Was SchülerInnen lesen wollen

Mit meinen Fünftklässlern war ich heute im Literaturhaus bei einer Lesung von Jaromir Konecny. Ich hatte mich nicht groß über den Autor informiert, sondern dem ebenso umtriebigen wie kompetenten Leiter des Jungen Literaturhauses, Peter Fuschelberger, vertraut, der das Programm für Kinder und Jugendliche zusammenstellt und AutorInnen einlädt. (Wir führen mit ihm als Kooperationspartner in diesem Jahr im Übrigen auch ein Kulturprojekt zum Thema Inszenierungen durch – dazu jedoch ein andermal.)

Jaromir Konecny ist gebürtiger Tscheche und gar nicht mehr so jung. Dennoch kommt er bei den Jugendlichen gut an. Seine Lesungen gleichen einer Performance, nicht umsonst ist er als Poetry Slammer bekannt. Den tschechischen Akzent macht er zu seiner Besonderheit, mit der er ziemlich ironisch und humorvoll umgeht, und ansonsten trifft er einfach gut den Ton und auch die Themen, um die jungen Menschen anzusprechen.

Ich selbst war mir nicht ganz sicher, ob meine SchülerInnen nicht schon zu groß (!) für die Bücher sind, sie selbst aber waren durchaus angetan von den Texten (und dem Autor sowieso). Unmittelbar nach der Lesung fragten sie mich, ob wir nicht das Buch Doktorspiele im Deutschunterricht lesen könnten. Nachdem wir gerade das Nibelungenlied abgeschlossen haben (das ich ja eigentlich auch nicht als sooo schlecht geeignet für sie empfand), würden sie nun nämlich gerne etwas lesen, was auch sie selbst interessieren würde …

Doktorspiele also. Ja, also bitte, wenn sie das lesen möchten, dann lesen wir’s halt. Umgehend habe ich 27 Exemplare bestellt und gleich ein bisschen im Internet über den Autor recherchiert. Da erfuhr ich, dass Konecny mitunter als „Sex-Autor“ bezeichnet wird und dass er von verschiedenen Schulen in Deutschland wegen der deftigen Sprache seiner Texte gar wieder ausgeladen wurde. Na, jetzt bin ich aber gespannt, was mich da erwartet. Die heutige Lesung jedenfalls hatte überhaupt nichts Anrüchiges (sondern war ziemlich amüsant), mir wäre die Sprache auch nicht als zu deftig erschienen und „pornografisch“ war das schon gar nicht. Dass es in den Büchern sprachlich ein wenig direkter zur Sache geht als im Nibelungenlied, halten meine FünftklässlerInnen, glaube ich, aus. Und wenn nicht, dann sollen sie halt eine Empfehlung schreiben (die Textsorte müssen wir ohnehin üben), in der sie anderen SchülerInnen davon abraten, solche Bücher zu lesen. 😉

Auf Youtube kann man übrigens einen Auftritt des Autors sehen, in dem er einen Ausschnitt aus Doktorspiele liest. Da kann sich jeder selbst ein Bild davon machen. (nemo)

Ödnis, die zweite: Der Zwang ins Seichte

Ich frage mich: Was bedeutet es eigentlich, wenn eine Gesellschaft meint, gänzlich ohne Literatur auszukommen – und zwar bis hin in ihre höchsten Bildungsschichten? Eine Ahnung davon kann man erhalten, wenn man sich die gegenwärtige Konzeption der zentralen Deutschmatura ansieht: Bei dieser Form der Reifeprüfung wird Sprache fast vollständig von ihren literarischen Erzeugnissen abgelöst. Beinahe alle Aufgabenstellungen (5 von 6) beziehen sich ausschließlich auf Zeitungstexte. Das, so könnte man meinen, wäre per se noch kein Vergehen, aber die Tücke liegt – wie meistens – im Detail und offenbart sich erst bei genauerem Hinsehen.

