Bitte alle mitspielen. Aber wenigstens mit Gebiss!

Ich habe kürzlich den Film Toni Erdmann gesehen. Er hat mich nachhaltig beeindruckt. Was für ein großartiger und vielschichtiger Film! Ein Vater mit falschen Zähnen und Perücke, der sich als Toni Erdmann ausgibt und sich so, mal den Coach, mal den Botschafter mimend, in das Leben seiner Tochter hineinreklamiert. Es ist geradezu grandios, zu welch skurrilen Begegnungen und Situationen es dabei kommt. Was für ein Typ!

Aber mindestens ebenso verrückt und leider gar nicht komisch erscheint das Leben, das die Tochter führt. Ines heißt sie und ist als Unternehmensberaterin aktuell in Bukarest tätig, gedanklich aber bereits auf dem Sprung nach Schanghai, Singapur oder wohin auch immer. „Wo du überall rumkommst“, stellt am Ende des Films ein Nachbar bewundernd fest. Ja, wo die überall rumkommt und vor allem, was die dort macht!

„Unternehmensberatung“ ist nichts anderes als der euphemistische Begriff dafür, dass Ines Conradi lokale Unternehmen fit für die Übernahme durch internationale Investoren macht. Das bedeutet, dass sie ihren Kunden dazu rät, verschiedene Bereiche „outzusourcen“, was konkret wiederum nichts anderes heißt, als dass sie den Investoren gute Gründe für Entlassungen zur Hand gibt. Das ist ihr Auftrag und den führt sie aus, quasi ohne mit der Wimper zu zucken. Die Realität im Land, das Leben der Menschen spielt dabei überhaupt keine Rolle, ja, die Businnesfrau kommt nicht einmal in Kontakt damit. Sie lebt und arbeitet in einem von Internationalität geprägten abgehobenen Mikrokosmos, der an den Alltag der Menschen in Rumänien kaum bis gar nicht anstreift. Shopping, Essen, Ausgehen, Sex – alles findet innerhalb dieses Mikrokosmos statt. Auch wenn Ines „ins Land“ muss, etwa um eine Außenstelle aufzusuchen, bleibt sie im wörtlichen wie im übertragenen Sinn vom Leben der Menschen unberührt: Wie selbstverständlich wird sie von einem Chauffeur dorthin gebracht, die Fahrt wird entweder zum Arbeiten oder zum Schlafen genutzt. Vor Ort steigt sie aus, setzt sich den obligatorischen Schutzhelm auf, stakst ein bisschen herum, lässt sich die Situation von einem Mittelsmann erklären und braust wieder ab. Was mit den Arbeitern geschieht, nimmt sie nicht einmal richtig wahr, geschweige denn, dass sie sich für die individuellen Schicksale interessieren würde. Was zählt, ist nur die eigene Performance.

So ungefähr gestaltet sich das Leben von Ines Conradi, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als der Vater stören kommt. Aber auch dann wird nicht alles ganz anders, ihr Alltag wird nur ein bisschen skurriler und dadurch in seiner ganzen Absurdität fassbarer. Durch die Präsenz und das Treiben ihres Vaters alias Toni Erdmann wird bloß deutlicher, was hier eigentlich insgesamt gespielt wird. Der Vater steckt sich das falsche Gebiss in den Mund und spielt Toni Erdmann, die Tochter zwängt sich ins Business-Outfit und „spielt“ die Unternehmensberaterin. Nichts anderes als ein großes Spiel ist es nämlich, das da gegeben wird. Auch die Hauptakteure, wie Ines eine ist, würden das wohl nicht in Abrede stellen. Selbst dass man theoretisch auch ein ganz anderes Spiel spielen könnte, ist diesen Playern bewusst, nur steht halt nun mal dieses auf dem Programm – und immerhin kann man dabei gutes Geld machen, und in der Welt rumkommen tut man auch. Ob das Spiel zynisch ist? Man stellt sich diese Frage nicht. Und spielte man das Spiel nicht selbst, täte es jemand anderer und überhaupt kann sich ohnehin niemand aus der Verantwortung stehlen, zumindest mittelbar ist doch jeder Nutznießer des Systems.

