Sonnenfinsternis

Da meine zweite Klasse gerade auf Schikurs ist, hatte ich heute das Vergnügen, in einer mir bisher unbekannten Klasse eine Stunde zu halten. ErstklässlerInnen, 10- bzw. 11-jährige Kinder, die bis vor Kurzem noch in die Volksschule gingen und nun seit Herbst bei uns in der Schule sind. „Sie kommt“, schallt es mir entgegen, als ich mich dem Klassenzimmer nähere. 23 Augenpaare richten sich auf mich, freundliche, aufgeweckte Kinder, ein paar von ihnen schon größer, die meisten aber noch ziemlich klein. Wer sind die? Was beschäftigt sie? Wie geht es diesen jungen Menschen in unserer doch recht großen Schule?

Zuerst unterhalte ich mich ein wenig mit ihnen. Frage sie, welche LehrerInnen sie haben, was sie in den verschiedenen Fächern gerade lernen, was sie beschäftigt. Fast alle wollen mir etwas erzählen. So viele Kinder, die aufzeigen, die mir etwas sagen möchten. Aber sie hören mir auch zu. Ganz besonders aufmerksam, sobald ich etwas von meiner eigenen Tochter erzähle. Dann zeigen sie mir, was sie im Fach Textiles Werken fabriziert haben: schicke Federpenale, elegante Handytaschen, lustige Bekleidung für irgendwelche mir unbekannten Plüschfiguren. Diejenigen, die das Fach Technisches Werken besuchen, erzählen mir, dass sie in diesem Schuljahr bereits ein Vogelhäuschen gebastelt haben und woran sie aktuell gerade werken (ich hab’s leider wieder vergessen).

Immer wieder lässt sich beobachten, wie begeistert die allermeisten Kinder von manueller Arbeit sind, wie gerne sie herzeigen, was sie selbst gemacht haben. In unserer Schule, einem wirtschaftskundlichen Realgymnasium, spielt Werken in der Unterstufe eine recht große Rolle. Man merkt, dass das den Kindern gut tut. Und wir haben richtig gute WerklehrerInnen, Profis, die ihr Fach studiert haben und es mit künstlerischem Anspruch vermitteln.

Anschließend habe ich mit der Klasse „Bruder Jakob“ auf Französisch gesungen. „Frère Jacques“ also. Ich habe ihnen erzählt, dass ich an der Schule neben Deutsch auch Französisch unterrichte. Sie haben mir umgehend mitgeteilt, welche französischen Wörter sie bereits kennen. Und wir haben gesungen, im Kanon, alle gemeinsam. Dafür, dass ich keine Musiklehrerin bin, wir das Lied nicht geübt haben und einfach so drauflos gesungen haben, hat es gar nicht mal so schlecht geklungen.

Dann aber mussten wir unbedingt in den Schulhof, um die Sonnenfinsternis zu sehen. Zwei Kollegen, Physiklehrer, haben Fernrohre so her- und eingerichtet, dass man die ziemlich verdeckte Sonne gut betrachten konnte. Natürlich waren wir im Schulhof nicht die Einzigen. Die halbe Schule war draußen, Große und Kleine bunt durcheinander gemischt. Es gab so ein Gewurl, dass ich die mir anvertrauten Kinder gleich nicht mehr erkannt habe. Welche waren denn nun meine? Wo ist die Klasse, mit der ich da bin? Suchend blicke ich mich um. Da bemerke ich mehrere auf mich gerichtete Augenpaare. Kinder, die mich erwartungsvoll anblicken, mir zeigen wollen, welche Fotos sie gemacht haben. Und da erkenne ich sie wieder, die Klasse, die ich bisher noch gar nie unterrichtet hatte und mit denen mich seit heute plötzlich etwas verbindet. – So schön und unaufregend kann Schule auch sein. (nemo)

Wo anfangen? Und wie? Mit Freewriting zum Beispiel

Der erste Beitrag sollte gehaltvoll sein. Etwas Besonderes, nicht einfach das Naheliegende. Das Problem dabei ist, dass der Anspruch etwas Besonderes – quasi Programmatisches – zu schreiben, lähmt. Und das Ergebnis: Man schreibt gar nichts. Um ins Schreiben zu kommen, gibt es „geniale Schreibmethoden“. Judith Wolfsberger hat in ihrem Buch Frei geschrieben einige davon zusammengetragen. Letztes Jahr habe ich einen Lehrgang zum Thema Textkompetenz besucht. Das erste Modul dieses Lehrgangs hat Judith Wolfsberger bestritten. Die Frau (und ihr Buch) machen Lust auf Schreiben. Meine Lieblingsschreibmethode nennt sich „Freewriting“ – und sie hält, was sie verspricht: Man schreibt sich tatsächlich frei. Ich habe diese Methode auch schon vielfach mit SchülerInnen ausprobiert. Es ist jedes Mal eine Freude zu sehen, was für schöne, berührende, ehrliche und auch gute (!) Texte dabei herauskommen (können).

Wie funktioniert die Methode? Du wählst dir einen Begriff oder ein Thema als Ausgangspunkt und schreibst ca. 10 Minuten all das, was dir durch den Kopf geht. Die schreibende Hand bleibt immer in Bewegung, wenn dir nichts einfällt, schreibst du so lange „mir fällt nichts ein“, bis wieder ein neuer Gedanke kommt. Ziel ist es, ganz einfach zu schreiben, ohne nachzudenken, ohne auszubessern, ohne abzusetzen. Es ist nicht wichtig, was dabei herauskommt – aber das Schöne ist: Es kommt immer etwas heraus. Nämlich ein Text, ein persönlicher „Rohtext“, mit dem man – wenn man will – auch weiterarbeiten kann.

Rohtexte sind nicht dazu gedacht veröffentlicht zu werden. Aber es erzeugt in der Klasse eine wunderschöne Stimmung, wenn die Texte bzw. Teile daraus vorgelesen werden. Man teilt dann seine ganz persönlichen Gedanken mit den anderen. Und das ist eigentlich etwas Kostbares. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die Texte freiwillig vorgelesen werden und dass sie nicht bewertet werden. Es braucht schon eine Atmosphäre des Vertrauens, um etwas von sich preiszugeben. Ganz besonders schön ist es, wenn ich als Lehrerin auch mitschreibe. Wenn wir also alle gleichzeitig schreiben und dabei ganz ruhig werden und wenn ich dann meinen Text auch vorlese. Mit meiner nunmehrigen 8. Klasse habe ich Freewriting in vielen Situationen und zu den verschiedensten Themen ausprobiert: Nach den Ferien und vor den Ferien, nach einer Schularbeit, wenn es Schwierigkeiten gab, wenn Unruhe spürbar war – aber genauso, um Themen im Deutschunterricht abzuschließen, um Meinungen einzuholen, um über ein Buch oder einen Film zu reflektieren.

Kurz: Freewriting ist ein Hit. Und außerdem habe ich auf diese Weise nun endlich einen ersten Beitrag verfasst … (nemo)

Judith Wolfsberger: Frei geschrieben. Mut, Freiheit und Strategie für wissenschaftliche Abschlussarbeiten, 3. Auflage, Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2010

Siehe auch: http://www.freigeschrieben.at/