Die gegenwärtige Zentralmatura suggeriert, dass Sprachkompetenz gänzlich ohne Kenntnis von Literatur, ja eigentlich ohne jeglichen „Input“ von Literatur funktioniert. Denn – so die Suggestion – wozu soll Literatur schon gut sein, wenn es doch bloß darum geht, klar und nachvollziehbar zu formulieren? Dass diese Auffassung jedoch grundsätzlich falsch und ein vielleicht sogar fataler Irrtum ist, will ich versuchen, am Beispiel der aktuellen Aufgabenstellungen aufzuzeigen:

1. Wenn Sprache ohne Literatur auskommen muss, wird sie ihres vitalsten, produktivsten und aussagekräftigsten Teils beschnitten und stattdessen eingeschränkt auf jenen Teil, der im Bereich des Floskelhaften, des bereits Gesagten und ständig Wiederholten, des Klischees verharrt. Konsequenterweise stützt sich der „Input“ der journalistischen Texte auf Studien und Umfragen, auf Expertenaussagen und Meinungen von Redakteuren. Die Rede ist dann von der „bunten Vielfalt alternativer Familienformen“, von „On-off-Beziehungen“, den „Boomerang-Children“, dem falschen („Wow, du bist toll!“) und richtigen („Wow, das hast du toll gemacht!“) „Feedback“, den „Übermüttern wie Heidi Klum“ oder der „Imageaufbesserung der Lehre“. Mit solchen und ähnlichen Formulierungen werden die Themen in den Textbeilagen behandelt und mit Hilfe solcher Texte dürfen unsere SchülerInnen ihre Sprachkompetenz unter Beweis stellen.

2. Durch die Ausgrenzung von Literatur wird eine Pseudoklarheit im Bereich der Sprache geschaffen, die als solche völlig fiktiv ist, aber so lange perpetuiert wird, bis sie scheinbar zur Realität wird. Am augenfälligsten wird das im Bereich der zu verfassenden Textsorten und der Arbeitsaufträge. Da werden plötzlich Leserbriefe, Kommentare oder Meinungsreden zu genau definierbaren Textsorten, als ob es eine Formel gäbe, mit und nach der man einen Text zu produzieren hat. Eine Frage wie „Braucht ein Leserbrief eine Anrede?“ ist die Konsequenz aus dieser Haltung. Als ob es darauf ankäme! Oder aber es wird eine Erörterung – eine der wenigen Textsorten, die man tatsächlich in ihrem Aufbau genau beschreiben kann und die einer literarischen Sprachbetrachtung am nächsten kommt, – durch die Arbeitsaufträge und Längenvorgaben so verunstaltet, dass sie als solche kaum mehr zu erkennen ist. Da  heißt es beim Thema 3 (Armut und soziale Gerechtigkeit):

  • Geben Sie die unterschiedlichen im Bericht genannten Gründe für Armut wieder.
  • Erläutern Sie, ausgehend von den Aussagen der Befragten, was Sie persönlich unter sozialer Gerechtigkeit verstehen.
  • Diskutieren Sie die im Bericht zitierte Ansicht „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“.

Jeder möge sich selbst an dieser „Erörterung“ (540 bis 660 Wörter!) versuchen. Demjenigen, der auf der Basis dieser Vorgaben und der Textbeilage aus dem SchülerStandard, die sich auf eine Studie namens „Jugend und Zeitgeist“ stützt, eine ordentliche Erörterung zustande bringt, sei herzlich gratuliert.

3. Durch den Verzicht auf Literatur bleiben Inhalte vollkommen an der Oberfläche, Themen können mitnichten angemessen durchdrungen werden. Man betrachte einmal mehr die ausgewählten Textbeilagen: Diese bleiben (fast) zur Gänze auf die unmittelbare Gegenwart bezogen und unterziehen keines der drei Themen einer ungewöhnlichen oder neuen Betrachtungsweise. Abgesehen von der literarischen Erzählung verschafft keine Textbeilage den MaturantInnen neue Einsichten in ein Thema! Und genauso oberflächlich wie die Textbeilagen die Themen behandeln, sollen die Arbeiten der MaturantInnen ausfallen. Man braucht ja vergleichbare Texte mit vergleichbarem Inhalt, vergleichbarer Struktur und vergleichbarer Sprache.

