Silent Walk

Mit meinen SchülerInnen aus dem Wahlpflichtfach Deutsch habe ich letzte Woche einen „Silent Walk“ zum Christkindlmarkt durchgeführt. Unser Ansinnen war es, ganz aufmerksam und ohne zu reden von der Schule bis zum Domplatz zu gehen und dabei so viele Eindrücke wie möglich aus der Umgebung aufzunehmen.

Zuerst haben wir ein paar nachdenklich stimmende Texte von Walter Müller gelesen, danach sind wir losmarschiert. Vor dem Dom haben wir uns getroffen und kurz ein paar Eindrücke ausgetauscht. Um unsere Gedanken gleich schriftlich festhalten zu können, haben wir uns einfach in den Dom gesetzt und eine halbe Stunde lang geschrieben, iu-3bevor wir dann noch einen Punsch zu uns genommen haben und wieder zur Schule zurückspaziert sind.

Gestern haben wir einander die vor einer Woche begonnenen und während der Woche be- und überarbeiteten Texte vorgelesen. Jede(r) einzelne SchülerIn hatte etwas geschrieben, alle haben sich auf ihre Weise mit Weihnachten, mit den Versprechungen, Verheißungen und „Verquerungen“ von Weihnachten auseinandergesetzt.

So wie die SchülerInnen sich gegenseitig und mir ihre Texte vorlesen, so lese auch ich ihnen die meinen vor. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen, ein gemeinsames Arbeiten und Austauschen, wie es schöner nicht sein könnte. Für mich Schule at its best.

(nemo)

Bevor es Nacht wird im Advent

Verlassene Gassen, grauer Asphalt
Von leeren Blicken der Weg gesäumt
Eingehüllt in eine Decke sitzt
An jeder Ecke jemand und wartet.

Bleiche Gesichter treiben vorüber
Erwartungsvoll den Blick gesenkt
Wie Kranke hängen sie an ihrem Tropf
Zugedröhnt und in sich verkabelt.

Besinnungslos essen und noch viel mehr trinken
Festgehalten im Bild, gleich mehrfach verschickt
Nebenan das Christkind, es verkauft seine Lose
Kein Wunder wird’s geben, nicht heut nicht und morgen.

Vor dem Dom stehen Kinder und singen stumm
Die Dunkelheit erst bringt uns die Hoffnung zurück
Hell erleuchtet die Stadt und erlöst nun vom Tage –
Vom heute gewesenen Tage.

Salzburg, 11.12.2018

 

Weihnachten feiern in der Schule

Weihnachten lebt von Ritualen und das ist gut so. Bei uns an der Schule heißt das: Zuerst das alljährliche Fußballturnier, dann die Weihnachtsfeiern in der Kirche und in der Klasse (und anschließend das Zusammensitzen mit KollegInnen im Kaffeekammerl 🙂 ). Über das Fußballturnier gibt es auf der Schulhomepage bereits eine umfassende Berichterstattung: alle Ergebnisse, Fotos und einen ausführlichen Kommentar. Über die heurigen Weihnachtsfeiern will ich nachfolgend ein wenig erzählen:

Jedes Jahr organisiert das Team der ReligionslehrerInnen eine Weihnachtsfeier für die Unter- und eine für die Oberstufe. Dass die Veranstaltung eine ökumenische Feier sein soll, darüber herrscht Konsens, wie sie konkret ablaufen soll, darüber gibt es unter den Religionslehrern durchaus unterschiedliche Auffassungen. Trotzdem gelang es auch in diesem Jahr wieder, zwei wirklich schöne und besinnliche Feiern auszurichten, die, soweit ich gehört habe, bei den allermeisten SchülerInnen gut ankamen.

Bei der Unterstufenfeier war es offenbar mit der Geräuschkulisse während der Feier nicht ganz einfach, bei der Oberstufenfeier, wo ich mit meiner Klasse war, hielt sich das Getratsche absolut in Grenzen. Cool fand ich die zwei Achtklässlerinnen, die sich mit der Gitarre vor die über 200 MitschülerInnen hinstellten und wunderschön zweistimmig sangen. Beeindruckt haben mich auch die SchülerInnen, die ihre selbst geschriebenen gesellschafts- und konsumkritischen Texte und Fürbitten vorlasen. Und auf die zum Nachdenken anregende Predigt des evangelischen Pfarrers und Religionslehrers war auch in diesem Jahr Verlass. Insgesamt eine schöne, ruhige Stunde, die nach den vielen dichten und anstrengenden Wochen tatsächlich ein Innehalten bewirkte und ein Gefühl der Entspannung hervorrief.

Wirklich schade und für mich letztendlich auch unbefriedigend bleibt die Tatsache, dass unsere muslimischen SchülerInnen an der Weihnachtsfeier nicht teilnehmen. Ich würde mir eine Feier für die ganze Schule wünschen, die alle miteinschließt – aber natürlich, einer Weihnachtsfeier, so reduziert „gottesdienstmäßig“ sie auch sein mag, ist nun einmal die christliche Perspektive inhärent. Trotzdem, wie schön wäre es, wenn die muslimischen SchülerInnen – so wie viele konfessionslose und orthodoxe – mitfeiern und ihre Sichtweisen und Stimmen einbringen würden. (Im Gegenzug fände ich es übrigens genauso schön, wenn wir einmal zum Mitfeiern eines islamischen Festes eingeladen würden.)

Nach der Weihnachtsfeier in der Kirche haben wir mit unseren Klassen in der Schule gefeiert. Auch dieses Ritual gefällt mir. Meine Klasse kennt mich eh und weiß, dass ich zu solchen Anlässen gern ein wenig pathetisch werde. Unter einem schönen Sesselkreis und einer Runde, bei der jeder sagt, was er oder sie den anderen wünscht oder mitgeben will, tu ich’s nicht. Und ich selbst muss natürlich auch immer eine kleine Ansprache halten. 🙂

Außerdem suche ich jedes Jahr nach schönen Texten, die ich meinen SchülerInnen vorlesen kann. In diesem Jahr habe ich mich für zwei Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert entschieden: Nachts schlafen die Ratten doch und Die Küchenuhr – zwei meiner absoluten Lieblingstexte. Wir üben in Deutsch ja gerade die Interpretation narrativer Texte, Borchert-Kurzgeschichten gehören da zum Standardprogramm. Nicht sehr originell also, meine Auswahl, und trotzdem ist bei der Lektüre etwas passiert, was mit Hilfe guter Literatur möglich ist: ein kleiner magischer Moment, der sich einstellte, und der unsere diesjährige Klassenweihnachtsfeier zu einer besonderen machte.

Ich konnte es richtig hören, wie die SchülerInnen zunächst innerlich stöhnten, als ich mit meinen Texten daherkam. Zu Beginn gab es Getuschel und vielsagende Blicke, die herumgeschickt wurden. Die Aufmerksamkeit war, sagen wir, enden wollend. Nach und nach aber wurde es ruhig. Und als die SchülerInnen dann verstanden, wovon in diesen Geschichten die Rede ist, wurden sie richtiggehend ergriffen. Auf einmal war genau jene Resonanz da, die ich so oft in der Klasse vermisse. Die wunderbaren Texte haben uns alle gemeinsam berührt und plötzlich war Weihnachten im Klassenzimmer. Nur einen Moment lang, aber es war da.

(nemo)