An dieser Stelle wird aber auch deutlich, dass die vermeintlichen Player eigentlich bloße Mitspieler und als solche veritable Gefangene des Systems sind. Der pensionierte Musiklehrer Winfried Conradi ist hingegen bloß ein ganz kleines Rädchen im Spiel des Kapitalismus und darüber hinaus von anderen, zwischenmenschlichen Beweggründen angetrieben und so kann er als Toni Erdmann quasi den Narren geben kann. Eine wirkliche Alternative hat auch er nicht zu bieten. Ein bisschen stören und die Absurdität des Ganzen bewusst machen, mehr ist nicht drin. Ihm geht es aber ohnehin nur um seine Tochter und im Zusammenspiel mit dieser kommt es zu einigen berührenden Situationen, in denen erahnbar wird, wieviel Liebe diese Vater-Tochter-Beziehung zusammenhält und auch, worauf es im Leben eigentlich wirklich ankommt.

Ines aber ist als mittelgroßes Rädchen bereits aktive Mitspielerin im System und als solche zwar persönlich austauschbar, in ihrer Funktion jedoch notwendiger Teil des Ganzen. Dass sie sich am Ende des Films das Gebiss des Vaters versuchshalber selbst in den Mund steckt, mag ein kleiner Hoffnungsschimmer für sie persönlich sein, für das große Ganze ist diese Entwicklung aber natürlich vollkommen irrelevant. Obwohl – vielleicht sollten wir uns alle so ein Gebiss zulegen und öfter mal ein bisschen Zähne zeigen. Und sei es nur, um zu schauen, was passiert. Zum Beispiel die Schüler bei einer Schularbeit mit einem nicht- kompetenzorientierten Problemaufsatz alten Stils (und ohne Wortanzahl) überraschen: „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“, würde sich als Thema anbieten. Als Minirädchen sollte man seine Spieloptionen zumindest nicht ganz ungenutzt lassen. (nemo)

 

 

 

Gender-trouble und Koedukation

Wir haben neuerdings daheim zwei Kätzchen. (Ein kleines Foto kann ich mir nicht verkneifen.) Das eine heißt Nina, das andere Tonio. Leider haben wir die Namen gleich einmal falsch zugeordnet. Soll heißen, unsere Nina war nur vermeintlich ein weibliches Katzentier und Tonio auch kein Kater. Hm. Als wir unseren Irrtum bemerkten, wollten wir zuerst die Namen auf Nino und Tonia abändern, was uns aber nicht gefiel. Foto am 16.06.16 um 09.41 #2Nun haben wir die ausgewählten Namen beibehalten und sie dem jeweils anderen Tier gegeben. Für mich, die ich die beiden eh immer noch nicht auseinanderhalten kann, kein Problem. Und den Katzen, glaube ich, ist es eigentlich auch egal. (Mein Kind sieht das allerdings anders!)

Aber genug jetzt von den Katzen. In der Schule gelange ich immer mehr zur Überzeugung, dass getrennte Klassen in der Unterstufe schon ihren Sinn haben/hätten. In unserer Schule, die früher ja einmal eine Mädchenschule war, gibt es unter den fünf Klassen einer Jahrgangsstufe immer noch jeweils eine reine Mädchenklasse. Die Schülerinnen sind oft anfangs ein wenig unglücklich darüber, wenn sie in einer solchen Klasse landen (es gibt natürlich auch welche, die es sich extra wünschen), entwickeln sich dann aber meistens sehr gut. Nicht, dass sich die in den anderen Klassen nicht gut entwickeln würden, aber ich beobachte schon häufig, dass es in gemischten Klassen zu Störungen aller Art kommt, die auf den Faktor Geschlecht bzw. die Koedukation zurückzuführen sind.

Gerade wenn die Kinder in die Pubertät kommen, geht vom anderen Geschlecht zwar einerseits eine große Faszination aus, andererseits aber steht das Störende und Einschränkende schon recht massiv im Vordergrund. Zumindest nehme ich das so wahr. Diskussionen gestalten sich unfreier, man ist mehr darauf bedacht, sich nicht zu blamieren oder auch Eindruck zu schinden. Jungs reagieren auf die verstörende Anwesenheit der Mädchen gerne mit Unfugs- und Blödsinnsproduktion, und so manches Mädchen verhält sich ruhiger und unauffälliger, als es das in einer Mädchenklasse tun würden.