Und zu allem Überfluss hat selbst die literarische Aufgabenstellung nur wenig mit Literatur zu tun. Zwar handelt es sich bei einem der zwei Inputtexte des ersten Themas tatsächlich um einen literarischen Text, die Aufgabenstellung aber schafft es auch hier, in erster Linie vergleichbare Erkenntnisse zu Tage zu fördern.

Grundprinzip dieser Matura scheint die Prämisse zu sein, den Problemen nur ja nicht auf den Grund zu gehen, nur ja der allmählichen „Verfertigung der Gedanken beim Schreiben“ zuvorzukommen (und stattdessen Vorgefertigtes reproduzieren zu lassen) und nur ja nicht in die Tiefe zu gehen. So wird ironischerweise genau jener „Zwang zur Tiefe“, um den es in Patrick Süskinds Erzählung geht, nämlich der klischeehafte Kunstsprech des Kritikers am Ende der Erzählung, zum paradoxen Sinnbild dieser Matura. Da heißt es:

Allerdings scheint zuletzt doch im Individuellen der Keim zu jenem tragischen Ende angelegt. Denn spricht nicht schon aus ihren ersten, noch scheinbar naiven Arbeiten jene erschreckende Zerrissenheit, ablesbar schon an der eigenwilligen, der Botschaft dienlichen Mischtechnik, jene hineinverdrehte, spiralenförmig sich verbohrende und zugleich hoch emotionsbeladene, offensichtlich vergebliche, Auflehnung der Kreatur gegen das eigene Selbst? Jener verhängnisvolle, fast möchte ich sagen: gnadenlose Zwang zur Tiefe?

Wir verwehren unseren Schülern jegliche „Tiefenerfahrung“ und zwingen sie stattdessen in die allerseichtesten Gewässer. Gleichzeitig gaukeln wir ihnen vor, dass sie „ganz toll“ schwimmen können („wow“) – wissend, dass es eigentlich ganz andere Schwimmkünste bräuchte, um wirklich freischwimmen zu können.

Wenn eine Gesellschaft meint, selbst bei der Reifeprüfung in ihrer Landes- und Bildungssprache ohne Literatur auszukommen, heißt das schlichtweg: Es scheint uns nicht wichtig zu sein, dass mediale Diskurse durchdrungen, dass gesellschaftspolitische Probleme sprachlich fundiert analysiert, dass Zusammenhänge und Muster erkannt, dass neue Erkenntnisse gewonnen werden. Angesichts der Herausforderungen, vor der unsere Welt steht, eine einigermaßen beunruhigende Perspektive. (nemo)

Deutschmatura – Ödnis, die erste

Je länger ich über den Maturaarbeiten sitze, desto stumpfsinniger erscheint mir das alles. Nicht, dass die Arbeiten schlecht wären. Nein, einige sind sogar richtig gut, die meisten ganz passabel und nur wenige lassen zu wünschen übrig. Wobei: Im Grunde lassen eben alle zu wünschen übrig, das ist es ja, was mich zusehends betrübter auf die Prüfungsbögen hinschauen lässt. In Wirklichkeit ist es nämlich ein einziges inhaltsleeres Blabla, was wir da von den MaturantInnen hören wollen. Es geht darum, dass sie ihre Lese-, Argumentations- und Schreibkompetenz unter Beweis stellen, um nichts anderes. Was sie sagen, ist so was von egal! Und zwar bei allen Themen, selbst beim sogenannten literarischen. Dabei sind die Themen nicht einmal schlecht: Die Macht der Kritik, Familie sowie Armut und soziale Gerechtigkeit. Drei an und für sich relevante gesellschaftspolitische Themen. Aber was konkret verlangt wird und wie die KandidatInnen diese Themen angehen müssen, ist ein einziges Elend.

