Leidenschaft, Begeisterung, Enthusiasmus

Junge Menschen für etwas, von dem man selbst überzeugt ist, begeistern zu können, gehört für mich zum Schönsten, was ich mir vorstellen kann. Begeisterung kann man nicht voraussetzen, auch nicht einfordern, aber sie kann sich einstellen – und wenn dies der Fall ist und man selbst aufgrund seiner Bemühungen um Vermittlung einen Anteil daran hat, bedeutet das Gesamtpaket so etwas wie Glück.

Gestern habe ich mir zwei Vorträge bei den Salzburger Hochschulwochen angehört. „Leidenschaften“ lautet das diesjährige Thema. Ulrich Khuon, der Intendant des Deutschen Theaters Berlin, sprach über „Temperaturen der Leidenschaft“, Georg Braungart, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Uni Tübingen, zum Thema „Passion Wissenschaft? Passion Begabung?“ Weder der eine noch der andere Vortrag haben mich restlos überzeugt, interessant und zum Nachdenken anregend aber waren sie allemal.

Durch den Vortrag von Georg Braungart, dem Leiter des Cusanuswerks, habe ich mich an meinen eigenen Auftritt bei der Ferienakademie des Cusanuswerks vor ein paar Jahren erinnert. Das Cusanuswerk ist das Begabtenförderungswerk der katholischen Kirche in Deutschland. Wer in diese Studienförderung aufgenommen wird, erfährt vielfache Unterstützung sowohl in finanzieller als auch und vor allem in ideeller Hinsicht. Ich, die während ihrer eigenen Studienzeit von der Existenz solcher Eliteförderprogramme und Netzwerke keinerlei Ahnung hatte, war vom Niveau des intellektuellen Austausches und der umfassenden inhaltlichen Anregung, die den Stipendiaten da geboten wird, ehrlich angetan. Auch die kritische Geisteshaltung (u.a. auch der katholischen Kirche gegenüber), ließ mich nicht unbeeindruckt, wenngleich mich das Ganze irgendwie auch ein wenig befremdete.

Im Jahr 2010 organisierte also das Cusanuswerk eine Ferienakademie zum Thema Politischer Widerstand und lud mich als Workshopleiterin dazu ein. Zu dieser ehrenvollen Aufgabe bin ich aufgrund meiner Dissertation zum literarischen Werk Jorge Semprúns und vielleicht auch dadurch, dass mein Dissertationsbetreuer ehedem selbst vom Cusanuswerk gefördert worden war, gekommen. Wie dem auch sei, der Workshop ebenso wie die ganze Ferienakademie waren eine ziemlich schöne und bereichernde Sache, für die ich dankbar bin.

Mein Workshoptitel lautete „Literatur und Widerstand – Literatur als Widerstand? Das Beispiel Jorge Semprún“. Ich versuchte, mit den TeilnehmerInnen Ausschnitte aus Semprúns Texten zu diskutieren und nach Formen und Zusammenhängen von Literatur und Widerstand zu fragen. Insbesondere wollte ich darauf hinaus, den Studierenden zu zeigen, wie sich widerständisches, aber auch widersprüchliches Handeln im Text manifestieren kann, weniger auf thematischer als vielmehr auf struktureller Ebene.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie intensiv und spannend unsere stundenlangen Diskussionen waren. Dabei studierten die TeilnehmerInnen des Workshops allesamt keine geisteswissenschaftlichen Fächer, sondern Wirtschaft, Medizin, Jus oder Technik. Genau das war ja das Ansinnen der Ferienakademie, Studierende mit neuen oder anderen Fragen, Perspektiven und Gegenständen zu konfrontieren. Was die TeilnehmerInnen echt auszeichnete, war ihre Offenheit und ihre Bereitschaft verstehen zu wollen. Ich versuchte ihnen etwas von dem zu vermitteln, was mir damals als vom Allerinteressantesten vorkam. Die Texte Jorge Semprúns, mit denen ich mich jahrelang so intensiv auseinandergesetzt hatte, die Erkenntnisse, die ich in akribischer Textanalyse hatte gewinnen können, begeisterten mich nachhaltig. Die WorkshopteilnehmerInnen hörten mir zu, fragten nach, brachten Einwände, versuchten zu verstehen und ließen sich nach und nach von meiner Begeisterung anstecken. Am Ende hatte ich den Eindruck, wirklich etwas weitergegeben zu haben, ein paar der „jugendlichen Seelen“ regelrecht „enthusiasmiert“ zu haben. In dieser Intensität, wie ich das damals irgendwo bei Osnabrück erfahren durfte, war es schon eine besondere Sache. Auch etwas, was ich mir in mein Schatzkästchen schöner Erinnerungen einschreiben kann. Gut, dass ich mich durch den gestrigen Vortrag wieder daran erinnert habe.

Einer der Teilnehmer, ein „Hardcore-Techniker“, hatte mir nach dem Workshop übrigens eine ganz besondere Rückmeldung geschrieben (die ich jetzt gleich mal hervorgekramt habe). Ich habe sie abgetippt und stelle sie hier zur Verfügung. Natürlich freut man sich immer über gutes Feedback. Aber noch viel schöner ist es eben, wenn es einem gelingt, die eigene Begeisterung über eine Sache, die man mit Leidenschaft betreibt und von deren Wert man überzeugt ist (z. B. Literatur), so zu vermitteln, dass sich die Begeisterung überträgt. Zu sehen, wie der Funke überspringt und weiterbrennt, darum geht’s doch. Und mehr bedarfs nicht, wie man meinen sollte. (nemo)