Sowohl viele SchülerInnen als auch KollegInnen finden, dass es in reinen Mädchenklassen häufiger zu Zickenkriegen und Mobbing kommen würde. Da mag schon etwas dran sein. Ich denke auch, dass man gerade zu Beginn intensiv im Bereich des sozialen Lernens arbeiten muss, möglicherweise in Mädchenklassen noch mehr als in gemischtgeschlechtlichen Klassen. Aber wenn diese Arbeit fruchtet – kommt mir zumindest vor – nehmen die Mädchenklassen in weiterer Folge häufig eine besondere Entwicklung. Ich könnte mir vorstellen, dass das in Bubenklassen ebenfalls so wäre.

Allerdings glaube ich auch nicht, dass es für alle Mädchen und Jungen gescheiter wäre, in getrennten Klassen unterrichtet zu werden. Für manche passt die Koedukation sicher besser. Aber es wäre bei uns an der Schule ohnehin nicht so, dass die SchülerInnen gar nicht mit dem anderen Geschlecht in Kontakt kommen würden. Wie gesagt, es sind ja sowohl Mädchen als auch Buben in der Schule. In Stunden, in denen klassenübergreifender Unterricht stattfindet, ist das Zusammentreffen und gemeinsame Arbeiten ohnehin garantiert. Alles in allem aber würde meines Erachtens ein bisschen mehr Raum für Monoedukation den allermeisten UnterstufenschülerInnen guttun.

Mit einer unserer Mädchenklassen, in der ich öfter mal suppliert habe und in der ich irgendwie einen guten Draht zu den Schülerinnen gespürt habe, habe ich in diesem Schuljahr übrigens einmal den Film „Tomboy“ angeschaut. Die anschließende Diskussion über Sex und Gender, über Identität und Homosexualität, über Weiblichkeit und Männlichkeit, gehörte zu den interessantesten Diskussionen, die ich mit SchülerInnen geführt habe. Ich vermute, dass eine solche Diskussion, in derselben Offenheit, in einer gemischten Klasse so nicht funktioniert hätte. (nemo)

 

 

 

Schüleraustausch: Bienvenue à Salzbourg

Am Mittwoch ist es soweit: Die Gastschüler aus La Rochelle kommen zu uns nach Salzburg. Endlich hat es wieder geklappt mit der Organisation des Schüleraustausches. Nun brauchen wir nur noch darauf zu hoffen, dass die Anreise gut klappt, dass alle mit ihrem „Tandem“ zufrieden sind, dass sich das Salzburger Wetter nicht allzu garstig benimmt (derzeit zwar kein Schnee, dafür prächtiges Herbstwetter – das wär‘ schon ok) und die Tage für alle Beteiligten zu einer bereichernden und schönen Erfahrung werden. Croisons les doigts!

Ein selbst organisierter Schüleraustausch mit gegenseitiger Unterbringung in den Familien ist eine feine Sache, sowohl menschlich als auch kulturell – und darüber hinaus auch finanziell. Wenn ich mir ansehe, was mancherorts für Sprachreisen zu berappen ist, ist unser Austausch dagegen fast geschenkt. Allerdings – umsonst gibt’s die Sache nicht. Der zeitliche Aufwand, die Planungen und die Organisationsleistung, die hinter so einem Projekt stehen, sind gewaltig, die Widrigkeiten vielfältiger als man meinen möchte. Ein bisschen davon will ich erzählen …

Zuallererst braucht man jemanden an der Partnerschule, der voll mitzieht. Ohne engagiertes Gegenüber an der anderen Schule tut sich nämlich gar nichts. Und da fangen die Schwierigkeiten schon an – denn ebenso wie hierzulande der Französischunterricht hat in Frankreich der Deutschunterricht mit kräftigem spanischem Gegenwind zu kämpfen. Dazu kommt, dass es für französische Schulen oft etabliertere und offiziellere Formen von Zusammenarbeit mit deutschen Schulen gibt und ein Sprachaufenthalt in Österreich aus französischer Sicht wohl auch nicht immer ganz der Vorstellung von sprachlicher pureté entspricht. 😉