Nehmen wir das Thema Familie. Das haben die meisten meiner SchülerInnen gewählt. Zu verfassen sind hier eine Zusammenfassung und eine Meinungsrede. Jawohl, zum Auftakt gleich eine Zusammenfassung! Zusammengefasst muss ein Artikel aus der Wiener Zeitung mit dem Titel Familie – Mythos und Realität werden. Zweifellos ist es wichtig, dass man Texte zusammenfassen kann. Aber darf das wirklich alles sein, was wir zur Reifeprüfung an einem Gymnasium in der Unterrichts- und Landessprache erwarten können? Wäre das nicht viel eher die Voraussetzung, die Basis, auf der man seine Gedanken zu einem Thema zum Ausdruck bringt?

Na gut, sie haben ja auch noch eine Meinungsrede zum Thema Kinder und Familie – meine Zukunft? zu verfassen. Ich spüre, wie das Thema viele meiner SchülerInnen anspricht, wie sie dazu etwas zu sagen hätten, wie sie „abheben“ könnten – wenn man sie ließe. Aber nein, man hält sie auch hier mit genau vorgegebenen Arbeitsaufträgen auf dem Boden. Man hält sie am Gängelband der Kompetenzorientierung und der Vergleichbarkeit. Denn es geht nicht um ihre Gedanken, es geht nicht um ihre Visionen, es geht schon gar nicht um ihre kritische Reflexion. Es geht schlichtweg darum, dass sie mit 540 bis 660 Wörtern unter Beweis stellen, dass sie den „Inputtext erfasst“, dass sie alle „Arbeitsaufträge erfüllt“, dass sie die „Schreibhandlung(en) im Sinne der Textsorte durchgehend realisiert“ haben. So müssen sie funktionieren, denn so will es das Beurteilungsraster, und so muss ich die Chose bewerten. Viel öder geht nicht.

Nicht, dass wir das alles nicht schon vorher gewusst hätten. Über die Ödnis des vorgefertigten Schreibens habe ich bereits anlässlich der Maturavorbereitungen nachgedacht. Aber wenn es einem dann bei der ach so wichtigen Reifeprüfung auf derart drastische Weise und in 26-facher standardisierter Ausfertigung vor Augen geführt wird und man gleichzeitig 26 mehr oder weniger interessante, jedenfalls aber individuelle Stimmen durchhören kann – so leise allerdings, dass man sie mitunter fast nicht mehr wahrnehmen kann, dann -, ja, dann packt einen irgendwie die Wut! (nemo)

Probematura Deutsch

Am Mittwoch war es auch im Fach Deutsch so weit: Für unsere vierstündige und zugleich letzte Schularbeit konnten/sollten/durften wir die zentral zur Verfügung gestellte Probeklausur verwenden. Diese Tatsache war am Mittwochabend sogar der ZIB 2 einen Beitrag wert. Schon erstaunlich, wie sich die mediale Öffentlichkeit plötzlich für die Schule interessiert. Man kann sich dabei allerdings nur schlecht des Eindrucks erwehren, die Medien lechzten geradezu nach der nächsten ausschlachtbaren Panne. Zentralmatura als Spektakel in unserer Eventkultur. Wenn schon aktuell kein richtiges Problem, dann wenigstens ein kleiner Skandal beim BIFIE oder im Ministerium. Bitte!

Jedenfalls sitze ich jetzt da mit meinen 27 vierstündigen Klausuren und muss diese bis nächsten Mittwoch korrigiert haben. Täglich vier Stück, dann geht es sich aus. Das heißt insgesamt, rund 25 – 30 Stunden Korrekturarbeit in dieser Woche – und ich bin nicht langsam! Heute habe ich mein Pensum schon erledigt, deshalb erlaube ich mir, was ich gerade tue, nämlich ein bissl darüber schreiben. Erzählen kann man diesen Schulkram ja auch niemandem (außer – Gott sei Dank! – den KollegInnen), da kommt so ein Blog gerade recht. Immerhin muss das ja niemand lesen, der nicht will.

