Gastbeitrag: Von der Angst zu ergrauen und anderen Widernissen des Corona-Alltags

Freitag, der 13. (!) März: Es zeichnet sich ab, dass nach der Schließung der Schulen – aus einer solchen komme ich gerade – bald auch viele Geschäfte für geraume Zeit zugesperrt werden. Also mache ich mich auf den Weg, um noch das Wichtigste zu besorgen. Was ist das Wichtigste? Gerüchten zufolge handelt es sich dabei um Klopapier. Ich parke das Auto in der Glockengasse – unglaublich viele Parkplätze stehen zur Verfügung – und mache mich auf den Weg durch die befremdlich verwaist wirkende Linzergasse. Eine Frau kommt mir entgegen, in der Hand zwei Großpackungen meines Lieblingsklopapiers. Wo wird sie wohl herkommen? Ich verdränge die Frage und setze unbeirrt meinen Weg fort.

„Mein Problem war bloß: Ich hatte keinen Stoff. – Ich hoffe, es denkt jetzt keiner, ich meine Hasch und das Opium. (…) Was ich also meine, ist: ich hatte keinen Lesestoff.“  (Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W., Frankfurt am Main 1976, S. 31f.)

In der ebenfalls kaum frequentierten Buchhandlung sehe ich mich, wie sonst auch immer, vor die Qual der Wahl gestellt, aber diesmal erscheint diese noch dringlicher. Letztendlich nehme ich den sicher erscheinenden Weg: zwei Buchpreisträger, einmal Frankfurt, einmal Leipzig, also einmal Saša Stanišić, einmal Lutz Seiler. Und dann – man kann ja nie wissen, was kommt – muss etwas her, das lange Zeit vorhält, am besten etwas aus meiner Liste unbedingt noch zu lesender Klassiker. Die Entscheidung fällt, und zwar zugunsten von Thomas Manns Der Zauberberg. Vielleicht das Buch zur Stunde?

„Im Handumdrehen also wird der Erzähler mit Hansens Geschichte nicht fertig werden. Die sieben Tage einer Woche werden dazu nicht reichen und auch sieben Monate nicht. Am besten ist es, er macht sich im voraus nicht klar, wieviel Erdenzeit ihm verstreichen wird, während sie ihn umsponnen hält. Es werden, in Gottes Namen, ja nicht geradezu sieben Jahre sein!“ (Thomas Mann: Der Zauberberg, Frankfurt am Main, 22. Auflage, 2019, S. 10)

Das klingt verheißungsvoll, vor allem, wenn man sich, biblisch geschult, die Bedeutung der Zahl Sieben vor Augen führt. Außerdem, nun viel profaner gedacht, hat dieses Buch 1002 Seiten, und zwar – ein Schelm, wer Böses denkt – von ganz ausgezeichneter feiner und für Papier sehr weicher Qualität. Auch die Größe der Seiten passt. Und man wäre ja nicht die Erste, die auf dem Klo liest.

„Der Garten war dunkel wie ein Loch. Ich rannte mir fast überhaupt nicht meine olle Birne an der Pumpe und an den Bäumen da ein, bis ich das Plumpsklo fand. (…) Und kein Papier, Leute. Ich fummelte wie ein Irrer in dem ganzen Klo rum. Und dabei kriegte ich dann dieses berühmte Buch oder Heft in die Klauen. Um irgendetwas zu erkennen, war es zu dunkel. Ich opferte also zunächst die Deckel, dann die Titelseite und dann die letzten Seiten, wo erfahrungsgemäß das Nachwort steht, das sowieso kein Aas liest. Bei Licht stellte ich fest, daß ich tatsächlich völlig exakt gearbeitet hatte.“ (Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W., S. 35)

Auf dem Rückweg zum Auto und später im Supermarkt war ich die Gelassenheit in Person. Wen schrecken schon leergeräumte Regale in der Körperhygieneabteilung, wenn man die Tasche voller Papier hat.

Ach ja: Am Abend desselben Freitags überlief es mich siedend heiß, als mir einfiel, dass ich nicht mehr genug Wasserstoffperoxid und Farbe zuhause hätte, um ein plötzliches Ergrauen zu verhindern. Man will sich ja nicht gänzlich gehen lassen. Deshalb ein Danke an die Freundin, die mir – und sich selbst – diesbezüglich aus der Patsche half. Es reicht laut Karl Lagerfeld ja angeblich schon die Jogginghose, um die Kontrolle über sein Leben zu verlieren.

Andrea Haslauer
(AHS-Lehrerin für Deutsch und Religion)