Jedenfalls: Ein Kollege oder eine Kollegin, die mitzieht, ist Voraussetzung, damit überhaupt etwas in die Gänge kommt. Sodann aber beginnen die Widrigkeiten: Bereits die Terminfindung für die beiden Austauschwochen ist eine erste satte Herausforderung. Danach müssen die teilnehmenden Schüler und Schülerinnen aus den verschiedenen Klassen ermittelt werden. Auch das keine ganz leichte Übung, bis man die definitiven Anmeldungen mit Unterschrift der Eltern hat. Blöd nur, wenn die Anzahl der Anmeldungen nicht übereinstimmt, von Alter, Geschlecht und anderweitig eventuell Relevantem ganz zu schweigen. Hat man die Tandems zusammengestoppelt und es irgendwie doch geschafft (espérons!), die Wünsche und Vorlieben (eh nur die wirklich wichtigen!) aller zu berücksichtigen, muss man dafür sorgen, dass ein erster Kontakt per Mail hergestellt wird. Grundsätzlich eine sinnvolle sprachliche Übung für die Schüler, wieder aber ein viel gröberes Unterfangen als man sich das theoretisch so vorstellt. „Mein correspondant antwortet nicht!“, „Die Mail-Adresse gibt es nicht!“ etc. etc.

Mittlerweile, so hoffe ich, sind alle Kontakte hergestellt, sämtliche Eltern sehen der Verschickung ihrer Kinder beruhigt entgegen und die Schüler haben ihre schulischen und privaten Verpflichtungen soweit geklärt, dass einer erfolgreichen Abfahrt bzw. Ankunft nichts mehr im Wege steht. Immerhin dürfen die Franzosen überhaupt fahren – denn auch das war ja zwischenzeitlich ungewiss. Und dass ein paar Lehrerkollegen bei der Verschiebung ihrer Tests herumzicken und sich an unserer Schule diese Woche auch noch ein Masernfall als kleine Extraaufgabe dazugesellt haben, macht das Kraut auch nicht mehr entscheidend fetter als es ohnehin schon ist. Bekanntlich lassen sich Probleme lösen, darum kümmern muss sich halt jemand, in diesem Fall ich.

Wäre noch die Kleinigkeit der Programmerstellung, die natürlich auch ein bisschen Zeit und Mühe beanspruchte – zumal es galt, mit einem Minibudget ein solches auf die Beine zu stellen. Nunmehr ist alles unter Dach und Fach. Der eine oder andere Museumsbesuch wird mit Audioguides anstatt mit einer richtigen Führung absolviert werden und von den Theaterplätzen wird man trotzdem was sehen, auch wenn sie ganz hinten sind. (Wer Lust hat zu schauen, was wir vorhaben, klicke hier: Programm Schüleraustausch.)

Nach wochenlangen Vorbereitungen und Planungen, nach gut 50 hin- und hergeschickten Mails mit dem Kollegen in Frankreich und diversen Kultureinrichtungen in Salzburg, nach mehreren Elternbriefen und zig Gesprächen mit SchülerInnen, KollegInnen und dem Direktor geh ich jetzt einfach einmal davon aus, dass wir es mit lauter halbwegs flexiblen jungen Menschen mit halbwegs realistischen Ansprüchen und Vorstellungen auf beiden Seiten zu tun haben, ansonsten alles gut laufen wird und sich daneben vieles ergeben wird, was man eh nicht planen oder vorhersehen kann. Ich freu mich derweilen auf Mittwoch. Spannend wird’s auf jeden Fall. (nemo)

Selbstzweifel

„Und, hältst du’s aus?“, wurde ich heute von jemandem gefragt, den ich von früher kenne, von damals, als ich noch nicht Lehrerin war. Die Frage bezog sich auf die Schule. Ob ich es in der Schule aushalten würde, wollte der Mann wissen. Unbeholfen, wie ich auf so unerwartete Fragen gerne reagiere, habe ich „Ich weiß es noch nicht“ gestammelt. Stimmt das? Weiß ich tatsächlich nicht, ob ich es in der Schule aushalte? Fast bin ich ein wenig von meiner eigenen Reaktion entsetzt. Meine ich das ernst oder war ich bloß ein wenig patschert? Wo ich doch seit mehreren Jahren als Exemplar der glücklichen Lehrerin durchgehe, steht da plötzlich wieder ein massiver Zweifel im Raum. Aber, ja, es ist was dran, ich weiß im Moment wirklich nicht, ob ich es auf Dauer in der Schule aushalte. Hätte man mir vor zwei Jahren diese Art von Gretchenfrage gestellt, ich hätte mit einem ebenso begeisterten wie überzeugten „Ja, natürlich“ geantwortet. Bereits letztes Jahr hätte ich ahnungsvoll vielleicht ein klein wenig gezögert – und nun weiß ich es nicht mehr. Hm. Das ist keine schöne Entwicklung.

