt wieder ernst:

Beim ersten Themenkomplex mussten eine Interpretation des wunderbaren Gedichts Reklame von Ingeborg Bachmann verfasst und ein Kommentar zum Thema Glück und Glücksvorstellungen, basierend auf einem Ausschnitt aus Die Tretmühlen des Glücks von Mathias Binswanger, geschrieben werden. Eigentlich gar nicht so schlecht. Das Problem dabei ist halt, dass man, um das Gedicht ordentlich analysieren und interpretieren zu können, viel mehr Zeit bräuchte, als einem zur Verfügung steht, wenn man zugleich noch einen vernünftigen Kommentar zu dem inhaltlich auch nicht ganz leichten Text von Binswanger schreiben muss.

Da gab es das zweite Thema schon viel billiger: Eine Empfehlung an die Betriebsleitung einer großen Firma zur Regelung der Rauchpausen sowie eine Zusammenfassung einer Internetseite zum Thema „Frauen rauchen anders“. Beide Textbeilagen waren extrem einfach (und qualitativ erschreckend dürftig), das Thema selbst abgedroschen wie ein Feld im November. Da gab es nicht viel nachzudenken, da konnte die Lese- und Schreibkompetenz fast unbehelligt von Inhalten durchexerziert werden. Schon irgendwie erstaunlich, dass beide Themenpakete in Österreich offenbar als ausreichend erachtet werden, um die allgemeine Hochschulreife in der Muttersprache unter Beweis zu stellen. Das zeigt doch, wie sehr Deutsch mittlerweile als reines Sprachfach betrachtet wird, so als ob es wirklich nur mehr um oberflächliche Kommunikation und nicht zumindest auch um inhaltliches Denken ginge, wenn man sich der Sprache bedient. Und es zeigt auch, mit welchem Unverständnis man selbst bei der Deutsch-Matura literarischen Texten begegnet.

Dass ein Thema wie das erste, insbesondere ein komplexes Gedicht, nämlich wirkliches Denken (und eine halbwegs profunde Analyse) erfordern würde, um angemessen darauf reagieren zu können, scheint den Aufgabenstellern bzw. den Erfindern des derzeitigen Maturakonzepts nicht wirklich bewusst zu sein. Wie könnte es sonst sein, dass man von den SchülerInnen erwartet, binnen drei (bzw. vier) Stunden eine Interpretation (zu einem ihnen unbekannten Gedicht!) und einen Kommentar quasi runterzuschreiben.

Da stellt sich einmal mehr die Frage: Hat eigentlich irgendjemand von den Verantwortlichen die Aufgabenstellung selbst ausprobiert, und zwar die ganze?

So, jetzt aber Schluss, schließlich muss ich morgen wieder fit fürs Korrigieren sein. Und weil’s so schön ist, tippe ich noch das Bachmann-Gedicht ab. Vielleicht will es ja jemand mal schnell interpretieren… (nemo)

Ingeborg Bachmann: Reklame (1956)

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille

eintritt

aus: Ingeborg Bachmann: Werke, Band 1: Gedichte, Hörspiele, Libretti, Übersetzungen. München: Piper 1993, S. 114.