Normierung und Entmündigung

Ist humanistische Bildung noch zeitgemäß“ fragte das Akademische Gymnasium anlässlich seiner 400-Jahr-Feier letzten Mittwoch. Auf dem Podium im SN-Saal diskutierten der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer, selbst Absolvent des Gymnasiums, die Journalistin und Nahost-Expertin Gudrun Harrer, die ebenfalls am AkadGym maturiert hatte, sowie Konrad Paul Liessmann. Natürlich waren sich im Grunde alle einig, dass eine humanistische Bildung noch zeitgemäß ist. Was eine solche Bildung aber konkret bedeutet bzw. bedeuten würde, wurde zwar immer wieder einmal angerissen, wirklich diskutiert wurde es nicht. Wie so oft ging es mehr um den Stellenwert von Bildung an und für sich, um den Wert des Gymnasiums im Allgemeinen und um die gegenwärtigen Bildungsreformen. Der Landeshauptmann konnte darüber hinaus die Wichtigkeit des Talente-Checks der Wirtschaftskammer betonen und nebenbei das Autonomiepaket für die Schulen loben – er ist ja schließlich auch Präsident des Salzburger Landesschulrats …

Interessant und unterhaltsam war die Diskussion allemal – dafür sorgte in erster Linie Konrad Paul Liessmann, dem es immer wieder gelang, Dinge so auf den Punkt zu bringen, dass er mit Szenenapplaus bedacht wurde. Über drei Punkte, die an diesem Abend gesprochen wurden, möchte ich kurz nachdenken:

  1. Die herrschende Geschichtsvergessenheit: Wir sind so auf die Zukunft und ihre angeblichen Herausforderungen fixiert, dass wir uns immer schwerer tun, Zusammenhänge mit der Vergangenheit herzustellen. In vielen Fällen mangelt es schlichtweg an Wissen über Vergangenes, mitunter aber einfach auch an der Bereitschaft zum Nachdenken. Mitunter entsteht dann ein völlig falsches Bild der Vergangenheit. Politik und Gesellschaft, aber auch die Pädagogik kommen mit immer neuen Forderungen, was man in der Schule nicht alles lernen müsste, welche Kompetenzen die jungen Leute erwerben müssten, und betonen, was dadurch gewonnen werde. In Wirklichkeit geht durch die Neuerungen natürlich mindestens genauso viel verloren wie gewonnen wird. Das Akademische Gymnasium wurde mit dem Ziel der Vorbereitung auf die Universität gegründet, heute, in Zeiten von standardisierter Matura und genau umrissener Kompetenzen führen immer mehr Universitäten Aufnahmetests ein. Die allgemeine Hochschulreife gibt es nur mehr auf dem Papier. Aber für dieses vergleichbare, objektive und standardisierte Maturazeugnis, das faktisch immer weniger wert wird, waren und sind wir bereit, die gymnasiale Oberstufe in fast allem, was uns einst wichtig war und was auch die Besonderheit des österreichischen Schulsystems ausmachte, zu beschneiden. Einst gab es einen Rahmenlehrplan, der vieles ermöglichte und wenig vorschrieb, der Lehrer oder die Lehrerin verfügte über große Freiheiten, den „Stoff“ den eigenen Schwerpunkten und der jeweiligen Klasse anzupassen und autonom umzusetzen, es herrschte in vielen Fällen eine offene, kritische und auf Mündigkeit ausgerichtete Diskussionskultur. Heute ist von all dem nicht mehr viel zu bemerken, stattdessen erleben wir die totale Entmündigung des Lehrers, wie Liessmann treffend feststellte. Aber bald wird ohnehin vergessen sein, was Schule einst ausmachte, vielfach wird es bereits jetzt in Abrede gestellt.
  2. Die Bedeutung von Sprache: Viel war die Rede von verschiedenen Sprachen, von den klassischen Sprachen Griechisch und Latein, aber auch von den neueren Sprachen. Liessmann stellte die Frage in den Raum, was es für Europa bedeutet hätte, das Lateinische zur gemeinsamen Sprache der EU zu machen. Haslauer, selbst studierter Jurist, wies auf die generelle Wichtigkeit von Sprache hin. Zumindest in diesem Punkt kann ich mich der Meinung des Landeshauptmanns vorbehaltlos anschließen. Allerdings, am Umgang mit Sprache zeigt sich genau das Dilemma, dem wir auch in der Schule ausgesetzt sind und zwar immer stärker: Unzählige Abkürzungen und Schlagwörter – seien es der Kompetenzcheck am Ende eines Kapitels im Schulbuch, IKMSQA, die NOst oder die VWA – aber auch Normierungen und Standardisierungen – im GERS genau festgelegte Sprachniveaus oder Kompetenzraster zur Beurteilung – prägen sowohl die Schule als auch die in der Schule unterrichteten Sprachen, das Deutsche ebenso wie die Fremdsprachen. Aber natürlich, ein sorgfältiger und differenzierter Umgang mit Sprache ist wichtig. Ja, ganz bestimmt. Auf die Sprache kommt es an, möchte man hinzufügen.
  3. Am Ende der Veranstaltung wurden die DiskutantInnen gefragt, welches Schulfach sie selbst einst am liebsten hatten und welches sie am wenigsten mochten. Alle drei waren sich einig, dass es weniger auf das Fach als auf den Lehrer oder die Lehrerin ankam. Als prägend wurden Lehrer empfunden, wenn sie selbst von ihrem Fach und ihrem Tun begeistert waren, wenn sie Schüler fordern und herausfordern konnten, wenn sie eine, so könnte man sagen, authentische Persönlichkeit darstellten.