Worum ging es nun inhaltlich bei dieser Probeklausur? Na, wer will’s wissen? Also: Die SchülerInnen hatten zwei Themen zur Wahl: 1. Die Frage nach dem richtigen Leben und 2. Rauchen. Quasi Oberschicht- und Unterschichtthema. Nein, ich bitte um Entschuldigung, das war jetzt nicht nett. Ab jetzt wieder ernst:

Beim ersten Themenkomplex mussten eine Interpretation des wunderbaren Gedichts Reklame von Ingeborg Bachmann verfasst und ein Kommentar zum Thema Glück und Glücksvorstellungen, basierend auf einem Ausschnitt aus Die Tretmühlen des Glücks von Mathias Binswanger, geschrieben werden. Eigentlich gar nicht so schlecht. Das Problem dabei ist halt, dass man, um das Gedicht ordentlich analysieren und interpretieren zu können, viel mehr Zeit bräuchte, als einem zur Verfügung steht, wenn man zugleich noch einen vernünftigen Kommentar zu dem inhaltlich auch nicht ganz leichten Text von Binswanger schreiben muss.

Da gab es das zweite Thema schon viel billiger: Eine Empfehlung an die Betriebsleitung einer großen Firma zur Regelung der Rauchpausen sowie eine Zusammenfassung einer Internetseite zum Thema „Frauen rauchen anders“. Beide Textbeilagen waren extrem einfach (und qualitativ erschreckend dürftig), das Thema selbst abgedroschen wie ein Feld im November. Da gab es nicht viel nachzudenken, da konnte die Lese- und Schreibkompetenz fast unbehelligt von Inhalten durchexerziert werden. Schon irgendwie erstaunlich, dass beide Themenpakete in Österreich offenbar als ausreichend erachtet werden, um die allgemeine Hochschulreife in der Muttersprache unter Beweis zu stellen. Das zeigt doch, wie sehr Deutsch mittlerweile als reines Sprachfach betrachtet wird, so als ob es wirklich nur mehr um oberflächliche Kommunikation und nicht zumindest auch um inhaltliches Denken ginge, wenn man sich der Sprache bedient. Und es zeigt auch, mit welchem Unverständnis man selbst bei der Deutsch-Matura literarischen Texten begegnet.

Dass ein Thema wie das erste, insbesondere ein komplexes Gedicht, nämlich wirkliches Denken (und eine halbwegs profunde Analyse) erfordern würde, um angemessen darauf reagieren zu können, scheint den Aufgabenstellern bzw. den Erfindern des derzeitigen Maturakonzepts nicht wirklich bewusst zu sein. Wie könnte es sonst sein, dass man von den SchülerInnen erwartet, binnen drei (bzw. vier) Stunden eine Interpretation (zu einem ihnen unbekannten Gedicht!) und einen Kommentar quasi runterzuschreiben.

Da stellt sich einmal mehr die Frage: Hat eigentlich irgendjemand von den Verantwortlichen die Aufgabenstellung selbst ausprobiert, und zwar die ganze?

So, jetzt aber Schluss, schließlich muss ich morgen wieder fit fürs Korrigieren sein. Und weil’s so schön ist, tippe ich noch das Bachmann-Gedicht ab. Vielleicht will es ja jemand mal schnell interpretieren… (nemo)

Ingeborg Bachmann: Reklame (1956)

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille

eintritt

aus: Ingeborg Bachmann: Werke, Band 1: Gedichte, Hörspiele, Libretti, Übersetzungen. München: Piper 1993, S. 114.

Die Ödnis des vorgefertigten Schreibens

Hat eigentlich irgend jemand die Aufgabenformate der neuen Deutsch-Matura selbst ausprobiert? Man würde meinen, das sei selbstverständlich, aber …: Nachdem ich mich am Wochenende hingesetzt habe und für meine SchülerInnen als kleines Service zur Vorbereitung auf die große Prüfung eine Musterlösung verfassen wollte, zweifle ich daran. Hat wirklich einmal jemand von den Verantwortlichen für die neue Reifeprüfung versucht, so eine Maturaaufgabe selbst zu lösen – und zwar eine ganze?

