Vom zivilisatorischen Niveau

Ganz was anderes heute: Im Morgengrauen habe ich in der Zeitung ein Gespräch mit einem Theaterregisseur gelesen, das mich einigermaßen beunruhigt hat. Es geht darin um die gesellschaftlichen Zustände in einem Land, zu dem ich keine besondere Verbindung habe. Das Land spielt, wiewohl es sich in Europa befindet, wenig Rolle in meinem Leben. Die geschilderten gesellschaftlichen und politischen Zustände aber sind erschreckend. Irgendwie packte mich heute in der Früh das Grauen.

Ich mache ein Experiment und gebe Teile des Artikels wieder – ohne jedoch das Land zu nennen, von dem die Rede ist. Ich kennzeichne die Veränderungen durch Auslassungszeichen:

Seine Landsleute hätten (…) nie gelernt, mit demokratischem Rüstzeug umzugehen. „Man hat uns gesagt, ihr könnt alle vier Jahre wählen gehen, den Rest erledigen wir.“ Eine Krankenpflegerin habe sich unlängst, so erzählt Schilling, an die Öffentlichkeit gewagt, um die schlechten Arbeitsbedingungen in (…) Spitälern anzuprangern, und kein einziger Kollege sei ihr beigestanden, obwohl jeder wisse, wie miserabel die Situation sei. Oder: Ein Universitätslehrer habe bei einer Demonstration die Verschlechterung im Bildungswesen beklagt und sei zwei Tage später von seinem Vorgesetzten ermahnt worden, es kein zweites Mal mehr zu tun. „Alle kuschen. Der existenzielle und psychische Druck ist enorm. Die Regierung hat das perfekt in der Hand.“ Es sprudelt aus Schilling heraus. Dabei geht es dem vielfach ausgezeichneten Regisseur und Gründer des heute nur noch als Produktionsplattform geführten (…)-Theaters nicht um seine Person oder die ihn betreffende Ächtung, sondern um den schlechten Befund von Mündigkeit und des Miteinanders, von dem verstärkt die Rede ist, seit sich weite Teile der europäischen Gesellschaften bedroht fühlen. „Die Menschen verhalten sich (…) mittlerweile wie im Mittelalter!“, sagt er.

Die rechtsnationale (…)-Partei betreibe auf allen Ebenen Angstpropaganda: Angst vor Brüssel, (…) Angst vor Migranten usw. „Und dann tritt (Name des Ministerpräsidenten) heraus und sagt, ich beschütze euch. Das ist die Geste des Königs!“ Und weiter: „Die Menschen fürchten sich mehr vor Migranten als vor dem Niedergang der Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen! Das ist doch gegen jeden Wert, das ist Antikultur. Das beunruhigt mich sehr. Was passiert hier mit unserem zivilisatorischen Niveau!?“

Das ganze Interview gibt’s hier.

(nemo)

 

Normierung und Entmündigung

Ist humanistische Bildung noch zeitgemäß“ fragte das Akademische Gymnasium anlässlich seiner 400-Jahr-Feier letzten Mittwoch. Auf dem Podium im SN-Saal diskutierten der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer, selbst Absolvent des Gymnasiums, die Journalistin und Nahost-Expertin Gudrun Harrer, die ebenfalls am AkadGym maturiert hatte, sowie Konrad Paul Liessmann. Natürlich waren sich im Grunde alle einig, dass eine humanistische Bildung noch zeitgemäß ist. Was eine solche Bildung aber konkret bedeutet bzw. bedeuten würde, wurde zwar immer wieder einmal angerissen, wirklich diskutiert wurde es nicht. Wie so oft ging es mehr um den Stellenwert von Bildung an und für sich, um den Wert des Gymnasiums im Allgemeinen und um die gegenwärtigen Bildungsreformen. Der Landeshauptmann konnte darüber hinaus die Wichtigkeit des Talente-Checks der Wirtschaftskammer betonen und nebenbei das Autonomiepaket für die Schulen loben – er ist ja schließlich auch Präsident des Salzburger Landesschulrats …

Interessant und unterhaltsam war die Diskussion allemal – dafür sorgte in erster Linie Konrad Paul Liessmann, dem es immer wieder gelang, Dinge so auf den Punkt zu bringen, dass er mit Szenenapplaus bedacht wurde. Über drei Punkte, die an diesem Abend gesprochen wurden, möchte ich kurz nachdenken:

  1. Die herrschende Geschichtsvergessenheit: Wir sind so auf die Zukunft und ihre angeblichen Herausforderungen fixiert, dass wir uns immer schwerer tun, Zusammenhänge mit der Vergangenheit herzustellen. In vielen Fällen mangelt es schlichtweg an Wissen über Vergangenes, mitunter aber einfach auch an der Bereitschaft zum Nachdenken. Mitunter entsteht dann ein völlig falsches Bild der Vergangenheit. Politik und Gesellschaft, aber auch die Pädagogik kommen mit immer neuen Forderungen, was man in der Schule nicht alles lernen müsste, welche Kompetenzen die jungen Leute erwerben müssten, und betonen, was dadurch gewonnen werde. In Wirklichkeit geht durch die Neuerungen natürlich mindestens genauso viel verloren wie gewonnen wird. Das Akademische Gymnasium wurde mit dem Ziel der Vorbereitung auf die Universität gegründet, heute, in Zeiten von standardisierter Matura und genau umrissener Kompetenzen führen immer mehr Universitäten Aufnahmetests ein. Die allgemeine Hochschulreife gibt es nur mehr auf dem Papier. Aber für dieses vergleichbare, objektive und standardisierte Maturazeugnis, das faktisch immer weniger wert wird, waren und sind wir bereit, die gymnasiale Oberstufe in fast allem, was uns einst wichtig war und was auch die Besonderheit des österreichischen Schulsystems ausmachte, zu beschneiden. Einst gab es einen Rahmenlehrplan, der vieles ermöglichte und wenig vorschrieb, der Lehrer oder die Lehrerin verfügte über große Freiheiten, den „Stoff“ den eigenen Schwerpunkten und der jeweiligen Klasse anzupassen und autonom umzusetzen, es herrschte in vielen Fällen eine offene, kritische und auf Mündigkeit ausgerichtete Diskussionskultur. Heute ist von all dem nicht mehr viel zu bemerken, stattdessen erleben wir die totale Entmündigung des Lehrers, wie Liessmann treffend feststellte. Aber bald wird ohnehin vergessen sein, was Schule einst ausmachte, vielfach wird es bereits jetzt in Abrede gestellt.
  2. Die Bedeutung von Sprache: Viel war die Rede von verschiedenen Sprachen, von den klassischen Sprachen Griechisch und Latein, aber auch von den neueren Sprachen. Liessmann stellte die Frage in den Raum, was es für Europa bedeutet hätte, das Lateinische zur gemeinsamen Sprache der EU zu machen. Haslauer, selbst studierter Jurist, wies auf die generelle Wichtigkeit von Sprache hin. Zumindest in diesem Punkt kann ich mich der Meinung des Landeshauptmanns vorbehaltlos anschließen. Allerdings, am Umgang mit Sprache zeigt sich genau das Dilemma, dem wir auch in der Schule ausgesetzt sind und zwar immer stärker: Unzählige Abkürzungen und Schlagwörter – seien es der Kompetenzcheck am Ende eines Kapitels im Schulbuch, IKMSQA, die NOst oder die VWA – aber auch Normierungen und Standardisierungen – im GERS genau festgelegte Sprachniveaus oder Kompetenzraster zur Beurteilung – prägen sowohl die Schule als auch die in der Schule unterrichteten Sprachen, das Deutsche ebenso wie die Fremdsprachen. Aber natürlich, ein sorgfältiger und differenzierter Umgang mit Sprache ist wichtig. Ja, ganz bestimmt. Auf die Sprache kommt es an, möchte man hinzufügen.
  3. Am Ende der Veranstaltung wurden die DiskutantInnen gefragt, welches Schulfach sie selbst einst am liebsten hatten und welches sie am wenigsten mochten. Alle drei waren sich einig, dass es weniger auf das Fach als auf den Lehrer oder die Lehrerin ankam. Als prägend wurden Lehrer empfunden, wenn sie selbst von ihrem Fach und ihrem Tun begeistert waren, wenn sie Schüler fordern und herausfordern konnten, wenn sie eine, so könnte man sagen, authentische Persönlichkeit darstellten.

Alles kein ganz leichtes Unterfangen in Zeiten der Normierung und Entmündigung des Lehrers. (nemo)

Wahl- und andere Empfehlungen

Morgen ist Bundespräsidentenwahl und bereits zehn meiner SechstklässlerInnen dürfen daran aktiv teilnehmen. Ob es wirklich sinnvoll ist, schon mit sechzehn Jahren wählen zu dürfen, sei dahingestellt. Das Interesse an Politik ist in meiner Klasse jedenfalls groß.

