Deutschmatura, Haupttermin 2018/19: Fasse gehorsamst (ein andermal) zusammen …

Nach einem sechstägigen Korrekturmarathon (26 Klausuren à 2 Texte) bin ich müde und erschöpft und fühle mich fast genauso sinnlos wie der Döblin’sche Eisschrank aus dem Themenpaket 1. Nicht einmal mehr die anvisierte Brandrede gegen die Textsorte Zusammenfassung (die diesmal gleich in zwei von drei Themenpaketen verlangt war!) kann ich mir in der gegenwärtigen Verfassung noch abringen. Aufgeschoben ist (hoffentlich) nicht aufgehoben; fürs Erste aber muss ein Artikel aus der „Presse“ reichen, der letzten Sonntag erschienen ist. Besser, finde ich, kann man das ganze Elend eigentlich eh nicht auf den Punkt bringen:

Deutsch-Matura: Goethe? Na und! « DiePresse.com

(nemo)

Zusammenfassung: Textarbeit intensiv

Na, endlich ist wieder Schularbeitenzeit. Wie schön! Ich hatte über die Weihnachtsferien ja fast schon vergessen, wie lang man sitzt, um eine Deutschschularbeit ordentlich zu korrigieren. Die Drittklässler habe ich kürzlich mit der Zusammenfassung eines Kapitels aus Otfried Preußlers Jugendbuchklassiker Krabat gequält. Das Buch hatte ihnen schon gefallen, die anstrengende Textarbeit nicht so unbedingt. rezension_krabat_cover_[valerie_gaupmann]

Im Prinzip geht es mir da nicht viel anders: Auch ich drücke mich gerne um handfeste Inhaltsangaben. Sie sind nämlich in jedem Fall anstrengend und mühsam. Auch für versierte SchreiberInnen, auch für DeutschlehrerInnen. Es scheint mir aber gleichzeitig unerlässlich zu sein, das Wesentliche aus einem Kapitel herauszuholen, zusammenzufassen und trotzdem so zu schreiben, dass jemand, der das Kapitel nicht kennt, versteht, worum es geht.

Viele SchülerInnen kippen ins Nacherzählen, manchen fällt es schwer, das Wesentliche zu fokussieren, anderen gelingt die sprachliche Umsetzung nur bedingt. So zu schreiben, dass klar wird, worum es geht, dass nichts für den weiteren Handlungsverlauf Wichtiges weggelassen, dass man sich aber auch nicht in den Details verliert – ja, dafür muss man sich richtig anstrengen. Schnell, schnell hingeschmiert ergibt gar nichts.

Und da liegt auch ein wesentlicher Unterschied zu anderen Fächern verborgen. Wenn der Mathe-Lehrer die Schularbeit der Drittklässler durchrechnet, darf er selbst nicht lang dafür brauchen, sonst ist sie jedenfalls zu schwer. Wenn ich als Deutschlehrerin ein Kapitel aus einem Buch zusammenfassen soll, geht mir das zwar schneller von der Hand als meinen SchülerInnen. Schnell, schnell hingeschmiert geht aber für mich auch nicht. Auch ich muss sorgfältig lesen, überlegen und formulieren, auch ich muss ordentlich zusammenfassen und Zusammenhänge deutlich machen, auch ich muss richtige und anstrengende Textarbeit leisten. Anders geht’s nicht.

Viele Schüler hätten gerne den Arbeitsmodus: Man lernt, versteht – und dann kann man’s. Sobald man’s verstanden hat, geht es einem spielend leicht von der Hand. Aber Zusammenfassungen gehen – meines Wissens – niemandem leicht von der Hand. Lesen kann lustvoll sein, schreiben kann lustvoll sein, beides gilt auch für Schüler. Lesen im Hinblick auf das Wesentliche und mehr noch: Schreiben so, dass ein Text sinnvoll zusammengefasst wird, ist aber eher nicht lustvoll. Das versteht auch eine Deutschlehrerin. Bestenfalls ist es befriedigend, wenn man es geschafft hat, klar und verständlich zu formulieren. Ringen um Klarheit, Ringen um Verständlichkeit, Ringen darum, das Wesentliche genau auszudrücken. Klingt (für mich) nicht schlecht, klingt aber in jedem Fall nach intensiver Arbeit. Zur Belohnung gibt’s für die Drittklässler in der nächsten Woche den Film! (nemo)