Nicht, dass die Aufgaben schwer oder gar unlösbar wären. Als halbwegs versierte Schreiberin kann man solche Texte sogar recht schnell herunterschreiben. Wirklich viel zu überlegen gibt es ja nicht, sind doch die Themen allgemeiner Mainstream. „Neue Medien“ lautet beispielsweise die thematische Klammer des Themenpakets, das ich mir ausgesucht habe. Zu diesem Thema müssen zwei in etwa gleich lange Texte (je 405-495 Wörter) verfasst werden, eine Empfehlung zu „Twitter-Unterricht“ und ein Kommentar zur Frage „Verlust der Sprachkompetenz durch Handy und Co.?“. Dazu gibt es insgesamt drei Inputtexte, die in die Argumentation mit einbezogen werden müssen, und jeweils drei abzuhandelnde Arbeitsaufträge. So weit, so gut. Wie gesagt, ich schreibe gern, ich schreibe leicht, ich schreibe, wenn’s sein muss, auch über Themen, die mir nicht unter den Nägeln brennen. Ich halte mich also an die durch die Arbeitsaufträge genau vorgegebene Struktur, ich bastle meinen Text auf die vorgegebene Wortanzahl hin, einzig bei der Meinung, die ich vertrete, bin ich renitent und argumentiere beharrlich gegen die allein durch die Auswahl der Inputtexte und auch durch die Arbeitsaufträge ziemlich vorgelenkte Auffassung.

Das böse Erwachen kommt, nachdem ich meine Empfehlung ordnungsgemäß abgearbeitet habe (und dafür mit allem drum und dran doch gut eineinhalb Stunden gebraucht habe): Was, jetzt soll ich zu demselben Thema noch einen Kommentar verfassen? Wie öd ist das denn? Wieder dieselbe Prozedur: Inputtexte lesen, relevante Stellen markieren, zentrale Aussagen wiedergeben, diese in meinen Erfahrungshorizont einordnen, Stellung nehmen. Aber ich habe doch schon eine „begründete Empfehlung“ zu diesem Thema abgegeben!? Nein, das reicht nicht. Jetzt muss noch ein Kommentar für eine „anspruchsvolle Maturazeitung“ geschrieben werden.

Man traut den österreichischen MaturantInnen offenbar nicht (mehr) zu, dass sie zu einem Thema wirklich etwas zu sagen haben und argumentativ in die Tiefe gehen können. Stattdessen zwingt man sie, schön an der Oberfläche zu bleiben und das Wenige, das sie in dem engen vorgegebenen Rahmen überhaupt sagen können, zweimal zu schreiben. Na, da kommt Freude auf. Man muss m. E. geradezu textsortengläubig sein, wenn man meint, durch diese Beschäftigung mit zwei (angeblich) unterschiedlichen Textsorten würde irgendeine besondere Kompetenz, die diese Ödnis rechtfertigen würde, unter Beweis gestellt.

Als ich weiland maturiert habe, durfte man schreiben, was man zu einem Thema zu sagen hatte. Das war lustvoll, man fühlte sich ernst genommen, man konnte stolz auf den Tiefgang dessen sein, was man über mehrere Stunden vor Ort produzierte. Nicht, dass dabei lauter hoch qualitative Texte herausgekommen wären. Aber man räumte uns zumindest die Möglichkeit ein, etwas Substantielles hervorzubringen. Jetzt geben wir den MaturantInnen genau vor, was, wie und wieviel sie zu schreiben haben. Nicht, dass dabei lauter schlechte Texte herauskommen werden. Öde Texte werden halt herauskommen, grässlich öde, gleichförmige Texte, egal, ob sie uns als Empfehlung, Kommentar, offener Brief, Meinungsrede oder sonst etwas entgegenkommen werden. Und das wird nicht die Schuld der SchülerInnen sein. Meine beispielsweise interessieren sich gerade intensiv für Kafkas Verwandlung. Ich will mir gar nicht ausmalen, was das für schöne, überraschende (ja, wohl auch ein paar schwache, substanzlose) Maturaarbeiten ergeben könnte. Wenn man die jungen Menschen doch nur schreiben ließe! (nemo)