Gerade haben wir im Deutschunterricht die Textsorte Empfehlung besprochen und geübt. Ich mag die nicht ungern, weil ich da meine SchülerInnen tatsächlich um ihre Einschätzung der Dinge, um ihre Ansicht zu einem bestimmten Thema, eben um ihre Empfehlung bitten kann. So habe ich sie beispielsweise gleich einmal im Rahmen einer Hausübung gefragt, ob sie ein Buch wie Hermann Hesses „Unterm Rad“ auch weiterhin zur Schullektüre empfehlen könnten. Dass wirklich fast alle eine Lektüreempfehlung aussprachen, hat mich natürlich sehr gefreut, hatte ich mich doch in diesem Herbst ganz schön ins Zeug legen müssen, um ihnen das Buch schmackhaft zu machen.

Danach ließ ich sie zu Übungszwecken für oder gegen die Einführung eines Unterrichtsfaches Politische Bildung argumentieren. Auch hier war der quasi einstimmige Tenor, dass die jungen Menschen für mehr politische Bildung in der Schule wären. Gerade in einem Jahr, in dem sie selbst erstmals aktiv am politischen Leben teilnehmen dürfen, beschäftigt sie das Thema Politik. Generell aber ist die aktuelle Gegenwart dazu angetan, sich mit Politik auseinanderzusetzen: Die Wahlen in den USA, die Wahlen in Österreich, der politische Diskurs der Rechten, die Diskussionen um Verschwörungstheorien in den sozialen Medien, die Frage, was man überhaupt noch glauben könne – all das treibt die Jugendlichen schon irgendwie um. Gleichzeitig aber haben sie das Gefühl, wir würden sie mit ihrem Interesse, und auch mit ihrer Verwirrung, ihrer Ratlosigkeit häufig alleine lassen.

Politische Bildung ist in Österreich ein Unterrichtsprinzip und mit dem Unterrichtsprinzip Politische Bildung ist es ebenso wie mit den anderen Unterrichtsprinzipien so eine Sache. Einerseits ist es natürlich immens wichtig, dass es solche fächerübergreifenden Unterrichtsprinzipien gilt. Eine einfache Zuteilung zu einem Fach würde der Sache ja wohl nicht gerecht. (Wobei man dazusagen muss, dass politische Bildung sowohl ein Unterrichtsprinzip als auch Teil des Unterrichtsgegenstandes Geschichte und Politische Bildung ist, die politische Bildung also ohnehin auf mehreren Säulen beruht.) Andererseits bleiben die Unterrichtsprinzipien im Schulalltag häufig ein bisschen auf der Strecke. Beziehungsweise, sie kommen schon vor, nur wird das mitunter nicht so richtig wahrgenommen, in der Öffentlichkeit nicht und von den Schülern auch nicht.

Wenn ich im Deutschunterricht über politische Bildung diskutiere oder die Schüler dazu eine Empfehlung schreiben lasse, haben sie nicht unbedingt das Gefühl, dass das dann schon politische Bildung ist. Alles, was nicht direkt zum Thema ist, alles, was nicht unmittelbar anzuwenden oder zu verwenden ist, wird gerne übersehen oder als irrelevant abgetan. Da legen die Schüler oftmals ein bisschen gar enge Maßstäbe an. Dabei kommt mir ja manchmal vor, dass die umwegigen und indirekten Dinge oft die nachhaltigsten sind. Vielleicht jedenfalls. 🙂 (nemo)

Mission Ministerium oder Ein nicht alltäglicher Termin in Wien …

juhudo und nemo unterwegs. Nachfolgend ein „Reisebericht“ in zwei Stimmen:

Eines schönen Tages im August rief mich Monika an und meinte, ob wir nicht der neuen Bildungsministerin Sonja Hammerschmid den Link zu unserem Blog schicken sollten, da sie sich ja in verschiedenen Interviews dazu geäußert habe, sich genauer über die Schulen informieren zu wollen. Verwegene Absicht, aber supercool! Ja! Erwartet haben wir uns ja nicht viel, aber zwei Wochen später kam ein Mail aus dem Büro der Ministerin, in dem stand, dass sie uns kennenlernen wolle und wann wir denn Zeit hätten.

Wow! Wir warten sehr erstaunt und unglaublicherweise fast sprachlos. Was für eine Gelegenheit, einmal „von der Basis“ berichten zu können. So eine Gelegenheit hatte bisher niemand, den wir kennen und zumindest ich bin ja schon ganz schön lang im Geschäft.