Was ist passiert?

Nichts ist passiert, viel ist passiert. Je nachdem, wie man die Sache betrachtet. Es ist zum einen die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die mich immer mehr belastet. Was sollte man nicht alles machen, was gäbe es nicht alles zu tun – und was davon lässt sich tatsächlich umsetzen, was davon ist realisierbar? Wenn diese Schere zu weit aufgeht – und in meiner Wahrnehmung ist sie viel zu weit offen – wird man unzufrieden. Zum anderen aber ist es die Schule selbst, die mich derzeit ein wenig quält. Um das eine Problem in den Griff zu bekommen, hilft es, auch wenn das nicht ganz leicht ist, sich auf eine Seite, also am besten auf die Schule und das Unterrichten, zu konzentrieren. Wenn allerdings die Schule und das Unterrichten selbst auch ein Problem darstellen, wird’s schwierig.

Seit Schulbeginn ruckle ich herum und bin bis heute nicht recht auf Schiene gekommen. Vieles erscheint mir wahnsinnig anstrengend. Die Konsequenz ist ein labiler Gesundheitszustand und das Gefühl, permanent hinterherzuhinken. Vielleicht war das letzte Jahr mit der Matura und allem, was dabei an administrativer, zeitlicher und vor allem emotionaler Herausforderung zu bewältigen war, wirklich ein bisschen zu üppig. Es war wie eine riesige Bergtour. Ein Dreitausender, der sich vor dir aufbaut und den du langsam erklimmst. Mit jedem Höhenmeter steigen die Glücksgefühle, bis du oben angekommen bist, erschöpft, aber glücklich. Und auch ein wenig stolz.

Das Problem beginnt dann, wenn du noch nicht ausreichend erholt die nächste Bergtour anpackst. Wenn du mit schweren Beinen und ohne die nötige Energie den nächsten Dreitausender anvisierst. Das geht eher nicht gut. Eine solche Bergtour würde man abbrechen oder zumindest ordentlich redimensionieren. Was aber tut man mit einem angebrochenen Schuljahr? Sich durchwursteln, was sonst. Das geht schon irgendwie, keine Frage. Nur Spaß macht es halt keinen.

Wirkliche Freude bereitet die Schule dann, wenn man genug Energie für sie hat. Die Frage ist: Kann ich jedes Jahr genug Energie aufbringen, um mit Freude Lehrerin zu sein? Gut, man kann sich, wie gesagt, schon einmal ein wenig durchwursteln. Aber dieses Durchwursteln ist auch anstrengend – und unbefriedigend gleichzeitig. Außerdem lässt sich vieles in der Schule einfach nicht mit halber Energie bewältigen. Dafür ist der Job zu anstrengend. Gerade jetzt spielt es sich wieder auf eine Weise ab, dass man nicht weiß, wie einem geschieht und wo einem der Kopf steht. Insofern: Ja, aushalten tu ich die Schule wahrscheinlich schon. Aber ob ich sie auf Dauer und so, wie sie ist, aushalten will, weiß ich noch nicht. (nemo)

Maturafeier

Gestern fand die Maturafeier meiner Klasse statt. Ein emotionaler und beglückender Abend, der mich heute nur „draufschauen“ lässt. („Hinhören“ war gestern, „nachdenken“ geht heute noch nicht.)