Alles kein ganz leichtes Unterfangen in Zeiten der Normierung und Entmündigung des Lehrers. (nemo)

Deutschmatura – Ödnis, die erste

Je länger ich über den Maturaarbeiten sitze, desto stumpfsinniger erscheint mir das alles. Nicht, dass die Arbeiten schlecht wären. Nein, einige sind sogar richtig gut, die meisten ganz passabel und nur wenige lassen zu wünschen übrig. Wobei: Im Grunde lassen eben alle zu wünschen übrig, das ist es ja, was mich zusehends betrübter auf die Prüfungsbögen hinschauen lässt. In Wirklichkeit ist es nämlich ein einziges inhaltsleeres Blabla, was wir da von den MaturantInnen hören wollen. Es geht darum, dass sie ihre Lese-, Argumentations- und Schreibkompetenz unter Beweis stellen, um nichts anderes. Was sie sagen, ist so was von egal! Und zwar bei allen Themen, selbst beim sogenannten literarischen. Dabei sind die Themen nicht einmal schlecht: Die Macht der Kritik, Familie sowie Armut und soziale Gerechtigkeit. Drei an und für sich relevante gesellschaftspolitische Themen. Aber was konkret verlangt wird und wie die KandidatInnen diese Themen angehen müssen, ist ein einziges Elend.

Nehmen wir das Thema Familie. Das haben die meisten meiner SchülerInnen gewählt. Zu verfassen sind hier eine Zusammenfassung und eine Meinungsrede. Jawohl, zum Auftakt gleich eine Zusammenfassung! Zusammengefasst muss ein Artikel aus der Wiener Zeitung mit dem Titel Familie – Mythos und Realität werden. Zweifellos ist es wichtig, dass man Texte zusammenfassen kann. Aber darf das wirklich alles sein, was wir zur Reifeprüfung an einem Gymnasium in der Unterrichts- und Landessprache erwarten können? Wäre das nicht viel eher die Voraussetzung, die Basis, auf der man seine Gedanken zu einem Thema zum Ausdruck bringt?

Na gut, sie haben ja auch noch eine Meinungsrede zum Thema Kinder und Familie – meine Zukunft? zu verfassen. Ich spüre, wie das Thema viele meiner SchülerInnen anspricht, wie sie dazu etwas zu sagen hätten, wie sie „abheben“ könnten – wenn man sie ließe. Aber nein, man hält sie auch hier mit genau vorgegebenen Arbeitsaufträgen auf dem Boden. Man hält sie am Gängelband der Kompetenzorientierung und der Vergleichbarkeit. Denn es geht nicht um ihre Gedanken, es geht nicht um ihre Visionen, es geht schon gar nicht um ihre kritische Reflexion. Es geht schlichtweg darum, dass sie mit 540 bis 660 Wörtern unter Beweis stellen, dass sie den „Inputtext erfasst“, dass sie alle „Arbeitsaufträge erfüllt“, dass sie die „Schreibhandlung(en) im Sinne der Textsorte durchgehend realisiert“ haben. So müssen sie funktionieren, denn so will es das Beurteilungsraster, und so muss ich die Chose bewerten. Viel öder geht nicht.

Nicht, dass wir das alles nicht schon vorher gewusst hätten. Über die Ödnis des vorgefertigten Schreibens habe ich bereits anlässlich der Maturavorbereitungen nachgedacht. Aber wenn es einem dann bei der ach so wichtigen Reifeprüfung auf derart drastische Weise und in 26-facher standardisierter Ausfertigung vor Augen geführt wird und man gleichzeitig 26 mehr oder weniger interessante, jedenfalls aber individuelle Stimmen durchhören kann – so leise allerdings, dass man sie mitunter fast nicht mehr wahrnehmen kann, dann -, ja, dann packt einen irgendwie die Wut! (nemo)