Dann wurde ein Termin vereinbart, es gab ein Vorbereitungsgespräch und wir waren äußerst motiviert, das Beste aus diesem Treffen zu machen. Wie besprachen uns mit KollegInnen, FreundInnen und untereinander. Einig waren wir uns alle darin, wie toll es sei, eine solche Gelegenheit zu erhalten. Wir überlegten, wie wir die Stunde, die uns avisiert wurde, möglichst effektiv nutzen könnten. Kompetenzen, Arbeitsbelastung, Arbeitsgruppen, Beziehung zu den SchülerInnen. Noch auf der Zugfahrt nach Wien planten wir ununterbrochen und unterschrieben den Brief, den wir vorbereitet hatten, falls wir etwas auslassen würden.

Und dann treffen wir bei strömendem Regen in Wien ein, Zug verspätet, lange Schlange vor dem einzigen funktionierenden U-Bahnticket-Automaten, aber auf die Minute pünktlich im Ministerium für Bildung, wie es seit Juni oder so heißt. Hohe Korridore, in  Gold und Creme vertäfelt, Fischgrätparkett, äußerst höflicher Empfang. Die Bildungsministerin holt uns persönlich in ihr Büro, dynamisch, freundlich und bestimmt. Wir berichten und diskutieren fast eine ganze Stunde lang über unseren Blog, die Situation an unserer Schule, werden gefragt, was wir von den anstehenden Reformen halten, merken, dass wir über die noch gar nicht soviel wissen, werden ermuntert, Neues auszuprobieren, wie Unterrichtsfächer auflösen, besonderes Augenmerk auf die Softskills unserer SchülerInnen zu legen. Die Zeit vergeht wie im Flug und eine Assistentin schaut bei der Tür herein und erinnert daran, dass die Zeit um ist. Nach der freundlichen Verabschiedung fragen wir uns, was wir jetzt eigentlich für unsere Schule, für das Gymnasium allgemein und für die Bildungsministerin tun konnten.

Ganz klar ist uns das immer noch nicht. Für uns war es natürlich eine tolle Sache. Aus erster Hand über den einen oder anderen Plan zu erfahren, über Maßnahmen, die Frau Hammerschmid als Rektorin der MedVet Uni umgesetzt hat, und selbst die eine oder andere Ansicht angebracht zu haben. Endlich auch einmal das Gefühl, dass da eine Ministerin ist, die sich wirklich für uns LehrerInnen interessiert und uns nicht einfach alles von oben herab ausrichten lässt. Das Ihr-Da-Oben-Wir-Da-Unten war einmal gar nicht mehr vorhanden.

Was bleibt? Motivation, Möglichkeiten, Ausblicke, wie es weitergehen könnte mit der Bildungsreform. Offen sein, mitdenken, ausprobieren – und nein, wir haben kein Selfie mit der Ministerin. (juhudo)

*****

Vergangenen Dienstag waren Doris und ich in Wien. Im Ministerium. Wir hatten nämlich einen Termin mit Bildungsministerin Sonja Hammerschmid. Wie es dazu kam? Ja, also, im Sommer hatten wir eine verwegene Idee: Wir wollten die Ministerin per Mail von der Existenz unseres Blogs informieren. Irgendwie kam uns vor, da steht jetzt schon so viel drin, da wird so viel aus Lehrerinnenperspektive draufgeschaut und nachgedacht, dass es die Ministerin vielleicht interessieren würde. Unglaublicherweise bekamen wir nicht nur eine freundliche Antwort auf unsere Mail, sondern gleich auch noch eine Einladung nach Wien. Nicht nur wir waren beeindruckt!

Letzte Woche war es nun so weit. Ordentlich gewandet setzten wir uns in den Zug und reisten in die Hauptstadt. Bundesministerium für Bildung. Minoritenplatz 5. Fast eine Stunde lang durften wir mit der Bildungsministerin und drei ihrer Mitarbeiterinnen plaudern. Über unseren Blog, über unsere Schule, über unsere Sicht der Dinge, über das, was Schule unserer Meinung nach ausmacht. Die Ministerin hörte zu, erzählte uns ihre Sicht der Dinge, diskutierte mit uns – offen, freundlich, interessiert und überhaupt nicht abgehoben.

Nach dem Gespräch waren wir trotzdem ein wenig unrund. Wir wussten nicht recht, was wir von der Begegnung halten sollten. Hätte sich die Ministerin etwas anderes – mehr – von uns und unserem Blog erwartet? Hätte das Gespräch ein Ergebnis zeitigen sollen? Oder hatten wir der Ministerin gar eine Stunde kostbare Zeit geklaut?