  • Es war eine riesige Feier: 25 SchülerInnen mit ihren Eltern, Geschwistern, dazu einige Großeltern, Tanten und Onkeln. Außerdem ein großer Lehrertisch.
  • Der offizielle Teil der Feier wurde auf Wunsch der MaturantInnen von Gesang gerahmt. Gemeinsam mit dem Musiklehrer (und seinem Klavier) stellten sie sich auf und sangen: lautstark, fröhlich und begeistert. Ich durfte mich dazustellen und mitsingen.
  • Der Direktor hielt eine Rede, danach folgten Grußworte der Obfrau des Elternvereins, anschließend meine Rede. Die Aufmerksamkeit, während ich sprach, flößte mir Respekt ein und ich fühlte mich geehrt. Das Schreiben der Maturarede war eine hochemotionale und mir extrem wichtige Angelegenheit gewesen, die mich viele Stunden beschäftigte (und gedanklich über Monate begleitete). Wer mag, kann die Maturarede nachlesen.
  • Bei der Zeugnisverteilung wurden vier ausgezeichnete Erfolge, elf gute Erfolge und neun Bestanden übergeben. Zwei Schülerinnen müssen Teile ihrer Matura nachholen, eine Schülerin muss vor der Matura noch eine Wiederholungsprüfung in einem Fach absolvieren, ein Schüler wiederholt die achte Klasse.
  • Eine Schülerin fehlte krankheitsbedingt bei der Maturafeier. Sie musste am letzten Prüfungstag vor Erschöpfung k.o. geben und fuhr tags darauf nach Wien zur zentralen achtstündigen Aufnahmeprüfung fürs Medizinstudium. Für diesen Aufnahmetest hatten sich laut gestriger „Presse“ 14.041 Personen beworben, erschienen sind 11.408, aufgenommen werden 1.560. Wir als Schule wurden angehalten, bei der Planung unserer Matura auf diesen Termin Rücksicht zu nehmen.
  • Nach der Zeugnisverteilung wurden wir LehrerInnen von den MaturantInnen beschenkt: Für alle gab es einen kunstvoll gebundenen Strauß mit Sonnenblumen, eine Lehrerin erhielt zudem einen selbstgebackenen Schokokuchen, ich als Klassenvorständin bekam: Ein orangefarbenes Armband, eine exquisite Füllfeder mit Gravur („Klassenmama Moni“), ein T-Shirt mit dem Jahresmotto der Klasse „Abgang zur Primetime“, einem Klassenfoto und Unterschriften aller SchülerInnen darauf, sowie ein Fotoalbum mit persönlicher Widmung aller MaturantInnen. Da stehen Sachen wie: „Danke für die unvergesslichen Jahre.“, „Danke für alles, was du uns außerhalb des Lehrstoffs beigebracht hast.“, „Danke für die schönste Zeit unseres Lebens.“, „Auch wenn die Tage in der Schule oft an bittere Märchen erinnerten, / Durchzogen von Stress, rechtschreibfelern und Graus, / So glichen sie noch viel öfter Mondnächten, in denen Sterne schimmerten, / Mit Momenten, die meiner Seele das Gefühl gaben, als flöge sie nach Haus.“
  • Fast alle Eltern bedankten sich persönlich und eindringlich für die vier Jahre und beteuerten, wie sehr sie unsere Arbeit in den vier Jahren geschätzt haben.
  • Nach der eigentlichen Feier machten wir bis spät nachts bei lauter Musik in einem Innenstadtlokal Party. Der Abschied wurde durch das Versprechen, dass wir uns am Dienstag beim Schulfest wiedersehen würden, erleichtert.
  • Heute habe ich ein bisschen Kopfweh. Glück, Wehmut, Zufriedenheit, Müdigkeit vermischen sich. (nemo)

Lob der Vielfalt. Und des Bemühens

Ausflüge, Besichtigungen, Wanderungen. Sportliche Aktivitäten (von Fischen bis Squash), kreative und strategische Spiele, Flamenco und Zumba. Yoga und Meditation, Begegnung mit Flüchtlingen sowie ein Fahrrad-Reparatur-Workshop. Foto-Safari, Schatzsuche, Filmclubs und Theaterpicknick. Molekulare Küche, biologische Experimente, Typveränderung durch Schminke und Kleidung und noch vieles mehr. Aus insgesamt 83 Kursen können unsere SchülerInnen auswählen, was sie in der letzten Schulwoche bei den sogenannten „Happy Days“ machen wollen. Man würde sich am liebsten vierteilen und selbst Schülerin sein, so attraktiv erscheint das Angebot. Jeder Lehrer, jede Lehrerin bietet an, was er oder sie gut kann, was ihm oder ihr Spaß macht – und die Schüler lieben es.