Deutschmatura – Ödnis, die erste

Je länger ich über den Maturaarbeiten sitze, desto stumpfsinniger erscheint mir das alles. Nicht, dass die Arbeiten schlecht wären. Nein, einige sind sogar richtig gut, die meisten ganz passabel und nur wenige lassen zu wünschen übrig. Wobei: Im Grunde lassen eben alle zu wünschen übrig, das ist es ja, was mich zusehends betrübter auf die Prüfungsbögen hinschauen lässt. In Wirklichkeit ist es nämlich ein einziges inhaltsleeres Blabla, was wir da von den MaturantInnen hören wollen. Es geht darum, dass sie ihre Lese-, Argumentations- und Schreibkompetenz unter Beweis stellen, um nichts anderes. Was sie sagen, ist so was von egal! Und zwar bei allen Themen, selbst beim sogenannten literarischen. Dabei sind die Themen nicht einmal schlecht: Die Macht der Kritik, Familie sowie Armut und soziale Gerechtigkeit. Drei an und für sich relevante gesellschaftspolitische Themen. Aber was konkret verlangt wird und wie die KandidatInnen diese Themen angehen müssen, ist ein einziges Elend.

Nehmen wir das Thema Familie. Das haben die meisten meiner SchülerInnen gewählt. Zu verfassen sind hier eine Zusammenfassung und eine Meinungsrede. Jawohl, zum Auftakt gleich eine Zusammenfassung! Zusammengefasst muss ein Artikel aus der Wiener Zeitung mit dem Titel Familie – Mythos und Realität werden. Zweifellos ist es wichtig, dass man Texte zusammenfassen kann. Aber darf das wirklich alles sein, was wir zur Reifeprüfung an einem Gymnasium in der Unterrichts- und Landessprache erwarten können? Wäre das nicht viel eher die Voraussetzung, die Basis, auf der man seine Gedanken zu einem Thema zum Ausdruck bringt?

Na gut, sie haben ja auch noch eine Meinungsrede zum Thema Kinder und Familie – meine Zukunft? zu verfassen. Ich spüre, wie das Thema viele meiner SchülerInnen anspricht, wie sie dazu etwas zu sagen hätten, wie sie „abheben“ könnten – wenn man sie ließe. Aber nein, man hält sie auch hier mit genau vorgegebenen Arbeitsaufträgen auf dem Boden. Man hält sie am Gängelband der Kompetenzorientierung und der Vergleichbarkeit. Denn es geht nicht um ihre Gedanken, es geht nicht um ihre Visionen, es geht schon gar nicht um ihre kritische Reflexion. Es geht schlichtweg darum, dass sie mit 540 bis 660 Wörtern unter Beweis stellen, dass sie den „Inputtext erfasst“, dass sie alle „Arbeitsaufträge erfüllt“, dass sie die „Schreibhandlung(en) im Sinne der Textsorte durchgehend realisiert“ haben. So müssen sie funktionieren, denn so will es das Beurteilungsraster, und so muss ich die Chose bewerten. Viel öder geht nicht.

Nicht, dass wir das alles nicht schon vorher gewusst hätten. Über die Ödnis des vorgefertigten Schreibens habe ich bereits anlässlich der Maturavorbereitungen nachgedacht. Aber wenn es einem dann bei der ach so wichtigen Reifeprüfung auf derart drastische Weise und in 26-facher standardisierter Ausfertigung vor Augen geführt wird und man gleichzeitig 26 mehr oder weniger interessante, jedenfalls aber individuelle Stimmen durchhören kann – so leise allerdings, dass man sie mitunter fast nicht mehr wahrnehmen kann, dann -, ja, dann packt einen irgendwie die Wut! (nemo)