Mit dem Abstand von ein paar Tagen kommt mir vor, dass wir einfach ein bisschen zu überambitioniert waren. Wir meinten, die Gelegenheit unbedingt nützen zu müssen, schließlich wird man nicht alle Tage ins Ministerium eingeladen. Wir überlegten uns unsere Mission, unsere Botschaft. Wir wollten nicht bloß als Monika und Doris sprechen, nein, wir versuchten uns als Vertreterinnen der AHS-LehrerInnen und glaubten, in deren „Auftrag“ handeln zu müssen. Wir wollten nichts Geringeres, als an oberster Stelle zu deponieren, dass das Wichtigste in der Schule die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern ist und dass sich jedes System und jede Reform daran messen müssen, ob sie sich dieser Prämisse unterordnen oder nicht. Wir wollten darauf hinweisen, dass Reformen nicht per se gut sind, dass es in der Bildung mehr als um den Output um die Menschen gehen muss und dass, solange Schule jeden Tag stattfindet, es auch keinen „Bildungsstillstand“ in Österreich gibt.

Ja, das war alles ein wenig hochgegriffen und der Situation nicht ganz angemessen. Ob etwas von unserem Anliegen angekommen ist, ob wir unsere Botschaft überhaupt verständlich übermittelt haben, wissen wir nicht. In jedem Fall war es ein sehr nettes und schönes, auch ermutigendes Gespräch, eine freundliche Geste der Ministerin und eine außergewöhnliche Gelegenheit zum direkten Kontakt mit der obersten Repräsentantin unseres Dienstgebers. Und das sollte es wohl auch sein. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger! (nemo)

„Zwei Stunden mehr“…

sind wieder einmal ein Thema. Und dieses Mal regt es mich gar nicht mehr sooo auf, wie im Februar 2009, als ich mein ganz persönliches Wissensmanagementblog mit dem Beitrag Lehrerin sein … startete. Damals war ich wirklich gekränkt, wie menschenverachtend mit uns umgegangen wurde. „Arbeitet halt ein paar Stunden mehr, bei eurer vielen Freizeit kann es ja wohl nicht DARAUF ankommen“ war die Botschaft, die bei mir angekommen ist.

Damals hatte ich eine volle Lehrverpflichtung, zwei schulpflichtige Kinder und das Masterstudium eEducation, das berufsbegleitend (zum großen Teil als Online-Veranstaltung) über Lehren mit digitalen Medien stattfand. Da war schon die eine oder andere Woche mit mehr als 80 Arbeitsstunden dabei. Und ich war ja nicht alleine! Allein in meiner Gruppe fanden es 25 weitere KollegInnen ebenfalls nötig, sich in diese Richtung fortzubilden und viel Zeit und Leidenschaft zu investieren.

Dieses Mal läuft wieder einmal alles über die Medien ab, aber die PolitikerInnen machen es „gescheiter“. „Reden kann man über alles“, meint unsere Unterrichtsministerin und nimmt Luft aus der Diskussion, die sicher nicht beendet ist. Aber wir sollen erst einmal ruhig sein und die teilzentrale Matura hinter uns bringen, die für uns durchaus Ablenkungspotential hat. Unsere SchülerInnen können ja nichts dafür. Der Staat muss sparen und wir LehrerInnen sind viele. 340 Millionen Euro fehlen. Perfekt geht sich das aus, wenn jede/r von uns zwei Stunden mehr unterrichtet. Wie praktisch! Meistens bedeutet das eine Klasse mehr, manchmal zwei, durchschnittlich 25 Kinder und Jugendliche mehr, die gut betreut werden sollen.

Und wieder einmal ist meine Zeit nichts wert, die Recherchen, die Vorbereitung, die Beratungen, die vielen Gespräche mit SchülerInnen und Eltern, die Besprechungen untereinander, wenn wir überlegen, wie wir was am besten machen, die Konferenzen, die Fortbildungen an unterrichtsfreien Nachmittagen und Samstagen, die Korrekturen von Hausübungen, Schularbeiten und Tests, die Vorbereitung und Abhaltung unserer VWA-Workshops, die Konferenzen, die Wandertage, die Sprach-, Sport- und Kreativwochen, der Jahresbericht, …

Messen lässt sich das freilich nicht. Messen lässt sich die Unterrichtszeit in den Klassen. Aber das ist halt nur ein Teil meiner Arbeit. Der, der weniger Zeit in Anspruch nimmt. (juhudo)

Weitere Meinungen zu diesem Thema (wird bei Fund fortgesetzt):
David Schwarzbauer: Warum ich nicht zwei Stunden länger in der Klasse stehen will