Keep Calm #6Darüber hinaus gilt es in diesen Tagen und Wochen, das Schulfest vorzubereiten, denn bald ist es wieder so weit: Unter dem Motto „It’s Showtime“ wird am Dienstag der letzten Schulwoche ein Fest auf die Beine gestellt, das sich sehen lassen kann. Auch hier gilt: Jeder bringt sich ein, jeder macht das, was er oder sie gerne macht, gut kann oder einfach nur das, was gebraucht wird. Und dann wird gemeinsam gefeiert: mit großer Bühne und Art Café, mit Disco und Chillout-Lounge, mit Crêperie und Tapas Bar, mit einer riesigen Tombola und mit der an unserer Schule ganz wichtigen LehrerInnen-Einlage …

Was in den letzten Schultagen besonders augenfällig wird, ist eigentlich auch während des Schuljahrs nicht viel anders (nur halt ein bisschen weniger spektakulär und lustig). Jede und jeder unterrichtet die Fächer, die sie oder er studiert hat und ergo gut kann, und jeder und jede macht darüber hinaus, was ihm oder ihr sonst noch liegt. Was da an einer Schule an unterschiedlichen Kompetenzen zusammenkommt, ist schon beeindruckend. Im Prinzip agieren wir als vielschichtiges System, das fast alles selbst erstellt und leistet: vom Programmieren verschiedener EDV-Tools über die Gestaltung des Schulhauses bis zur PR-Arbeit – ganz abgesehen von unserer nicht-fachlichen Hauptarbeit, nämlich der Erziehung, Begleitung, Beratung und Betreuung der Kinder und Jugendlichen durch den Tag, die Woche, das Jahr und den Großteil ihrer Schullaufbahn.

Damit das alles funktionieren kann (und es funktioniert trotz eklatanten Geldmangels und immer neuer zusätzlicher Vorschriften und Aufgaben gar nicht schlecht), bedarf es aber nicht nur unterschiedlicher Kompetenzen. Wir haben es an unserer Schule mit über 800 Kindern und Jugendlichen zu tun. Diese benötigen weder ferngesteuerte Marionetten noch emotionslose Roboter. Selbst gut ausgebildete einheitlich geformte Pädagogen sind für sie zu wenig. Die über 800 Individuen brauchen individuelle Lehrerinnen und Lehrer, Typen aller Art. Sie brauchen authentische Menschen mit Stärken und Schwächen, Vorbilder, Modelle. Lehrer, die sie nachahmen, aber auch Lehrer, an denen sie sich reiben können; Lehrer, die sie nett, aber auch solche, die sie streng finden; Lehrer, die ihnen cool, aber auch welche, die ihnen schrullig vorkommen. Kumpel-, Eltern-, Künstler-, Professoren-, Erzieher- und Großeltern-Typen, distanziertere und herzlichere, jüngere und ältere, lustigere und ernstere, lautere und leisere.

Es soll hier nicht der völligen Beliebigkeit des Lehrers das Wort geredet werden, der Individualität hingegen schon. Denn Schule sollte Vielfalt und Buntheit bedeuten, Schule sollte ein Ort sein, an dem unterschiedlichste Menschen zusammenkommen, alles Menschen freilich, denen es zuallererst um die Kinder geht.

Am Ende eines Schuljahres, wenn wir alle schon ziemlich k.o. sind und uns trotzdem aufschwingen, zu den Happy Days und zum Schulfest, wird es noch einmal so richtig sichtbar, was Schule ausmacht: ein bunter Haufen engagierter Menschen, die sich bemühen, im Sinne der Kinder zu handeln – jeder auf seine Art und jeder so gut er kann. (nemo)

Maikäfer, flieg!

Heute wurde in den Salzburger Nachrichten über unseren Blog berichtet. Ja, über diesen hier! Die Journalistin Michaela Hessenberger stellte unter dem Titel Lehrerinnen schreiben Klartext unser Forum vor. Ausführlich, wohlwollend, verständig. Am meisten freut uns der Untertitel: „Zwei Salzburger Lehrerinnen zeigen in ihrem Blog, dass die Schule Zeit und Liebe in Anspruch nimmt.“ Ja, exakt, das ist es, Zeit und Liebe. Wie schön, wenn man verstanden wird! Und dann gab’s auch gleich noch ein Dossier über die Zentralmatura, in dem auch wir vom WRG zur Sprache kommen: Ich würde in meinem Unterricht darauf achten, „den Schülern genug Raum zu verschaffen, um sich mit Literatur und eigenem Denken auseinanderzusetzen“. Und ich würde „Lernen als starke Beziehungsarbeit, nicht als Modell der reinen Überprüfbarkeit“ verstehen, steht da. Wow. Genauso wollte ich verstanden werden.

Richtig euphorisch mochte man werden an diesem Samstagvormittag. Das Interview mit der Bildungsministerium im Ö1-Mittagsjournal holte einen dann aber eh wieder auf den Boden der Realität zurück…

In drei Tagen findet sie also statt, die Deutschmatura, und dann wird’s bestimmt wieder viel dazu zu sagen geben. Deshalb will ich heute einmal über etwas ganz anderes schreiben. Über das Buch Maikäfer, flieg! von Christine Nöstlinger nämlich. Ich habe es kürzlich mit den ZweitklässlerInnen (6. Schulstufe) gelesen und einmal mehr hat es mich – und auch die Kinder – begeistert. Mit welch lakonischer Sprache Christine Nöstlinger vom Kriegsende in Wien schreibt, wie sie stereotype Bilder und Klischees aufbricht, wie humorvoll sie die Erlebnisse der achtjährigen Christel betrachtet, das ist ein wahrer Lesegenuss. Gleichzeitig beschönigt sie nichts. Da ist die Rede von der Hannitante, die drei Häuser weiter wohnt und die der Krieg und die Bomben verrückt gemacht haben. Da begegnet die Großmutter, die zu Beginn als wütende, zornige und mutige Frau beschrieben wird, dem Mädchen wenige Wochen später, nach den Bombenangriffen, als kleine, zittrige und jämmerliche Alte. Und da wird die Freundschaft mit dem Russen Cohn erzählt. Während die Nachbarin fast irr aus Angst vor den Russen wird, erlebt Christel eine Freundschaft mit dem russischen Soldaten, der als Koch eingesetzt wird und den die anderen als den hässlichsten, stinkendsten und verrücktesten Menschen, der ihnen je begegnet ist, beschreiben:

Ich liebte den Koch, weil er kein Krieg war. Nichts an ihm war Krieg, gar nichts. Er war ein Soldat und hatte kein Gewehr und keine Pistole. Er hatte eine Uniform, aber die war ein Lumpensammlergewand. Er war Russe und konnte Deutsch reden. Er war ein Feind und hatte eine sanfte, tiefe Schlafliedstimme. Er war ein Sieger und bekam Tritte, dass er quer durch die Lusthausküche flog. Er hieß Cohn. Er kam aus Leningrad. Dort war er ein Schneider. Cohn hat mir viel erzählt. Und am Ende hat er immer gesagt: „Macht nix, macht nix, Frau!“

Christel verbringt die letzten Kriegstage und die erste Zeit danach gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Schwester sowie einer anderen Familie in einer Villa in Neuwaldegg. Ihr eigenes Zuhause in Hernals wurde zerbombt und da kam das Angebot der Frau von Braun, auf ihre Villa aufzupassen, weil sie selbst nach Tirol floh, gerade recht. In dieser noblen Wohngegend erlebt Christel den Mai 1945, die Ankunft der Russen, die Lebensmittelknappheit, aber auch beinahe idyllische Tage im parkartigen Garten des Hauses. Am Ende müssen Christel und ihre Familie die Villa wieder verlassen und ziehen zurück in die Stadt: „Meine Mutter saß neben der dicken Frau auf dem Kutschbock. ‚Na‘, rief sie, ‚los geht’s! Schau dir noch einmal alles gut an!‘ Ich schloss die Augen.“

Dieses offene Ende haben wir zum Anlass genommen, um eine Fortsetzung zu schreiben. Eine kleine Auswahl besonders gelungener Texte möchte ich hier anhängen. Nicht allen SchülerInnen war es möglich, sich in die Lebensumstände zu Kriegsende ganz hineinzufühlen. Aber sie haben sich von dem Roman berühren lassen, haben sich für die Ereignisse und Erlebnisse interessiert und sie haben sich auf – wie ich finde – beeindruckende Weise bemüht, den Ton und die Stimmung des Textes zu treffen. Beispielsweise …

… Elena H.: Ich schloss die Augen. Ich wollte mir nicht mehr alles anschauen. Ich wusste, wie es hier aussah. Oft genug bin ich im Garten herumgelaufen, war oft genug im Haus auf Entdeckungstour gegangen. Ich kannte die Villa und den Garten in- und auswendig. Weiterlesen